Die Leute an der Donau

 


 

Wenn man heutzutage durch Altenwörth, Gigging oder Winkl geht, erkennt man keinen Unterschied zu den Ortschaften der Umgebung. Das war aber anscheinend nicht immer so.

Das erste Mal wurde ich auf diesen Umstand aufmerksam, als Herr Dechant Morgenbesser anlässlich der Einweihung der Winkler Kirche nach der Renovierung im Jahr 1992 die schlechte physische und psychische Beschaffenheit der Winkler in früherer Zeit erwähnte.

Im Zuge der Heimatforschung ist mir dieser Umstand wieder eingefallen und ich habe mich auf die Suche nach entsprechenden Textstellen gemacht – und ich wurde ich bald fündig…

Der Grund für den schlechten gesundheitlichen Zustand waren u.a. die Donau mit ihren Nebenarmen, die ständigen Überschwemmungen, die feuchte Luft und der häufige Nebel.

 

Topographische Tabelle von 1817

Die hiesigen Einwohner sind mit einer ebenso betrübten Leibbeschaffenheit behaftet, und gleichen Überschwemmungsgefahren ausgesetzt, wie die Einwohner von Altenwörth, wovon dieser Artikel nachzulesen ist. Auch ist der hiesige Fruchtboden und die hiesigen Naturprodukte den Altenwerdischen ganz ähnlich.“

Der erwähnte Artikel über Altenwörth:

„…..Es ist leicht zu begreifen, daß dieser Ort Überschwemmungen ausgesetzt ist, so oft der Strohm überläuft. Noch ein größeres Unglück ist, daß Altenwerd, Gicking , Winkel und zum Theile Kollersdorfs, viele Menschen beyden Geschlechtes erzeugen, welche, wie es die gewöhnliche Redensart dieser Gegend, die auch in Kanzleyschriften vorkömmt, nicht ungeschickt ausdrückt, nicht recht weltläufig sind: Sie sind sehr klein und übel gewachsen, haben Kröpfe, oder doch sehr dicke Hälse, sind großköpfig, zeigen wenig Vernunft, kommen mit der Sprache sehr schwer fort, mehrere derselben sind Taube, und folglich zum Soldatenstande ganz unbrauchbar. Luft und Wasser sind der Gesundheit nachtheilig.“

Wenn man den Eintrag nun zum Beispiel mit dem von Neustift vergleicht, wird dort auf den „Beschaffenheit der Menschen“ gar nicht eingegangen, man erfährt nur: „Sowohl die Luft als das Wasser ist gut und gesund.“

 

Pfarrchronik Altenwörth, Pfarrer Anton Walser (1810 – 1825)

Die Luft ist hier wie an großen Flüssen etwas feucht und fiebericht, doch stimmt der Ruf von der ungesunden Lage Altenwörths mit der hiesigen Sterbensrate nicht überein und scheint sehr übertrieben, weil die jährliche Zahl der Ortsbewohner, die sterben, anderen Orten ziemlich gleichkommt. Die Brunnen in Altenwörth, die wegen der nahen Donau nicht tief sein können, haben der vielen unreinen Lacken wegen nicht das beste Wasser.“

Bezüglich der Pfarrbevölkerung hat der Pfarrer folgende Wahrnehmungen gemacht:
„Die Politik hat hier einen solchen Wellenschlag gemacht wie in Orten, die an Verkehrsadern liegen, eine konservative, patriotische Geistesrichtung war stets vorherrschend. Das Donaudörfchen war dem Frohsinn stets zugänglich und die Poesie des Dorflebens wickelte sich meist am Donauufer ab. Ein spezifisches Merkmal waren früher die vielen „Überländer“, d.i. Idioten und Rentiers, unliebsame Denkzeichen jeder Zeiten, wo Altenwörth Marktfuhrplatz gewesen ist. Damals floss der Alkohol in Strömen. Tempi passati! Gottlob, hat der Tod mit diesen armen Menschen aufgeräumt!!“

 

Catastral Schätzungs Elaborat der Enclave Winkl H.548“ um 1830 

"Einleitung § 1:
Die Ried von Süden gegen Norden von zerstreut liegenden einzelnen von Obstgärten ringsherum umgebenen Häusern aufgebaut, befindet sich fünf Viertel Stund vom oben erwähnten Donaustrom und ebenso weit von der entlegensten Rieden. Die Nähe der Donau und die zu sehr tiefe Lage des Ortes erzeugen häufige Nebel, daher hier einige örtliche Krankheiten als Fieber etc., so wie mutmaßlich das Trübwasser die hiesigen Inwohner kröpfig macht, welche Kröpfe oft zu einer beträchtlichen Größe hervorwachsen und gegen die meist blass gelbe Farbe des Angesichts grell abstechen.

§ 5, Flüsse, Bäche, Teiche, Seen, Moraste 
Im südlichen Teil der Freiheit durchzieht mit mehreren Ästen der Donaustrom, welcher, wenn er diese Ufer übertritt, den größten Teil dieses Burgfriedens unter Wasser setzt, ja auch schon den Fall herbeiführte, dass das Wasser so gewaltig über ihre Häuser zugenommen hat, dass die hiesigen Bewohner ihre Häuser zu verlassen nicht mehr im Stande waren und sich stets an wachsendem Wasser nötigt sahen, ihre Wohnungen auf dem Boden aufzuschlagen. Zu dieser Lage wird die Herrschaft Grafenegg bemüßiget, diesen Notleidenden Nahrungsmittel zuzuführen. Auf diese Art wirkt hier der Donaustrom verderbend ein, nicht nur, dass er diese Feldfrüchte zu Grunde richtet und die Grundstücke beinahe verödet, sondern er verdirbt auch, wenn er in die Häuser eindringt, alles, was nicht weggeräumt worden, und wird der Gesundheit durch die zurück gelassenen fauligen Wasser, welches sich dann versitzen muss, höchst nachteilig.

§ 10, Kultur des Bodens
Würde der hiesige Landmann die Zwecke der verschiedenen landwirtschaftlichen Verrichtungen, und die entsprechende Methode in der Bereitung des Düngers kennen, so könnte der verschiedenartige Ertrag des Bodens um ein Bedeutendes gehoben werden und der Landmann zu einem gewissen Wohlstande gelangen, wo er hier gegenwärtig mit dem Elende kämpft.“

 

Franz Xaver Schweickhardt (1794 – 1858)

veröffentlichte zwischen den Jahren 1831 – 1841 eine „Darstellung des Erzherzogthums Oesterreich unter der Enns", wo er auch auf die Wassergüte und das Klima der Donau-Orte einging:

Altenwörth: "Die Bewohner, verschieden mit Grundstücken bestiftet, nähren sich blos vom Ackerbau, und bestellen ihre Felder welche häufigen Ueberschwemmungen der Donau ausgesetzt und nur mittelmäßig zu nennen sind, ....Die Nähe der Donau macht das Klima weniger gesund, auch ist das Wasser von keiner besonderen Güte."

Gigging: "Das Klima ist wegen der Nähe der Donau nicht besonders gesund, jedoch das Wasser gut. Die Gegend wäre eben nicht unangenehm , allein die öfteren Ueberschwemmungen der Donau, von welchen dieß Dörfchen gar oft heimgesucht wird, richten nicht selten großen Schaden an."

Kollersdorf: "Hauptbeschäftigung des hiesigen Landmannes ist der Ackerbau, wozu die Gründe zwar gut, aber den Ueberschwemmungen der Donau ausgesetzt sind."

Frauendorf: "Sie nähren sich von Ackerbau und bebauen ihre Grundstücke, von welchen jedoch ein Theil den Ueberschwemmungen der Donau ausgesetzt ist."

Sachsendorf: "... wozu die Gründe ziemlich gut und ertragfähig wären, doch aber öfters durch die Ueberschwemmungen der Donau Beschädigungen erleiden."

Winkl:. "Die Grundstücke wären im Durchschnitte ziemlich gut, nur sind sie durch das öftere Austreten der Donau den Beschädigungen ausgesetzt. Von den Körnergattungen werden Gerst, Rocken und Hafer gefechset; auch gibt es viel und gutes Futter für das Hornvieh. Das Klima ist der sumpfigen Lage wegen nicht gesund, und das Wasser nicht gut."

 

Pfarrchronik Kirchberg am Wagram, Kooperator Wilhelm Sponer (1893 - 1890)

".... Von Herrn Bösel aber ist noch zu bemerken, daß er es gewesen ist, der Winkl bewohnbar gemacht hat. Früher war der ganze Ort eine stinkende Sumpflacke, die Leute zum großen Theile blöd und mißgestaltet, wie man heute noch einige Exemplare sehen kann."

 

Heimatkundlichen Stoffsammlung, 1948, Lehrer Leopold Engelberger 

„Wenn man von Absdorf die Straße über Bierbaum-Frauendorf fährt, zweigt kurz vor Neustift ein Bezirkssträsslein nach Süden ab, das nach Winkl führt. Nach einer Viertelstunde erreicht man das Dorf. Die kleinen, ebenerdigen Häuser, aus gebrannten und ungebrannten Ziegeln gebaut, alle mit Ziegeln gedeckt, unterscheiden sich nicht von der in unserer Gegend üblichen Art. Der bunte Anstrich verleiht ihnen ein fröhliches Aussehen und lässt übersehen, dass sie kleiner und bescheidener sind, wie die in anderen Orten unseres Bezirkes.
Der Ort erscheint im Gegensatz zu den Strassendörfern unserer Gegend aufgelockert. Es klebt nicht ein Haus am andern. Der Grund ist wohl darin zu suchen, dass der Ort im Hochwassergebiet liegt und die Erfahrung die Menschen bewog, nur die höchsten Punkte als Wohnplätze zu benutzen. Selbst die lagen oft noch tief genug und die Hochwasser der vergangenen Zeit haben oft genug Not und Leid gebracht.“

 

Maria Knapp
Februar 2012