Hebamme

 

Letzte Änderung: 14.4.2017

 

Das Wort „Hebamme“ stammt ursprünglich aus dem Althochdeutschen „hev(i)anna“ und bedeutet „Großmutter, die das Neugeborene aufhebt“. 

Auf dem Land wurde noch bis weit in die Neuzeit einfach eine ältere „weise“ Frau zu einer Geburt geholt, deren Wissen auf mündlicher Überlieferung und eigenen Erfahrungen basierte. Die Geburten verliefen „innerhalb der sogenannten Frauenkultur“, wobei Nachbarinnen, Verwandte und/oder Dorffrauen die Gebärende und das Neugeborene versorgten und anschließend gemeinsam den „Kindbettschmaus“ (ursprünglich wahrscheinlich nur eine Suppe) aßen. Geburt, Wochenbett und Taufe fanden innerhalb dieser Frauenkultur ausschließlich unter Frauen statt. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Taufe zu einem Familienfest. Quelle:
Hämmerle, Hebammen und Aerzte

Die Geburtshelferinnen stammten oft aus den unteren sozialen Schichten, da Bäuerinnen oder Handwerkerinnen meist keine Zeit für außerhäusliche Tätigkeiten hatten. Oft betrieben die Frauen die Geburtshilfe auch im Nebenerwerb.

Bereits seit dem 16. Jahrhundert wurden vermehrt Hebammenordnungen aufgestellt, um die Tätigkeiten zu beschränken. Ebenfalls seit dieser Zeit gab es deutschsprachige Hebammenlehrbücher von männlichen Ärzten, auf dem Fachwissen von Hebammen basierend geschrieben. Im Allgemeinen verbargen die Frauen jedoch ihr Fachwissen vor den Männern und überlieferten es nur mündlich, da sie die männliche Konkurrenz fürchteten.

An der Medizinischen Fakultät Wien ließ sich 1644 die erste Wiener Hebamme (Elisabeth Haidin) prüfen und ihr folgten bald auch Hebammen aus ländlichen Gebieten oder solche, die von der „Landschaft“ angestellt werden sollten.
Quelle: Horn Sonia, Wiener Hebammen 1643-1753

Neben der Betreuung von Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen war die Hebamme bis ins 17./18. Jahrhundert für die medizinische Versorgung der Frauen und Kinder zuständig. Hebammen mit speziellen Fachkenntnissen führten sogar gynäkologische Eingriffe durch. Im Rahmen von gerichtlichen Erhebungen wurde die Hebamme als Gutachterin bei Vergewaltigung, Abtreibung oder Folter beschäftigt.

Im absolutistischen Staat, mit seiner Bevölkerungspolitik und dem Vorbild Maria Theresia, war ein großes Ziel die steigende Geburtenzahl, die u.a. durch vermehrte Kontrolle der Frauen erzielt werden sollte. Mehr Bevölkerung bedeutete mehr Arbeitskräfte, mehr Steuerzahler und mehr „Seelen“ für die Katholische Kirche. 1752 wurden die Kreisämter angewiesen zu kontrollieren, ob Hebammen, Chirurgen und Physiker sich an ihre Pflichten hielten und mit der maria-theresianischen Anordnung von 1761 wurde verfügt, dass „Apotheker, Baader, Chyrurgi und Hebammen“ – ohne Examen der Medizinischen Fakultät in Wien – ihre Tätigkeit nicht ausüben durften.
Quelle: Trallori Lisbeth N., Vom Lieben und vom Töten. Zur Geschichte patriarchalischer Fortpflanzungskontrolle, Wien 1983

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Geburtshilfe zwar zu einer selbständigen und anerkannten medizinischen Fachrichtung, bei 95% der Geburten um 1900 war aber nach wie vor kein Arzt anwesend. Und noch die ersten beiden Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg war die Hausgeburt auf dem Land allgemein üblich. Gründe dafür gab es mehrere. Einerseits war die Hebamme billiger und zeitlich flexibler als ein Arzt, was für viele Menschen entscheidend war, da Teile der österreichischen Bevölkerung noch immer nicht krankenversichert waren. Andererseits hatte die ländliche Bevölkerung noch eine gewisse Nähe zur Natur und suchte einen Arzt oder ein Krankenhaus erst bei Komplikationen auf. Der Hebamme wiederum bot die Freipraxis noch einen relativ großen Freiraum. Spätestens seit den 1970er Jahren war die Hausgeburt jedoch schon die Ausnahme.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich schließlich die moderne, männlich dominierte Gerätemedizin durch, die bei den Frauen Ängste schürte und sie vermehrt zu Klinikgeburten veranlasste.
Quelle:  Hämmerle, Hebammen und Aerzte

Hebammen gab es in fast jeder Ortschaft. In manchen Taufmatriken wurden sie in einer separaten Spalte angeführt:

 

Altenwörth

Um 1906: Margaretha Kula, später in Neustift

 

Dörfl

Um 1860: Franziska Zwirzina

 

Gigging
um 1900: Franziska Friedrich in Gigging 2

 

Kirchberg
Um 1836: Elisabeth Maruschka, Kirchberg 16, sie zieht Findelkinder groß.

1857: Theresia Kiziwat

Um 1900: Maria Breier

Um 1900: Maria Ehn, Kirchberg 50
1945: Maria Ehn, geb. Weninger, verw. Waltner, stirbt mit 76 Jahren in Kirchberg 49. Die stammte aus Glaubendorf, Pfarre Rohrbach, ab.

 

Neustift
Um 1802: eine "Ottin"

Nach 1906: Margaretha Kula, früher in Altenwörth

 

Sachsendorf

Um 1863: Die Hebamme Anna Maria Wallisch in Sachsendorf 29, geb. aus Millowitz in Mähren.

Um 1895 Anna Maria Auer

 

Unterstockstall

Um 1900: Maria Berthold

 

Winkl
um 1853/65: Aloisia Lardy ungeprüfte Hebamme

Um 1900: Theresia Riedl

 

 

 

Hebammentagebuch 

Jede Hebamme war verpflichtet, Eintragungen über die von ihr vorgenommenen Entbindungen zu machen. Frau Margarethe Ehn aus Engelmannsbrunn war so freundlich, uns über Frau Marianne Eckart das "Tagebuch der Hebamme Maria Ehn", begonnen 1920, zur Verfügung zu stellen.

Das Büchlein, das etwas kleiner als A-5-Format hat, hat 63 Seiten. Zu Beginn findet sich eine Belehrung, Danach finden sich Vordrucke, die bei den Geburten auszufüllen waren.

 

Text:

"Belehrung über die Führung des Tagebuches und des Geburtenausweis-Bogens.

Die Aufzeichnungen im Tagebuche hat die Hebamme, noch ehe sie die Wöchnerin verläßt, vorzunehmen, ober, wenn sie selbst des Schreibens nicht kundig wäre, von einer anderen Person nach ihrer Angabe eintragen zu lassen.

Für jeden Geburtsfall ist ein Blatt des Tagebuches bestimmt.

Diese im Tagebuche enthaltenen Aufzeichnungen hat die Hebamme zu Hause baldigst in den Geburtenausweis, welcher die gleichen Rubriken enthält wie das Tagebuch, zu übertragen, und jene Angaben, welche sich auf den weiteren Verlauf und auf den Ausgang des Wochenbettes beziehen, nachträglich beizufügen.

Die Eintragungen in das Tagebuch sind in derselben Weise zu bewirken, wie dies in der auf der Rückseite jedes Geburtenausweisbogens abgedruckten Belehrung vorgeschrieben ist.

Außerdem ist die Hebamme verpflichtet, ihr Tagebuch, ebenso wie den Geburtenausweis stetes in reinem Zustande zu verwahren, dem vorgesetzen Amtsarzt auf sein Verlangen vorzuzeigen und zu den über behördliche Anordnung stattfindenden Hebammen-Versammlungen nebst ihren Gerätschaften mitzubringen.

Hebammen, welche sich bei der Führung dieser Aufschreibungen Versäumisse oder Nachlässigkeiten zu Schulden kommen lassen, haben die Bestrafung nach § 37 der Dienstesvorschriften zu gewärtigen."

Eine Seite des Tagebuches:

 

Text:

1. Laufende Geburtsnummer 3
2. Der Gebärenden: a) Wohnort, Gasse, Hausnummer Altenwörth Nr. 37
b) Vor- und Zuname Maria Passecker
c) Geburtsjahr (Alter) 28 Jahre
d) Stand (ehelich, Witwe, ledig) Verh.
e) Berufsstellung (Beschäftigung) Hegersgattin
f) Religion (Konfession) Kato
3. Tag und Stunde, wann die Hebamme bei der Gebärenden ankam d. 22. Jän 1/4 12 Uhr mittags
4. Stunde, Tag, Monat und Jahr der Geburt d. 22. Jän 12 Uhr Mittag
5. Die wievielte Niederkunft der Mutter 3. Kind
6. Geschlecht und Name des KIndes oder der Kinder Knabe
7. Im wievielten Schwangerschaftsmonate die Geburt erfolgte 9 Mo
8. Kindeslage bei der Geburt hinter H
9. KInd lebend, scheintot oder tot lebend
10. Wie das Kind entwickelt war kräftig
11. Ob an dem Kinde Mißbildungen beobachtet wurden und welche? nein
12. Ob bei der Mutter während der Geburt lebensgefährliche Zufälle oder der Tod entraten? nein
13. Ob Kunsthilfe geleistet wurde, wean, welche und von wem? nein
14. Tag und Stunde des Abganges der Nachgeburt d. 22 Jän 1/2 1 Uhr Mittag
15. Ob die Mutter während des Wochenbettes erkrankte, wann? ob sie starb, wann? nein
16. Ob des Kind während der Wochenzeit erkrankte, woran? ob es starb, wann? nein
17. Besondere Bemerkungen


Maria Schneider (1924 - 1964) aus Winkl war Hebamme in einem Wiener Spital 

  
Geburtenstation in den 50er-Jahren
Fotos aus dem Nachlass der Familie Josef Schneider, Winkl, zur Verfügung gestellt von Manfred Schneider, Königsbrunn

 

 

Erika Schwarz/Maria Knapp
Februar 2012