Das Begräbnis des Edmund Jellinek

 

Der israelitische Friedhof in Oberstockstall rückte einmal in den Mittelpunkt des Interesses, als dort das Begräbnis des Millionenbetrügers Edmund Jellinek stattfand:
 
Große Aufregung verursachte am 28. September 1902 die Bergung der Leiche von Eduard Jellinek aus der Donau bei Altenwörth. Zwei Gigginger Hauer saßen unweit des Flusses, als sie die Leiche entdeckten und bargen. Bürgermeister und Schulleiter Anton Bachner erkannte an der bezeichnenden Narbe über dem rechten Auge Eduard Jellinek, der bei der Länderbank fast 4,500.000 Kronen unterschlagen und damit an der Börse spekuliert hatte (heutige Kaufkraft ca. 31,5 Mio €). Er war am 18. September aus der Bank geflüchtet, als er sah, dass der Betrug auffliegen würde. Am nächsten Tag sahen ihn Passanten am Donauufer bei Krems, wo er sich in den Fluss gestürzt haben dürfte. Seine Leiche hat zehn Tage bis nach Altenwörth gebraucht. Nach der Totenbeschau durch Dr. Jarosch aus Kirchberg im Totenkammerl am Altenwörther Friedhof begutachtete den Leichnam noch eine Gruppe Sachverständiger und Verwandter aus Wien. Die Beerdigung fand am 29. September am israelischen Friedhof in Oberstockstall statt. Von den angekündigten 10.000,-- Kronen erhielten die Finder der Leiche nur einige hundert Kronen. Über diesen Betrugsfall berichteten die Zeitungen der Monarchie tage- und seitenlang.
 
 
(Neuigkeits)Welt Blatt vom 2.10.1902
 
 
Illustriertes Wiener Extrablatt vom 29.9.1902
 
 
 
Zwei Zeitungseinträge zum Begräbnis
 
(Jellinek’s Begräbnis.)
Die Beerdigung der Leiche des Millionen-Defraudanten Edmund Jellinek, die am 30. September von Altenwörth in den jüdischen Friedhof nach Oberstockstall überführt wurde, lockte viele Neugierige an. Man wollte das Begräbnis des Juden und des in allen Zeitungen besprochenen und in der halben Welt verfolgten Defraudanten sehen. Vor 3 Uhr nachmittags langte der Leichenwagen mit dem ungefärbten, kastenähnlichen, mit einem schwarzen Tuche bedeckten Sarge bei Kirchberg an. Von Altenwörth mitgefahren waren die tief in Trauer gekleidete Gattin und der Schwiegervater des Defraudanten, sowie als jüdisch-liturgischer Funktionär der Schächter Josua Salzer von Kirchberg. Der Nachmittagszug von Wien brachte noch einige Trauergäste, die sich dem kleinen Zuge anschlossen. Man muß sagen, daß kein Jude der Umgebung Kirchbergs versäumte, an dem Begräbnisse des Millionendiebes und Selbstmörders teilzunehmen. Auf dem nur mit einer rohen Bretterwand umzäunten jüdischen Friedhof in Oberstockstall nahm Herr Josua Salzer die Ceremonie des Begräbnisses vor, die zumeist nur in hebräischen Klageliedern bestand. Als der Sarg zum Grab gebracht wurde, ergriff die Gattin Jellinek’s ein Ausbruch heftigen Schmerzes, worüber wohl die zahlreich Anwesenden die unglückliche Frau mitleidig bedauerten, aber daß dabei wie die „Oest. Volkszeitung“ (ein Wiener Judenblatt) schreibt, kein Auge trocken blieb, ist wie so viel andere in dieser Zeitung tendenziös erfunden.
(Kremser Zeitung vom 4.10.1902)
 
Leichenbegängnis des Defraudanten Jellinek. Auf dem israelitischen Friedhofe in Oberstockstall hat am 30. September die Beerdigung Jellineks stattgefunden. Die Leiche wurde von Altenwörth mittels Wagen zum Friedhofe geführt und dann zum Grabe getragen, das sich, abgelegen von den anderen Gräbern, am Rande des Friedhofes befindet. Als der Sarg in die Gruft gesenkt wurde, kam es zu einer erschütternden Szene. Frau Jellinek wurde von einem Weinkrampf befallen und stürzte dann plötzlich ohnmächtig zusammen. Ihr Vater und ihr Schwager bemühten sich um sie. Als Frau Jellinek das Bewußtsein wieder erlangt hatte, konnte sie nur mit Mühe vom Grabe weggebracht werden. Die Angehörigen Jellineks fuhren sofort wieder zur Bahn und kehrten mit dem nächsten Zuge nach Wien zurück.
(St. Pöltner Bote vom 9.10.1902)
 
 
 
Das Grab des Edmund Jellinek am hinteren Ende des Friedhofes, 2020
Foto: Andreas Nowotny, Neustift
 
 
 
Mai 2021
Maria Knapp