Doktor Heiß’scher Armen-Stiftungsbrief

 

Im „Protocoll aller bey der Pfarrkirche zu Kirchberg am Wagram befindlichen Stiftungsbriefe geordnet und eingetragen im Jahr 1844“ sind alle 94 im Jahr 1922 noch in Kraft befindlich gewesenen Stiftungen eingetragen. Das Buch beginnt mit der Stiftung des Johann Aufreiter aus dem Jahre 1805 und endet mit jener von Franz und Anna Walzer aus Neustift im Jahr 1922.

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Wir Administrator, Marktrichter und kontrolierendes Marcktgericht des Paul Czernitzischen Armenspitals zu Kirchberg am Wagram bekennen hiermit für uns und unsere Nachfolger, es habe der zu Wien verstorbene Medicine Doctor Franz Heiß in seinem Testamente dato 13. Dezember 1824 et publ. 24ten Dezember 1825 § 17, wörtlich folgendes verordnet:

„Zu dem vom Fundator Paul Czernitz anno 1684 gestifteten Spital zu Kirchberg am Wagram  am Fuße des Berges vermache ich 8000 fn, und von den abfallenden Interessen des  sicher fruchtbringend  angelegten Kapitels 4 Arme zu erhalten und wöchentlich zu betheilen. Die Armen sollen vorzüglich aus der Heißischen Freundschaft gewählt, in Abgang davon aus den dürflichsten Pfarrkindern, dann auch wahrhaft andere Arme. Das Recht vorzuschlagen, soll der hw. Pfarrer nebst dem Cooperator und der Marktrath zu Kirchberg gemeinschaftlich haben, und dieses solle der Herrschaft Oberstockstall aus Barmherzigkeit für die Armen vorgelegt werden, daß alles genau vollzogen werde. Die Armen sind schuldig für meine und meiner Verwandten Seelen wöchentlich einmahl laut in der Kirche einen Rosenkranz zu bethen und am Franz Seraphicustage, das ist am 14ten Ocktober,  besonders eine hl. Messe mit Gebeth aufzuopfern.“

Nachdem nun für obiges Stiftkapital pr. 8000 fn lt nebst den bereits entfallenen Interessen pr. 321fn 64 ¾ xr nachstehende in Conventionsmünze verzinsliche Statsschuldverschreibungen, also: 

No 13852/1906 dd 1. Jänner 1826 à 5 % p.a.                            1000 fn

No 13853/1907        detto                                                              1000 fn

No 13854/1907        detto                                                              1000 fn

No 5952/2886          detto                                                                500 fn

No 13780/1140 dd 1. Juli 1826 à 1 % pr.                                      100 fn

No 2391/1141 dd. 1. Jänner 1826 à 1 % pr.                                 100 fn

No 2392/1141          detto                                                                100 fn

No 1705/1160 dd. 1. Februar 1827 à 2 ½ % pr.                           100 fn 

erkauft, auf das Paul Czernitzische Armenspital zu Kirchberg am Wagram nomine der Doktor Heißischen Stiftung vinculiert, und in die unter 3facher Sperre verwahrte Spitallade hinterlegt worden, auch zur Errichtung dieser Stiftung die Genehmigung der hohen k:k: n.ö. Landesregierung untern 22. Juni 1828 Z. 27070 ertheilt worden ist, so geloben und versprechen wir für uns und unsere Nachkommen auf ewige Zeiten den Willen des Stifters nach obigen Bestimmungen, in so ferne sie  neben jenen der Paul Czernitzischen Stiftung bestehenden können, auf das genaueste zu vollziehen und die von dem Stiftungskapital entfallenden Interessen zu nichts anderem als zur Erhaltung der vorstehend bezeichneten 4 Armen, und dann, nach Abzug der Spitalauslagen, den übrigen Rest zu Vertheilung auf die Hand unter ebendenselben zu verwenden.

Urkund dessen sind von diesem Stiftbrief 3 gleichlautende Exemplare errichtet, eines an die k:k:n.ö. Landesregierung, das 2te an den Magistrat der k:k: Haupt- und Residenzstadt Wien, als Abhandlungsinstanz des Stifters übergeben, das 3te in die Armenspitalslade zu Kirchberg am Wagram hinterlegt, und eine vidimirte Abschrift aber an die Herrschaft Oberstockstall mitgetheilt worden. Kirchberg am Wagram am 20ten August 1829. 

Marktrichter alda
Anton Zwickl
Marktrichter 

Ignaz Scheiger
Pfarrer und Stiftungsadministrator 

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In der Zeitung „Der Wanderer“ vom Mittwoch, den 16. Februar 1825, erfährt man Näheres über Franz Heiß:   

„Menschenfreundliches Testament eines Hausherrn in Wien. 

In den letzten Tagen des vorigen Jahres starb Franz H… im 82. Lebensjahre am Schlagflusse. Er war der Sohn wohlhabender Ältern, aus Kirchberg am Wagram (im Kreise Untermanhartsberg) gebürtig.  Fleiß und natürliche Anlagen förderten ihn in seinen Studien, und er erhielt den Doctorgrad der Heilkunde. Eine übertriebene Sparsamkeit zeichnete seine Handlungsweise schon in früher Jugend aus. Als Arzt begnügte er sich mit einem geringen Honorar, um nur von Vielen verdienen zu können! Und in seinen Rezepten zeigte er, außer seinen medizinischen Kenntnissen, noch eine außerordentliche Ökonomie, welche armen Patienten wohl zu Statten kam. 

Da H… bey seiner äußerst frugalen Lebensweise wenig bedurfte, so sammelte er sich bald ein ansehnliches Capital und erkaufte damit ein großes Haus in der inneren Stadt Wien: Zu seinem Lobe muß jedoch gesagt werden, daß er als Hauseigenthümer nicht nur billig, sondern sogar großmüthig handelte. Dieser geldliebende Mann war nämlich durch keine Verheißungen zu bewegen, die Wohnpartheyen seines Hauses zu steigern, oder ihnen die Wohnung aufzukünden. 

Als H… die Abnahme seiner Lebenskraft fühlte, und willens war, über sein Vermögen zu disponieren, begab er sich im December 1823 zu dem rühmlich bekannten, leider zeither verstorbenen k.k. Regierungsrathe Herrn Angermayer, und erklärte demselben, daß er für die dürftigen Armen in Wien sorgen wolle, und ihn deßhalb um Nahmhaftmachung derselben bitte. Der Herr Regierungsrath ergriff diese Gelegenheit, der schmachtenden Armuth nützlich zu werden, mit dem Eifer eines Biedermanns. Er legte dem H… die Ausführung seines edlen Entschlusses sehr warm ans Herz, und es gelang ihm, daß H… noch am letzten Tage des Jahres 1823 seine Anordnung nach dem Sinne des menschenfreundlichen Rathgebers traf, und sein Testament eigenhändig schrieb. 

Zum Executor desselben schlug der Herr Regierungsrath einen Mann vor, der als bewährter Menschenfreund, als öffentlicher Geschäftsmann und Armenvater des Bezirkes St. Stephan bekannt ist. 

Da der Erblasser unverheirathet war, und nur entfernte Verwandte besaß (welche jedoch auch bedacht wurden), so konnte er ungehindert mit seinem großen Vermögen zum Besten der Armen disponieren. 

Er widmete verschiedenen frommen Stiftungen zahlreiche Legate, von denen wir nur einige der bedeutendsten hier anführen, und den besonderen Umstand bemerken wollen, daß er bey Nennung der Summen die Valuta (in Papier oder Metall-Gelde) zu bestimmen vermied. 

Die Hälfte der Zinsen, welche vom Capitale des zum Verkaufe bestimmten Stadthauses entfallen, soll an Hausarme, die andere Hälfte an arme Verwandte des Erblassers und Studenten aus Österreich, vierteljährig vertheilt werden. Da dieses Haus auf einem günstigen Platz steht, und unter die großen Zinshäuser der innern Stadt Wien gehört, so fließt schon dadurch den Armen eine bedeutende Unterstützung zu. 

Dem Armenfonde legierte er 8000 fl 

Dem allgemeinen Krankenhause 6000 fl 

Dem Blinden-Institute 2000 fl 

Dem Taubstummen-Institute 2000 fl 

Den Armen im Versorgungshause zu Mauerbach 8000 fl 

Der Gemeinde Fels, als dem Geburtsorte des Erblassers, um einen Cooperator leichter erhalten zu können 4000 fl 

Dem Spitale in Kirchberg am Wagram 8000 fl. 

Zusammen 46.000 fl.  

Diese hier angeführten Legate, nebst mehreren andern und der obenerwähnten Überlassung der Zinsen von der Verkaufssumme des Stadthauses, bilden einen  hohen Zahlen steigenden Betrag, welcher der Armuth und frommen Stiftungen zu gute kommt. 

Durch solche Vermächtnisse hat jener Mann von seinem Vermögen, das er im Leben nicht zu gebrauchen wußte, nach seinem Tode den Segen der Armuth verdient. Möge es ihm nie an Nachahmern fehlen, welche, ohne sein Beyspiel im Leben nachzuahmen, mit ihm wetteifern an Edelmüthigkeit der letzten Entschlüsse.“  

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Zu den Geburtsdaten des Franz Heiss ist zu sagen, dass im Jahr 1744 in Mallon ein Franciscus Heiss als Sohn von Franciscus Heÿß und Eva Rosina geboren wurde, ebenso wie ein Franciscus Xaverius als Sohn des Thomas Heÿß in Neustift, Mutter Anna Maria. In Fels wurde zur fraglichen Zeit kein Franz Heiss geboren. 

 

Quellen
Diözesanarchiv, Wien
Pfarrmatriken Kirchberg am Wagram
ANNO Historische Zeitungen und Zeitschriften - gefunden hat den Artikel im „Wanderer“ Frau Marianne Eckart.

 

Juli 2014
Maria Knapp