Das Hochwasser 1899

 

 

Hochwasserstein in Ponsee: 8,34 m. 

Schulchronik Winkl, Lehrer Jakob Jungbauer

Während des Schuljahres im Monate September 1899 wurde der Ort abermals wie im Jahre 1897 überschwemmt. Der Hochwasserstand war noch um  6 ½ cm höher als im Jahre 1897. Auch die Schule war wieder im Wasser und  es konnte deswegen vom 16. bis 25. September kein Unterricht ertheilt werden. Der Schulleiter mußte 7 Tage am Dachboden verbringen.

 

Schulchronik Neustift, Ludwig Marzani

Am 14. September 1899 traten infolge ununterbrochener Regengüsse in ganz Österreich die Donau und der Kamp aus u. überfluteten ganz Winkl und Altendorf (der südliche Theil der Freiheit Neustift) wie im Jahre 1897 u. vernichtete die herrlichsten Futterpflanzen. Winkl mußte von den Neustiftern mit der Zille samt ihrem Viehstand nach Neustift überführt werden. Diese gefährliche Arbeit dauerte 3 Tage (Freitag, Samstag u. Sonntag) von 15., 16. u. 17. September.

 

Pfarrchronik Altenwörth, Pfarrer Franz Frank

Das Bemerkenswerte in diesem Jahre ist die große Überschwemmung im Sptbr; vom 13. d. M. bis 17 inc. stieg das Wasser in der Donau derart, daß der Wasserstand dieser Überschwemmung deutlich höher war, als bei der Überschwemmung im Jahre 1897; der Pfarrhof war in den unteren Räumlichkeiten, Canzlei, Gang u. Küche von dem Druckwasser fußhoch unter Wasser; selbst in der Kirche stand das Wasser auf, u. wenig fehlte mehr u. es wäre in ganz Altenwörth kein trockenes Plätzchen auf der Straße mehr gewesen u. das Wasser wäre von der Donau durch d. Pfarrhofthüre zu rückwärts hinausgeronnen. Der Schaden an Feldern war ein großer, u. leider ist die Aussicht auf den gepl. Schutzbau scheinbar ganz hoffnungslos geworden.  

 

Schulchronik Altenwörth, Lehrer Anton Bachner

Vom 14. September bis 19. September Hochwasser. Das Wasser stand höher als im Jahre 1897 und richtete an Äckern und Wiesen sehr großen Schaden an. Einige Keller stürzten ein sonst wie 1897. Siehe dort.

          
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oto:  Erich Trezmüller, Gigging

 

Heimatmappe von Bierbaum am Kleebühel, Oberlehrer Robert Dobrawa

Am 14., 15., 16., 17. September wurden infolge Hochwassers die Herbsternte total vernichtet und die Bewohner dem Elend preisgegeben. Der Wasserstand war noch um 10 cm höher als der vom Jahre 1897.

 

Pfarrchronik Bierbaum am Kleebühel

Überschwemmung: Am 13. September waren die Auen infolge großer Gewitter im Gebirge voll Wasser u. Donnerstag erreichte es die Höhe des Dammes, gegen Abend ging es bereits über – von Freitag bis Montag, dann erst Sonntags Abend stand das Wasser, wir hatten dasselbe Übel, wie vor 2 Jahren (im Pfarrhofgarten war es ums Merken weniger), alles was auf den Feldern war, ist vernichtet, die Wasserhöhe war um 10 cm höher, als vor zwei Jahren (--) weil der Damm auf der Ostseite total gerissen u. die Wassermassen nach Absdorf bis zum Schafflerhof gedrängt wurden. Im oberen Orte von Bierbaum mußte alles auswandern, Pioniere beteiligten sich bis Sonntag abends an den Bergungen von Vieh u. Menschen. Auch drang oben das Wasser seitlich der Königsbrunnerstr. über den Weg hinaus u. füllte die Vertiefung bis zum Hippersdorfer Wege. Viele Erdäpfel gingen hier zu Grunde, wir waren also bis auf den Streifen vom Hippersdorfer Weg weit hinter der Kapelle bis unter den Mayerhof in Absdorf vollständig eingeschlossen. Utzenlaa u. Frauendorf vollständig. Die Äcker bis zum weißen Kreuz u. die der Parz. rechts der Straße standen auch unter Wasser – furchtbar!

 

Schulchronik Utzenlaa, Schulleiter Johann Harrer

In der Zeit vom 15. - 19. September wurde unsere Gemeinde von einer das Jahr 1897 weit übertreffende Überschwemmung heimgesucht. Der unsere Fluren schützende Damm hielt nicht stand; infolge dessen brach über unsere Felder eine unheilvolle Verwüstung herein (siehe Öde im sog. Göllet). Wie im Jahre 1897 so wurde auch diesmal die Schule der Zufluchtsort der unterstandslosen und hilflosen Einwohner. Milde Spenden edelherziger Menschen, ausgiebige Hilfeleistung durch die KK. Bezirkshauptmannschaft Tulln mit besonderem Wohlwollen des Herrn KK. Bezirkshauptmannes Ritter von Rittingen, eine bei 3000 fl betragende Unterstützung des H. KK. Landesausschusses, sowie Bau-Unterstützungen in bescheidenem Umfange, linderten wieder einiger Massen den Jammer und die Noth der hiesigen Bewohner. 

 

Deutsches Volksblatt vom 17.9.1899

Rührend ist auch das Elend der Thiere von Wald und Flur. Aus den überschwemmten Auen hört man das Röhren der Hirsche und längs der Bahndämme stehen Rehe, welche in der Noth alle Furcht verloren zu haben scheinen. Auf die Bäume flüchten sich Tausende von kleinen Schnecken, welche den ebenfalls dort aufgebäumten Fasanen zur Nahrung dienen. Hier und da fällt ein ungeschickter oder entrüsteter Fasan ins Wasser und ist dann rettungslos verloren. Auch hunderte von Mäusen kriechen an den Bäumen aufwärts, um sich vor dem Wasser zu retten....

Herr Landes-Ausschuß Steiner hat sich auch diesmal wieder als warmherziger und fürsorglicher Volksvertreter erwiesen. Gestern besuchte er alle gefährdeten längs der Donau gelegenen Orte, um zu erheben, wo Hilfe noththut. Das Bild, das er über seine Wahrnehmungen entwirft, ist ein sehr trauriges. Wir folgen im Nachfolgenden seiner Schilderung:
Der Pegel in Tulln zeigte gestern Nachmittags um 5 Uhr 563 Centimenter gegen 461 im Jahre 1897; das Hochwasser hat also den hohen Stand der Ueberschwemmung vom Jahre 1897 schon übertroffen. Die Gemeinden im Bezirke Kirchberg am Wagram sind ganz unter Wasser. Die Gemeinden Bierbaum, Utzenlaa, Frauendorf und Gigging sind besonders hart mitgenommen. Am Ärgsten betroffen sind die Gemeinde Neu-Aigen, Triebensee, Fischerzeile und Mollersdorf. Der Verkehr von Neu-Aigen zu diesen Gemeinden ist nur mittelst Kähnen möglich und auch da äußerst schwierig, weil die Strömung des Wassers sehr stark ist. Gestern Mittags sandte die Bezirkshauptmannschaft mittelst Kahn durch den Gendarmerie-Postführer aus Tulln Lebensmittel nach Neu-Aigen….
Die Hauptschuld an der gefährlichen Situation tragen: Die Donauregulierungs-Commission, welche den seit zehn Jahren versprochenen Uferschutzdamm an der Donau bis heute nicht gebaut hat, und das Eisenbahnministerium, letzteres aus folgendem Grunde: Anläßlich der Legung eines zweiten Geleises fand im vergangenen Jahre eine politische Begehung statt und hierbei haben der Landes-Ausschuß, die Bezirkshauptmannschaft, das Landesbauamt und sämmtliche betheiligten Gemeinden eine bedeutende Vermehrung der Durchlässe verlangt. Diese Forderungen wurden im Eisenbahnministerium abgelehnt und unbedeutende Erweiterungen vorgenommen, so daß heute durch den Damm eine Rückstauung des Wassers über das ganze Gebiet verursacht wird.
Bei Bierbaum ist der Damm gerissen, der erst im vorigen Jahre ausgeführt wurde; er ist aus sehr schlechtem Material erbaut und konnte dem Wasser nicht Widerstand leisten, so daß die Gemeinde ganz überschwemmt ist. Das Elend der Bewohner ist groß. In der Gegend von Neu-Aigen erklären die Leute, auswandern zu müssen, wenn ihnen nicht ein ausgiebiger Schutz zutheil wird.
Sehr zu befürchten ist der Ausbruch von Krankheiten, nachdem die Jahreszeit vorgerückt ist und die Häuser jedenfalls über den Winter naß bleiben dürften. 

 

Kremser Zeitung vom 24.9.1899

Zur Wassernoth.
Das Jahr 1899 kam segenspendend in das Land, zauberte die schönsten Früchte auf allen Fluren hervor und richtete so die vom letzten Hochwasser noch gebeugten Landleute zu neuer Hoffnung auf. Da plötzlich zog es seine milde Hand zurück, hüllte sich in dichte Wolken und ließ hohe, verderbliche Fluten gierig über seine reichen Gaben stürzen. Die Gemeinde Winkl  ist heuer wieder hart mitgenommen. Die Nachbargemeinde Neustift mußte neurdings alle Thüren öffnen, um die von den wackeren Dorfburschen und jungen Männern auf Zillen mit Lebensgefahr und äußerstem Kraftaufwande aus den hochinundirten Wohnungen und Stallungen von Winkl hergeführten Menschen und Hausthiere aufzunehmen. Hunderte von Menschen haben vom sicheren Landungsplatze aus das Schauspiel gesehen und gar viele konnten Thränen für die Betroffenen und lautes Lob für die Retter nicht unterdrücken. Drei Tage dauerte die Arbeit. Die Winkler konnten weder Brot für sich, noch Futter für die Thiere mitnehmen. Die ersten zwei Tage sorgte die gastliche Gemeinde Neustift, obwohl selbst schwer getroffen; dann brachen die Herren: Roskopf und Dr. Ruef aus Kirchberg, Gmeiner Franz aus Ottenthal, Mantler aus Engelmannsbrunn reichlich Brot und die Herren: Dechant Hohmann und Neugebauer aus Kirchberg, Eder, Gemeindevorsteher in Mitterstockstall, Gemeinde Mallon und Englmannsbrunn, Herr Pennersdorfer aus Ottenthal Futter genug, so daß bisher niemand leiden mußte. Gott vergelte es ihnen! Hoffentlich wird sich auch wer finden, der den muthigen Männern, die wiederholt in das kalte Wasser bis an die Brust steigen mußten, den Schaden an Stiefeln, Kleidern und den Entgang an Verdienst ersetzt.

 

Deutsches Volksblatt vom 19.11.1899

Die von der Ortsgruppe „Neubau“ zu Gunsten der Ueberschwemmten in den Donaugegenden Niederösterreichs eingeleitete Sammlung an Geld und Effecten hatte ein derart günstiges Ergebnis, daß außer acht Kisten Wäsche, Kleidern und Schuhen, welche in den Gemeinden Grafenwörth und Theiß zur Vertheilung gelangt sind, noch drei Kisten Effecten in der Gemeinde Winkel bei Kirchberg am Wagram vertheilt werden konnten. Diese Vertheilung fand Sonntag, den 5. d. M., durch die Vorsitzende Frau Singer und Beiräthin Frau Ditz statt. Hierbei wurden die beiden Frauen von dem Herrn Pfarrer Hohmann in Kirchberg am Wagram und dem Herrn Jungbauer, Schulleiter in Winkel, auf das Kräftigste unterstützt. Den genannten Herren gebührt für ihre mühevolle Beihilfe besondere Anerkennung. – Der eingesammelte Betrag wird nicht zur Vertheilung gebracht, sondern wird zum Ankaufe von Saatkartoffeln benützt, die dann im Frühjahre  an nothleidende Bewohner im Ueberschwemmungsgebiete zur Vertheilung gelangen werden.

 

Kremser Zeitung vom 3.12.1899

Die Bürgermeister von Korneuburg, Tulln und Stockerau werden in den nächsten Tagen im Namen der betroffenen Donaugemeinden im niederösterreichischen Stromgebiet oberhalb Wiens dem Monarchen ein Bittgesuch überreichen, in welchem um die beschleunigte Durchführung der Donauregulirung gebeten wird, da ohne schleunige Errichtung sicherer Schutzdämme die Ortsbewohner ganzer Gemeinden gezwungen würden, ihre bisherigen Wohnsitze aufzugeben und höher gelegene Häuser zu erbauen. Das Bittbesuch wird im Namen der Orte Korneuburg, Tulln, Stockerau, Kirchberg am Wagram, Unter-Zögersdorf, Ober-Zögersdorf, Schmida, Zaina, Perzendorf, Trübensee, Neu-Aigen, Mollersorf, Bierbaum Winkl, Frauendorf, Neustift im Felde, Grafenwörth, Seebarn, Altenwörth, Kollerdorf, Sachsendorf, Eggendorf, Pettendorf, Gaisruck und Hausleithen überreicht werden.

 

Kremser Zeitung vom 17.12.1899

Aus dem Überschwemmungsgebiete.
Dienstag den 5. d. M. fand eine neuerliche Commission statt wegen des Dammbaues zwischen Bierbaum und Utzenlaa. Die Utzenlaaer verlangten die gänzliche Schleifung desselben, weil sie durch denselben nur Schaden haben. Die Bierbaumer aber verlangen eine Wiederherstellung. Die Verhandlungen verliefen ziemlich hitzig, da jede Partei ihre guten Gründe hatte. Selbst sind aber die Gemeinden derzeit so arm und gerade durch die vielen Dammrisse an Grund und Boden derart geschädigt, daß jetzt das Land diesen Gemeindedamm zu bauen beschloß; so war wenigstens beiden Gemeinde geholfen; diesmal werden Teichgräber die Arbeit besorgen. Aus alledem aber geht hervor, daß wir noch recht weit weg sind von der Errichtung eines großen Schutzdammes in oder längs der Donauauen. Es ist übrigens in der Sache manches gar merkwürdig – es brauchete nur das Weingartelwasser wieder aufgemacht und unter Altenwörth das sogenannte „Bschlacht“ um 2 Schuh erhöht werden, so wäre die ganze Calamität nicht; aber das würde zu wenig kosten, das würde dem gesunden Menschenverstand entsprechen und die Grafenegger im „großen Grund“ die gewonnenen Auen verlieren – darum soll lieber alles hin werden. Ebenso kurios ist es, daß in den Ueberschwemmungsgebieten die Steuern unerbittlich eingetrieben werden, währende der Schaden noch nicht einmal ganz aufgenommen ist. Aber ein Gutes haben wir doch: „Die Wienerlichten“ ist seit dem neuen Gas so hell, daß sie unsere traurigen Verhältnisse auch dort erleuchten könnte, wo es nöthig wäre, wenn man alles sehen wollte. 

 

Ein nachdenklicher Artikel ein Jahr nach dem Hochwasser

Uebermaß und Uebermuth
Es ist am kommenden Sonntag (16.) gerade ein Jahr, daß unser Ort am ärgsten wohl von der Ueberschwemmung heimgesucht war. Die Erinnerung daran sollte recht eigenthümlich gefeiert werden. Nicht genug, daß wir am 2. und 3. September Tanz und Musik hatten, es sollte unser Kirchtag bis Ende der Woche dauern – denn am 8., am Feste Maria Geburt, da wurde erst der Schluß gemacht, natürlich mit Musik und Tanz. Es ist dies auch gar nicht zu verwundern. Gelegentlich des Hochwassers wurden uns so viele Spenden zutheil, daß dieselben ausreichten, nach einem Jahre noch über acht Tage lang zu jubilieren und wenn das Wasser wieder kommen sollte, da werden Gott und gute Leute schon wieder für uns sorgen. – Dann – ist aber seit einigen Jahren ein ganz anderer Geist, nämlich ein hoher, aus den „Beringa“ draußen bei uns eingezogen. Eine christliche Zeitung mußte im Gasthause der „Landzeitung“ Platz machen – einige „Herren“, die wünschten es. – Der n.ö. Landesausschuß, der ist nur gut zum Geldhergeben – dafür hält man jenes Blatt, das den Geber beschimpft. – Sind denn in Winkl keine Männer mehr. Männer, die Kopf und Herz am rechten Fleck haben.
(Kremser Zeitung vom 16.9.1900) 

 

Dezember 2020
Maria Knapp