Chirurg/Bader (lat. balneator)

 

Die Ausübung der Medizin lag im Früh- und Hochmittelalter fast ausschließlich in den Händen der Kleriker, deren Klosterkultur das medizinische Wissen pflegte und die Pflege der Kranken besorgte. Mit dem 2. Vatikanischen Konzil 1215 fand diese Tradition, die den Klerikern verbot, sich mit der operativen Medizin zu befassen, ein Ende. Erst die in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts entstandenen Chirurgenschulen bemühten sich um die Weiterentwicklung der Chirurgie, doch reichten weder die dort noch die an den Universitäten Ausgebildeten aus, um auch nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ärztlich zu betreuen. Die breiten Bevölkerungsschichten auf dem Lande mussten sich den Badern anvertrauen. Neben der Betreuung der Badstuben befassten sie sich mit der chirurgischen Behandlung der Kranken. Die Kluft zwischen den die niedere Chirurgie ausübenden Badern (und späteren Wundärzten und Chirurgen) und den Doktoren der Medizin vertiefte sich im Laufe der Zeit immer mehr und wirkte sich bis ins 19. Jahrhundert aus.
Quelle: Dr. Franz Groiß, Wallfahrt und Mirakelbuch von Kirchberg am Wagram - Maria Trost, Dissertation, 2002

Laut Grundbuch von 1689 gab es in den Gemeinden Kirchberg, Königsbrunn, Neustift und Unterstockstall Chirurgen. 

Einige Eingriffe, die sie durchführen durften:

Aderlass
Der Aderlass ist eine der ältesten medizinischen Behandlungsformen. In Griechenland war er seit der Zeit des Hippokrates bekannt. Bis ins 17. Jahrhundert galt er als eine der wichtigsten medizinischen Therapieformen. Beim Aderlass wird dem Patienten eine teilweise nicht unerhebliche Menge Blut entnommen. Heute ist belegt, dass der Aderlass nur bei wenigen Krankheitsbildern eine positive Wirkung hat, sodass er weitgehend aus dem medizinischen Alltag verschwunden ist
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Aderlass

Starstich

Beim Starstich wurde mit einer so genannten „Starstichnadel“ in das Auge gestochen und die getrübte Augenlinse auf den Boden des Augapfels gedrückt. Dadurch konnte das Licht ohne Hindernis auf die Netzhaut fallen, der Patient konnte wieder sehen, wenngleich durch die fehlende Brechkraft der Linse in der Regel eine starke Übersichtigkeit (Stärke der erforderlichen Brillenkorrektur etwa +11 Dioptrien) die Folge war.
Diese Operation ging nicht immer glatt. Es konnte passieren, dass sich die Linse wieder löste und der Patient ganz erblindete, bzw. konnten verunreinigte Instrumente sogar zum Tod der Patienten führen.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Starstich

Werkzeuge des Chirurgen
Foto: Schwäbisches Handwerkermuseum, Augsburg

Steineschneiden
Die Bildung von Blasensteinen war eine häufige Folgeerscheinung früherer Ernährungsgewohnheiten. … Über einen Schnitt in die Harnröhre unterhalb der Prostata führte der Lithotomus seine Werkzeuge in die Blase ein, um den Stein zu greifen und durch den Blasenhals herauszuziehen.

Außerdem behandelten Wundärzte Abszesse, Tumore, Hämorrhoiden, Verbrennungen und Krampfadern, führten Bruchoperationen und Darmnähte durch, renkten Gelenke ein, versorgten Knochenbrüche und zogen Zähne. Außerdem nahmen Wundärzte Amputationen vor und stellten Prothesen her.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Wundarzt

Die Abgrenzung zu den Badern war fließend. Wundärzte unterhielten auch Badstuben, Bader durften einige der Behandlungen der Chirurgen durchführen. 

Bild: Abbildung eines "Pader und Chirurcus" auf einer Ehrung für den Schützenmeister von 1727, ausgestellt im Stadt- und Heimatmuseum Traismauer. In der Hand hält er eine Medizinflasche und einen Spatel.

Auszug aus dem Nachlassinventar des Wundarztes Josef Vornmündel aus Gösing
aus dem Jahre 1843. Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Herrn Ludwig Leuthner aus Fels.

"Ein Seccier-Zeug, ein Verbandzeug, eine Geburtszange, ein Aderlaßzeug, eine Klystierspritze, eine Wundspritze, ein Halsstoper, ein Mändlicher glattierter Catheter, eine Wundspritze, ein Etui mit zwey Impfnadeln und Büchsen, ein Weiblicher glatierter Catheter, ein Froicar mit silbernem Köhre, ein Zinnernes Mutterrohr, ein Bengies, ein Pelican, ein Uiberwurf, 8 Stück verschiedene Zähnzangen, 2 Zähnschlüsel , 3 verschiedene Geisfüße, ein Bruchband ohne ? mehrere verschiedene Blechschienen und hölzerne Verbandstücke, der Apothegerkasten, eine Farra-Wage samt Kasten gewichte ist keines vorhanden, eine kleine meßingerne Wage samt zwey Mesingernen Löfel und Thestibel, eine Steinguterne Reibschale, eine gläserne Reibschalle samt Spalel Löfel, 3 Büchsen Chyrurgische, mehrere Medicin Flascherl, eine Schildtafel, eine Lupennadel"

 
Werkzeuge zur Zahnbehandlung und zum Zähne ziehen.
Fotos: Schwäbisches Handwerkermuseum, Augsburg

 

Chirurgen 

Altenwörth/Gigging

Chirurgat sammt schönem Hause und Apotheke ist in einer flachen und fruchtbaren Gegend Niederösterreichs zu verkaufen. Anzufragen beim Arzte in Altenwörth, Post Kirchberg am Wagram.
(Allgemeinde Wiener medizinische Zeitung, 17.2.1857, veröffentlicht in ANNO) In den Altenwörther Sterbematriken konnte um diese Zeit kein verstorberner Chirurg ausfindig gemacht werden.

Um 1862/1878: Josef Luxevich ist Wund- und Geburtsarzt in Altenwörth 5. Er wurde am 18.3.1811 in Vukovar, Slavonien, geboren, war Chirurg (Rigorosum 1849). Er stirbt am 18.9.1884 mit 73 Jahren an Herzbeutelwassersucht.

 

Bierbaum

In Bierbaum ist um 1800 der Chyrurgy Joseph Pauli in den Pfarrmatriken belegt.

Ignatz Dietrich ist am 9.2.1857 in Bierbaum 52 als Wund-und Geburtsarzt mit 72 Jahren an der Lungenlähmung verstorben: "Wegen eines eingetretenen Todtenfalles ist zu Bierbaum am Kleebiegel, nächst Kirchberg am Wagram V.U.M.B., eine halbe Stunde von der Kremser Straße entfernt, ein chirurgisches Gewerbe zu verkaufen oder in Bestand zu verlassen. Auch können alle Medikamente und die zu diesem Fache gehörigen Instrumente dazu überlassen werden. Auskunft bei der Chirurgens-Witwe Dittrich daselbst." (Wiener Zeitung vom 26.2.1867, veröffentlicht in ANNO)

 

Großriedenthal

1797, Stanislaus Drexler
Chyrugisches Gewerb sammt Haus zu verkaufen
Stanislaus Drexler, Wundarzt in Groß-Riedenthal bey Kirchberg am Wagram, ist gesonnen, sein daselbst liegendes gutgebautes Haus, bestend in 2 grossen Zimmern, gewölbten Keller beym Haus, 2 Kuchelgärten, sammt den darauf dadifizirten chyrurgischen Gewerb aus freyer Hand, mit Verwissen der Oberigkeit, zu verkaufen. Zum nächsten Doktor sind 3 gute Stunde, und zum ersten nachbarlichen Wundarzt, 1 und eine halbe Stund. Es trägt immer einen Gesellen, der Ort ist wegen den guten Wein bekannt; das Haus sammt Gewerb wird um 1200 fl gegeben, auch kann die Hälfte Kaufschilling darauf liegen bleiben, und kann das Gewerb ohne  Haus gekauft werden. Das weitere kann schriftlich oder mündlich erholt werden.“ (Wiener Zeitung vom 12.7.1797, veröffentlicht in ANNO)

Bereits 1793 wurde hier ebenfalls ein chirurgisches Gewerbe (das gleiche?) zum Verkauf angeboten. (Wiener Zeitung vom 25.12.1793, veröffentlicht in ANNO)

 

Kirchberg

1651: Mathias Sehehauser wird anlässlich der Testamenterstellung genannt.

1659: Stephan Lazarus, Bürger und Balneor
 
1660/63: Anastasius Mayr, Bürger und Bader - an anderer Stelle wird er Doctor medicino genannt.
1664: Die Baderin Elisabehth Mayrin macht ihr Testament und stirbt kurz darauf.
 
1668: Stephanus Edl, Balneator

28.2.1684: Gabriel Funkh stirbt als Chirurg und Bürger in Kirchberg am Alter von nur 30 Jahren.

Um 1728: Tobias Schreibseyß ist bürgerlicher Bader, Gattin Anna Maria in Kirchberg 8 oder 5? (schwer leserlich)
1757: Thobias Schraibinger wird im Oberstockstaller Grundbuch auf Kirchberg 9 genannt. Es könnte sich um ein und die selbe Person Handeln, bzw. um einen Sohn.

1775: Jakob Langer heiratet Katharina, die Tochter der Jospeh Hober, Chirurg in Kirchberg.

Die Hinterlassenschaft der Baderin Katharina Hoberin betrug laut Inventar aus dem Jahr 1766:
Wohnhaus                  2000 fl
Bargeld                           72 fl 30 xr
Vieh                                15 fl 30 xr
Hausrat                        388 fl  17 xr
                                   2476 fl  17 xr
Ab Passiva                 1030 fl
                                   1446 fl  17 xr
Sie besaß Zinsgrundstücke, davon sind 7 ½ Joch mit Korn bebaut und 5 Joch mit Hafer. Vom Zinsweingarten und vom Obstgarten ist nichts in das Vermögen eingebracht worden, weil diese in schlechtem Zustand waren. Vieh: 1 Kuh, 3 Spanferkel, Geflügel 

1789: Josef Hober - er stirbt 1796 mit 76 Jahren in Kirchberg 27. Er wird  1751 im Protokoll des Retzer und Stockerauer Viertels der Bader und Chirurgen genannt. 
1808: Joseph Hober wird erwähnt, es dürfte ein Sohn des oberen gewesen sein. 

1790: Anton Huber wird im Protokoll des Retzer und Stockerauer Viertels der Bader und Chirurgen genannt. 
1818 will er sein Gewerbe verpachten:
Chirurgisches Gewerb in Bestand.
Unterzeichneter ist gesonnen, sein bürgerl. radicirtes chirurgisches Gewerb zu Kirchberg am Wagram täglich in Bestand zu verlassen. Auch wserden den Herren Bestandnehmern die vorräthigen Medikamenten nach billiger Schätzung überlassen. Jene, welche dieses chirurgische Gewerb in Bestand zu nehmen gedenken, belieben sich bey dem Unterzeichneten in seinem Hause Nr. 6 einzufinden, um mit ihm die Bestandbedingnisse zu verabreden. Anton Huber, Chirurgus.“ (Wiener Zeitung vom 1.8.1818, veröffentlicht in ANNO) 
Er stirbt 1819 mit 56 Jahren in Kirchberg 5 an Abzehrung.

Augustin Wittwer, geb. um 1791 in Albersdorf in Preussisch Schlesien, Sohn des Gottlieb Wittwer, Chirurg in Hernstorf in Schlesien

Er heiratet 1820, wohnhaft in Kirchberg 10, Eleonora Hamberger, die Tochter des Spezereihändlers Ignaz Hamberger aus Oberstockstall 1.

Rechnung, über Medikamente, die er Bewohnern des Paul-Tschernitz-Spital verabreicht hat:

Notta

Uiber Medicamente welche im Jahr 1827 sind im Spittal abgegeben worden. Als

 

Den 21. Januar 1827 der Theresia Tanglin ein Schachterl Pillen   48 x

Den 3. Maerz dem Simon Hödl einen Brustthe  10 x

Den 14. May der Theresia Tangel einen Abführtee 14 x

Den 18. May die Anna Maria Haider als Leiche besichtiget    14 x

Den 22. December Simon Hödl einen Abführthe 14 x

Detto der Bekin eine Mixtur und Salbe 50 x

Den 23. September dem Dornstein eine Mixtur 36 x

Den 25. September detto 32 x

Die Bemühungen betragen    1 f  --  x

                             Summa     4 f  38 x CM

 

Chirurgus zu Kirchberg

Den 4. Januar 1828

Wittwer

Quelle: Diözesanarchiv Wien/Pfarrarchiv Kirchberg am Wagram/Karton 21

1823: der Badergesell Peter Jung stirbt mit 53 Jahren in Kirchberg 25.

 

Neustift

In Neustift sind schon früh Bader bzw. Chirurgen genannt.

1669: Inventur nach dem Tod von Leopold Paungartner, Bader in Neustift. Er hinterließ die Witwe Sara und die minderjährigen Kinder Reichart und Paul. 
Die Hinterlassenschaft siehe hier: 
http://www.hf-kirchberg.at/index.php/ortsuebergreifend/verlassenschaften
 

1678: Inventur nach dem Tod von Rudolf Pernhard, Bader in Neustift. Er hinterließ die Witwe Maria und Tochter Judith, die erst ¾ Jahr alt war.

Wilhelm Pfundheller wird 1771 in den Pfarrmatriken beim Tod seines Sohnes als Chirurg genannt.
1773, bei der Hochzeit von Michael Plabensteiner, ist der Chyrurgus Wilhelmus Pfundheller als Trauzeuge angeführt.
Dezember 1774: Justina, die Frau von Wilhelm Pfundheller stirbt mit 26 Jahren, einige Tage später stirbt der neugeborene Sohn Johann ebenfalls.
1775 heiratet Wilhelm Pfundheller aus Neustift 19, Witwer, die Maria Anna Maringer aus Engelmannsbrunn.
1783 stirbt Wilhelm Pfundheller mit nur 34 Jahren.

 


Joseph Anton Berlin (geb. um 1760) ist der Sohn des "Ziergartners" Franz Xaver und der Barbara aus Augsburg. Er war bei seiner Heirat 1785 "in Neustift in Diensten" - und zwar im Hause 19, also bei Wilhelm Pfundheller, der hier als Bader arbeitet. Nach dessen Tod im Jahr 1783 heiratet er 1785 dessen erst 27-jährige Witwe Maria Anna und führt das Geschäft weiter. Er starb 1799 mit 41 Jahren an der Lungensucht (Tuberkulose).

 

Maria Anna, seine Witwe, heiratet 1802 mit 44 Jahren den Bauern Leopold Wögrath aus Fels, 24 J., der zu ihr zog (lt. Eintrag im Franzisz. Kataster).

Anton Müllner
Bei der Geburt von Franz Engelmann 1807 tritt der Chirurg Anton Müllner aus Neustift in Erscheinung. Er stirbt 1809 mit 44 Jahren in Neustift 57.

 

In der Theresianischen Rustikal-Fassion von 1751 wird als Nachtrag, wahrscheinlich aus dem Jahr 1845, auf dem Haus Nr. 19 in Neustift ein Chirurg erwähnt: "Dem auf diesem Hause No 19 ausgeübten chyrurgischen Gewerbe wurde von der Regierung die radicirte Eigenschaft nicht zugesprochen."

Franz Wagner, der Sohn des Felser Chirurgen Ignaz heiratet die Witwe des Chirurgen Anton Müllner von Neustift 57.
1817: Barbara, Eheweib des Chirurgen Franz Wagner, stirbt mit 40 Jahren an Abzehrung.
Um 1818: Franz Wagner wird als Chirurg in Neustift 39 genannt. Er stirbt 1842 mit 61 Jahren in Neustift 65.
1860: Johanna Wagner geb. Beichbuchner von Aspern, Gattin des Arztes Franz Wagner, stirbt mit 67 Jahren am Zehrfieber.

Sebastian Wolrath
1857: Der verheiratete Wundarzt Sebastian Wohlrath stirbt mit 68 Jahren an Gedärmbrand in Neustift 12.
  

 

Unterstockstall

Mathias Fuchs laut Trauungsschein der Pfarre Königsbrunn am Wagram vom 27.4.1802 

 

Quellen:
Dissertation von Dr. Franz Eiselt: „Beiträge zur Geschichte des Marktes Kirchberg am Wagram unter besonderer Berücksichtigung des Zeitraumes 1650 – 1806“, Wien 1973
Pfarrmatriken Kirchberg
Bay:HStA, HL Passau, Rep. 51, Verz. 1 Fasz. 5/101
Österr. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, AT-OeStA/HHStA SB HA Grafenegg, Handschriften 242

 

Maria Knapp
Jänner 2012