St. Stephan am Wagram

in Kirchberg am Wagram

von Major i. R. Wettendorfer

 

Dieser Zeitungsartikel aus dem Jahr 1936 ist in die Pfarrchronik Kirchberg eingeklebt, der Name der Zeitung ist nicht feststellbar: 

Im Jahre 1147, als Reginbert, der Passauer Bischof, mit König Konrad und Heinrich Jasomirgott auf dem Kreuzzugwege ins gelobte Land war, da überwies er „auf daß ihn Gott unser Herr auf dem Wege des Friedens und des Heiles nach jenem himmlischen Jerusalem führe“, dem Domkapitel in Passau die Kirche St. Stephan am Wagram. Hierüber ist uns ein Dokument im Bayrischen Haupt=Staatsarchive zu München erhalten. Diese Kirche war bis ins 14. Jahrhundert auch der Sitz eines riesigen Dekanates über mehr als 100 Pfarren; während das Dekanat Wien um 1300 mit 100 Mark Silbers im Passauer Urbare verzeichnet ist, zinst das Dekanat „super Wagrain“ 112 Mark.

Die Glanzzeit, als eine der Hauptstraßen nach dem Orient über Kirchberg am Wagram führte, die ist vorbei, - als ihr Zeuge steht heute der hochragende Bau der Stephanskirche auf der Steilstufe des Wagram. An ihren vermutlich romanischen Kern, der heute wohl nur mehr in ihrer Krypta feststellbar sein dürfte, fügten die späteren Jahrhunderte ein gotisches Langschiff, gotische Kapellenzubauten und schließlich über das Ganze den barocken Zusammenbau zum dreischiffigen Gotteshause.

Soviel des Schönen birgt diese uralte Kirche, daß selbst die Pfarrkinder manches übersehen, was der Beachtung wert wäre und viele der zahlreichen Heiligenfiguren nicht kennen. Da steht gleich im nördlichem Vorbaue, dem gewöhnlichen Eingang zur Kirche, gegenüber der bekannten Statue des hl. Leopold jene des hl. Karl Borromäus, des Pestpatrones. Ueber einige Stufen schreitet man ins linke Seitenschiff hinunter, in dem rückwärts ein sehr alter, zwölfeckiger gotischer Taufstein, vor einer barocken Flachbildnerei in Holz „die Jordantaufe Christi“ steht. Die Kreuzwegbilder aus der Schule des Kremser Schmid sind, wenn auch ungleich in ihrer Wertigkeit, beachtenswert und herrlich ist das Altarbild des genannten Meisters am Marienaltare im linken Seitenschiffe, sowie sein Sankt Vitus, ein kleines Ovalbild am gleichen Altare, den Statuen der hl. Barbara und der hl. Katharina von Alexandrien, der Patronin der jungen Mädchen, flankieren. Am Herz Jesu=Altare, der diesen Seitenbau nach vorne abschließt, stehen die Figuren des hl. Franziskus und der hl. Clara, über der Jesusstatue das Chronogramm: FVLMJne De Ge Lo Lapso renata“, auf die Zerstörung des Turmes durch Blitzschlag im Jahre 1756 hinweisend. Tritt man nun durch den Verbindungsgang hinter der Kanzel in das Hauptschiff, so steht man vor dem Hochaltare, der aus der von Josef II. aufgehobenen Jesuitenkirche bei Mitterstockstall stammt und dessen Altarbilder, der Erstmärtyrer Stephan und Gott=Vater, von der Meisterhand des Mailänders Carlo Carloni geschaffen wurden. Sankt Petrus und St. Paulus stehen seitwärts des Hochaltares, über den die wundertätige „Maria auf der Säule“ aus der gleichfalls von Josef II. aufgehobenen Gnadenkapelle Maria Trost ragt. An den Seitenwänden hängen zwei Bilder der hl. Florian und des heil. Wendelin, Werke des Kremser Schmid. Die Topographie von Niederösterreich ist in Bezug auf diese, eine der ältesten Kirchen des Landes, nicht genug eingehend und weist einige Druckfehler auf, wie z.B. die Angabe der Weihe nach gründlicher Erneuerung des Kirchenbaues im Jahre 1626, die tatsächlich erst 1726 erfolgte. Die früher einschiffige Kirche, an deren Südseite Kapellen angebaut waren (eine St. Jacobs= und eine Marienkapelle sind durch Dokumente belegt), wurde damals erhöht und durch den Ausbau der Seitenschiffe erweitert.

Vor dem Hochaltare befindet sich die Deckplatte zum Eingang in die Unterkirche, unter dem Hochaltare besteht außerdem ein früher von außen zugängliches Beinhaus. Nach deutlich erkennbarer Strebepfeilerresten am Dachboden dürfte der ursprüngliche Altarraum im 14. oder 15. Jahrhundert als der romanische Bau gotisiert wurde, nach Osten über die Krypta hinaus verlängert worden sein.

Der Durchgang vom Hauptaltarraum zum rechten Seitenschiff führt zum Annenaltar, hinter dessen rechtem Flügel noch die Mauerausnehmung für das Lawabo durch die Seitenbauten verdeckt erhalten ist. Ueber dem Annanaltare, der früher Rosenkranzaltar der in Kirchberg gebildeten Rosenkranzbrüderschaft war, steht eine wunderschöne spätgotische Madonna mit dem Jesuskinde, das einem Vogel in der Hand trägt, auf spätbarocker Säule. Diese Mutter Gottes war vermutlich das Vorbild nach dem der Kirchberger Bürger Johann Christoph Beer 1669 seine Votivsäule wählte, die spätere Gnadensäule Maria Trost. Links und rechts des Annenaltares stehen der heilige Dominicus und die heilige Catharina von Siena. Zu Füßen des hl. Dominicus ein Hund mit an beiden Enden brennender Fackel im Munde: ein Hinweis auf des Heiligen Treue und seinen sich selbst verzehrenden Eifer für die Kirche. Im Durchgang ist die Grabinschrift des Justus Pfaler, schlicht gereimt und gut lesbar, aus dem Jahre 1702 an der Wand befestigt. Das Südschiff durchschreitend tritt man zuerst vor den Rosalienaltar mit den Bildstatuen der Arztheiligen Cosmas und Damianus. Das schöne Altarbild könnte dem Bruder des Kremser Schmid zugeschrieben werden. Der nächste Altar ist dem hl. Josef geweiht, er wird von den Eltern der Muttergottes, dem hl. Joachim und der hl. Anna flankiert. Das Altarbild von einem unbekannten Meister zeigt den hl. Josef. Zwischen diesen Altären sind beiderseits des Beichtstuhles Gedenkschriften für zwei Pfarrer eingemauert, deren linke die schöne von Hochw. Pfarrer Scheiger selbst verfaßte Inschrift trägt:

Ignaz Scheiger – durch 36 Jahre I. (andes) f. (ürstlicher) Pfarrer alhier … gestorben den 19. August 1853. - Hat mein Grabstein ein Lobgedicht – Hinweg solch Lob, ich mag es nicht. - Hab ich gethan, was ich gelehret, - Dann schöner Himmel bist du mein. - Thut ihr, was ihr von mir gehöret, - Dann kommt auch ihr Liebste hinein. - Und welcher Jubel, welche Freude, - Wenn wir uns einstens wiedersehn, - Wenn Hirt und Herd im Unschuldskleide – Verklärt am Throne Gottes stehn! - Gott lob mich dann beim Wiedersehn, - Wenn wir aus unseren Gräbern gehen! - Wollt ihr Liebe was danken mir, - Ein Vater unser gebt dafür.

Im rückwärtigen Ende dieses Seitenschiffes ist eine Lourdesgrotte angebracht vor der eine 1915 bei ihrem Bau aufgefundene und als Pflaster gleich wieder eingebettete Grabplatte liegt, die das älteste uns erhaltene Steindenkmal der Kirche dargestellt: die Gruftplatte des Pfarrers Ulrich. In zwei Rundbildern ist oben das Lamm Gottes mit der Kreuzfahne und der Umschrift in Unzialen:

„Agnus dei miserere nobis“, unten ein vor dem Kreuze kniender Priester dargestellt und vielleicht war auch hier einmal eine Umschrift vorhanden. Das Schriftband um den Stein ist ein Hexameter, den der Verstorbene vermutlich selbst verfaßt hat und der besagt, daß unter diesem Stein der Pfarrer von Sankt Stephan am Wagram, Ulrich, dem seinem Vater Gerung und seiner Mutter Eteolda zusammen begraben liegt. Die schwierige Lesung der demnächst wohl ganz verschwindende Inschrift danke ich der Liebenswürdigkeit des Herrn Prof. Rupprich am germanischen Seminar der Universität Wien, sie lautet „O (biit) ulriccus pleb (anus) sep (er) wagrind iste lapis patrem tegit er prolem quod (ue) matrem gerungum, eteoldam, anno domini mccc ...“

Herr Professor Rupprich entzifferte auch die Inschrift eines zweiten Steines, der nach Topographie unleserlich sein sollte und früher beim Haupteingange der Kirche lag. Er ist jetzt neben dem Ausgang zum Friedhof an der Mauer des Kirchenvorbaues befestigt, leider wurde sein abgebrochener Unterteil irgendwo als Schwelle benutzt. Der Stein zeigt die Flachbildnerei eines in deutscher Tracht gekleideten Mannes mit einem Buche in den Händen. Das Schriftband in gotischen Minuskeln sagt:

an (no) d (o) m (ini mccv in vigilia s (anc) ti thome ap (osto) li o (biit) honor … (fehlender Teil … sepult (us xui) (us a (n) i m) a req (iu) escat in pace. - Im Jahre des Herrn 1405 am 24. Dezember starb der ehren …. begraben, dessen Seele möge in Frieden ruhen. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dieser Grabstein dem Pfarrer Johannes Hippelsdorfer zuzuschreiben, der 1402 letztmalig auf einem erhaltenen Dokumente aufscheint und seit den Achtzigerjahren des 14. Jahrhunderts der Pfarre vorstand. Im westlichen Vorbau der Kirche steht ein Renaissanzetaufbecken, das gleichfalls der Beachtung wert ist.

Betritt man nun die Kirche erneut durch das gotische Tor des Westeinganges, dann kommt ihre Schönheit erst zu voller Geltung. Dadurch, daß die Wände des Priesterchores gegen den Hochaltar zusammenlaufend geführt wurden, der Flur dieses Raumes erhöht und seine Wölbung niederer gehalten ist als jene des Mittelschiffes, ist der ganze Raum, der seitlich durch die beiden Kanzeln oben durch eine niemals gehende Uhr betont wird, voll eingesehen. Die Kanzeln stammen aus der aufgelassenen und 1762 demontierten Gnadenkapelle Maria Trost. Die rechte, die Nepomukkanzel, als Blindkanzel gebaut, zeigt die Figur des Heiligen und seine Attribute, an der Kanzelbrust eine recht seltene Darstellung der Bergung des Heiligen aus der Moldau. Der linke Predigtstuhl zeigt auf der Brüstung das Pfingstwunder und auf der Kanzeltüre den Daniel in der Löwengrube, dem ein Engel den Habakuk mit der Essentrage am Schopfe zuführt. Der Kanzelbaldachin trägt die Symbole für Glaube, Hoffnung und Liebe, eine Frauengestalt das Hirtenamt der Kirche mit dem Szepter in der Hand die andere das Lehramt der Kirche mit der Säule der Wahrheit und zunächst eine verschleierte Frauenfigur mit dem Kelche in der Hand nach dem Kranze weisend das Priesteramt im Geheimnis seiner Weihe darstellend. Der barocke Kirchenbau wurde seit 1736 wiederholt renoviert, die ausgesetzte Lage der Kirche bringt es aber mit sich, daß sie äußerlich wieder Schäden aufweist, die heute recht interessante Aufschlüsse über das Werden des Baues geben. Am Priesterchor trug die Ostwand wie am schadhaften Verputze kenntlich, ein hohes, breites Spitzbogenfester, das dem Hauptaltar zur Zeit der Gotik Licht spendete und an der Nordseitenwand zeigt abgefallener Verputz ein tieferliegendes, schmales Spitzbogenfester, das zur Hälfte durch den Sakristeianbau verdeckt wird. Im Bodenraume der Sakristei ist die obere Wölbung eines zweiten gotischen Fensters deutlich erkennbar, weil seine Vermauerung zum Teile ausgebröckelt, auch die Umrisslinien des ehemals größeren Turmfensters sind sichtbar und ebenso zeigt die Südwand noch Mauersprünge, das zumindest das rechte Seitenschiff über mehrere angebaute Kapellen errichtet wurde; an der Außenwand beim Annenaltare sieht man deutliche Umrisslinien eines breiten gotischen Fensters, an den vier weiteren Fenstern der Südfront lassen zwei die alten, schmalen Sandstein-Fensterstöcke erkennen. Aus den Fensterresten erkennt man auch, daß die Kirche früher niedriger war. Diese Annahme wird durch am Dachboden noch feststellbare ehemalige Tramlager in den Mauern bestätigt. Die Rolandsäule aus dem Jahre 1636 im Markte zeigt auf dem Schilde eine einschiffige Kirche, deren Tor und Fensterordnungen den Spuren und Resten an dem Hauptschiffe entsprechen. Die Stephanskirche in Kirchberg am Wagram ist sicher eines der ältesten und interessantesten Gotteshäuser in Niederösterreich.

 

Erika Schwarz
Februar 2012