Frostwehrvereine

 

 

So wie man heute Wein- und Obstkulturen bei Frostgefahr fein berieselt, um die Pflanzen vor intensiver Sonneneinstrahlung am Morgen zu schützen, so versuchte man das früher (und heute vermehrt wieder) mit Rauch. Wenn Nachtfrost drohte, ging der Nachtwächter mit der Trompete durch den Ort und blies Alarm. Die Leute machten sich in der Nacht in den Weingarten auf, um die dort aufgehäuften Reben, die mit Gras vermischt waren, anzuzünden. Durch die Grasbeigabe entwickelte sich viel Rauch, die Weinstöcke wurden eingenebelt, sodass die Sonne am Morgen die Rebstöcke nicht so schnell erwärmen und ihnen Schaden zufügen konnte. Diese Methode wirkte bei starkem Wind allerdings nicht, da dieser den Rauch verblies.  

Der Langenloiser Bäckermeister Hans Bretschka machte sich im Jahr 1898 um die Gründung von Frostwehrvereinen verdient, um gemeinsam die Weingärten vor Frostschäden zu bewahren.  

 

Eine sehr wichtige und interessante Versammlung wurde am 28. März in Langenlois abgehalten. Die uralte Frage wegen Räucherung der Weingärten bei Frösten im Mai wurde in Gegenwart des Herrn Wanderlehrers Jablanzy, zahlreicher Vertreter des Kasinos der Bezirke Langenlois und Kirchberg am Wagram eifrig und eingehend discutirt, und sehr wichtige Beschlüsse gefaßt. Herr Jablanzy betonte vor allem daß zum Rauchmachen Alle herangezogen werden müssen, es daher nothwendig sei, daß jetzt schon Material in die Weingärten gebracht werde. Fast alle Anwesenden betheiligten sich an der Debatte, und ist in manchen Orten unserer Nachbarschaft schon Sorge getragen, daß die Rebenbürtl, die heuer abgeschnitten wurden, am Feld verbleiben, um in den Tagen der Gefahr als raucherzeugendes Mittel zu dienen. Doch die Reben alleinen genügen nicht; sehr nothwenig ist der Theer, der einen schweren Rauch bildet, der am Boden bleibt und der, wie der thätige Vereinsvorstand Herr Hans Bretschka in Frankreich erfuhr, sich besonders bewährte. Am besten ist es, wie Herr Jablanzy sagte, Theer mit Sägespänen zu vermengen.
Sehr erfreulich ist es, daß die einzelnen Kasino für die Sache sehr begeistert sind und nicht sparen werden beim Einkauf von Theer. Die Hauptsache ist es, Probefeuer zu machen, um über die Wirkung des Rauches ein klares Bild zu haben. Dann wird es auch gelingen, die Fragen, wie lange brennt ein Haufen von Rebbürtl und Theer, wie groß ist die Entfernung derselben, die nothwendig ist, um einen genügenden Rauch zu erzeugen, zu beantworten….
Kremser Zeitung vom 3.4.1898

 

Kirchberg am Wagram. (Gründet Frostwehren!)
Montag den 11. April hielt der landwirtschaftliche Bezirksverein in Kirchberg am Wagram eine recht gut besuchte Versammlung ab, an welcher der Reichsraths-Abgeordnete Herr Daschl und Herr Hans Bretschka, Vorstand des landwirtschaftlichen Bezirksvereines Langenlois, theilnahmen. Herr Bretschka theilte mit, welche vorzügliche Wirkung durch das Räuchern der Weingärten bei Frostgefahr in Frankreich erzielt wurde. Er gab auch genau Aufschluss, auf welche Weise und mit welchen Mitteln die Räucherung zu geschehen habe und empfahl dringend die Gründung von Frostwehren. Von der Versammlung wurde einstimmig beschlossen, bei Frostgefahr zu räuchern und Frostwehren zu errichten. Es wurden zu diesem Zwecke auch mehrere Waggon Theer bestellt. – Herrn Bretschka wurde für sein uneigennütziges Wirken von der Versammlung der beste Dank ausgesprochen.
Kremser Zeitung vom 17.4.1898 

 

Die Errichtung von Frostwehren in unserem Gerichtsbezirke ist bereits Thatsache. Zur Räucherung wären in den Donauauen recht geeignete Materialien vorhanden; das dort stellenweise in großen Massen vorhandene dürre Gras, das Schilf, grüne Weidenruthen, Holzabfälle, Laubstreu usw. geben recht geeignete Materialien ab, die mit Theer vermischt, einen andauernden Rauche erzeugen können. Der Weinstock ist wegen der höheren Temperatur im März und Anfangs April schon so weit entwickelt, daß stärkere Nachtfröste von empfindlichen Schäden begleitet sein würden. 
Kremser Zeitung vom 8.5.1898 

 

Feuertaufe der Frostwehren.
Die kürzlich gebildeten Frostwehren im Wagramer Weinbaugebiete haben in den Tagen der Eismänner ihre Feuerprobe bestanden. Nachdem schon mehrere Nächte sich gefahrdrohend zeigten, traten in der Nacht vom 14. auf den 15. d. M. die Frostwehren im Bezirke Langenlois zum ersten Male in Thätigkeit. Das Psychrometer zeigte eine kalte Nacht an und es herrschte Nordwestwind bei klarem, trockenem Wetter. Mehrere Ortsverbände hatten schon Tags vorher die Brennmaterialien hinausgeräumt. Viele aber richteten dieselben Abends bis spät in die Nacht hinein in den Weingärten her. Als um 2 Uhr Nachts das Thermometer 3° R. zeigte, ertönten die ersten Alarmsignale der umliegenden Ortsverbände, das Telephon wurde in Anspruch genommen, Radfahrer leisteten Ordonnanzdienste, und  als das Thermometer gegen 3 Uhr auf 2° R. fiel, wurde auch in Langenlois das Alarmsignal gegeben. Mittlerweile sah man gegen Kirchberg am Wagram Tausende von Feuern brennen, die durch verschiedene Materialien, besonders Theerziegel, aufgelegt mit Unkraut, genährt wurden und bald einen starken Rauch erzeugten. In kurzer Zeit brannten auch dort über Tausend Feuer und hüllten die Ebene längs des Kampflusses allmählich in einen dichten Nebel, Bald bemerkte man den Erfolg: das Thermometer blieb stehen trotz des feinen beißenden Lüftchens aus Nordwest. Gegen 4 Uhr waren Rauchwolken gebildet, und bei Sonnenaufgang drückten sich die ganzen Rauchmassen zu Boden. Eine große künstlich erzeugte Wolke füllte das Thal aus und hüllte die Weingärten in eine dichte Decke ein. Um 6 Uhr wurden die Feuer ausgelöscht. Wie später berichtet wurde, sank in den tieferen Gegenden das Thermometer unter Null, und wäre hierdurch ein großer Theil der Ernte vernichtet worden. Gegen 8 Uhr brachten die ersten Boten aus den Ortsverbänden des Bezirkes die freudige Botschaft, daß die ganze Weinernte erhalten bleibt und nicht ein einziges Laubblatt verletzt sei. Der Obmann der Frostwehr, Hr. Bretschka, berief für 10 Uhr eine Riedobmännerversammlung ein, worin das Resultat der Räucherung besprochen und weitere Anordnungen bei eventueller Gefahr getroffen würden.
Wiener Landwirtschaftliche Zeitung vom 21.5.1898 

 

Obwohl noch ein Eismann, „Urban“ am 24. d., ausständig ist, kann man jede Frostgefahr für heuer als überstanden ansehen. Die Eismänner hätten diesmal auch schärfer sein können, sie würden in den meisten Weinrieden mit Feuer und Rauch, Pech und Schwefel empfangen worden sein. Man ist nämlich endlich auch bei uns daran gegangen, sogenannte Frostwehren zu gründen, denen in der kritischen Zeit die Aufgabe obliegt, die Weinculturen und Obstgärten vor Frostschäden zu schützen. Die Frostwehren sind namentlich im Kampthal und am Wagram gut organisirt und haben heuer auch schon einen Erfolg aufzuweisen. Denn in der Nach vom 14. auf den 15., noch mehr aber vom 15. auf den 16. d. traten alle Vorzeichen für Frostbildung ein, und als am 15. d. um 1 Uhr Morgens das Thermometer rapid sank, ertönte der Alarmruf in den einzelnen Orten, auf den Höhen leuchteten Feuer auf und bald darauf war die ganze Gegend um Hadersdorf, Langenlois, Kirchberg am Wagram etc. in Rauch gehüllt. Trat auch die Gefahr im Allgemeinen nicht in dem Maße ein, als zu befürchten stand, so wurde doch der Beweis erbracht, daß man mit vereinten Kräften auch der Frostcalamität Herr werden kann.
Neues Wiener Tagblatt vom 25.5.1898

 

Von den Räucherungen gegen die Maifröste hat sich im Bezirk Kirchberg am Wagram keine Gemeinde ausgeschlossen. 
Kremser Zeitung vom 2.4.1899 

 

Remineszenz 1931
Die Frostbewegung breitete sich dank der nimmermüden Agitation Bretschkas und anderer immer mehr aus. Auch technisch wurden Fortschritte erzielt An Stelle der Verwendung von Laubstreu und ähnlichem trat vielfach die Verbrennung von Teer. Um auch reichlich Wasserdampfnebel erzeugen zu können, schritt man vielfach dazu, mit Hilfe von eisernen Gittern große Öfen einzurichten, in die mit den Dunstwinden, das sind hölzerne Ventilatoren, Luft eingeblasen wurde, so daß es gelang, auf die brennenden Laub- und Teermassen aufgespritzte Wassermengen zur Verdampfung zu bringen. In den folgen Jahren gab es daher kaum Frostschäden. Besonders im Jahr 1902 gab es aufgrund des Frostschutzes und einer günstigen Witterung eine überreichliche Ernte. Im folgenden Jahr konnte man trotz Räucherung die Weintrauben vor den starken Frösten nicht retten. Es gab eine schwache Ernte. Trotzdem wurde die Frostwehr weiterhin mit Begeisterung ausgeführt.
Nach 1908 nahm die Weinbaufläche durch die Ausbreitung der Reblaus enorm ab, auch das Interesse an der gemeinsamen Frostabwehr ließ nach.
Vor allem nach dem 1. Weltkrieg konnten die Vereine nicht mehr mit einer allgemeinen Mitwirkung rechnen. Die einzelnen Hauer versuchten nun, sich  mit Hilfe von Frostschirmen zu helfen. Mit Strohschirmen, die sich besser als Pappeschirme bewährten, konnte man eine Temperaturerhöhung von 4-5 Grad erzielen. Das Problem dabei war der enorme Zeitaufwand. Für einen Hektar Weingarten mit etwa 12.000 einzelnen Rebstöcke nmussten 20 Personen von Mittags bis in die Nacht hinein die Schirme anbringen. Noch im Jahr 1931 wird dies als Methode der Wahl genannt.
Wiener Landwirtschaftliche Zeitung vom 9.5.1931

 

Weiteres zu Spätfrösten und deren Abwehr siehe hier.

 
 
August 2020
Maria Knapp