Der Zweite Weltkrieg an der Donau

 

Das Ende des 2. Weltkrieges an der Donau bei Altenwörth, ein Ausschnitt aus dem Buch über „Die Donau bei Altenwörth“, das im Herbst im Verlag https://www.edition-weinviertel.at/ erscheinen wird. 

Gegen Kriegsende im April 1945 setzte die rote Armee ihren Vormarsch fort und das von der SS verteidigte Wien musste am 10. April den Russen überlassen werden. Das russische Heer zog südlich der Donau bis zum Traisental weiter, wobei die Donau von Korneuburg bis Hollenburg die Kampfzone bildete. Somit war Altenwörth mitten im Kriegsgeschehen. Am rechten Ufer setzte sich das russische Heer fest, am linken lagen SS-Formationen. Feindliche Geschoße beschädigten zahlreiche Häuser in Altenwörth.[1]

Die meisten Altenwörther hausten im Keller, viele Leute zogen mitsamt dem Vieh nach Gigging, andere flüchteten bis nach Oberösterreich und Salzburg. Eine Frau aus Gigging wurde durch eine Fliegerbombe getötet, zwei Personen durch Kugeln verletzt. Das Ziel der Artillerie war der Kirchturm mit der Funkstation der SS; er wurde zwar mehrmals getroffen, aber nicht zerstört. Die Beschießung des Ortes wurde immer bedrohlicher, bis am 8. Mai die bedingungslose Kapitulation Deutschlands erfolgte und hiermit der Krieg sein Ende fand. Noch in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai kamen russische Soldaten mit Zillen über die Donau.[2]      

Maria Ertl (verh. Kittinger) wohnte damals am östlichen Ende des Ortes in der heutigen Sigmarstraße. Sie erinnert sich: „Etwa sechs Wochen vor Kriegsende waren auf einmal über Nacht die Russen in der Au gegenüber von Altenwörth. Davor befanden sich nur das Sägewerk und die Gemeindegärten, die Häuser konnten also von den feindlichen Soldaten leicht eingesehen werden. Sobald sich etwas bewegte, schossen sie herüber. Einmal ging ich über den Hof, um den Hund zu füttern und konnte bis zum Einbruch der Dunkelheit nicht mehr ins Haus zurückkehren, da immer wieder herüber geschossen wurde.“ Die ganze Zeit über schlief die Familie mit zwei anderen Parteien im kleinen gewölbten Keller des Hauses. Die SS verschanzte sich in einem Bombentrichter an der Uferböschung und schoss gelegentlich zurück.

Die Geschoße der Stalinorgeln (Raketenwerfer) reichten, je nach Fabrikat, 4 bis 8 km weit. Als zwei Winkler Mädchen in den letzten Kriegstagen nach Neustift gehen wollten, gerieten sie unversehens in die Einschläge dieser Raketen und traten sofort verängstigt aber unverletzt den Heimweg an.[3]

Haltbare Lebensmittel wie Geselchtes, Mehl, Schmalz und Wertgegenstände wurden versteckt oder vergraben, um zu verhindern, dass alles von den Besatzern geraubt wird.

Einige Zeit vor Kriegsende wurde von Donauschleppern Stammholz ausgeladen und auf dem Platz des Holzhändlers und Sägewerkbesitzers Anton Hametner gelagert. Er selbst war zu dieser Zeit eingerückt, der Betrieb wurde als Kriegsbetrieb geführt. Allgemein bekannt ist, daß im Frühjahr 1945 über Anordnung des damaligen Kreisleiters und des Standartenführers aus Tulln in allen Gemeinden Panzersperren errichtet werden mußten und daß in der ganzen Umgebung dieses Holz hiezu verwendet werde.[4]

Dann kam der Befehl, die Altenwörther müssten mit weißen Fahnen oder ähnlichem und den Kleinkindern am Arm innerhalb einer halben Stunde am Donauufer Aufstellung nehmen, sonst würde man den Ort in Schutt und Asche legen. Frau Ertl (der Gatte war eingerückt) hängte ein weißes Leintuch als Fahnenersatz auf den Gartenzaun. Zwei Russen kamen mit der Zille herüber-gerudert und wollten an Land gehen. Die Leute riefen ihnen noch zu „Minski, Minski“ („Minen, Minen“), aber sie dürften das nicht gehört haben. Dem ersten Russen, der an Land kam, riss eine der Tretminen, die die SS noch vor dem überstürzten Aufbruch gelegt hatten, ein Bein weg.[5]

In der Nacht vor dem Einmarsch der Russen flüchtete die SS, ebenso die Besatzung der Flakstellungen bei Frauendorf. Zuvor verschossen sie noch einen Teil der verbliebenen Munition über die Donau in Richtung Pischelsdorf und sprengten die Geschütze, damit sie den Russen nicht in die Hände fielen.[6] 

Kurz nach Kriegsende kam es zu einem furchtbaren Unglück. Burschen hatten ein sowjetisches Schiff die Donau herunterkommen sehen und liefen zum Ufer. Sie hatten aber nicht gewusst oder nicht bedacht, dass die Böschung von den Einheiten der SS mit Minen bestückt worden war. August Ertl  trat auf eine dieser Minen, stürzte und fiel mit dem Oberkörper auf eine zweite. Bei strömendem Gewitterregen fand Frau Ertl ihren Sohn unterhalb des Gasthauses Einwögerer. Direktor Süß flößte dem Schwerstverletzten bereits Medizin gegen die unerträglichen Schmerzen ein. Helfer brachten ihn ins Elternhaus, wo er trotz des großen Blutverlustes noch sechs Stunden lebte, ohne ansprechbar zu sein.[7]

In den Sommermonaten 1945 sind viele Flüchtlinge in ihre Heimat zurückgekehrt. Da die SS fast alle Donaubrücken gesprengt hatte und daher keine Züge verkehren konnten, haben sie sich hier mittels Zillen auf das andere Ufer übersetzen lassen - täglich 300 bis 400 Personen. Einige sind dabei auf Minen getreten, die daraufhin losgingen und sie verletzt haben. Eine russische Strafabteilung ist später gekommen, um die Minen wegzuräumen.[8]

Viele Wiener sind am rechten Ufer nach Westen gegangen, um sich, wo es möglich war, übersetzen zu lassen, so auch in Altenwörth. Von hier aus sind sie zu ihren Familien am nördlichen Donauufer gelangt oder sie haben hier ihre Tauschgeschäfte als Hamsterer erledigt, um Lebensmittel für ihre Familie zu ergattern.[9] Dies wurde jedoch bald durch eine Verordnung unterbunden: Über Befehl der rußischen Militärkommandantur ist das Übersetzen der Donau verboten. Es dürfen lediglich diejenigen Personen übergeführt werden, die sich mit einer schriftlichen Bescheinigung ausweisen können, daß sie dienstlich reisen oder die Reise aus zwingenden familiären Gründen erfolge. Wenn die Orts-polizei momentan nicht zur Stelle ist, sind die Fährmänner verpflichtet, die Kontrolle durchzuführen.[10]

 
Text auf der Rückseite:
„Zur Erinnerung an Fritz, den fahrenden Zigeuner“


Frieda Hametner mit Gefreiten der Luftwaffe
Bilder: Edith Kainberger, Altenwörth 


Gezeichnete Ansichtskarte aus der Kriegszeit; Herbert Eder,Kollersdorf
 

Diese beiden Flugzeugteile wurden in der Au zwischen Winkl und Tulln entdeckt.


Reservetank einer alliierten Maschine, der später als Boot verwendet wurde.
Rumpfteil einer Maschine, beides in der Donauau südöstlich von Winkl      
Bilder: Michael Dollinger, Winkl

 

Quellen:                                                                                                                                                                                                                                                                      

[1] Chronik der Volksschule Altenwörth, Oberlehrer Friedrich SÜß (1921-1945).

[2] Chronik der Volksschule Altenwörth, Oberlehrer Friedrich SÜß (1921-1945).

[3] Information von Theresia GRILL, Winkl, 28.8.2017.

[4] Akten der Gemeinde Altenwörth, 7.1.1954.

[5] Information von Maria KITTINGER, Winkl, 5.4.2017.

[6] Die NS-Zeit im Raum Kirchberg am Wagram, 2015, S.116.

[7] Information von Maria KITTINGER, Winkl, 5.4.2017.

[8] Pfarrchronik Altenwörth, Pfarrer Josef DEDELBACHER (1915-1936), S.235.

[9] Information von Rosa WAMMERL, Unterstockstall, 2004.

[10] Akten der Gemeinde Altenwörth, 16.7.1945.

 

Mai 2020
Maria Knapp