Das ehemalige Gefängnis in Kirchberg am Wagram

 

 
Foto: Marianne Eckart, 2020

 

Im Zuge des Neubaus des Gerichtsgebäudes im Jahr 1912 wurde südlich, durch einen Hof getrennt, auf dem gleichen Areal, ein Gefängnis errichtet, das in der Kriegs- und Nachkriegszeit als Gefangenenlager diente.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es als Außenstelle der Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige in Kaiserebersdorf.
 
Die Grundlage für eine Unterbringung in der Bundeserziehungsanstalt war § 2 des Bundesgesetzes über die Behandlung junger Rechtsbrecher (Jugendgerichtsgesetz) vom 18. Juli 1928:
„Begeht ein noch nicht Achtzehnjähriger eine mit Strafe bedrohte Handlung und hängt das damit zusammen, dass es ihm an der nötigen Erziehung fehlt, so trifft das Gericht, unabhängig davon, ob er bestraft wird oder nicht, die zur Abhilfe erforderlichen, den Umständen angemessenen vormundschaftlichen Verfügungen […] Es kann ihn unter anderem unter Erziehungsaufsicht stellen oder in eine Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige verweisen. […]“
(Österreichische Nationalbibliothek Jugendgerichtsgesetz von 1928 § 2 o.A.)
 
In der Zeit des zweiten Weltkrieges diente die Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige in Kaiserebersdorf als Jugendgefängnis, ab 1945 wieder als Erziehungsanstalt. Eine Verlegung Jugendlicher von Wien in die Außenstelle nach Kirchberg am Wagram ist als Druckmittel und Strafmaßnahme eingesetzt worden. Im Jahr 1974 wurden beide Einrichtungen geschlossen.
(https://research.fhstp.ac.at/projekte/erziehungsanstalt-kirchberg-am-wagram)
 
Das Gebäude wurde nicht verändert und eine Zeit lang als Aktenarchiv des Bundes genutzt - die Grundbücher lagen ca. einen Meter hoch am Gang gestapelt. Durch einen Wasserschaden wurden dabei etliche Bücher vernichtet. Danach stand das Gebäude viele Jahre leer.
 
Erst in den letzten Jahren hat man sich mit diesem Teil der Geschichte Kirchbergs auseinandergesetzt und im Rahmen des „Viertelfestivals“ das Gefängnis Künstlern und Künstlerinnen für das viel beachtetes Projekt „Öffnungszeit“ zur Verfügung.
 
Aus einer Information von https://www.viertelfestival-noe.at/de/:
Züchtigungen unbemerkt. Die Lage des Gefängnisses war für eine solche Art der „Erziehung“ geradezu ideal. Das mächtige Gebäude steht, man glaubt es kaum, mitten im Ort und ist dennoch nicht zu sehen. Man muss zuerst durch das Gerichtsgebäude hindurch, erst danach gelangt man über einen Hof in das Gefängnis. Die Züchtigungen geschahen quasi vor den Augen der Öffentlichkeit, dennoch unbemerkt. Wie war das möglich? „Es gibt kaum Unterlagen oder Dokumente über die damalige Zeit“, sagen die Veranstalter. „Der Versuch, von Anrainern Informationen zu erhalten, scheiterte. Niemand konnte oder wollte sich erinnern, niemand hat etwas gehört, gesehen. Dabei ist das Gasthaus, das früher das „Essen“ für die Anstalt gekocht hatte, noch in Betrieb und manch anderer Essenslieferant ist auch heute noch am Leben. Dennoch: Die Anstalt wurde und wird totgeschwiegen und entweder als Fremdkörper oder gar nicht wahrgenommen. „Kein Wunder, bietet sich die versteckte Lage doch geradezu ideal an für ein persönliches Konzept des „Nicht-Sehens“. Eine Erklärung für die Teilnahmslosigkeit könnte die Tatsache sein, dass der Bau des Jugendgefängnisses 1912 „von oben“ entschieden wurde. Weder das Land noch die Gemeinde hatte Mitspracherecht, niemand wurde gefragt, keiner konnte sich wehren. Es heißt auch, niemand aus dem Ort hätte in der Anstalt gearbeitet. Der Job war schlecht bezahlt und keiner wollte diese Arbeit machen, darum wurde Personal von auswärts rekrutiert. Niemand von draußen hat jemals mit Leuten von drinnen gesprochen, ein Konzept, das die Nichtkommunikation, aber auch die Willkür im Umgang mit den Jugendlichen im Inneren nur noch mehr unterstützte.
 
 
Weitere Informationen
 
Was in der Jugendstrafanstalt vor sich ging, ist die folgender Bachelorarbeit nachzulesen:
„Die Erziehungsanstalt Kirchberg am Wagram aus Sicht der ehemals betroffenen Jugendlichen“,
Lisa Haring, Bianca Kiemeswenger, Elina Sanin
 
Ehemalige Zöglinge brechen ihr Schweigen: https://noe.orf.at/v2/news/stories/2929003/
 
 
Bilder der Ausstellung „Öffnungszeit“ siehe hier.
 
 
 
Jänner 2021
Maria Knapp