Schiffsfund in der Donau 1975

 

Letzte Änderung: 2.12.2014

 

Während der Arbeiten zur Errichtung des Donaukraftwerkes Altenwörth wurde ein Schiff geborgen. Es handelt sich dabei um den ältesten Schiffsfund der Oberen Donau. Es kam wahrscheinlich aus Hieflau im Ennstal und sank etwa 1810 – vermutlich wegen seiner schlechten Bauweise und Überladung.

Das Schiff ist als Dauerleihgabe des Historischen Museums der Stadt Krems/Donau im Schifffahrtsmuseum Spitz ausgestellt.


Die Reste des Schiffes


"Dieser Eichenstamm, ursprünglich zehn Meter lang, wurde 1975 ebenfalls bei Baggerarbeiten in Altenwörth geborgen. Er war mit vier Meter Donauschotter bedeckt und lag ungefähr 7.000 Jahre im Geschiebe des Stromes, was die Verkohlung an der Oberfläche beweist. Raner, wie solche versunkenen Baumstämme genannt werden, waren von den Schiffleuten gefürchtet, da sie unvermutet aufschwimmen konnten."
Text nach der Schautafel im Schifffahrtsmuseum Spitz an der Donau


In einer Vitrine sind Teile der Originalladung ausgestellt. Auszugsweise: Geschmiedete Nägel, Stukkaturnägel, Klampfeln, Maultrommeln, Möbeleisen, Stemmeisen, Ziehklingen, Sägeblätter, Nagelblock, Sondernägel

Fotos freundlicher Genehmigung des Schifffahrtsmuseums Spitz

 

Ein Teil des umfangreichen Fundes befindet sich im Museum Krems:

  

 

 

Das Schiff das zweimal unterging
Ernst Trost

Dieser Artikel über den Schiffsfund erschien in der Kronenzeitung vom 14.3.1976. Er ist in der Pfarrchronik Altenwörth eingeklebt.

Ein uneingeweihter Spaziergänger würde grimmig über die Verschmutzung der Donauufer schimpfen: rostige Metallbänder, verbogen und geknickt, rotbraune Bleche, ein paar faulige Bretter, gekrümmte Nägel, Steine, Schlick, ein Abfallhaufen. Doch das alte Eisen ist älter als man denkt, und deshalb kein altes Eisen mehr. Denn was man hier sieht, gehört zum Strandgut einer kleinen Tragödie. Und die friedliche Strompromenade von Altenwörth, deren Horizont heute allerdings die Erdwalle der Kraftwerkbaustelle einengen, wurde zum Tatort. Denn hier ist ein etwa 170 Jahre altes mit Eisenwaren beladenes Donauschiff gleich zweimal untergegangen. Zuerst zu Napoleons Zeiten und nun vor kurzem, als der Schwimmbagger zuschlug.

„Es kann kein Zufall gewesen sein, es muß eine Absicht dahinter gesteckt haben“, sagt man in Altenwörth. Seit nämlich das Fernsehen vor zehn Tagen über das Ende des Schiffes berichtet hat, reißt die Diskussion nicht ab. Bei der Bezirkshauptmannschaft Tulln liegt ein Strafantrag des Bundesdenkmalamtes; und die Behörden versuchen dahinterzukommen, warum ein Baggerführer aus Ybbs, ein Mann mit Kapitänspatent, die Greifer seiner Maschine ausgerechnet in Ufernähe in die Reste des Donauschiffes geschlagen hat.

Daß er nichts von dem Wrack gewußt hat, erscheint unwahrscheinlich. Nachdem Ausflügler im Spätherbst am Rand der Altenwörther Baustelle, wo sich der Wasserspiegel wesentlich gesenkt hat, die Umrisse eines Schiffes entdeckt hatten, kamen neben den Denkmalschützern und Kremser Museumsleuten bald auch Neugierige und Andenkensammler, die sich dort zu schaffen machten. Und wahrscheinlich spukte in den Köpfen der Menschen die Idee von einem verborgenen Schatz herum – von einer Schiffskasse, von einer Gold- oder Geldkiste usw. Und vielleicht wollte irgend jemand einmal gründlich nachsehen. Zu gründlich. Und dadurch wurde der wahre Schatz, das Schiff nämlich total zerstört.

„Wir hätten die technischen Möglichkeiten gehabt, das Schiff als Ganzes zu konservieren“. Sagt Frau Dr. Fossler vom Denkmalamt. „Durch unsere Arbeiten an den Pfahlbauten in den Salzkammergutseen sind wir in der Lage, auf chemischem Weg Naßholz gut zu erhalten.“ Das Besondere an dem Altenwörther Fund: man weiß zwar viel über die Donauschiffahrt, man hat viele Bilder davon und Beschreibungen, ein altes hölzernes Schiff ist bis jetzt jedoch keines auf uns gekommen. Das lag schon am System des Donauhandels. Viele Schiffe erlebten überhaupt nur eine einzige Fahrt und wurden am Ziel dem „Plättenschinder“ als Brennholz verkauft; andere wieder hatten eine Lebensdauer von nur ein paar Jahren. Die Schiffsmeister – so hießen die großen Reeder der Donau – ließen alljährlich vor Beginn der Saison meist eine ganze Flotte neuer Schiffe bauen. Wenn ein Schiff sank, versuchte man es wieder zu heben und um jeden Preis die Ladung zu bergen.

Eine erste Überprüfung der Fundstelle ergab, daß das Altenwörther Schiff noch ganz war. Wegen der Tiefe der Donau hatte dort früher niemand an einen Rettungsversuch denken können. Wahrscheinlich wußte man überhaupt nicht, wo das Wrack lag. Mit Hilfe der Donaukraftwerke AG wollte das Denkmalamt im Frühjahr die Fundstelle durch einen Damm sperren und so das Wrack aus dem trockenen Strombett holen. Später wäre es vielleicht einmal im Schiffahrtmuseum in Spitz in der Wachau aufgestellt worden. Vorher hätte die Wissenschaft jedoch unschätzbare Daten über die Schiffbautechnik der Vergangenheit gewonnen. Der Altenwörther Kahn dürfte seine letzte Fahrt um 1800 angetreten haben. Aber bis dahin hatte sich bei der Schiffsbautechnik fast tausend Jahre lang kaum etwas wesentlich geändert.

Doch davon sind jetzt nur ein paar Trümmer geblieben. Im Strafantrag des Denkmalamtes steht zwar auch die Forderung nach Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes. Das ist jedoch nur ein theoretisches Verlangen, denn das Schiff ist unwiederbringlich dahin. An der Baustelle verantwortet man sich heute damit, daß das Wrack zur Wasserseite hin zu wenig gekennzeichnet gewesen sei. Man hätte es durch eine Boje markieren sollen. Wenn man jedoch an der Stätte der Zerstörung steht, erscheint einem ein Versehen des Baggerführers fast ausgeschlossen. Zu eindeutig ist die Situation. Und doch wird sich der wahre Hergang dieses Kulturfrevels wohl kaum rekonstruieren und beweisen lassen. Das Boot ist hin, seine Ladung wird jedoch noch so manches vom Donauhandel der Vergangenheit verraten. Im Kremser Historischen Museum sieht es auf dem Schreibtisch Magister Hundsbichlers wie in einer Stahlwarenhandlung aus: der graue Glanz weist die guten Stücke als neuwertig aus. Denn diese Hobel, Sägen, Nägel, Messer und Zangen wurden bereits von ihrer Rostschicht befreit. Und Metallexperten bescheinigten die hohe Qualität des Stahles und Eisens. Bei modereren Produkten wäre die Korrosion nach einem so langen Bad wesentlich ärger. Und dieses Muster österreichischer Schmiedekunst liefern auch die Spuren und Hinweise für eine langwierige Detektivarbeit zur Ermittlung der Produktionsorte und der Datierung der Ladung.

Das Schiff dürfte ein „Trauner“ gewesen sein, eine der gebräuchlichsten Warenschiffstypen auf der Donau, mit denen vor allem Holz und Salz transportiert wurden. Wegen seinen etwa 15 Metern Länge, 2,6 Metern Breite und einem Tiefgang von nur 70 Zentimetern gehörte das Altenwörther Schiff zu den kleinsten Ausgaben eines „Trauners“. Aber es war schwer beladen: 50 Bündel Bleche (die für Dächer oder als Türbeschläge gedacht waren) zu je 30 Kilo, mehrere Drahtrollen, viele drei Meter lange Bandeisen (für Faßreifen), dann mindestens acht Fässer mit Nägeln, mehr als 100 Säbelklingen, weiters Sägeblätter, Hobel- und Messerklingen (Feitl), Beißzangen, Flachzangen, Hämmer, Bohrer, Stemmeisen, Schusterahlen, einige Schraubstöcke und einige Maultrommeln.

Bis auf die Hämmer und Zangen waren die meisten Fabrikate nur halbfertig: die Holzteile sollten wahrscheinlich erst in Wien, dem vermutlichen Bestimmungsort der Ware, montiert werden. Über den Herkunftsort werden die Schmiedezeichen Auskunft geben, die in die Klingen eingebrannt sind: Schlüssel, Hämmer, Messer, Säbel und andere Symbole. Aus den Meisterbüchern in Steyr, Ybbsitz oder anderen Zentren der eisenverarbeitenden Kleinindustrie lassen sich danach die Namen der Schmiede herauslesen.

Mit Fuhrwerk, auf der Enns auch per Schiff, wurden die Produkte der Hämmer aus den Bergtälern zur Donau verfrachtet. Und von dort ging die Ware auf die Weltmärkte, bis nach Polen und Rußland, nach Ungarn und in die Türkei. Das Altenwörther Schiff ist das Glied einer phantastisch funktionierenden Handelskette. Die Wirtschaftshistoriker werden durch diesen Fund noch etwas mehr darüber erfahren. Die Donaumenschen, die Schiffahrtskundler und alle, denen Überlieferung, Tradition und Geschichte etwas bedeuten, müssen sich jedoch wehmütig eingestehen, daß Unvernunft oder Habgier oder brutaler Materialismus einen unersetzbaren Wert vernichtet haben.

 

Erika Schwarz, Maria Knapp
März 2012