Lehrer im 1. Weltkrieg

 

Letzte Änderung: 27.12.2013

 

Da die Lehrer zu den wenigen im Dorf gehörten, die korrekt rechtschreiben und auch mit Formularen umgehen konnten, wurden sie gerne für verschiedene, schulfremde Arbeiten herangezogen. So waren sie oft Gemeindesekretäre oder Schriftführer in Vereinen und Genossenschaften (Milchkasino, Feuerwehr, etc.). Vor allem während der Weltkriege mussten die Lehrpersonen  vielfältige Arbeiten übernehmen, die mit dem Schulbetrieb nichts zu tun hatten.

Lehrer Jakob Jungbauer aus Winkl beschreibt dies in der Schulchronik. Außerdem hat er zwei Berichte aus einem nicht näher bezeichneten Schriftwerk in die Chronik eingeklebt:  

 

Bericht von Lehrer Jungbauer 
Für die Schule war dieser Krieg auch nicht von Vorteil. Viele Lehrer mußten einrücken und von den meisten Familien die Väter ebenfalls. Die zurückbleibenden Lehrer wurden zu vielen anderen Arbeiten verwendet. Dadurch trat eine gewisse Gleichgültigkeit ein und die Erfolge nicht die vom Frieden. Der Schulbesuch war ein sehr guter und war die Schule trotz Mangel an Brennmaterialien und Teuerung derselben keinen einzigen Tag gesperrt. Der Unterricht in weiblicher Handarbeit litt durch die hohen Preise des nötigen Materials, welches überhaupt eine Zeit gar nicht zu haben war. Die Mädchen arbeiteten fleißig an Kälteschutzmitteln für die Soldaten, wozu sie die Wolle vom Bezirksschulrate erhielten. Es wurden gestrickt 12 Paar Stutzen, 19 Paar Kniewärmer, 8 Schneehauben, 3 Paar Fäustlinge, 6 Paar Pulswärmer, 4 Paar Socken, gespendet wurden 10 Hemden, 3 Unterhosen, 3000 Stück Papiersohleneinlagen, 31 ½ kg Wundfäden, gesammelt wurden von der Schule  auf Wolle 85,59 K, Spartage 258 K, fürs Rote Kreuz 206,26 K, für Tuberkuloseheim 117 K, für Blinde 98 K, Metallsammlung 85 kg, Wolle und Gummisammlung 78 kg, Brombeerblätter 52 kg, Brennessel 92 kg. Zu beigeklebten Preissteigerungen ist zu bemerken, daß sie noch immer höher wurden und im Jahre 1920 schon 1 kg Rindfleisch 100 – 150 K, Schweinefleisch 150 K, Kalbfleisch 120 K, Reis 60 K, Milch 8 K, Butter 180 K, Petroleum 1 l = 60 K, Zucker 1 kg 140 K kosteten. Wäsche, Schuhe und Kleider waren größtenteils nur gegen Tauschmittel zu haben.

Die Schulen wurden auch zu Kriegsanleihesammelstellen verwendet. Als solche wurden in Winkl 70550 K Kriegsanleihe gezeichnet. Da der Lehrer während des Krieges viele Arbeiten zu leisten hatte, die mit der Schule nichts zu tun hatten, die er aber, wenn ihn der Bürgermeister benötigte, leisten mußte, glaubte mancher, die Schule sei Nebensache und man könne mit den Schulgesetzen leicht fertig werden oder gar darüber hinweggehen, ebenso mit den Lehrern.

 

Eingeklebte Artikel:

Lehrerarbeit
An den notwendigen Arbeiten während der Kriegszeit fehlt es uns wahrlich nicht. Ist irgend etwas zu leisten, dann wissen unsere Behörden immer, wo die Lehrer zu finden sind, und zur Ehre der Behörden sei es gesagt, sie sind die einzigen, die es anerkennen. Leider werden die Lehrer von der Anerkennung nicht satt und auch ihre Familien können davon nicht leben. Eine Zusammenstellung der im Kriegsjahre 1915 uns aufgetragenen Arbeiten verdanken wir einem Kollegen, und wir säumen keinen Augenblick, die Öffentlichkeit damit vertraut zu machen; die in der Klammer stehenden Ziffern bedeuten den Tag der Kundmachung. Die Arbeiten betreffen:

  1. Aufnahme des Getreides und der Mehlvorräte, wobei die Lehrer als Vertrauensmänner zu fungieren hatten. (24. Februar 1915)
  2. Die Verteilung der Brotkarten. (3. April 1915)
  3. Die Spartage an den Schulen. (13. April 1915)
  4. Die Mitwirkung der Schulen an der Kriegsmetallsammlung. (7. April 19159
  5. Den Maikäferflug, Einsammeln durch Schulkinder. (5. Mai 1915)
  6. Die Beschäftigung der Jugend während der Ferien. (24. Juni 1915)
  7. Heranziehung der Jugend zu landwirtschaftlichen Arbeiten. (2. Juli 1915)
  8. Die Mitwirkung der Lehrerschaft bei der militärischen Erziehung der Schuljugend. (2. Juli 1915)
  9. Den Handarbeitsunterricht im Dienste der Kriegsfürsorge. (9. Juli 1915)
  10. Militärische Jugendvorbereitung, Mitwirkung der Schule (26. Juli 1915)
  11. Woll- und Kutschuksammlung zu Kriegszwecken, Mitwirkung der Schule. (7. September 1915)
  12. Laub- und Baumfrüchte als Futterersatz, Einsammlung (23. September 1915)
  13. Verteilung von Gedenkblättern über die Betätigung der Kriegsfürsorge (29. September 1915)
  14. Eintreibung der Nesselernte (1. Oktober 1915)
  15.  Heranziehung der Lehrpersonen zu den Vorratsaufnahmen (8. Oktober 1915)
  16. Förderung der Kriegshilfsaktion „Gold gab ich für Eisen“. (18. Oktober 1915)
  17. Mitwirkung der Lehrer bei der Errichtung von „Kriegsstüberln“ in den Gemeinden. (8. Oktober 1915)
  18. Verwertung von Waldfrüchten als Futtermittel (25. Oktober 1915)
  19. Schülerzeichnungen der 3. Österreichischen Kriegsanleihe (25. Oktober 1915)
  20. Schulbehördliche Jugendfürsorge in der unterrichtsfreien Zeit während des Krieges. (27. Oktober 1915)
  21. Gold- und Silbersachen und deren entgeltliche Einlösung (4. November 1915)
  22. Das Einsammeln von Erdbeer- und Brombeerblättern.

Handschriftlich beigefügt:

  1.  Vieh- und Hausaufnahme. (bis 18.XII.)
  2.  Vorratsaufnahme.

 

Lehrerlohn
Es häufen sich die Fälle, daß Lehrerinnen, die erst die Reifeprüfungen ablegten, ihre Anstellungsdekrete zurückschicken, weil sie es für unmöglich halten, mit dem geringen Betrage auszukommen, und es ist das vollauf begreiflich, denn mit 2 K und den paar Hellern, die eine solche Lehrkraft erhält, kann man sich nicht sattessen. Ein Mittagessen allein kostet, wenn es noch so bescheiden ist, über 2 K (Rindfleixch 1 K 60 H, Suppe 16 h, Erdäpfel 16 h, Gemüse 16 h). Wo bleiben dann Frühstück, Nachtmahl, Kleidung usw.; daß ein Lehrer sich nicht unterstandlos herumtreiben kann, versteht sich von selbst, und anständig gekleidet soll er auch sein, denn das fordert schon das Gesetz. Wie aber das anfangen, ohne zu stehlen? Selbst der Verein der städtischen Beamten, die in ihren Bezügen viel besser gestellt sind, begründet seine gewiß berechtigte Forderung nach einer Teuerungszulage mit den unerschwinglichen Preisen der Lebensmittel.

 

Dezember 2013
Maria Knapp