Georg von Webern zu Treuenhausen und Postfelden

Bezirksrichter in Kirchberg von  1860 – 1875
 
 
 
Er war hier eine beliebte und geachtete Person, wie die beiden folgenden Nachrufe belegen.
 
 
Nachruf
In der Nacht vom 15. auf den 16. März starb zu Kirchberg am Wagram der Bezirksrichter Georg von Webern zu Treuhausen und Postfelden.
Vor 62 Jahren in Südtirol geboren, hatte er sich anfangs dem Unterrichtsfache zugewendet, war Convictspräfect in Mailand, das Justiziär beim Fürsten Starhemberg, fungirte sohin mit unserem vor wenigen Monaten verstorbenen Collegen Rik als Assessor in Korneuburg und wirkte nun seit vielen Jahren als Bezirksrichter.
Wer ihn kannte, achtete und liebte ihn. Adel der Gesinnung, Wohlwollen und Güte gepaart mit Energie am rechten Platze, urbanes Benehmen mit Jedermann, kurz, ein Kranz vorzüglicher Eigenschaften umglänzte diese Perle eines Richter; leider glühte auch ein schwarzer Diamant in diesem Tugendkranz mit unheimlichem Lichte, denn wie der Beste hatte auch der Verblichene einen Fehler, der ihm den Tod brachte, einen Fehler, vor den ihn seine Freunde vergeblich warnten; er war in des Wortes kühnster Bedeutung über alles Maß fleißig. Eine zehnstündige Arbeit, und darüber Tag für Tag, bricht die Kraft des Gesunden; von Webern hat sich durch Ueberanstrengung vor Jahren bereits sein unheilbares Leiden zugezogen, und doch fand ihn, wenige Tage vor seinem Tode noch, der frühe Morgen und der späte Abend in rastloser Thätigkeit; ja in seinen Phantasien am Sterbebette hantirte er noch mit der Feder und verlangte neue, immer neue Acten!
Wir können uns nicht versagen, eine Episode aus dem Leben dieses Ehrenmannes zu bringen, weil sie so bezeichnend ist: In einer Sommernacht vor zwei Jahren umstürmte eine Horde von mindestens 150 vom Weingenuß aufgeregter exzessiver Bauernburschen das Gerichtsgebäude – zugleich Wohnung des Herrn Bezirksrichters -, bombardirte das Thor des Gerichtshauses mit Steinen und wollte es aufsprengen, um einige von der Gendarmerie verhaftete Excedenten zu befreien; den Gendarmen hingen die Fetzen vom Leibe und wild ging es her. Der Herr Bezirksrichter ließ sich, nicht achtend das Flehen seiner Familie, das Thor öffnen, sprach in ruhigen aber energischen Worten die aufgeregte Menge an, und wie mit einem Zauberschlage war die Ruhe hergestellt.
Könnten wir diese Perle, könnten wir diesen Schatz wieder haben, mit den Händen wollten wir ihn ausscharren, und läge er noch so tief!
Dr. R.H.
Zeitschrift für Notariat und freiwillige Gerichtsbarkeit vom 24.3.1875

 
Ein weiterer Nachruf:
..Der Mann hat es verdient, daß sein Andenken in weitere Kreise dringt. Er war am 25. November 1813 zu Lavis nächst Trient in Südtirol geboren, besuchte das Gymnasium zu Bozen, absolvirte Philosophie zu Mailand, und machte seine juridischen Studien an der Universität zu Wien. Am 3. Februar 1845 betrat er die praktische Laufbahn als Justiziär der gräflich Starhemberischen Herrschaft Schaumburgerhof. Bei Auflösung der Patrimonien wurde er mit Decret des k.k. Justiziministers vom 18. Februar 1850 als Assessor nach Korneuburg berufen.
Mit Decret der Organisirungscommission vom 22. August 1854 wurde er zum Vorsteher des gemischten Bezirksamtes Kirchberg am Wagram befördert und daselbst laut Decret des vom 14. August 1868 bei Recreirung reiner Justizstellen als Bezirksrichter belassen. Hier wirkte er und entwickelte eine höchst segensreiche Thätigkeit bis an sein Ende. Noch in der Woche vor seinem Tode amtirte er trotz seiner 62 Jahre Tag für Tag seine reichlichen 10 bis 12 Stunden mit unermüdlicher Emsigkeit, denn einer seiner Hauptgrundsätze war tabula rasa des täglichen Einlaufes.
Außer seinen Bureauarbeiten fungirte er als Landesfürstlicher Sparcassacommissär, Vorstandsstellvertreter des landwirtschaftlichen Bezirksvereines usf. usf.
Die Marktgemeinde Kirchberg am Wagram, welche ihm die Schöpfung mancher Werke dankt, welche wohl seinen Körper, aber nicht sein Andenken überleben werden, ernannte ihn zum Ehrenbürger, überreichte ihm wiederholt silberne Tafelaufsätze und ähnliche Festgaben, kurz gab mehrfach ihrer dankbaren Ueberzeugung Ausdruck, daß die Commune einen so väterlichen Verwalter der Magistratur kaum je wieder zu erhalten hofft.
Die glänzenden Eigenschaften seines Privatcharakters manifestirten sich in zahlreichen Fällen.
Seine Leichenfeier war großartig. Trotz der fürchterlichen Witterung wohnten der Einsegnung in Kirchberg (die Trauerflagge wehte drei Tage lang am Rathause) unter Andern die autonoene Gemeindevertretungen des ganzen Sprengels in corpore bei. Der mit prächtigen Bändern und Kränzen reich bedeckte Sarg wurde in die Familiengruft nach Stockerau überführt, wohin eine lange Wagenreihe ihm das letzte Geleite gab. Am Begräbnisorte selbst war die Theilnahme eine wo möglich noch größere.
Berufsgenossen aus Krems, Korneuburg, Tulln, Oberhollabrunn usf. folgten dem Zuge, dem sich eine nicht endende Schaar Leitragender aus alles Classen und Ständen der Bevölkerung aufschloß. Mög ihm die Erde leicht sein!
Juristische Blätter 1875

 
In den Kirchberger Sterbematriken wird als Todesursache Lungentuberkulose angegeben. Weiters steht hier, dass er im Kirchberger Friedhof beerdigt ist. – Wahrscheinlich in Irrtum. Da dem Schriftbild nach alle Einträge der Seite auf einmal getätigt wurden und man auf diesen Ausnahmefall vergaß.
 
Am 22.8.1843 ehelichte er Anna Theresia Fleckenstein, Bäckerstochter aus Wien Lichtenthal. Tochter Hedwig heiratete in die Familie Wallek in Stockerau ein – daher hier die letzte Ruhestätte.
 
 
September 2020
Maria Knapp