Das Hochwasser 1954

 

Letzte Änderung: 13.11.2014 

 

Hochwasserstein in Ponsee:  8,6 m Höhe  

Schulchronik Winkl 

Schulleiter Leopold Engelberger leitete in Winkl den Hochwassereinsatz und arbeitete mit der russischen Besatzungsmacht zur Rettung von Mensch und Tier zusammen. Hier sein Bericht:  

10.7.1954 
E
s wird Hochwasser geben. Die  Berichte, die aus dem Oberlauf der Donau kommen, werden immer bedrohlicher. Passau meldet, daß sämtliche Hochwassermarken am Rathaus bereits überschritten wurden. Noch hoffen viele, daß sich die Wasser abschleudern werden. – Die Bergau und die Schinderlahn sind voll. Der Weg zum Hegerhaus (Christament) ist nicht mehr frei. Der Weg längs der Lahn zur Schinderwiese und zum Haus No 44 ist noch frei.  

11.7.1954, 900
Die Feuerwehr hat Alarmbereitschaft. Am Vormittag werden die Zillen einsatzbereit gemacht, d.h. die Zwischenräume der Dauben werden mit Fetzen ausgestopft und Latten darüber genagelt. Die Methode war einfach, aber sie bewährte sich. Georg Zimmermann (No 28) richtete darnach die notwendigen Ruder.  

1200    
G
egen 1200 mittags ist das Haus No 44 in der Au, derzeit von der Fam. Josef Schuster bewohnt, vom Wasser eingeschlossen. Trotz der Aufforderung, das Haus zu räumen, weigern sich die Bewohner. Das Haus steht auf einem Werder und liegt wesentlich höher als die Umgegend. Es war noch nie überflutet. Auch nicht 1899. Dieses Jahr ist hier das Maß aller Dinge. Das Jahr 1954 hat aber bewiesen, daß das Wasser höher steigen kann als 1899.  

1500 
D
er Weg zum Hegerhaus ist bis zum Anrand überflutet. Über die Kirchen- und Tullner Teile rinnt das Wasser in östl. Richtung. Die Lahn im Seidlgries hinter Haus No 49 ist voll. Im Gemeindegraben steht das Wasser bis zum großen Bombentrichter oberhalb der hohen Pappel.  

700 abds.  
In Altenwörth hat die Donau den Damm überflutet. Von der Kampmündung bis zum Einwögerer-Wirtshaus ist alles unter Wasser. Ins Gasthaus Hametner kann man von rückwärts durch den Hof noch trocken hinein. Die Zahl der Neugierigen ist Legion. Autos, Motorräder, Fahrräder, Fußgänger. Alles will das Schauspiel sehen.
Winkl ist um diese Zeit noch vollkommen trocken. Obwohl in früheren Wasserjahren Winkl bereits voll war, ehe Altenwörth Wasser bekam.  

2000   
Das Wasser rinnt über die Kirchenteile in den Kirchengraben. Die Straße in die Au (zum Haus No 44) ist bis 50 m hinter der Kirche noch trocken. Die Anschlaglahn ist voll. Das Wasser rinnt über Stierwiese und Grausenburgerwiese. Es ist ein unheimliches Gurgeln, Rauschen in der Luft.  

2200     
D
as Wasser steht um 2200 am Waidweg. Eine Stunde später ist es 40 cm gestiegen. Die Feuerwehr wacht.  

12.7.1954, 315
Um 3 Uhr 15 rinnt das Wasser in breiter Front von der Fuchsbergerau gegen das Dorf und rinnt durch den Garten hinter Haus No 14 (Grausenburger) in die kleine Au gegenüber der Schule und durch den „Bach“ hinauf in die Nachtweid und gegen Gigging. 

700   
Der „Bach“ und die „Bogatln“ sind voll. Die Straße beginnt naß zu werden.  

900        
Z
wei Stufen zum Schulaufgang sind überschwemmt. Noch immer rinnt das Wasser in starkem Strom gegen die Nachtwaid und Gigging. Die Dorfstraße ist vom Haus No 14 zum Haus No 3 und vom Haus No 42 (Schabl) bis Neustift trocken. – Hinter den Häusern kann man von Neustift her noch bis zum Haus No. 15. Der Baumeister Damböck kommt am Vormittag. Unsere Gudrun fährt mit ihm mit nach Kirchberg. Sie beginnt sich vor dem vielen Wasser zu fürchten. – Zwischen 700 und 900 hat Herr Zimmermann die Kinder herumgefahren. Nun geht es nicht mehr. Die Strömung wird immer stärker. Das Übersetzen von der Au zum Grausenburger ist wegen des starken Stromes schon gefährlich.  

1500    
B
is 15 Uhr konnte man hinter den Häusern noch bis zur Schule gehen. Nun aber hat das Wasser die Waage erreicht und fließt in wildem Strom von Gigging durch die Altendorfer Lahn am Seekreuz vorbei Richtung Frauendorf. Ebenso reißend fließt es durch die Gemeindeau herein, strömt am Haus NO 35 vorbei Richtung See, zwischen Haus No 34 und 55 ins Donaufeld und durch das Dorf, wo es über die Hofwiese abfließt. – Im Haus No 44 ist die Situation in der Zwischenzeit schon bedrohlich geworden. Schon am Vormittag habe ich die Kommandantin der russ. Besatzungsmacht in Tulln angerufen und um einen Schwimmwagen gebeten. Das Haus No 44 ist mit der Zille nur mit äußerster Lebensgefahr zu erreichen. – Ich bin seit 900 vorm. mit der Zille unterwegs. Die Leute müssen ja mit dem Notwendigen versorgt werden. Gegen abend holen wir beim Seekreuz den Tierarzt. Nur mit harter Mühe können wir das Stück zwischen Haus No 39 (Birochs) und Haus No 35 (Grill) schaffen. Ein paar Helfer vom „Roten Kreuz“ ziehen uns, sich selbst am Zaun festhaltend, ca 20 m. Dann geht es wieder. Die Einfahrt zum Haus No 27 (Lastinger-Schörgmayer) ist ebenfalls sehr schwierig, weil hier der Strom quer zum Einfahrtsweg rinnt und die Zille immer gegen die Bäume treibt, die nun schon bis zur Krone im Wasser stehen.  

1800   
N
un ist das ganze Dorf überflutet. Alle Höfe stehen unter Wasser, in den meisten Häusern sind auch die Wohnungen schon angefüllt. Kein Wasser in der Wohnung hatte Haus No 17 (Gasthaus Zehetner), No 13 (Politzer), No 14 (Nofirth), No 15 (Passecker), No 11 (Wimmer Amalia), No 9 (Ebentheuer), No 7 (Heisler Wilhelm, früher Schocher-Wimmer), No 3 (Bachmayer), No 38 (Reiser-Deibl), No 22 (Steinbatz Rudolf, früher Danzer). Trotzdem steigt das Waser noch immer weiter. Haben die Leute zuerst um ihre Frucht auf dem Acker gebangt, beginnen sie nun um ihr Vieh zu bangen und kurze Zeit später denken sie nur mehr daran, sich selbst zu retten.  

1900   
Z
wei Schwimmwagen kommen. Die Evakuierung beginnt. Von den 170 Einwohnern verlassen 36 Kinder, 49 Frauen und 17 Männer das Dorf. Die Besatzung des Schwimmwagens wird von Feuerwehr und Gendarmerie unterstützt. Das „Rote Kreuz“ unter Leitung von Herrn Alois Kohlheimer in Kirchberg übernimmt beim Seekreuz die Leute und fährt sie nach Kirchberg. Dort werden die, die nicht privat unterkommen können, im Dorfgasthaus Heiß ins Notquartier gelegt. Decken stellt das „R.K“ zur Verfügung. – Unsere kleine Roswitha war den ganzen Vormittag vom Wasser nicht wegzubringen. Aber als das Wasser immer höher stieg, begann sie sich zu fürchten und zu weinen und rief nach dem Vati. Sie hörte nimmer auf zu weinen. Als die Schwimmwagen kamen, ließ sie sich ruhig von einem Soldaten hinaufheben, obwohl sie sich sonst vor jedem mehr fürchtet, als vor dem Krampus. – Auch die Frau, unsere 78jährige Großmutter, die aus Bayreuth zu Besuch da ist, und die zwei großen Kinder, Ingo und Waltraud, werden evakuiert. Die meisten Leute müssen auf improvisierten Notstegen durch das Fenster die Häuser verlassen.
Der Keller der Schule hat sich am Nachmittag durch das steigende Grundwasser schon gefüllt bis zur Decke. Noch ehe das Wasser die Türschwellen überschreitet, steht schon in allen Zimmern das Wasser, das durch den Fußboden aufgestiegen ist. Wie kleine Springbrunnen steigen die Fontänen zwischen den Fußbodenbrettern in die Höhe.  

2200     
I
n der ganzen Wohnung steht das Wasser ca 15 cm hoch. Durch den Gang schießt es 30 cm hoch. Die Türen in den Hof hinaus sind noch nicht angeschlagen, „Zug“ ist vorhanden. Durch den Hof und den Garten rauscht ein Strom 60 cm – 80 cm tief. – Es ist ein grausig-schönes Bild, das überschwemmte Dorf im hellen Mondschein. Die Zäune sind alle verschwunden, die Bäume haben keine Stämme oder schauen nur mit der halben Krone aus dem Wasser, die Häuser erinnern an Zwerge und Gnomen, es fehlt das feste Unten. Die Tore sind wie aufgesperrte Mäuler, die Fenster schreckoffen und die Dächer drücken schwer. Das Wasser rauscht und gurgelt und tatscht und schweibt gegen die Mauern und rinnt und steigt. Ein Hund schlägt an. Eine Katze miaut kläglich. Ein Reh klagt. Das Wasser rinnt und steigt. – Am Sonntag nachmittag packten wir schon das gute Geschirr weg. Am Montag, als das Wasser die letzte Stufe erreichte, schlug ich die Betten ab und legte sie auf die Schulbänke. Ebenso alle Wäsche und die Kleider. Die schweren Schränke wurden auf 4 Ziegel gestellt. Durch diese Maßnahmen ist uns nichts verdorben. Viele Leute unternahmen nichts. Sie hatten beträchtlichen Schaden.  

In der Nacht vom 12. auf den 13.7.54 
Herr Zimmermann und ich wachen. Gegen 300 früh versucht Herr Schuster (No 44) mit der Zille ins Dorf zu kommen. Die Zille kippt um und er, sein Sohn und seine Schwiegertochter hängen 2 Stunden an den Bäumen bei der Kirche. Sie schreien um Hilfe. Der Notruf erreicht uns nicht. Wir fahren um 500 früh aus und nehmen sie auf. Sie sind starr vor Kälte.  

13.7.1954   
Heute werden die Tiere evakuiert. Die Schweine fahren wir mit den Zillen aus den Häusern und heben sie in die Schwimmwagen. Die Pferde und Rinder werden mit dem Ponton bis zum See gefahren, von dort mit LKW nach Neustift. Der leere Ponton wird vom Schwimmwagen ins Dorf gezogen. Den Ponton führt Herr Maracek aus Kirchberg, ein ehem. Pionierfeldwebel. Die Feuerwehr von Ottenthal ist ebenfalls sehr rührig. Am Abend ist alles gefährdete Tier aus dem Dorf. 

Das „RK“ bringt Brot. Der Winzerkeller schickt 500 2l Flaschen Wasser. Im Dorf ist kein Brunnen, der trinkbares Wasser hätte.  

14.7.1954    
Das Wasser hat den höchsten Stand erreicht. Wir fahren um 500 früh aus und versorgen die Leute mit allem, was sie brauchen. – Herr Politzer hat seine Tiere im Haus No 7 (Heisler) in der Scheune eingestellt. Er ist daheim und schläft. Wir schauen nach. Eine Kuh kalbt. Dem ersten Kalb können wir nicht mehr helfen. Es steckt schon zu lange. Das zweite ziehen wir lebend. Bis der Besitzer kommt, sind wir fertig. Er bringt uns dann eine Flasche Wein  

15.7.54      
Heute hole ich mit dem Schwimmwagen Misch und Pohl in der Edermühle in Grafenwörth. Ein schöner, sonniger Tag. Das Gebiet rund um Winkl ist ein riesiger, silberglänzender See.  

16.7.1954   
Das Wasser fällt. Die Wohnungen werden frei. Von Haus zu Haus muß man freilich noch mit der Zille fahren.  

17.7.54    
Im Laufe des Vormittags wurde die Dorfstraße vom Wasser frei. Vom Dorfeingang bis zum See wird mit 2 Zillen ein Pendelverkehr eingerichtet.Am Nachmittag kommen Arbeiter aus USIA-Betrieben in Korneuburg und wollen bei Aufräumungsarbeiten helfen. Es ist noch alles verschlammt. Sie können nichts tun.  

18.7.54     
Radio Wien (Russische Stunde) interviewt mich. Am Nachmittag kommt der russische Oberst aus Tulln und fragt, ob wir noch etwas brauchen. Ich bedanke mich für die Hilfe und das Angebot. USIA-Arbeiter bringen Grünfutter, das sie mit LKW der Besatzungsmacht bei den Bauern im Umland holen. Ich verteile es.  

19.7.54   
Die „Volkssolidarität“ (Komm. Partei) bringt Frühkartoffeln (3000 kg).  

20.7.54
Ich organisiere die Versorgung der hiesigen Bauern mit Grünfutter.  

21.7.54  
Heute beginnen die Leute mit der Ernte. Alles ist voll Letten, niedergeschwemmt, der Boden weich. Sie mähen mit der Grassense. Nach einer Stunde sehen sie aus, als ob sie in einer Zementfabrik arbeiteten. Sie brauchen Hilfe. Ich organisiere eine Erntehilfe. Von Gösing kamen ca 20 junge Leute vom ländl. Fortbildungswerk und helfen.  

25.7.54     
Am Sonntag kommen von Mallon, Fels und Unterstockstall ca 50 junge Burschen und Mädel von der „Kath. Jugend“ und helfen. Ich teile die jungen Leute ein. Unseren Bauern ist geholfen. 

31.7.1954       
Heute kommen Kartoffeln von der Bauernkammer.  

1.8.1954  
Die Schadensaufnahme beginnt. Die Bögen sind sehr groß. Alles in dreifacher Ausfertigung. – Jeden Tag ist nun eine andere Meldung zu erstatten. Die Ferien gehen zu Ende.   

18.8.1954
Ende August wurden die ersten Erhebungen über entstandene Bauschäden gemacht. Die ersten Vergütungen erfolgen noch vor der Wahl. Es wird alles sehr großzügig gehandhabt und jeder überflüssige Papierkrieg vermieden. 
 

Diese Aufnahme ging an die B.H., von dort an die Landesreg. Ein Reg. Beam. überprüfte an Ort und Stelle die entstandenen Schäden, stellte den Betrag der als Wiederaufbauzuschuß gegeben wurde, fest und der Betroffene reichte die Rechnung über Wiederherstellungskosten bei der Gemeinde ein. Diese bestätigte Leitung und Lieferung und die B.H. überwies dem Baumeister u.s. den auf der Rechng. ausgewiesenen Betrag.  

Während des Hochwassers leitete ich den gesamten Einsatz. Trotz der Umstände klappte alles. Wir haben nichts angefordert, sondern uns selbst geholfen. Meine Helfer waren Zimmermann Georg, Zehetner Josef, Schlawack Werner, Schweiger Josef, Riedl Franz, Aigner Karl, Schmidt Karl jun., Stäuble Heimo. 

Der Schaden, der durch das Wasser entstand, war groß. Vollkommen vernichtet wurde die Kartoffelernte, teilweise die Rüben und Zuckerrüben. In der Nachtwaid und zum Teil in der Waid und im Donaufeld verfaulte auch das Getreide, weil das Wasser nicht abfließen konnte. Die Brunnen sollten alle saniert werden. Wir taten es nicht. Der Grundwasserstrom reinigte sie besser, wie es Chlorkalk zu tun vermöchte. – Die Gelsenplage nach dem Hochwasser war entsetzlich. 

An Spenden liefen im Dorf ein: Kleidungsstücke aller Art, 15 Paar Gummistiefel, 30 Wolldecken, 8000,- S von der Gemeinde Pottenstein, 200.000 kg Mais aus Amerika (manche Bauern bekamen mehr als einen Waggon), jeder Landwirt bekam Saatgut für 1 ha (jeder Fruchtgattung) umsonst, was er darüber brauchte um 2/3 billiger, an Futterkartoffeln 3000 kg pro ha 2/3 billiger. An Bauschäden wurden bis 1.2.55 ca 150.000,- S bewilligt. Außerdem bekam jeder, der es in Anspruch nehmen wollte, ein Darlehen zu 2 1/2 % mit einer Laufzeit von 3 Jahren u. zw. pro ha 5.000,- - 10.000,- S. Bei besonderer Notlage konnte die Rückzahlungsfrist auf 10 Jahre ausgedehnt werden. 

Außerdem konnte jeder sein Getreide, wenn es noch so minder und verschlemmt war, dem Lagerhaus zum vollen Preis (2,40 S pro kg) verkaufen. Auf Mehlschein kann er sein Brotmehl in der Mühle um 2,35 S pro kg kaufen. Außerdem wurden allen Besitzern ein 100 % Nachlaß der Grundsteuer gewährt und zum Ausheizen der Wohnungen 20.000 kg Steinkohle kostenlos zu Verfügung gestellt. 

Auf Grund dieser Hilfe ist die Lage so, daß keinem ein Schaden entstanden ist, der ihn in seiner Existenz bedrohen würde. Im Gegenteil, man kann sagen, daß keiner besser leben würde, wenn das Hochwasser nicht gekommen wäre. Einige, die einen Teil ihrer Äcker im Neustifter Feld hatten, haben sogar recht gut abgeschnitten. Einer hat sogar gesagt, er ließe eine Messe lesen, wenn im kommenden Jahr wieder so ein Wasser käme. Und der muß es wissen!   

27.7.55
Heute wurde dem Schulleiter von Winkl, Engelberger Leopold, vom Herrn Bez.- Hauptmann Dr. Kermer, das ihm von dem Herrn Bundespräsidenten Dr. Körner verliehene Silberne Verdienstkreuz für Verdienste um die Rep. überreicht als Anerkennung für seine Leistungen während des Hochwassers.
 

 
Die Zille hält vor dem Gasthaus Zehetner und wird mit der Kette an der Verkaufspudel festgemacht.  

Im Hintergrund das Seekreuz (aufgenommen von der Straße aus Richtung Neustift).
In den Zillen, rechts.  Schlawack Werner, Schmidt Karl, Engelmann Johann
Rechts: Zehetner Josef, Schweiger Josef, Engelberger Leopold, Zimmermann Georg 

 Hartl Josef vor dem Haus Nr. 33 (Engelmann) mit Blick Richtung Haus Nr. 25 (Riedl) 

    
Beim Bürgermeister Schmidt (No 26) im Hof. Rechts Steuermann Zimmermann Georg

 

Herr Steinbatz Rudolf (Haus No 28) hat die Kühe in der Wohnung untergebracht. Sie schauen zum Fenster heraus.  

 

 

 

 

 

 

 

„Bereitschaft“ 

 

  

 

     
Schwimmwagen vor der Schule - Der Kommandant mit Lehrer Engelberger 

Die ersten Kartoffel werden abgeladen. Roswitha Engelberger sieht zu.

 
Rechnung über die Verpflegung der Hilfskräfte

        

li:das Haus der Familie Fellner, Foto Familie Grausenburger - Am Niederwagram, Schulchronik Neustift

 

Schulchronik Neustift
In diesem Sommer sind die Donauländer von einer verheerenden Hochwasser-Katastrophe heimgesucht worden. Ungeheure Niederschläge im Gebiete der oberen Donau ließen die Nebenflüsse mächtig anschwellen. Diese Nachrichten ließen daher auch für unser Gebiet das schlimmste befürchten. Diesmal kam das Hochwasser nicht nur überraschend - die Leute konnten nicht an ein Hochwasser vom Ausmaß jenes der Jahres 1899 glauben - sondern zu einer Zeit, da das Donaufeld weit und breit ein wogendes Ährenfeld war und die Ernte unmittelbar bevorstand. Während die Fluten am 10.7. bereits das Auland restlos überflutet hatten, füllten sie am 12.7.1954 die Lahnen und Sutten, Graben und Mulden des Donaufeldes. Nun liefen viele und wollten retten, was noch zu retten war. Manchem gelang es, die eine oder andere Fuhre Klee, Heu oder Getreide zu retten, doch mußte er sich beeilen, denn das Wasser stieg zusehends und drohte den Leuten den Rückweg abzuschneiden. Am Dienstag den 13.7. war das ganze Donaufeld ein einziger See, der bis zum Niederwagram reichte. Bis zum letzten Augenblicke klammerten sich die Leute im benachbarten Winkl an ihr Hab und Gut und als sie endlich schweren Herzens sich entschließen mußten, dieses zu verlassen, waren sie von den Wogen umschlossen. Nun mangelte es an Schiffen, Kähnen, aber auch an Leuten, die mit solchen Fahrzeugen umgehen konnten. In dieser Not trafen die großen Schwimmwagen der Sovjetischen Besatzungsmacht ein. Mit diesen gelang es, Menschen und Tiere zu retten. Ohne ihre Hilfe wäre manches Vieh zugrunde gegangen. Menschen und Tiere wurde aus Winkl nach Neustift gebracht. Nun sind die Fluten zurückgegangen und die Leute in ihre durchnäßten und verschlemmten Häuser zurückgekehrt. Die Not ist groß, denn die Kartoffeläcker sind vollkommen u. die Zuckerrübenfelder zum Teil zugrund gegangen. Das Getreide, das aus den verschlemmten Äckern geerntet wurde, ist sehr schlecht. Viel Bauern, die betroffen worden sind, bedürfen einer Hilfe. Sammlungen haben schon stattgefunden.

 

Pfarrchronik Altenwörth
Samstag den 10. Juli trat die Donau ober der Kampmündung aus. Sonntag war der Weg am Donauufer schon bis ins Dorf herab unter Wasser. Nun wurde das Ufer verschanzt durch einen Notdamm soweit es ging; Das Wasser aber stieg immer mehr; den Höhepunkt erreichte das Wasser am 13. Juli. Ganz Altenwörth stand unter Wasser bis auf das Stück Straße vom Haus Nr. 4 bis Nr. 43. Die meisten Gärten standen auch unter Wasser; das Wasser drang auch vielfach in die Stallungen u. Wohnungen ein. Viele Leute mußten ausziehen, auch die Tiere mußten in Sicherheit gebracht werden. Der Verkehr nach Gigging u. Kollersdorf konnte nur mittels Zillen aufrecht erhalten werden. Kirche u. Pfarrhof blieben trocken, nur die beiden Keller waren voll Wasser, heute sind sie schon wieder trocken. Noch ärger als in Altenwörth war es in Winkl; doch Menschenleben ist keines zu beklagen, in diesen schweren Tagen kamen viele fremde Helfer; die Feuerwehren der Umgebung, Gendarmeriebeamte, auch die Besatzungsmacht hat mitgeholfen mit Schwimm-Autos. Die Häuser hatten viel Schaden gelitten, noch mehr aber die Felder, besonders die Kartoffelfelder; heute noch steht auf niedergelegenen Äckern das Wasser; dir Gräben sind noch fast voll. Es war das größte Hochwasser seit 1899.

 

Schulchronik Kollersdorf

Stand am 12. Juli 1954
400 ha Ackerland der Gemeinde Kollersdorf standen unter Wasser. Die gesamte Kartoffelernte wurde vernichtet. In Kollersdorf reichte der Wasserstand bis zur Kapelle, in Sachsendorf bis zum Kriegerdenkmal. 

Bericht über das Hochwasser im Juli (12.-16.)1954
Die Nachrichten vom Hochwasser im oberen Donaugebiet – Passau-Linz-Ybbs u.s.w. – lösten die Folgerung aus, daß die Donau auch bei Altenwörth ihre Ufer übersteigen und eine Überschwemmung wie Anno 1899 eintreten kann.

Die „Alten“ erzählen oft von dieser Katastrophe und deren furchtbaren Auswirkung. Die „Jugend“ lauscht ihren Worten mit Sensationslust und mit dem stillen Verlangen, ein solches Schauspiel einmal erleben zu können, ohne dabei an deren Folgen zu denken.

Am 11. Juli ist die Donau in Altenwörth stromaufwärts aus ihren Ufern getreten und am 12. Juli wird das Gebiet Altenwörth-Kollersdorf – 2 km Luftlinie – in einen See verwandelt. Der Kamp, der bei Seebarn von der Donau zurückgedrängt wird, hat sich in diesen Raum ausgebreitet. Das Wasser hat sich seine alten Wege gesucht, die sonst als Gräben, Mulden – „Lahn“, begrenzt von Sträuchern und Kopfweiden durch die Landschaft ziehen.

Die Schilderungen der „Alten“ sind zum Erlebnis für die „Jugend“ geworden. Man kann mit dem Boot von Kollersdorf – Altenwörth fahren. Die Felder unter Wasser, das Wild in Not.

Der Stand vom Jahre 1899 wurde stellenweise überschritten, an anderen Stellen wieder nicht erreicht. Der Boden hat sich seit 1899 für das Auge unmerklich verändert. Das Wasser brachte es zutage.

Über 400 ha Acker- u. Wiesenland der Gemeinde Kollersdorf wurden überflutet. Die „Jugend“ hat das Schauspiel erlebt und muß aber auch den angerichteten Schaden zur Kenntnis nehmen.

Das Leben geht weiter, das Wasser beginnt zu sinken. Die Bewohner beginnen, wenn möglich, ihre Felder zu besichtigen und hoffen, daß ein Teil ihrer Arbeit doch Entlohnung finden wird.

Dieser Bericht wurde an Herrn Bezirksschulinspektor Anton Matyas übersandt.      
Josef Schneider (Schulleiter)

  
Foto vom 11. und 12. 7.1954, Schulchronik Kollersdorf

 

Schulchronik Altenwörth

Die Tage vor dem 10. Juli brachten ein rasches Ansteigen der Donau u. schon Samstag den 10. Juli mußte das Haus Nr. 16 b, das am tiefsten gelegen ist, noch abends geräumt werden. Die Bewohner fanden bei Verwandten Unterkunft. In der darauffolgenden Nacht wurde für die Feuerwehr bereits Alarmdienst angeordnet. Sonntag den 11. Juli wurden bereits die Ufer oberhalb u. unterhalb des Ortes überflutet. Keller wurden geräumt u. an gefährdeten Stellen Schutzdämme errichtet. Dabei hatte die Feuerwehr schon unter ihrem munteren Kommandanten Anton Hametner wertvolles geleistet. Viele Neugierige aus der Umgebung waren herbeigeströmt und bestaunten die tosenden Fluten. Die Donau stieg stündlich um 3 -5 cm u. man wußte bereits, es wird eine sorgenvolle Nacht geben. Denn schon füllte sich plötzlich von der Nordseite des Dorfes u. zwischen Altenwörth und Gigging der Wassergraben rapid. Am 12. Juli war die Ortschaft Altenwörth bereits ringsum von Wasser eingeschlossen. Alarmsignale der Feuerwehr kündeten schon die gefährliche Situation an. Neue Dämme mußten errichtet werden, Vieh in die Sicherheit gebracht werden. Wasser stieg noch immer. Licht u. Telephon mußte abgeschaltet werden. Und das Wasser stieg noch immer.

Feuerwehrmänner aus Kirchberg u. Umgebung sowie Rotkreuzmänner waren zum Einsatz hierher berufen worden. Dämme mußten verstärkt u. verlängert werden. Feuerwehr, Post u. Gendarmerie waren voll in Anspruch genommen u. hatten Übermenschliches geleistet. Am Mittag waren die beiden Ortschaften vollends vom Hochwasser eingeschlossen. Vom Kirchturm aus sah man ringsherum nur Wasser. Für abends war Hilfe durch die sowjetische Schutzmacht angesagt. Diese kam mit zwei großen Schwimmautos u. brachte Rettungsboote. Kranke u. alte Leute sowie Frauen und Kinder wurden nunmehr mit diesen Schwimmautos nach Kirchberg evakuiert. Am 13. Juli zeigte der Pegel eine Höhe von 8,10 m. Das rote Kreuz brachte die erste Brotspende, dem hiesigen Bäckerbetrieb wurde mit Hilfe eines russischen Schwimmautos der Mehl- und Futtermittelvorrat ergänzt. Als am 14.Juli der Wasserstand nur langsam fiel, atmete man erleichtert auf. Doch zeigten sich schon jetzt und besonders in den nächsten Tagen die Verwüstungen an Häusern, Gärten, Straßen u. ganz besonders auch an Feldern.  Lehrer Ludwig Riediger            

         
Heiss Gigging  -  Garten von Strandl
   

Waltner/Hametner – Gemeindegarten   

Notdamm in Altenwörth
Foto: Pegelmessstelle Altenwörth

 

Schulchronik Bierbaum 

Durch 40stündige Wolkenbrüche in den Alpen führte die Donau enorme Wassermassen stromab und überflutete dadurch auch in einem noch nie dagewesenen Ausmaß das ganze Kremserbecken. 

Am 12. Juli 1954 erreichten die Wassermassen auch unser Gemeindegebiet. Schon am Morgen desselben Tages war die Feuerwehr damit beschäftigt, die Dammüberfahrten zu verstärken, da von Frauendorf herab sich das Gebiet jenseits des Dammes mit Wasser füllte. Um 7 Uhr abends aber waren die Fluten bereits so hoch, daß sie den Damm überfluteten und die Flutwelle innerhalb einer Stunde das Gebiet bis zum Kriegerdenkmal mit den Wassermassen ausfüllte. Von hier ergoß sich ein riesiger Strom bei dem Hause des H. Exinger vorbei zum Gemeindeteich. Um ½ 9 Uhr abends war die Straße vom Hause Elsensohn bis zum Haus des H. Resch ein einziger See und es begann nach Auffüllung in entgegengesetzte Richtung zu fließen, da der ganze Druck von Frauendorf herab kam. Mittlerweile kam auch das Wasser durch den unteren Ort herein und reichte bis zum Hause des Herrn Eder. Besonders schwer getroffen wurden die Häuser der Besitzer Gaubitsch, Fuchs, David, Buchegger, Daschütz, Liebl, Grestenberger und Falb sowie Huber, wo das Wasser bis zur Fensterhöhe reichte. Im Hause Fuchs und Klein stürzten Mauern zusammen. 

Gegen 9 Uhr abends kam das Wasser auch zur Schule und zwar von rückwärts über die Pfarrwiese, innerhalb einer Stunde reichte es bis zur ersten Stufe bei der Hoftüre. Unter furchtbarem Rauschen und Tosen füllte sich die neue Senkgrube mit Wasser. 

Am Morgen des 13. Juli erreichte das Hochwasser seinen höchsten Stand und drang durch die Häuser Elsensohn und Lohner, so daß es über die Straße vor der Schule floß und ein reißender Bach längs des Vorgartens zur Pfarrwiese abfloß. Dadurch füllte sich der Vorgarten ganz und das Wasser nahm seinen Weg durch die Kohenkammer, die Aborte und rann in den Schulhof durch. 

Das Wasser reichte vor der Schule bis zum Beginn der ersten Stufe vor dem Schultor und erreichte damit denselben Stand wie im Jahre 1899. 

Am Abend des 13. Juli begann es dann wieder leicht zu sinken. 

Der Schaden, der verursacht wurde, ist ein unermesslicher, da sämtliche Feldfrüchte, welche südl. Bierbaums gebaut waren, vollständig vernichtet wurden. Über die Äcker des Donaufeldes floß das Wasser in 2 m Höhe. 

Zur Evakuierung der eingeschlossenen Häuser war ein Schwimmwagen der russischen Besatzungsmacht eingesetzt, welcher die Häuser des H. Falb Joh. und Doppler Anton räumte, da die Bewohner bereits auf den Dachboden geflüchtet waren. Auch eine Abteilung der Wiener Gendarmerieschule mit 3 Zillen war hier eingesetzt und besorgte den Verkehr zu den eingeschlossenen Häusern und nach Frauendorf. 

Das gesamte Vieh (Rinder und Schweine) wurde nach Absdorf und Königsbrunn evakuiert. 

 
Blick vom Kaufhaus Bauer gegen den Oberort -  Blick vom Schulgarten zum Turnplatz 

Blick zum Obstgarten des Herrn Bauer. 

 Kriegerdenkmal und Haus des Exinger Johann. 
   
Die Feuerwehr transportiert Evakuierte – Blick vom Haus Schabenböck gegen Kaufhaus Bauer. 

 

Fotos aus Frauendorf
zur Verfügung gestellt von Herrn Franz Riegler
 

 

 

 

links das Gasthaus Riegler, in der Tür Franz Riegler 

Für die Kinder war es ein Abenteuer 

 

  

Schulchronik Engelmannsbrunn

Die Ferienmonate Juli und August waren gekennzeichnet durch ausgesprochen unbeständiges Wetter. Die vielen Regenfälle und die Schneeschmelze hatten zur Folge, daß die Donau rapid anstieg, aus ihren Ufern trat und weite Gebiete (Auen, Felder und Wiesen) beiderseits des Stromes überschwemmte. Am 12. und 13. Juli war der Wasserstand derart alarmierend, daß aus den an der Donau gelegenen Orten Winkl, Gigging, Altenwörth und aus vielen anderen Orten die Leute evakuiert werden mußten.

Feuerwehrleute aus den Orten am Wagram stellten sich freiwillig zur Verfügung und halfen in den bedrohten Orten mit beim Bau der Dämme, beim Ausführen des Viehs aus gefährdeten Ställen und bei vielen anderen Arbeiten. Erst am 15. Juli war ein allmähliches Sinken des Wassers bemerkbar, die Gräben und „Lahnen“ blieben aber noch durch Wochen hindurch vom Wasser durchflossen. Arg zugerichtet war die Straße von Altenwörth nach Neustift worden. Hier konnte der Verkehr nur mit Zillen einige Tage hindurch aufrechterhalten werden.

Das Wasser verursachte großen Schaden, bei den meisten Bauern ist die Kartoffelernte zur Gänze vernichtet worden. Auch Teile vieler Getreidefelder, die länger unter dem Einfluß des Hochwassers litten, waren völlig vernichtet worden.

 

Schulchronik Kirchberg am Wagram

Durch die großen Regenfälle in der ersten Ferienwoche trat zum Wochenende am 11. Juli die Donau auch in unserem Gebiet aus den Ufern. Bereits am 12. Juli waren das Rote Kreuz und die Feuerwehr in den bedrohten Ortschaften an der Donau eingesetzt. Frauen und Kinder wurden am Abend des 12. Juli aus Winkl evakuiert und mit den beiden Rettungswagen des Roten Kreuzes und einem Amphibienfahrzeug der Besatzungsmacht nach Kirchberg gebracht. In Kirchberg wurden vom Bezirksstellenleiter des Roten Kreuzes ein Auffanglager im Gasthaus Heiß und Privatquartiere bereitgestellt. Durch das Rote Kreuz wurden mit den beiden Rettungswagen dauernd Frauen, Kinder, Alte u. Kranke aus Winkl und später aus Altenwörth nach Kirchberg gebracht und dort verpflegt. Das Kleinvieh wurde in Neustift untergebracht. Auch die Ortschaften Bierbaum, Utzenlaa, Gigging und St. Johann bei Grafenwörth waren vom Wasser eingeschlossen und mußten teilweise evakuiert werden.

Das Wasser stand in Winkl bis zur Fensterhöhe, in Altenwörth hingegen war der Teil der Ortschaft bei der Post noch wasserfrei. Als das Wasser wieder zurückging, wurden Donnerstag, Freitag und Samstag die Menschen u. Tiere wieder zurückbefördert. Laufend wurden die Ortschaften mit Trinkwasser versorgt. Zu Verlusten an Menschenleben ist es glücklicherweise nicht gekommen. Das Grundwasser stand in den genannten Ortschaften noch wochenlang in den Kellern, die Ernte wurde zum größten Teil, die Kartoffeln zur Gänze vernichtet. Die freiwillige Feuerwehr von Kirchberg und Umgebung, die Mannschaften und Helferinnen des Roten Kreuzes aus Kirchberg, Ottenthal und Königsbrunn bewährten sich in diesen schweren Stunden als opferbereite, umsichtige und mutige Helfer.

 

Schulchronik Utzenlaa

12.7. 54: Schon seit Tagen berichteten Tageszeitungen u. Radio von der Hochwassergefahr u. von Überschwemmungen der Donau. 

Am Samstag, den 10.7. 1954 tritt die Donau bei Utzenlaa aus den Ufern. Die großen Augewässer Rabisch u. Planken steigen rasch. Am Abend des 11.7. 1954 treten beide fast gleichzeitig aus den Ufern. Das Wasser nähert sich immer mehr dem Ort. Die  Ortsbewohner versuchen mit Sandsäcken und Erdaufwürfen dem Wasser den Austritt aus der Au zu verwehren. Am Morgen des 12.7. rann das Wasser schon am Ortsrand, beim Hause No. 1 vorbei. Schnell versuchten nun die Bauern, das Korn in den Niederungen (Mulden) zu schneiden u. in Sicherheit zu bringen. Nur wenig konnte so gerettet werden. Ganz unerwartet wurde am Nachmittag der Ort vom Wasser eingeschlossen. Bewohner, die noch auf den  Äckern verweilten, hatten Mühe, noch in den Ort zu kommen. Auffallend war, daß das den Ort einschließende Wasser aus Richtung Mollersdorf kam. Am Abend erhob sich plötzlich ein Rauschen und Tosen. Das Wasser fiel mit Macht über den Damm zwischen Utzenlaa und Bierbaum. Rasch war nun das gesamte Feld vom Wasser überschwemmt. Mit starker Strömung zog es dahin. Nur geschickte Ruderer konnten die Verbindung mit Bierbaum aufrecht erhalten. Zwischen dem Ortsanfang und der Kapelle an der Straße nach Absdorf erreichte es eine Tiefe von 2,10 m. Das Wasser reichte an dieser Straße bis zur Schottergrube. Nur ein kleiner Hügel vor der Straßenkreuzung ragte aus dem Wasser (cirka 10 m²). Vom Dach des Schulhauses konnte man das Feld weit übersehen. Selten sah man Ähren aus dem Wasser ragen. 

Im Ort reichte das Wasser nahe an die Wohnungen. Das Haus Nr. 34 mußte geräumt werden. Das Wasser rann bei den Fenstern aus u. ein. Vorsichtshalber räumte man auch das Haus No. 27. Das zur Zeit unbewohnt gewesene Haus No. 35 erlitt durch das Hochwasser argen Schaden. Eine Frontmauer wurde vom Hochwasser umgeworfen. Auch bei den Häusern 33, 32 u. 30 drang das Wasser in die Wohnungen, doch blieben die Bewohner in den Häusern. Fast sämtliche Wirtschaftsgebäude des Ortes standen im Wasser. Auch in Stallungen drang es ein. Der Besitzer  des Hauses No. 12 ließ seine Rinder mit Schwimmautos der russischen Besatzungsmacht nach Absdorf bringen. Die Keller waren alle mit Wasser angefüllt. Die Dorfstraße war vom Hause No. 1 bis zur Schule wasserfrei. Vor dem Hause Nr. 19 bildete sich ein cirka 70 cm tiefer Tümpel. Das Wasser trat aus dem Kanal u. floß durchs Haltergaßl. Ein primitiver Holzsteig überbrückte diesen Tümpel. Aus Richtung Gänselacke, vorbei bei den Häusern No. 28, 9 u. 10 strömte das Wasser ins obere Dorf. Der Platz vor der Kapelle stand vollkommen unter Wasser. Man konnte es nur längs den Häusern 15 u. 14 mit Gummistiefel durchwaten. Tiefe cirka 15 cm. Vom Haus No. 13 bis zum Haus No. 11 war die östliche Straßenhälfte wieder wasserfrei. Die westliche Seite hingegen konnte mit dem Boot befahren werden. Daher waren die Häuser No. 28, 9, 10 u. 29 vom Wasser eingeschlossen u. konnten nur durch Notsteige erreicht werden. Die Häuser No. 33 u. 32 konnten nur mit einem Boot erreicht werden. Die Wassertiefe betrug bei den Toreingängen 1,50 m. Beim Besitzer des Hauses No. 32 mußte die Feuerwehr die Schweine vor dem Ertrinken retten.

Das Schulgebäude stand nicht im Wasser. Im Hof reichte das Wasser bis knapp an die Ostmauer. Daher standen der Garten, der Gemüsegarten, der Hof u. sämtliche Wirtschaftsgebäude im Wasser. Einige Obstbäume gingen ein. Die Kartoffelernte war zur Gänze verloren. Auch das Gemüse hatte stark gelitten. 

Die Feldbestände der Bauern waren alle arg zu Schaden gekommen. Den geringsten Schaden erlitt das Korn, denn es war schon vor dem Hochwasser gereift. Nur konnte es oft, wegen des lange nicht versickernden Wassers, nicht geerntet werden. Alle übrigen Getreidearten reiften nicht mehr aus. Gänzlich vernichtet wurde die Kartoffelernte. Auch die Rübenernte büßte an Ertrag u. Haltbarkeit stark ein.

17 Waggon Mais aus der Amerikahilfe ersetzten zum großen Teil den Ernteausfall u. stellten die wirksamste Hilfe dar. Auch die Caritas half reichlich mit Lebensmittel. Außer diesen Hilfen kamen den Leuten noch weitere zu gute: Bauhilfen, Saatgutspenden u. ermäßigter Bezug von Kartoffel, Kohlen, Darlehen, Steuernachsicht u.a. Dadurch wurde das Dorf vor arger Not verschont u. das Leben läuft in beinahe normalen Bahnen weiter. 

Am Abend des 15.7. 1954 fing das Wasser allmählich zu fallen an. Am 24.7. 1954 rann das Wasser noch spärlich beim Dorfeingang über die Straße. Auf dem Felde waren die tieferen Stellen noch Ende August mit Wasser gefüllt. Ende Oktober stand das Wasser immer noch sichtbar auf den Seewiesen (Graben).  

Besonders schwer waren die Erntearbeiten. Die Halme lagen platt auf dem Boden. Des weiteren erschwerte der aufgeweichte, schlammige Boden u. die  immer mehr in Verwesung übergehenden Tierkadaver die Arbeit. Bei den Drescharbeiten litten die Besitzer unter der abnormalen Staubentwicklung. Viele waren daher gezwungen, im Freien zu dreschen. Das Korn mußte zur Gänze verkauft werden. Die Bauern kaufen Brotmehl. 

Durch die Überschwemmung war das Trinkwasser ungenießbar geworden. Es mußte wochenlang zugeführt werden.

 

Zeitungsmeldungen

Schleichend wie eine Schlange
Die Gemeinde Winkl ist ein kleiner Ort neben den Donauauen und hatte daher durch das Hochwasser besonders zu leiden. Am Sonntag, den 11. Juli glaubte noch niemand, daß das Wasser bis in den Ort kommen könnte. Es kroch aber langsam und schleichend heran wie eine Schlange.
Am nächsten Tag stand schon der größte Teil des Ortes unter Wasser und mit reißender Strömung umspülte es die Häuser. Nun galt es zu retten, was noch zu retten war. Hilfe von auswärts war vorerst keine da. Rasch bildete sich ein Einsatzkommando mit dem Bürgermeister Karl Schmidt und Schuldirektor Leopold Engelberger an der Spitze, welche den Helfern die nötigen Anweisungen gaben. Diesen sei zuerst der Dank ausgesprochen, dann aber jenen, welche sich durch drei Tage und zwei Nächte unermüdlich bemühten, den Nächsten zu helfen. Am schwierigsten war die Evakuierung des Viehs, diese gelang restlos. Besonders taten sich hervor: Zimmermann Georg, Schwaiger Josef jun., Zehetner Josef und ein Realschüler aus Krems, der nicht genannt werden will. Diese Männer leisteten übermenschliche Arbeit.
Am Dienstag kam endlich Hilfe von außen und waren es die Feuerwehren von Neustift und Ottenthal, die hier eingesetzt wurden und nunmehr das Rettungswerk vollendeten. Nicht vergessen soll der unermüdliche Einsatz des Herrn Maratschek aus Kirchberg sein.
Als dann auch die Besatzungsmacht mit zwei Wasserfahrzeugen kam und brav bei der Rettung von Menschen und Vieh mithalf, atmete hier alles auf.
So konnte alles gerettet werden, so daß die Gemeinde Winkl, obwohl sie im Tullner Bezirk am schwersten betroffen war, keinen größeren Schaden hatte, abgesehen von Flurschäden, die freilich sehr groß sind, denn alle Aecker waren überschwemmt und die fast schnittreife Frucht fiel dem Toben des Wassers zum Opfer.
Nicht vergessen sei auch die Hilfe des Roten Kreuzes aus Kirchberg, welchem Dank für die Hilfe gebührt.
Quelle: Kremser Zeitung vom 29.7.1954

 

Winkl
Nach dem Hochwasser
Nun hat sich die Flut verlaufen. Alles ist auf den Feldern, um das, was noch vor so kurzer Zeit eine reiche Ernte versprach, zu bergen. Eine mühselige Arbeit ist es, ein Raufen um jede Aehre und um jeden Halm. Die Aecker sind noch zum Teil versumpft und es kann immer nur so weit gemäht werden, als es einigermaßen trocken ist, so daß man fünfmal und öfter auf das Feld gehen muß. Als unser Oberlehrer, Volksschuldirektor L. Engelberger, der schon während des Hochwassers sich ganz und gar eingesetzt hatte, sah, wie sich die Leute plagten, um aus Schlamm und Letten zu bergen, was noch zu bergen ist, und trotzdem nicht vom Fleck kamen, versuchte er, Helfer zu bekommen. Und der Versuch gelang. Schon am Dienstag kamen unter Führung des Leiters des Ländl. Fortbildungswerkes, des Herrn Autritt, 20 junge Leute aus Gösing. Am Sonntag kamen mehr als 50 junge Burschen und Mädel von der Kath. Jugend aus Mallon, Fels und Unterstockstall, um unseren Leuten zu helfen. Wieder einmal hat die so oft geschmähte Jugend ein Beispiel gegeben, daß sie mehr und vor allem anderes kann, als das, was man ihr so gerne unterschiebt. Wieder einmal haben unsere jungen Burschen und Mädel bewiesen, daß sie das Herz auf dem rechten Fleck haben und gerne zu helfen bereits sind, wo Not am Mann ist. Es sei ihnen allen recht herzlich gedankt für die Hilfe, die sie geleistet haben und für das gute Beispiel, das sie gegeben haben. Recht herzlichen Dank auch dem Herrn Pfarrer Vock aus Fels und den Herren Kaplänen Loidolt und Hofmann aus Kirchberg.
Quelle:Kremser Zeitung vom 5.8.1954

 

Was Solidarität bedeutet
(Leserzuschrift) Die Gemeindevorstehung der kleinen Industriegemeinde Pottenstein im Triestingtal hat auf Anregung des Bürgermeisters Stockinger (Volksopposition) sofort nach Bekanntgabe der Auswirkungen der Hochwasserkatastrophe eine Haussammlung durchführen lassen. Das Ergebnis war 8557 S. Dieser Betrag wurde aus Gemeindemitteln auf 8000 S ergänzt. Die Gemeindevorstehung hat ferner auf Anregung des Bürgermeisters beschlossen, diesen Betrag ähnlich wie seinerzeit zur Lawinenkatastrophe direkt einer notleidenden Gemeinde zu überweisen. Der Betrag ging an die Gemeinde Winkl im Bezirk Tulln. In einem Begleitschreiben der Gemeindevorstehung Pottenstein an die Gemeinde Winkl heißt es:

„Wir können die Not Ihrer Gemeinde verstehen, da es bei uns im Jahre 1944 ebenfalls eine Ueberflutung des ganzen Marktes durch Hochwasser des Triestingbaches gab. Wir wünschen, daß von allen Seiten Hilfe gewährt wird, so daß Sie bald rasch über die schwere Situation hinwegkommen. Nur die Solidarität aller in materieller und ideeller Richtung kann und muß über alle Schwierigkeiten hinweghelfen.“
Die Gemeindevorstehung Winkl ließ durch ihren Gemeindesekretär Engelberger ein Schreiben in Pottenstein persönlich überreichen, in dem unter anderem gesagt wird:
„Als im Jahre 1946 und 1947 Kinder aus Pottenstein in unserer Gemeinde zur Erholung waren, dachte wohl keiner von uns, daß wir mit Pottenstein noch einmal in eine so verbindende Beziehung treten würden. Heute wird schon mancher von den Buben von damals sein Scherflein dazu beigetragen haben, um der Gemeinde Winkl aus der Not zu helfen. Wir danken allen!“
Ausschnitt aus der „Österreichischen Zeitung“ (Organ d. russischen Besatzungsmacht)

Diese Spende aus Pottenstein beschäftigte die Winkler bzw. den Gemeinderat noch einige Zeit, da man vorerst das Geld für notwendige Arbeiten im Ort verwenden wollte, was vor allem dem „Bund der kleinen Landwirte“ und auch der Gemeinde Pottenstein nicht gefiel - es gab auch einen Schriftwechsel deswegen.

Ein Auszug aus dem Brief des Bundes der kleinen Landwirte:
Sollte bei der oben angeführten Gemeinderatssitzung beschlossen worden sein, daß von diesen 8.000,- S Gelder zur Reparatur der Zillen und des Bontons zur Verfügung gestellt werden, so ist dieser Vorschlag rückgängig zu machen, da diese Ausgaben vom Gemeindebudget zur Verfügung gestellt werden müssen, denn die Bevölkerung von Pottenstein hat ausschließlich nur für die vom Hochwasser geschädigten Personen das Geld zur Verfügung gestellt.
Das Geld soll nicht pro Kopf der Bevölkerung aufgeteilt werden, sondern es soll an diese Leute aufgeteilt werden, die durch das Hochwasser in ihrer Existenz gefährdet sind, wobei man den Ärmsten der Gemeindebevölkerung, auch wenn sie nicht so sehr durch das Hochwasser zuschaden gekommen sind, einen Teil des Geldbetrages übergeben soll.“ – Nach diesem Vorschlag wurde dann das Geld in etwa verteilt.

 

Durch die Hitze war die Gefahr der Entstehung von Seuchen groß - ein Aufruf im Amtsblatt der BH Tulln vom 20. August 1954:
Durch die gegenwärtige Hitzeperiode werden im allgemeinen die günstigen Voraussetzungen für das Entstehen von Seuchen gesteigert.
Es wir deshalb neuerlich darauf hingewiesen, daß die Gefahr des Auftretens von Epidemien noch immer besteht und daß die verfügten sanitären Anordnungen, besonders hinsichtlich der Einhaltung der Reinlichkeit und hinsichtlich des Verbotes der Benützung des Wassers der gesperrten Brunnen oder sonstigen Wasserversogungsanlagen für Trinkzwecke weiterhin einzuhalten sind.

Für die betroffene Bevölkerung gab es steuerliche Erleichterungen. Laut Amtsblatt der BH Tulln vom 10. September 1954 erhielten die Betroffenen Nachlässe bei Lohnsteuer, Einkommensteuer, Körperschafts-, Gewerbe- und Grundsteuer, Umsatz- und Beförderungssteuer. 

 

Bericht in den Tullner Bezirks-Nachrichten vom 24.7.1954
(der sich teilweise mit dem Bericht in der Bierbaumer Schulchronik deckt)
 

In Bierbaum am Kleebigl ertranken die Gänse 
Nachdem am 12.7.1954 die Wassermassen den Ort Frauendorf/Au erreicht hatten, begann die Flutwelle, sich südlich des Hochwasserschutzdammes zu sammeln, der von Frauendorf nach Utzenlaa verläuft. Von 8 Uhr an arbeitete die Feuerwehr ununterbrochen an der Verstärkung der Dammüberfahrten mit Sandsäcken, doch stieg die Flutwelle ununterbrochen und abends um 19 Uhr war bereits das Gebiet südlich des Dammes mit den Wassermassen gefüllt und diese ergossen sich nun über den Damm in seiner ganzen Länge, so daß innerhalb einer Stunde Bierbaum vollständig eingeschlossen war. Die Wassermassen ergossen sich nun vom Kriegerdenkmal in westlicher Richtung zum Gemeindeteich und überfluteten den ganzen Oberort. Gegen 20 Uhr drang nun das Wasser auch von Süden in den Ort ein und setzte die Häuser des Unterortes bis zu den Fenstern unter Wasser. Es mußte ein Schwimmwagen der russischen Besatzungsmacht angefordert werden, um die Bewohner und das Vieh zu evakuieren. 

Gegen 21 Uhr erreichten die Wassermassen nun auch von Norden her über die sogenannte Pfarrerwiese die Schule. Mit unheimlicher Schnelligkeit wurde der Turnplatz überflutet und unter Tosen und Zischen füllte sich die neuerbaute Senkgrube mit Wasser. Im Schulhof stand es bis zur Stufe vor der Eingangstüre.

Am Morgen des 13.7. durchbrachen die Wassermassen die Nachbarhöfe, strömten über die vor der Schule vorbeiführende Straße und bildeten vor dem Vorgarten der Schule einen reißenden Bach, der den ganzen Vorgarten ausfüllte. Das Wasser, welches sich im Vorgarten sammelte, floß dann durch die neue Kohlenkammer und die Klosettanlagen durch und in den Schulhof hinaus. 

Nach den Aufzeichnungen in der alten Schulchronik erreichte das Hochwasser genau denselben Stand wie im Jahre 1899. 

Am 13.7. traf dann auch noch eine Abteilung der Gendarmerieschule Wien hier ein, welche mit drei mitgebrachten Zillen den Verkehr mit den eingeschlossenen Häusern und der Gemeinde Frauendorf aufrecht erhielt. 

Das gesamte Vieh der Gemeinde mußte nach Absdorf und Königsbrunn evakuiert werden, wozu Herr Karl Bauer, Fleischhauer in Bierbaum, in uneigennütziger Weise seine Lastkraftwagen zur Verfügung stellte, welche die ganze Nacht vom 12. auf den 13. in pausenlosem Einsatz standen. 

Am 13.7. begannen gegen 17 Uhr die Fluten zum Stillstand zu kommen, und am 14. morgens senkte sich der Wasserspiegel bereits wieder. 

50 % des gesamten Gemeindegebietes von Bierbaum und Frauendorf wurden unter Wasser gesetzt und die Ernte in den überfluteten Gebieten vollständig vernichtet, da über die schnittbereiten Ährenfelder sich reißende Ströme ergossen. 

Von den 75 Häusern waren 70 mehr oder weniger überflutet. Bei 5 Häusern stürzten bisher Mauern ein, während 10 starke Sprünge und Risse aufweisen. Die baulichen Schäden können bis zur Stunde noch nicht richtig erfaßt werden. 

Menschenleben waren keine zu beklagen. Auch der Viehstand konnte erhalten werden. Eigentümlicherweise ertranken mehrere Gänse! 

 

Wo sind die Millionen?
Vergessene Dörfer, vergessene Menschen  

Veröffentlicht in der „Oesterreichische Zeitung“ vom 8. August 1954 (gekürzt)  
Nach Stockerau wird die Straße in Richtung Tulln von Meter zu Meter schlechter. Der Wagen rumpelt, in Staubwolken gehüllt, über Schlaglöcher. Vor Neuaigen beginnt schon das Ueberschwemmungsgebiet, aber vorerst sieht es eher nach einer Dürrelandschaft aus, nach einer Gegend, die nach Wasser lechzt. Getreidehalme und Kartoffelstauden hängen kraftlos herunter. Zwischen Neuaigen und Bierbaum führt die Straße nahe an den Wald heran. Die Stämme stehen in fauligem Wasser. Man glaubt, am Rande einer Sumpflandschaft zu sein. Ein Schritt aus dem Wagen und man ist eingehüllt von Gelsenschwärmen. Wir hüpfen herum, erschlagen Dutzende, aber Hunderte der gierigen Stechmücken kommen nach. Zu uns gesellt sich der Revierförster. 

Er lacht. „Das ist noch gar nichts, da müßten Sie am Abend kommen!“ Dreißig bis vierzig Prozent des Wildbestandes sind hier zugrunde gegangen, erfahren wir. 

Wir fahren weiter. Strichweise stehen jetzt die Felder unter Wasser. In Bierbaum sieht man sofort, hier ist ein Katastrophengebiet. Die Wände vieler Häuser sind rissig. Mauern haben sich gesenkt und sind mit Sprüngen durchzogen. Gartenzäune sind umgelegt. Haustore sind aus den Scharnieren gegangen und liegen auf dem Boden.  

Wann Hilfe kommt, weiß man nicht
In der Mitte des Dorfes steht ein Haus, von dem die Vorderfront fehlt. Man muß sagen, es steht nicht, sondern das Dach wird durch ein paar aufgestellte Pfosten gehalten. Der Garten ist bedeckt von den Mauertrümmern der eingestürzten Wand. Es ist das Anwesen das Landwirtes Klein. Als einziger Wohnraum ist die Küche geblieben. „Wann können Sie das Haus wieder aufbauen?“ fragen wir. Klein weiß es nicht. „Was glauben Sie, wie wir uns fretten müssen“, sagt er. „Wir haben jetzt keine Zeit, uns um das Haus zu kümmern, was von der Ernte heil geblieben ist, muß hereingebracht werden.“ „Wissen Sie, ob und wann Sie etwas aus dem Hochwasserfonds bekommen werden, um das Haus wieder aufzubauen?“ Klein weiß es nicht. Es war noch gar keine Sachverständigenkommission da. Und er weiß auch nicht, wie lange die Balken das schadhaft gewordene Dach noch halten können.  

Gegenüber wohnt Frau Mantler, eine Witwe mit fünf Kindern. Ihr Mann ist im Krieg gefallen. Sie hatte dreiviertel Joch Erdäpfel gesetzt. Sie sind unter Wasser verfault. Von dem halben Joch Gerste ist eine Hälfte ganz kaputt. Bei der anderen Hälfte sind die Körner ganz schwarz. Auch um ihren Schaden hat sich noch niemand gekümmert.  

Am anderen Dorfende wohnt die Familie Fuchs. Im Zimmer des jungen Ehepaares sind wenigstens die vier Wände erhalten geblieben. Aber das Wasser hat die Einrichtung ruiniert. Im Zimmer der Mutter der jungen Frau stehen aber nur mehr zwei Wände. Die dritte ist halb zerbröckelt. Eine vierte existiert nicht mehr. Der Fußboden ist aufgeweicht. „Wir haben uns schon die Füße ausgerannt“, erzählt Frau Fuchs. „Aber wir haben bis jetzt noch keinen Groschen bekommen. Nicht einmal eine Zusage, daß wir was kriegen. Der Baumeister war schon da. Er könnte sofort anfangen. In ein paar Tagen wäre die Wand aufgerichtet. Aber es war noch nicht einmal die Sachverständigenkommission da. Der Sommer ist bald vorüber und was sollen wir dann im Winter machen? Wir können doch nicht auf die Dauer vier Personen mit einem Kleinkind in einer einzigen Kammer hausen!“  Von überallher kommt die Antwort: Warten Sie ab!

 

 

 

 

 

70 Jahre alt ist der Schuhmacher Anton Liebl im Haus Nr. 62. Das ist eine Hausnummer ohne Haus. Es stehen nur mehr ein paar traurige Mauerreste. Das Dach droht einzustürzen. Durch die Mauerrisse kann man ins Freie greifen. Statt eines Fußbodens gibt es einen Haufen zerweichter Bretter. Und aus einem Haufen zerweichter Bretter, in einer Ecke aufgestapelt, bestehen die Reste der Wohnungseinrichtung. Frau Liebl hat Tränen in den Augen. „Es ist alles so bitter, wir haben alles verloren. Zu fremden Leuten müssen wir schlafen gehen, und man glaubt, daß die Mauern jeden Augenblick ganz einstürzen.“ Wir sind erschüttert. Es stellt sich heraus, daß das alte Ehepaar in dem verwüsteten Haus keinen Groschen Bargeld besitzt. Kein Erdapfel ist im Haus. „Es ist so bitter“, sagt Frau Liebl wieder, „wir müssen um ein paar Erdäpfel betteln gehen.“ Kann man sich vorstellen, was das für das alte Ehepaar bedeutet? Man zeigt uns den Garten. Er ist total verschlammt. Kein Halm schaut aus dem Boden. Nebenan ist ein kleiner Kartoffelacker, mühsam bebaut. Frau Liebl sticht in die Erde. Nichts. Es ist alles verfault. Daß nichts zu essen und kein Geld im Haus ist, ist bitter. Das bitterste aber ist, daß sich die alten Leute verlassen fühlen, verlassen von den Menschen, verlassen vom Staat. 

Wir starren wortlos auf das sichtbare Elend und stellen uns vor, wie sich in großen Zimmern und Sälen Minister und andere hohe Staatsfunktionäre gegenseitig zu den hohen Sammelergebnissen für die Hochwasseropfer beglückwünschen. Wie sich andernorts gewählte Mandatare beweihräuchern lassen für ihren „Einsatz“ im Dienste der Hochwasseropfer.  

In Gigging 23 wohnt die Familie Pichler. Eine abbröckelnde Mauer ist von außen gepölzt. In zwei Stuben kommen die langsam verfaulenden Dippelbäume durch. Ueberall Risse in den Wänden und ein von Pfosten mühsam gehaltenes Dach. „Haben Sie noch keine Hilfe bekommen?“ fragen wir. Die Antwort hätten wir uns im voraus denken können. „Nicht einen Groschen und nicht einen Erdapfel.“ Die Pachtäcker der Familie sind verwüstet. Das junge Ehepaar muß bei Nachbarn wohnen. Die Mutter haust in einem feuchten, gepölzten Raum. „Dreihundert Schilling haben wir jetzt ausgegeben, damit wir wenigstens die Türen richten lassen können. Jetzt müssen sie wieder herausgerissen werden, weil sich die Mauer wölbt, sagt Frau Pichler. Und mit Bitternis in der Stimme setzt sie hinzu: „Wir kennen das schon, kriegen eh wieder nur die paar Protektionskinder was.“ Hier wie überall hört man: Wenn wir wenigstens Erdäpfel kriegen würden.  

… is eh nix passiert
In Altenwörth besuchen wir die Familie Guttauer. Das Haus der Familie Guttauer ist Gemeindebesitz. Auch hier: Gepölzt außen, gepölzt innen. Die Fußbodenbretter verfaulen von unten her. Angebaut an das Haus sind Ställe des Nachbarn. Durch die Ritzen der Mauern dringt Stalldunst. Die Rattenplage wird immer ärger. Herr Waltner hat sich geweigert, das gemeindeeigene Haus reparieren zu lassen. Sein Haus steht sicher und fest. Als das Wasser kam, war keine einzige Zille im Dorf. Herr Waltner auch nicht. Und die Gemeinderäte wagten nicht, ohne seine ausdrückliche Zustimmung die Sowjettruppen zu Hilfe zu rufen. Im letzten Moment erst wurden die Einwohner von sowjetischen Fahrzeugen evakuiert. Nach Neustift. Nach Neustift kam auch Herr Waltner. Er schnauzte die Leute an. „Wir brauchen keine Hilfe“, meinte er, ist eh nix passiert.“ In seinem Herrschaftshaus allerdings nicht. Braucht man noch zu betonen, daß auch Frau Guttauer keinen Groschen und keinen Erdapfel bekommen hat? 

Was ist mit dem Konto 9000?
Es ist überall dasselbe. Von der Bundesregierung, von der Landesregierung und aus dem Katastrophenfonds haben die Betroffenen in den genannten Dörfern keinen Groschen und keinen Erdapfel erhalten. Die Menschen sind verzweifelt und verbittert. Der Bund der Kleinen Landwirte und die „Volkssolidarität“ haben ihrerseits Hilfsaktionen in die Wege geleitet. Aber diese Organisationen können nicht allen überall und allein helfen. Es erhebt sich die Frage: Wo sind die Millionen, die von zehntausenden und hunderttausenden kleinen Leuten in Oesterreich auf das Konto 9000 eingezahlt worden sind? 

Nach dem neusten Stand stehen auf dem Konto 9000 16 Millionen Schilling. Aber hunderte Schwergeschädigte haben, man muß es wiederholen, keinen Groschen und keinen Erdapfel erhalten. Sie sind in völliger Ungewißheit darüber, ob und wann sie Hilfe bekommen werden. Viele kleine Leute in Oesterreich haben unter Opfern gespendet, damit den Schwergeschädigten sofort geholfen wird. Sie haben kein Verständnis dafür, daß sich gewisse Leute im Lichte der Millionen sonnen, die aufgebracht wurden. 

Der Bund der kleinen Landwirte hat gefordert, daß aus den gesammelten Geldern, die bis jetzt dem Nationalkomitee überwiesen worden sind, sofortige Hilfe geleistet wird. Er hat vorgeschlagen, jenen, die alles verloren haben, sofort einen Mindestbetrag von 2500 Schilling zuzuweisen. Gleichzeitig forderte die „Volkssolidarität“ die Regierung auf, aus den gesammelten Millionenbeträgen endlich an die Hochwassergeschädigten bestimmte Beträge als rasche und direkte Hilfe auszuzahlen. Die „Volkssolidarität“ hat sich entschlossen, neben Sachwerten an die am schwersten Geschädigten Beträge von 100 und 200 Schilling auszuzahlen. Das ist ein begrüßenswerter Beschluß. 

Aber es kommt darauf an, daß endlich jene sich zu raschen Hilfeleistung entschließen, die auf den Millionen sitzen.Diese Zeitungsseiten waren der Schulchronik 2, Bierbaum, beigelegt.  

Bei der Österreichischen Zeitung handelte es sich um die erste deutschsprachige Zeitung der österreichischen Nachkriegszeit. Sie wurde ab dem 15. April 1945 von der 3. Ukrainischen Front der Roten Armee als „Frontzeitung für die Bevölkerung Österreichs“ herausgegeben. Ab dem 23. August 1945 wurde das Blatt zum offiziellen Organ der sowjetischen Besatzungsmacht und am 31. Juli 1955 eingestellt. 
Die Aufgaben der Zeitung bestanden neben Informationen für die österreichische Bevölkerung auch darin, Vertrauenswerbung zu betreiben, den Widerstandswillen zu brechen und so den Truppen die Besatzungsarbeit zu erleichtern. 
Quelle und weitere Informationen: http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sterreichische_Zeitung 

 


Maria Knapp
Oktober 2012