Das Hochwasser 1862

 

Letzte Änderung: 6.7.2014

 

Pfarrer Karl Grössinger schildert in der Pfarrchronik Altenwörth ausführlich die Auswirkungen dieses Hochwassers sowohl in unseren Gegend als auch in Wien:

"In Folge des in der letzten Woche des Jänners plötzlich eingetretenen Thauwetters in Deutschland, Tyrol, Steyermark, Ober- und Niederösterreich u.s.w. und des in Baiern, Tyrol, Oberösterreich gleichzeitig stattgehabten, Wolkenbruch ähnlichen Regens wurde der sämtlich vorfindige Schnee, der jedoch nur in den Gebirgsgegenden von Bedeutung war, innerhalb kürzester Zeit in Wasser verwandelt und den Flußbeeten mit Raschheit zugeführt. Hiedurch geschah es, daß der Donaustrom eine Höhe und Ausdehnung erreichte, die soweit die ältesten Leute zurückzudenken vermögen, noch nicht da gewesen ist.

Nachdem das weite Strombeet zu beengt war um die mit dreifacher Schnelligkeit vorübereilenden ungeheuren Wassermassen fassen zu können, so überschritten die Wogen derselben mehrere Schuh hoch die beiden Ufer und verwandelten die ganze Gegend in einen unüberschaubaren See, aus dem nur Bäume, Häuser und einzelne Hügel als improvisierte Inseln hervorschauten. Der nöthige Verkehr zwischen hier und Gigging, Winkl, Kollersdorf, Sachsendorf und Neustift etc. konnte 5 Tage hindurch der stellenweise reißenden Strömung wegen nicht ohne Gefahr nur mittelst Kähnen bewerkstelligt werden. Fast sämmtliches Feder-und sonstiges Wild fand in den Fluthen, oder durch Futtermangel aufgerieben, seinen Tod.

Mit Ausname der Häuserreihe aufwärts längs des Donau-Dammes war der hiesige Ort nicht unter Wasser gesetzt. Die Uferüberfluthung erstreckte sich dießseits von oben soweit man sehen konnte herab bis zum Firlingerschen Wirthshause, von wo an das Wasser den Damm nicht mehr zu überschreiten vermochte, jedoch durch die Gasse herein brauste, und den Hofraum des benannten Wirthshauses wie auch die weiter abwärts liegenden Gärten sammt der Frauenwiese der Kirche unter Wasser setzte. Alles vom firlingerschen Wirthshause aufwärts über den Steindamm strömende Wasser eilte durch die aufwärts liegenden Gärten durch die Au bis zum Jägerstadl hereinreichend in die Lahne, die dergestalt überfüllt wurde, daß das Wasser in derselben die Höhe des Thürstockes am Küsch´schen Hause, und dieß seits des Brückels bis vor das Deikl'sche Haus heraufreichte. Am unteren Orte reichte die zurückgestaute Donau bis zum Strobler'schen Hause herauf.

Ein besonderer Schaden an Gebäuden oder ein Unglücksfall ist nicht zu beklagen. Nur sämmtliche Keller, auch die beiden im Pfarrhofe füllten sich mehr oder weniger mit Wasser. Im Pfarrhofe stieg dasselbe so hoch, daß nur 3 Stuffen der Stiege unerreicht blieben, und das Hervorquellen des Wassers in beiden Kellern begann erst von dem Momente an, als der Donaustrom die Höhe des Dammes erreicht hatte. Das allmälige Versickern des Kellerwassers dauerte über eine Woche. Dieß in Bezug auf hiesigen Ort.  In Winkl jedoch stürzten 4 Häuser ein und die Leute daselbst flüchteten sammt den Kindern auf die Dächer, von wo aus die Nothrufe weit hin ertönten.

Um ein Bild der Großartigkeit dieser Überschwemmung weiter stromabwärts zu geben, nehme ich einen Bericht des Journals "das Vaterland" vom 11. Februar 1862 hier auf. Dasselbe schreibt:

Die Überschwemmung both vom Leopoldi-Berge folgenden Anblick dar: Am linken Ufer der Donau stand Korneuburg mitten in einem ungeheuren Wasserspiegel, der sich rückwärts bis Leobersdorf  erstreckte, weit rechts jenseits des Bisamberges ausdehnte und die in dieser Ebene versteckt gelegenen Dörfer Trestorf, Harmannsdorf, Seebarn, Stetten überfluthete. Näher herab sah man Suttenhof, Langenzersdorf ganz, die Fahrstraße von Tabor nach Stockerau, sowie die Eisenbahn in der ganzen sichtbaren Ausdehnung unter Wasser; die Wächterhütten standen in demselben über die Hälfte. - Diesseits des Bisamberges reichte das Wasser nahe an die unter dem Berge etwas höher gelegenen Orte: Stammersdorf, Jedlersdorf und Klein-Maria-Taferl. Weiter sah man überschwemmt: Jedlersee, Eipeldau, Floridsdorf, Kagran, Hirschstetten,Aspern, Eslingen, Stadl-Enzersdorf, Probstdorf, Mittau, Oberhausen, Mühlleuthen, Schönau, Ort, Mannsdorf und so fort bis an die March und dann weiter bis an die ungarische Grenze. Die Strecke, auf welcher die Donau in das Marchfeld eindringt, beträgt örterweise zwei, örterweise drei Stunden. Wieviele überschwemmte Ortschaften mag es geben, in denen kein einstöckiges Haus zu treffen ist.

Am rechten Ufer der Donau waren ein Theil von Klosterneuburg, ferner von da die ganze Fahrstraße bis Wien, dann die  an dieser gelegenen Orte: Kahlenberger-Dörfl, Nußdorf, auch alle an der Nußdorferstrasse gelegenen Häuser unter Wasser gesetzt. Ferner oberhalb Klosterneuburg, die Orte Spillern, Höflein auch Greifenstein ganz und ein großer Theil von Stockerau unter Wasser gestanden. Das Tullnerbecken ist in seiner ganzen Größe und in allen Nebenräumen so überfluthet gewesen, daß es einem großen See gleich gewesen.

Nach Mittheilung eines Augenzeugen heißt es weiter, hatte die Donau zur Zeit der Überschwemmung in Struden die fabelhafte Höhe von 48, in Grein von 45 Schuh erreicht. In Mölk hatte sie diesmal den höchsten Stand eingenommen, sie erstreckte sich bis zur Kirche.Der Gusenbauer von Tabor, Pfarre Naarn hatte sich mit seiner Familie und einigen Habseligkeiten bei dem immer höher steigenden Wasser auf das Dach seines Hauses geflüchtet, wurde aber sammt diesem von dem wilden Elemente weggerissen und durch die Fluthen so lange fortgetrieben, bis er in den furchtbaren Wellen des Struden mit allen seinen Angehörigen den Tod fand.

Die Wien-Raaber-Eisenbahn hat durch die Überschwemmung einen so umfangreichen Schaden erlitten, daß man denselben erst jetzt nachdem das Wasser größtentheils zurückgetreten ist, in seiner ganzen Ausdehnung ermessen kann. In der Gegend von Wieselburg wurden mehrere hundert Klafter der Bahnstrecke abgeschwemmt. Nicht geringer sind die Verwüstungen auf der Stuhlweißenburger-Linie usw..

Daß die Bedrängniß und Noth auch in den nieder gelegenen Vorstädten Wiens, Rossau, Lichtenthal und Leopoldstadt etc. unter deren Bewohnern einen hohen Grad erreichte, versteht sich aus dem vorher gesagten schon von selbst. Über 5000 Menschen wurden obdachlos, ein großer Theil von ihnen ohne Kleider, alle ohne Nahrungsmittel. Die väterliche Sorge Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef I. und des Bürgermeisters von Wien Drs. Zelinka schaffte aber rasch und allseitig Hilfe. Aus 2 Kassernen  ließ Se. Majestät das Militär abrücken und gewährte in diesen großartigen Räumen den unglücklichen einen gesicherten Aufenthalt. Dem Nahrungsmangel derselben steuerten allsogleich große Spenden von Seite der allerhöchsten Familienmitglieder,  wie nicht minder die allbekannte Gutherzlichkeit der vom Unglücke verschont gebliebenen Wiener – Bürger. Während der ganzen Überschwemmung waren Se. Majestät der Kaiser bei Tag und Nacht  in höchst eigener Person wechselweise an  allen jenen Punkten, wo gesteigerte Gefahr und eingetretenes Unglück umsichtige und energische Leitung und Abhilfe nothwendig machten.  Nur 2 Züge seines wahrhaft kaiserlichen, edlen Herzens: Ein Doctor wurde in der Leopoldstadt eilends zu einem Patienten geholt, konnte jedoch in seinem Kahn wegen reißender Strömung des Wassers nicht das Hausthor des Patienten erreichen. Als der Kaiser, der ziemlich weit in einem  Kahne sich befand, das vergebliche Bemühen des Arztes gewahr wurde, fuhr er allsogleich diesem zu und fragte nach seinem Vorhaben. In Kenntniß gesetzt, daß es sich um die nöthige Hilfe gegenüber eines Kranken handele, hieß Sr. Majestät den Arzt in den kaiserlichen Kahn steigen und nachdem der Kaiser den Dr. dem Thore zugeführt hatte, fragte er ihn wie lange die Visite dauern werde? Dem setzte Se. Majestät bei, er wolle ihn wieder abhohlen. Der Arzt dankte jedoch tief gerührt für diese dargebothene allerhöchste Gnade und bemerkte, daß er nicht bestimmen kann, wie lange seine Anwesenheit bei dem Patienten erforderlich sein werde.

In der Brigittenau standen die Häuser bereits hoch unter Wasser, so daß die Bewohner eines dieser Häuser sammt den Kindern gerade auf die Höhe des Daches sich flüchteten, als Se. Majestät der Kaiser am Schauplatze der Gefahr angelangt war, um von dem Stande der Dinge auch daselbst sich zu überzeugen. Diese Flucht auf das Dach gewahr werdend, ließ Se. Majestät die geängstigten durch Pioniere mit ihren Pontons aushohlen und zu sich ans Land führen. Da angekommen, hieß sie Se. Majestät in die anwesende Kaiserliche Equipage steigen und nach einem Gasthof in der Stadt fahren mit dem Bemerken, daß allerhöchst dieselbe alle Auslagen tragen werden." 

 

Entschädigungen

Aus der Wiener Zeitung vom 27.4.1862:

"Nach der schon in der „Wiener Zeitung" vom 25. März d.J. enthaltenen Notiz sind zur Erhebung des Schadens, welchen die Ueberschwemmung auf dem flachen Lande in Niederösterreich an Gebäuden, Grundstücken und Fahrnissen verursacht hat, eigene bezirksamtliche Kommissionen in Thätigkeit getreten, welchen die Seelsorger, Gemeindevorsteher und mehrere Vertrauensmänner der betroffenen Gemeinden beigezogen wurden. Diese Kommissionen haben ihre umfangreiche und schwierige Aufgabe vollendet. Nach den Erhebungen derselben beläuft sich der durch das gedachte Elementarereigniß veranlaßte Gesammtschaden an Privateigenthum auf 2,496.744 fl 90 kr.

Die Aufnahme des Schadens geschah durch die Kommissionen in der Art, daß jener Theil desselben, welcher von den Beschädigten mit Rücksicht auf ihre Vermögensverhältnisse ohne Anspruch auf Aushilfe getragen wird, mit dem Betrage von 1,744.603 fl 47 kr abgesondert zur Darstellung gebracht wurde.

Nach Abzug dieses Betrages von obiger Gesammtsumme beträgt derjenige Schaden, für welchen die Betroffenen in Anbetracht  ihrer kommissionell erhobenen Verhältnisse eine Aushilfe anzusprechen in dem Falle sind 722.141 fl 43 kr."

Insgesamt kamen 143.206 fl 86 ½ kr zur Verteilung. Darunter war "ein von Allerhöchtsteiner k.,k. Apostolischen Majestät allergenädigst gespendeter und durch Allerhöchstdessen General-Adjutanten Graf Coudenhove und Flügel-Adjutanten Oberst v. Hardt in den Bezirken: Melk, Ybbs, Amstetten, Haag und Persenbeug unmittelbar vertheilter Betrag von 5.145 fl…." , der Kaiser spendete noch weitere 10.000 fl.  Graf August Breuner, Inhaber der Herrschaft Grafenegg, verteilte unter den betroffenen im Bezirk Kirchberg am Wagram 1000 fl. 

Folgende Haus- und Grundstücksbesitzer erhielten Geldbeträge zwischen 3 und 80 Gulden:

Altenwörth
Johann Graetzel, Leopold Deckel, Johann Perwein, Joseph Nessinger, Lorenz Hittinger, Michael Pfaffel, Joseph Nessinger

 

Gigging
Joseph Schiffer, Joseph Nestl, Joseph Polzer, Ferdinand Hittinger, Ignaz Breit, Leopold Strobler, Barbara Hofstetter, Johann Berwein, Maria Kornreiter, Joseph Fellner, Joseph Beinl, Franz Lechner

 

Kollersdorf
Valentin Greneis, Leopold Weiß, Johann Reiser, Joseph Leitner, Johann Kreuzer, Joseph Weiß, Johann Preisinger, Leopold Leitner, Franz Beitl, Joseph Danzer, Anton Helmer

 

Sachsendorf
Maria Leitner, Johann Bekerti, Franz Ploiner, Maria Helm, Maria Beinl, Gottlieb Ploiner, Michael Ringelhahn, Anton Halmer, Joseph Weiß, Ignaz Kalchhauser

 

Winkl
Johann Wagensonner, Johann Riedl, Ignaz Reichmann, Johann Engelmann, Joseph Eichberger, Joseph Eichberger, Mathias Rauscher, Leopold Schwarzer, Johann Schmidt, Franz Schweiger, Michael Huber, Michael Gruber, Ignaz Grübl, Anton Rosenkranz, Joseph Beilinger, Joseph Deimel, Johann Schuster, Ignaz Doppler, Anton Mahringer, Mathias Deimel, Johann Wagensonner, Franz Mahringer, Johann Krach, Jakob Beer, Franz Kellner, Johann Hartl, Georg Reiser, Michael Leitenhuber, Johann Wimmer, Joseph Weber, Joseph Wiedermann, Johann Heiß, Michael Schneider, Leopold Blauensteiner, Franz Riedl, Michael Weidinger, Joseph Stich, Mathias Ranolter, Franz Riedl, Georg Biebl, Karl Wimmer

 

Frauendorf
Joseph Guttauer, Johann Leitner, Michael Grill, Joseph Braun, Joseph Reitbauer, Leopold Schaupp, Joseph Ranolter, Joseph Gned, Joseph Auer, Joseph Bruckner, Ignaz Kapras, Ignaz Hackl, Ignaz Hochreiter

 

Bierbaum
Michael Doppler, Leopold Artner, Leopold Akermann, Franziska Kurz, Ignaz Klimmer, Joseph Merkinger, Theresia Eiböck, Franz Schlagenhaufer, Franziska Albrecht, Johann Mahringer, Johann Maier, Michael Weiß, Johann Lang, Johann Glaser, Anton Zehethuber, Kaspar Pauser, Joseph Wimmer, Franz Leitner, Joseph Pauser, Johann David

 

Utzenlaa
Joseph Eiböck, Leopold Edlinger, Johann Ecker, Franz Muhm, Joseph Powonda, Franz Köllnböck, Karl Riener, Maria Reichel, Joseph Zens, Ignaz Maierhofer, Michael Schneider, Leopold Straßer, Johann Bartl, Michael Albrecht, Johann Straßer, Elisabeth Gruber

 

Neustift
Johann Schörgmayer, Michael Weiß, Joseph Ringelhahn 

 

Quellen
Pfarrchronik Altenwörth

ANNO, Wiener Zeitung vom 27.4.1862

 

Juni 2013
Maria Knapp