Angela Langer

21.12.1884 – 25.6.1916

 

Letzte Änderung: 2.9.2016

 

Angela wurde in eine arme Kaufmannsfamilie hineingeboren. Die Familie lebte in Langenlois, wo Angela die Volksschule besuchte, allerdings nur sechs Jahre lang, da sie als ältestes von neun Kindern frühzeitig im Haushalt mithelfen musste.
Schon bald musste sie eine Stelle als Dienstmädchen bei einer Herrschaft in Krems antreten. Dort war es ihr möglich, sich verschiedene, wenn auch nicht immer hochwertige, Lektüre zu verschaffen. Dadurch angeregt, reifte der Gedanke in ihr, sich weiterzubilden.
 
Abb.: Portrait im Buch „Stromaufwärts“, 1913
 
 
Die Schriftstellerin Käthe Braun-Prager widmete Angela Langer einen Beitrag in ihrem Buch „Große Frauen der Heimat“.
Ihr Lebenslauf, ebenfalls von Käthe Braun-Prager verfasst, ist am 4.12.1960 in einer Zeitung erschienen (Name der Zeitung leider unbekannt.):
„Bei Fräulein Risa de Vall, Sprachenlehrerin in Krems an der Donau, klopft es eines Tages schüchtern an der Haustür. Das Fräulein öffnet, und da steht ein noch kindliches Mädchen, ärmlich, mit blecherner Milchkanne am Arm, im Türrahmen.
‚Was willst du denn?‘ fragt das Fräulein.
‚Ach, ich bitte sehr, ich möchte gern Englisch und Französisch lernen!‘
‚Was?‘
‚Ja … Ich möchte so gern…‘
Das Fräulein schüttelt den Kopf, fordert das kleine Bauernmädchen auf, ins Zimmer zu treten.
‚Wie heißt du denn?‘
‚Angela Langer.‘
‚So. Sie kommst du auf den Gedanken, Englisch zu lernen?‘
‚Ich habe es schon lange mit der Köchin besprochen.‘
‚Was bist du denn dort?‘
‚Kindermädchen. Die Köchin ist meine Freundin, und mit ihr habe ich mich beraten, so bin ich hierher gekommen, um ihren Unterricht zu bitten. Ich kann das Honorar bezahlen‘, setzt sie errötend und niedergeschlagenen Blicks hinzu, während ihr das Herz bis zum Halse klopft.
Das Fräulein winkt ab. ‚Was hast du denn gelernt?‘
‚Ich bin in die Langenloiser Volksschule gegangen. Aber ich bin nicht gerne gegangen. Rechnen und Geographie waren für mich schrecklich. Schön war nur das Sätzebilden. Und in den letzten zwei Jahren war ich fast gar nicht in der Schule, weil ich auf meine Geschwister achtgeben musste. Wir sind unser neun, und ich bin die Älteste; die Mutter konnte nicht alles allein machen.‘
‚Auf diese Weise hast du nicht gerade viel gelernt.‘
‚Nein. Aber ich lese jetzt Bücher mit der Köchin zusammen. Jeden Abend.‘
‚Bücher welcher Art?‘
‚Spannende Geschichten und traurige Theaterstücke. Freitag darf ich abends immer auf eine Stunde fort, da geht die Herrschaft aus, und die Köchin bleibt bei den Kindern.‘
‚Also gut. Kommst du Freitag. Buch und Heft werde ich dir schon geben. Wir sollen es also mit dem Englischen versuchen. Aber fleißig musst du sein. Hörst du?‘
‚O ja‘, sagt Angela glühend und küsst dem Fräulein die Hände. Sie ist ganz verwirrt vor Glück. Dann stürmt sie fort, dass der Milcheimer an ihrem Arm laut klirrt.
Zu Hause bei ihrer Köchin weiß sie sich vor Seligkeit nicht zu fassen. Sie nimmt sie um die Mitte und tanzt mit ihr durch die Küche. ‚Lernen darf ich, lernen‘, jubelt sie. ‚Und ganz umsonst. Alles. Das Fräulein war gut wie ein wirklicher Engel.‘ Als Angela nach einer Stunde die Kinder zu Bett gelegt hat, sitzt sie bei der Anrichte und schreibt auf einem alten Rechnungszettel ein Gedicht.
Nun nimmt sie regelmäßig Stunden bei Fräulein de Vall. … Die Dame ist schön längst aufmerksam auf das hochbegabte Mädchen geworden, das erstaunlich schnelle Fortschritte im Lernen macht. Sie bekommt auch bald die vielen Gedichte zu lesen, die alle auf abgerissenen Zetteln und verbrauchten Reis- und Kaffeesäckchen aufgeschrieben sind. Sie lehrt Angela die Sprache, hilft ihr die holprigen Reime glätten und hat trotz der Unbeholfenheit und Kindlichkeit des Ausdrucks das Gefühl, es mit einem Menschen zu tun zu haben, dessen Leben nicht ohne Bedeutung für sich und die anderen gelebt werden sollte. In verhältnismäßig ganz kurzer Zeit versteht Angela das Englische schon so gut, dass es sie drängt, nun auch Französisch zu lernen. Das Fräulein empfiehlt sie einem Kremser Redakteur, Josef Wichner, der dann später eine schöne Denkschrift über sie verfasste. Auch er ist ganz von dem feinen Wesen des Mädchens vertrauensvoll eingenommen und gibt sich alle Mühe, ihr gutes Deutsch beizubringen. Ihre Briefe bessert er mit roter Tinte aus, als wären es Schulaufsätze. Ihre Lust für Sprachen ist außergewöhnlich stark. Sie will jede Sprache lernen, aber sie hat auch, da sie nichts oberflächlich betreiben kann, das Bedürfnis, im Lande selbst Geheimnis und Wirklichkeit der fremden Sprache zu erfassen.
Vorerst nimmt sie nothalber eine Stelle in Budapest als Kinderfräulein an. Dann aber bittet sie ihre Gönner, ihr zu helfen, irgendwo in London unterzukommen. Es gelingt. Sie erhält eine Anstellung im Hause des Schriftstellers Otto Brandes, der erste, welcher Angelas Ruf weiter verbreitete und dem auch ihr erstes Werk, ‚In dankbarer Freundschaft‘ gewidmet war.
Ihre Dienstgeberin, die Tochter des genannten Herrn, bemerkt bald den feinen Geist und Takt dieses Mädchens mit den übermäßig großen Augen unter der hohen, von einer dunklen Haarkrone gezierten Stirn. Sie schickt Angela an die Universität, lässt sie lernen, was sie mag. Brandes sorgt väterlich für sie und nimmt sie auch einmal nach Brüssel mit, gemeinsam mit seiner jüngsten Tochter. Angela ist dankbar und glücklich hierüber, und nun schreibt sie – in englischer Sprache – ihren ersten Roman. Er heißt ’Stromaufwärts“.
Dieser Roman ist ihr Leben, zur eigenen Befreiung geschrieben, rein, traurig und still, und er schließt mit Entsagung und Müdigkeit: ‚… Und nachdem ich das gesagt hatte, da lächelte ich, jenes Lächeln, das die Frauen lächeln, wenn sie in der Liebe das Schwerste auf sich nehmen…
Den nächsten Morgen verließ ich das Haus sehr früh und wanderte durch die Straßen Londons. Ich wusste heute, dass ich durch diese Straßen noch oft und noch lange wandern würde. Einmal blieb ich stehen und trat in ein kleines graues Gebäude. Es war eine katholische Kirche. Ich ging darin planlos herum, und mein Blick fiel auf die lebensgroße Gestalt des Erlösers.
Ich wandte mich von dem Bild fort und schritt hinaus. Ich schritt auf Zehenspitzen hinaus, weil ich es so gewohnt war; in meiner Seele aber dämmerte die Religion des Lebens, und da, vor mit und neben mir, gingen ihre Jünger. Männer und Frauen, die den letzten Traum geträumt hatten und fertig waren für das Unbekannte; Männer mit starken Fäusten und harten Blicken, denen man ansah, dass sie gekämpft hatten. Und Frauen mit Schatten und Falten, denen man ansah, dass sie überwunden hatten, in ihrer Art. Männer und Frauen, die in der Herbe und Bitterkeit ihrer Tage größere Wunder wirkten als jene Galiläer… Männer und Frauen, zu denen auch ich gehörte.
Und dieses Bewußsein brachte mir eine neue Weisheit und eine neue Liebe … eine Weisheit, der alle frühere Weisheit, und eine Liebe, der alle frühere Liebe diente… und als ich damit in meine Einsamkeit zurückkehrte, da redeten die Steine.‘
Dieses Buch, das ihre Dienstgeber bewundernd gelesen haben, übersetzt sie nun auf deren Bitte selbst ins Deutsche, später auch ins Französische. Und nun reist Brandes damit nach Berlin zu dem Verleger S. Fischer und bringt es ihm. Es wird geprüft und gedruckt. Sie fährt nun wieder in ihre Heimat. Da sie aber einen Bauernroman schreiben will, verdingt sie sich als Magd nach Bozen, um Einblick in das Leben der Menschen zu gewinnen, die sie gestalten möchte. Sie nimmt Abschied von ihren Eltern und Geschwistern, die unterdessen nach Kirchberg am Wagram übersiedelt sind.
Angela ist nun in Bozen und arbeitet an ihren zweiten Roman, ‚Der Klausenhof‘, 1916 ebenfalls bei S. Fischer, Berlin, erschienen. Dies ist schon ein wirklicher Roman. Während ‚Stromaufwärts‘ mehr tagebuchartig an ihrer eigenen Person und an den ihr persönlich lieben oder verhassten Gegenständen verharrt, war hier schon künstlerisch das Leben fremder Menschen gestaltet. Es ist ein ungeheurer Schritt vom ersten zum zweiten Buch. Das erste ist eine Verheißung, das zweite jedoch schon die Bestätigung einer wahrhaften Künstlerschaft. Angela Langer ist der echte Dichter, der sich durch materielle, körperliche und geistige unübersteigbar erscheinende Hindernisse zu seiner natürlichen Bestimmung durchgerungen hat. Es ist keine Zeile in ihren Arbeiten, die nicht davon zeugt.
Als der erste Weltkrieg ausbricht, muss sie von Bozen fort. Bei ihrer Lehrmeisterin, Fräulein de Vall, sucht sie Hilfe und Schutz. Sie will als Pflegerin in einem Spital unterkommen, wird aber überall abgewiesen, da sie den vorgeschriebenen Pflegekursus nicht mitgemacht hat. Sie steht weinend vor dem Krankenhaus. Da bemerkt sie eine Dame, spricht sie an, und diese fragt nach der Ursache ihrer Verzweiflung. Angela erzählt der Fremden ihren Kummer. Diese gewinnt sofort Sympathie für das Mädchen, nimmt sie gastlich in ihr Haus auf, enthebt sie vorläufig der materiellen Sorgen und ermöglicht ihr den Besuch des Pflegerinnenkurses.
Ein halbes Jahr lang hat sie eine Stelle als Hausdame in einem Sanatorium in Königinhof inne, dann drängt es sie wieder fort, wenn es auch ins Ungewisse ist. Mit ganz wenig Geld reist sie nach Berlin und lebt allein in einem Gasthof. Als aber die letzten Geldscheine zu verschwinden beginnen, gesteht sie erst ihrem Verleger ihre Not. Es finden sich Menschen, die für sie sorgen, sie kann weiterstudieren. Sie kann wieder ihren Arbeiten leben. Das alte, drückende Leben scheint beendet.
Da plötzlich versagen die Kräfte, jetzt erst beginnen sich die vielen Aufregungen zu rächen, die Sorgen und Kämpfe, die sie zeit ihres Lebens getragen hatte. Die Nerven werden krank, doch niemand weiß die Ursache. Immer mehr verfällt ihr Geist; im Fieber wünscht sie sich, wieder in die Heimat zurückzukehren. Am 22. Juni bringt sie Schwester Maria im Zug Berlin – Konstantinopel nach Hause.
Hier liegt sie noch Tage in ständigen Phantasien. Sie spricht viel über Liebe und Leid, und wer hören kann, wird verstehen, woran dieses Leben eigentlich verlöschen muss. Der Roman ‚Stromaufwärts‘ hat dem Leser schmerzlich zu verstehen gegeben, was Angela im Leben durch die Liebe gelitten hatte. Ich will es nicht aussprechen, zu sehr ehre ich ihr Geheimnis, nur erwähnen, was die Schwester Angelas am Totenbette sprach: ‚Nun ist es ihr wohl. Sie hätte die Erde nicht mehr ertragen können, sie ist wirklich an gebrochenem Herzen gestorben.‘
 
(Es ist möglich, dass der Ehemann von Käthe Braun-Prager mit Angela Langer verwandt war, da ihre Mutter eine geborene Prager war.)
 
 
In der „Österreichischen Land-Zeitung“ wurde am 29. August1908 ein Gedicht der Schriftstellerin veröffentlicht:
 
Herbst
Und reife Frucht so weit das Auge schaut,
Vom Golde fallen schwer die Ähren nieder,
Aus dunklen Büschen tönt ein Vogellaut,
und heller schallt es aus der Lichtung wieder.
Die Stachelbeere glänzt am Waldeshang,
Zum Faß der Meister fertigt schon die Dauben
Und jeder Weinstock rings den Weg entlang,
Zeigt stolz errötend seine schönsten Trauben.
Ein jeder Ast hat seinen Zoll gebracht
Und bang der Ernte harren alle Triebe -
Mein Herz greift auch durch des Sommers Macht
Drückt fast zu Boden seine Last - die Liebe. -
Langenlois. Angela Langer.
 
Abb.: Signatur im Buch „Stromaufwärts“, 1913 
 
 
Herr Dr. Detlev Gamon aus Hüttendorf bei Mistelbach beschäftigte sich mit dem Kremser Schriftsteller Josef Wichner (1852 – 1923) und fand im Zuge dessen einen ergreifenden Nachruf des genannten Dichters auf Angela Langer, der 1916 in den „Niederösterreichischen Volksbildungsblättern“ veröffentlicht worden war.
 
„Im Aufstieg.
(Dem Andenken der jugendlichen Dichterin Angela Langer.)
Von Josef Wichner.
Daß wir beim Worte ‚Held‘ in unserer fürchterlich schweren Zeit vor allem an ‚Kriegshelden‘ denken, ist selbstverständlich. Das Heldentum zeigt sich eben nie in so vollem Glanze und in so überragender Bedeutung für die Gesamtheit, als im mörderischen Kampfe, in dem es sich im Sein oder Nichtsein ganzer Staaten handelt.
Es gibt aber daneben zu allen Zeiten ein anderes, ein stilles Heldentum; ist ja doch jeder ein Held, der sich für eine große und gute Sache voll und ganz einsetzt und seine Gefahr, auch den Tod nicht scheut, wenn’s gilt, das vorgesteckte Ziel zu erreichen. Helden sind die Forscher, die den tödlichen Bazillen ihre Geheimnisse ablauschen, die eindringen in die Eiswelt der Pole und in die Glut der Tropen, sich aufschwingen in die Lüfte und hinabtauchen in die Tiefen der Erde. Helden die Wärterinnen und die Priester am Bette der Pestkranken, Helden jene, die den Weg geistiger Ausbildung, allen Hemmnissen trotzdem tapfer aufwärts schreiten und sollten sich auch im Aufstiege erliegen … ist ja allwegs nicht nur der Sieger, sondern auch der rühmlich Gefallene ein Held.
Von so einem Geisteshelden oder vielmehr von einer Heldin, die sich unter den größten Schwierigkeiten zu den Höhen reiner Kenntnisse und vielversprechender schriftstellerischen Leistungen herangebildet hat, will ich erzählen.
Angela Langer heißt das Mädchen, eines Kleinkaufmanns und Obsthändlers Tochter, vorerst in Langenlois, dann in Kirchberg am Wagram. In der kinderreichen Familie …. Angela hatte neun Geschwister … saß manche Jahr die blutige Armut und des Lebens bittere Not. Der Schulunterricht, durch Betreuung der jüngeren Geschwister häufig unterbrochen, war mehr als mangelhaft, und kaum der Schule entwachsen, mußte das Mädchen das Vaterhaus verlassen, auf daß es den Eltern von der Schüssel komme. Eine Tante, Frau Kaufmann Langer in Stein, nahm sich einige Zeit der Kleinen an, dann hieß es, als Kindermädchen, als Magd, das Leben fristen … da und dort …in Stein, in Budapest … was weiß ich, wo noch. Und hat sich rein erhalten in allen Gefahren, die der auf sich angewiesene Jugend vorab in der Großstadt drohen.
Aber … merkwürdig: in dem zur Jungfrau erblühenden Mädchen regt sich ein Geist, der nach schöpferischer Betätigung verlangt … dazu zwingt. Es entstehen lyrische Stimmungsbilder, die nach mir vorgelegten Proben ausgesprochene Begabung, aber ebenso Mangel an jeglicher Schulbildung sowie an Welt- und Menschenkenntnis offenbaren.
Meine anerkennenden Worte sowohl wie das Meer von roter Tinte, die sich über die zahllosen Mängel ergoß, wiesen ihr den Weg, und sie war, wenn auch vorerst etwas gekränkt, einsichtig genug, den Weg zu wandeln, der allein Erfolg versprach, den Weg des Lernens, der allseitigen Ausbildung… für ein Dienstmädchen mit wenig freier Zeit und geringer Entlohnung gewiß ein Dornenweg.
In Krems nahm sie, immer in dienender Stellung, bei Fräulein Risa de Vall Unterricht in der englischen Sprache und lernte in den Abendstunden, sich aus der Küche fortstehlend, Stenographie. Und dann … dann geht’s …. mit Schulden … nach London.
Eine Tochter des Schriftstellers und Londoner Vertreters des ‚Berliner Tageblattes‘ Otto Brandes, wird ihre Herrin. Während sie die Schuhe reinigt und den Boden reibt, brütet der Geist über dem größeren Erstlingswerk. Die Frau erkennt an der seltsamen Magd die seltene Gabe, zieht sie zu sich heran, ermöglicht ihr sprachliche und andere Ausbildung an der Universität. Brandes selbst wird ihr väterlicher Schutzherr, nimmt sie bei seiner Uebersiedlung mit nach Brüssel als Gesellschafterin seiner jüngsten Tochter und fördert sie auf jegliche Weise. Inzwischen reift das Erstlingswerk, der Roman ihres eigenen Lebens und Strebens ‚Stromaufwärts‘, in englischer Sprache geschrieben, vor ihr selbst ins Französische und Deutsche übertragen und durch Vermittlung ihres einflußreichen Schützers und Schätzers bei S. Fischer in Berlin verlegt.
Einmal kommt sie in die Heimat und nimmt, da sie einen Bauernroman plant, Dienst bei einer Familie in Bozen an, um Land und Leute kennen zu lernen. So entsteht ihr zweites Werk ‚Der Klausenhof‘, 1916 bei S. Fischer erschienen. Bei Kriegsbeginn plötzlich entlassen, sieht sie sich abermals der Not gegenüber. In Krems, wie sie bei ihrer wackeren und selbstlosen Lehrerin Trost und Rat sucht und findet, will sie als Pflegerin in ein Spital eintreten, wird aber rundweg abgewiesen; denn sie ist wohl Schriftstellerin und der ungarischen, französischen, englischen, italienischen und nun auch der deutschen Sprache mächtig, kann sich aber nicht über den Besuch eines Pflegerinnenkurses ausweisen.
Völlig verzagt und in Tränen aufgelöst, steht sie vor den Pforten des Spitals, da erkundigt sich eine des Weges kommende Dame, Frau Oberst v. Leuchtenberg, teilnahmsvoll um das Leid des Mädchens, nimmt sie in ihr Haus, und hier sowie später bei Frau Dr. Michl als lieber Gast weilend, ist sie der materiellen Sorgen enthoben und kann sich jene Kenntnisse erwerben, die die Krankenpflege erfordert.
Gegen ein halbes Jahr leitet sie als Hausdame ein Sanatorium, wenn ich nicht irre in Königinhof (an der Elbe in Tschechien), aber der Drang nach literarischer Betätigung nötigt sie, die gesicherte Stellung aufzugeben und aufs ungewisse … stromaufwärts zu schreiten.
Sie kommt mit geringer Barschaft nach Berlin, weilt bis diese zusammengeschmolzen ist, in einem Gasthofe, dann wagt sie sich zu ihrem Verleger, ihm ihre Not zu klagen. Der hochherzige Mann macht ihr freundschaftliche Vorwürfe, warum sie sich nicht gleich an ihn gewendet habe, bringt sie auf seine Kosten in ein Studienhaus in Charlottenburg, wo sie, der leidigen Sorge der Armut enthoben, ganz ihrer Ausbildung und ihren dichterischen Arbeiten leben kann.
Durch Fischer und Heimann, das Verlegers literarischen Berater, dessen Gattin Gertraud ihr zur Freundin wird, findet sie Zutritt in Berlins literarische Kreise, so bei Gerhart Hauptmann, und sie vergilt die ihr gewordene Förderung durch rastlosen Fleiß … ein neuer Roman formt sich, eine Novelle, die aus dem Nachlasse in Fischers Zeitschrift ‚Die neue Rundschau‘ erschien, wird vollendet, sie lernt sogar auf Wunsch des Verlegers die lateinische Sprache. So winkt golden eine schöne Zukunft, Ehre und Wohlstand, die längst ersehnte Möglichkeit, die Eltern zu unterstützen. Da …bricht sie zusammen, die überspannten Nerven reißen, das Sanatorium in Schlachtensee nimmt die im Aufstiege erlegen Dichterin auf. In den Fieberschauern der kranken Phantasie sieht sie aufschreiend den Brand des Klausenhofes, bei Besinnung steht alle ihre Sehnsucht und Genesungshoffnung auf der Heimat.
Im Mai sandte sie mir ihren Volksroman mit lieber Widmung, am 4. Juni schrieb sie mir durch die Hand der teilnahmsvollen Pflegerin und Freundin Schwester Marta: ‚Ich bin leider seit vielen Wochen krank. In einigen Wochen aber hoffe ich, so weit zu sein, um nach Hause reisen zu können und in der schönen Heimat zu gesunden. Mit Freuden sehe ich dem Zeitpunkt entgegen, wo ich Sie und Ihre liebe Frau begrüßen kann.‘
Ihr Wunsch, die Heimat zu sehen, wurde erfüllt. Im 22. Juni brachte sie Schwester Marta im Zug Berlin – Konstantinopel auf Kosten ihrer Gönner, die auch alle übrigen Auslagen deckten, nach Wien und sodann in das Haus im Tullner Felde.
Drei Tag lag die Arme, meist bewußtlos, im Elternhause, aber in den wenigen lichten Augenblicken, da sie ihre Lieben erkannte, fühlte sie sich daheim … geborgen … und in diesem Wohlgefühl ist sie hinübergeschlummert.
Mädchen in weißen Kleidern, Frauen aus dem Volke mit bunten Kopftüchern gaben ihr das Geleite. Ein Gewitter entlud sich über dem Trauerzug, der sich zur hochgelegenen Kirche bewegte.
Unsere Helden versterben auf den Schlachtfeldern unter dem Donner der Kanonen. Angela Langer war auch eine Heldin …. So gab ihr des Himmels gewaltige Donnerstimme den Ehrengruß.
Als wir die Hülle des reichen, mannesstarken, schließlich in Ueberanstrengung des Aufwärtsstrebens gebrochenen Geistes ins Grab senkten, durchbrach die Sonne das Wolkenmeer und vergoldete des Trauerspieles letzten Akt. Wäre der Geist umnachtet geblieben, so hat der Tod ein Werk der Gnade und des Erbarmens vollbracht!“
 
Laut Pfarrmatriken starb sie an hysterischem Koma und Stickfluß infolge Gastritis.
 
 

Durch weitere Nachforschungen durch Herrn Dr. Gamon musste das Geburtsdatum, das sie selbst in ihrem ersten Roman mit 21. Dezember 1886 angegeben hatte, auf den 21. Dezember 1884 korrigiert werden. Der Geburtsort war nicht Wien, sondern Mährisch Schönberg, von wo auch ihr Vater abstammte. Es ist nicht klar, ob sie ihren Geburtsort nicht kannte, oder ihn absichtlich falsch angab, so wie das Geburtsdatum. In ihrem ersten Roman, der starke autobiografische Züge hat, hat sie auch viele Ortsangaben verfremdet.

 
 
 
Familie Langer
Anton Langer (geb. 1856 in Wermsdorf, Bez. Schönberg in Mähren) heiratet 1886 in Langenlois Maria Prager (geb.1862, Tochter der Gasthauspächterin Anna Prager aus Kottes) wo sie in der Folge auch wohnten. Anton wird bei den verschiedenen Taufeinträgen seiner Kinder als Gemischtwarenhändler, Obsthändler oder Mehlverschleißer bezeichnet. Sie lebten als Inwohner in verschiedenen Häusern, laut Pfarrmatriken in 45, 52, 88, 91, 96 und 135. Angela, die älteste, wurde in Wien geboren, all anderen, das letzte 1904, kamen in Langenlois zur Welt. Angela war bei der Geburt der jüngsten Schwester schon 18 Jahre alt. Im Volksschulalter von etwa 8 Jahren, konnte sie sich als nur um vier weitere Geschwister gekümmert haben.
Die Familie zog nach der Geburt der jüngsten Tochter nach Kirchberg. Sie wohnten in einem kleinen Häuschen südlich des Bahndammes, das noch bis Ende des 20. Jahrhunderts von wechselnden Familien bewohnt war und zum Gut Oberstockstall der Familie Salomon gehörte. Der Vater verdingte auch hier seinen Lebensunterhalt als Obsthändler.
Außer der Todeseintragung von Angela hat die Familie wenige Einträge in Kirchberg verursacht: Schwester Maria heiratet Franz Swoboda aus Unterstockstall, sie stirbt dort im Jahr 1950, Schwester Hermine heiratet 1930 Maximilian Vater aus Wien.
 
Abb.: Der Stammbaum, soweit bisher erforscht.
 
 
Wir danken Herrn Dr. Gamon, dass er uns auf  diese herausragende junge Schriftstellerin aufmerksam gemacht und uns zahlreiche Unterlagen  zur Verfügung gestellt hat.
 
 
Weitere Quellen:
Dr. Rudolf Delapina, Wien, Kirchberg am Wagram
Pfarrmatriken Kirchberg am Wagram
 
 
Juli 2016
Maria Knapp