Feldpostbriefe Josef Sieberer jun.

 

Letzte Änderung: 4.11.2014

 

Josef Sieberer, Sohn des Landwirtehepaares Josef und Josefa, war knapp 17 Jahre alt, als er um den 12. 7. 1944 zum Arbeitsdienst nach Zurndorf im Burgenland einrücken musste. Danach war er in Pillau an der Ostsee stationiert.  

Die Briefe sind teilweise ohne Datum und Absendeort und daher sinngemäß eingeordnet.
Die Rechtschreibung wurde teilweise an die heutige angepasst.

Bild: Josef Sieberer zu  Beginn des Krieges noch als Schulbub

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 22.7.44

Liebe Eltern und Geschwister. 

Nun sind es 10 Tage, dass ich fort bin, aber mir kommt es vor, als wenn ich schon 5 Monate fort wäre. Man braucht nicht lange, bis man sich so halbwegs eingelebt hat. Liege in der Krankenstube. Habe rechts oben einen ausgefressenen Zahn, habe das ganze Gesicht verschwollen. Ihr braucht keine Angst zu haben, wird schon wieder gut werden. Bitte schreibt recht oft, dass man sich nicht so einsam fühlt. Es ist besser, wenn Vater jetzt nicht kommt, denn vor der Vereidigung wäre es ein Unsinn, denn Freitags war von meinen Kameraden eine Tante zu Besuch, durfte nur paar Minuten mit ihr sprechen und musste wieder zum Dienst. Wenn die Vereidigung war nach so 5 – 6 Wochen, wenn wir einmal Ausgang haben sonntags, kann Vater kommen. Hier lege ich meine Raucherkarte bei und bitte Euch, mir die Sachen zu schicken, die ich im vorigen Brief angeführt habe. Es grüßt Euch herzlich Euer Sohn und  Bruder Josef.

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  Liebe Eltern

Habe das Paket erhalten, habe mich sehr gefreut. Bitte Euch, seid so gut und schickt mir Hosenträger. Der Dienst ist sehr schwer. Wurde eben gestört und muss mit Blei weiterschreiben. Die Zähne sind schon wieder gut. Bitte schickt mir ein klein wenig zu essen. Ein Paket nicht schwerer als ½ kg und dass nichts ausrinnt. Man hat nicht einmal Zeit, dass man ein paar Zeilen schreiben kann.

Ihr werdet sehr viel Arbeit haben und ich sitze hier. Ausführlicher Brief folgt sonntags. Es grüßt Euch alle herzlich. Josef.

Mittwoch wieder Fliegeralarm.

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  Anfang August 1944

Liebe Eltern.

Sind am 31. nach Parndorf in Arbeitseinsatz gekommen. Sind in der Woche 3 Tage auf der Baustelle und 3 Tage Ausbildung. Habe die 4 Pakete am Dienstag bekommen. Das Leben ist soweit erträglich, auf der Baustelle verrichten wir Erdarbeiten, ist am Flugplatz. Hatten schon lange keinen Flugalarm. Haben 2 Zitronen und 2 mal Zuckerl bekommen. Habe das Paket mit den Birnen und den Brief samstags erhalten. Bitte auch, schickt mir Briefpapier und schaut, dass ihr auch Karten schicken könnt, solche mit Blumen und Soldatenabbildungen u. Schmirgelpapier, denn alle Tage muss man 5 mal Spaten putzen. Die ganze Woche kommt nicht dazu, dass man ein paar Zeilen schreiben könnte.

So ist es ganz gut. Sind in der Stube 18 Mann, 5 aus Niederdonau, 2 aus Karlsruhe und 11 aus der Untersteiermark, ehemalig bei Jugoslawien (von der Gebieten Laibach, Grein, usw.) Da versteht man sich schlecht und oft kommt es zu kleinen Zwischenfällen. Es ist besser, wenn Vater noch nicht kommt, bis ich schreibe. Haben in der Woche 2 mal kalt und 2 mal warm baden. Sonntag hatten wir Schweinebraten, Kartoffel, Gurkensalat u. Pudding, werden wahrscheinlich am 10. die Vereidigung haben. Die Zeit vergeht schnell, am Mittwoch sind es schon wieder 4 Wochen.

Als wir am Dienstag nach Parndorf zur Arbeit fuhren, trafen wir Jungen aus dem Lager aus Nickelsdorf. Ich weiß, dass der Korner Leopold schon abgerüstet hat, aber er ist erst im nächsten Zug gefahren, darum hab ich ihn nicht getroffen.

Ihr werdet jetzt sehr viel Arbeit haben – wenn wir auf der Baustelle sind hier, freut einem gar nichts. Es grüßt Euch alle recht herzlich Josef 

Bitte schreibt öfter, denn manchmal, wenn es gar arg ist und nie kein Schreiben kommt, wird man ganz verdrossen.

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  Anfang August 1944

Liebe Eltern.

Liebe Eltern, nun sind es drei Wochen, dass ich von zu Hause fort bin. Ich bin schon ganz verzweifelt, weil ich noch immer keine Post habe. Mir geht es gut, gestern haben wir die Koffer abgegeben zum Heimsenden. Hoffentlich habt ihr den Brief bekommen, den ich einem Wiener mitgegeben habe. Ich schreibe es ausdrücklich, dass Ihr Euch auskennt, falls ihr den Brief nicht bekommen solltet. Bitte Euch, schickt mir so schnell wie möglich: Waschpulver, Waschbürste, Briefpapier und etwas zum Lesen.

Wie geht es Euch, wie weit seid ihr denn mit der Arbeit, haben wir viel Kartoffel bekommen, habt ihr die Rüben schon zu Hause. Das ist es halt, weil es so weit fort ist von uns, darum geht die Post so lange.

Am Donnerstag waren wir im Kino, es wurde der Film „Die beiden Schwestern“ gegeben. Und am Freitag war am R.d.F. Theatervorführung, wie ihr seht, geht es uns nicht schlecht. Nun viele herzliche Grüße an Euch alle. Josef.

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  Liebe Eltern.

Waren Montag bis Mittwoch wieder auf der Baustelle. Waren  Montag von 9 bis 2 im Splittergraben. Die Arbeit ist nicht schwer. Gleislegen u. Planierarbeiten. Am Freitag wurden bis das 4. Mal geimpft auf der Brust, am nächsten Tag waren wir ganz verschwollen, dass wir nicht einmal Atmen konnten. Die 3 Tage Ordnungsdienst sind auch zum Aushalten. Am Sonntag waren Leute zu Besuch, dabei wurde einem Herrn der Photo(apparat) gestohlen. Die Folge war, dass man uns von den Spinden alles rausgeschmissen und die Betten auf den Boden geworfen hat.

Die Ausgangsuniformen haben wir schon, aber die Vereidigung war noch nicht, und es ist auch besser, wenn Vater vor der Vereidigung nicht kommt.

Mit der Zugverbindung steht es auch sehr schlecht. Ich muss sagen, ihr schreibt überhaupt nicht, wenn Toni nicht so fleißig wäre. Die Pakete hab ich gut bekommen, wie es mit der Arbeit steht, kann ich mir denken, dass Ihr nicht wisst, was Ihr zuerst machen sollt. Hier sind die Leute auch noch nicht fertig. Es grüßt Euch alle recht herzlich. Josef

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 Liebe Eltern.

Vor allem seid nicht bös, dass ich so lange nicht geschrieben habe. Sonntag haben wir die Gasprobe gehabt, scheußlich, wenn einem die Gasmaske nicht passt, der Gestank und die Augen tränen fürchterlich. Mit dem Ausgang war es auch nichts, weil es den ganzen Sonntag regnete. Am Abend haben wir Sardinen bekommen, davon hat die halbe Abteilung Bauchweh und einen ruinierten Magen, dass man fast nichts essen kann. Die letzten vierzehn Tage war es mit dem Fliegeralarm besonders schlimm, auf der Baustelle immer so weit zu den Splittergraben laufen.

Wie geht es Euch, sehr viel arbeiten und immer Fliegeralarm, man kann sich ja denken, was das heißt. In der Früh ist es hier schon ziemlich frisch, um 5h aufstehen und raus mit der Sporthose umherlaufen, da ist einem saukalt. Es grüßt Euch herzlich Josef und ich hoffe, dass wir uns in 3 – 4 Wochen wiedersehen.

Bitte schickt mit eine Schuhpasta und solche Postkarten wie vorher.

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Liebe Eltern.

Bitte Euch sendet mir so schnell wie möglich etliche Bogen Schmirgelpapier, Briefpapier und Nähzeug, Feder, aber keine Tinte. Hatten sonntags Fliegeralarm, sind mit Gasmasken und Stahlhelm im Splittergraben gehockt. Haben 3 Wochen keinen Ausgang. Mit Salzgeber und Preisinger bin ich nicht beieinander. Der Dienst ist sehr hart, Sonntagsnachmittag einmal Bettenbau, Spindbau, Stockerlwaschen, Stubenauskehren, 15 mal Stiefelputzen usw. Essen keines schicken, müssen bis Sonntag alles aufgegessen haben und noch etwas, ein paar Kleiderhaken. Werde jetzt vielleicht länger nicht schreiben, denn Montag geht die Ausbildung los, da haben wir keine ruhige Minute mehr.

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  Zurndorf, 11.IX.44

Liebe Eltern.

Ein Bericht über die Vorgänge der letzten Woche. Die 3 ersten Tage auf der Baustelle, am Donnerstag Ausbildung. Am Donnerstagabend hatte ich Wache mit Salzgeber Ernst und noch zwei anderen Kameraden. Kaum waren wir eine halbe Stunde auf der Wache, kommt ein Anruf von der Gruppenführung, wie lange es dauern würde, bis die Abteilung marschbereit sei. Am nächsten (Tag) ging die Ausrüstungsempfangerei los. Grüner Feldtrillich, blauer Trainingsanzug, Verbandspäckchen, Klarscheiben, Gasplane, Hautentgiftungsmittel und nachher die Tornisterpackerei. Der Tornister hat ein Gewicht, darinnen die Wäsche, in der Decke der Mantel eingerollt, Decke und Zeltbahn auf dem Tornister aufgeschnallt, Kochgeschirr und Stahlhelm.

Wie wir mit allem fertig waren, wurde der Marschbefehl zurückgenommen, so waren wir in Frontarbeitseinsatz gekommen. Wir liegen noch immer abfahrbereit, wir werden wahrscheinlich woanders hin versetzt werden. Bitte Euch, schreibt ruhig weiter, keine Angst, einstweilen sind wir noch hier. Und sendet Briefpapier, denn es könnte sein, dass wir doch in ein abgelegenes Gebiet kommen und dort nichts bekommen. Es grüßt Euch herzlich Josef. 

Und nicht kommen, denn es könnte sein, dass wir wirklich abgehen u. das Kommen wäre umsonst.

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  Datum Poststempel: 22.IX.44

Abs:   Josef Sieberer
           Wien 8. Bez.
          Zeltgasse 7
          RAD-ABT 7/350
          Zurndorf 

Liebe Eltern. 

Bin heute Donnerstag nach Wien gekommen. Wie ich erfahren habe, sind sie dort wo sie immer gearbeitet, bereits fertig. Am Abend wurde bereits wieder von Versetzung gesprochen. Jetzt ist es blöd, weil wir keine Post bekommen. Die Post kommt alle nach Zurndorf. Wir werden ja sehen, ob wir in einen anderen Bezirk oder von Wien wegkommen. Ich schreibe dann gleich, es grüßt Euch herzlich Josef

Bitte schreibt gleich zurück.

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  Feldpost 20.10.44, Pillau

Liebe Eltern. 

Sind um 3 Uhr in Pillau angekommen. Die Fahrt her war scheußlich, bis Brünn mußten wir stehen. Konnten jetzt erst schreiben, weil wir noch keine Kompanienummer hatten. Sind ganz vermischt: Ostmärker, Berliner, Sachsen, Rheinländer. Hier geht es gleich wieder anders zu wie daheim. Jetzt haben wir noch acht Tage Ruhe, dann geht es wieder los, die Infanterieausbildung. Hier sind die Leute mit der Arbeit schon sehr weit, es wird schon recht frisch. Und wegen einer Füllfeder, seht, dass ihr eine bekommt. Es grüßt Euch herzlich Josef.

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Pillau

Liebe Eltern. 

Vor allem die herzlichsten Grüße. Ihr müßt verzeihen, wenn ich solange nicht geschrieben habe. Aber bis jetzt hatten wir keine Kompanienummer, darum konnten wir nicht schreiben. Heute ist Donnerstag, sind noch in Zivil, bis jetzt waren die Aufnahme und Untersuchungen, jetzt dauert die Einkleidung noch ein paar Tage. Wie geht es Euch. Habt ihr unter den Fliegerangriffen zu leiden. Hier in Ostpreußen so ist es ganz schön, aber zu Hause ist es schöner. Und die Adresse:

An Matrose Sieberer Josef
2/25 S.St.Abt. Seestadt Pillau
Ostpreußen 5 b

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  Poststempel Pillau, 23.10.44

Liebe Eltern. 

Heute ist Freitag, sind noch in Zivil. Haben heute die Uniformen bekommen, wissen noch nicht, was aus uns wird. Wie geht es Euch. Haben gehört, dass Salzburg arg zerstört wurde. Waren gestern Abend im Kino, es wurde „Johann“ gespielt, das Wetter ist nicht schön, nebelig, da regnet es gleich immer. Lieber Vater, die Raucherkarte haben wir noch nicht bekommen. Und es ist besser, wenn ihr noch nichts schreibt und schickt, weil es noch nicht sicher ist, ob wir schon bleiben. Ernst und ich sind beisammen in einer Stube, aber beisammen bleiben wir nicht, denn jeder kommt zu einer anderen Laufbahn. Jetzt sagen sie, haben wir sechs Wochen Infanterieausbildung, nachher kommt jeder zu was er tauglich ist. Es ist nun Zeit zum Schlafen, es grüßt Euch herzlich Josef.

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  Liebe Eltern. 

Heute Samstagnachmittag. Haben noch immer das Zivil an. Freitags haben wir die Sachen bekommen, Uniform grau, ganz neu, dunkelblauer Pullover, Handschuhe, 3 Paar weiße Socken, 3 Garnituren Leibwäsche in grau, aber du sollst sehen, was für gute neue Sachen es sind. Mit dem Essen – alle Tage am Abend bekommst du deine Verpflegung bis zum nächsten Abend. Brot 3 Mann einen Wecken und Margarine und Kunsthonig. Heute wurde uns unsere Laufbahn bekannt gegeben, Ernst zu den Funkern und ich zur Marineartillerie. Am Dienstag u. Mittwoch geht die Ausbildung los, dann ist es vorbei mit der schönen Zeit, aber ein wenig freier ist man, als bei der R.A.D. So, das Leben auf der Stube ist ganz schön, lauter prima Kerle haben wir, aber dass man sie schlecht versteht. Und nun die herzlichsten Grüße sendet Euch allen. Josef.

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  Liebe Eltern. 

Heute sonntags haben wir zum erstenmal die Uniformen an. Heute hatten wir den ganzen Tag nichts zu machen, so hocken wir auf der Strube, essen, lesen und schlafen. Ernst und ich tauschen Erinnerungen von zu Hause aus, aber ein so ein Sonntag ist halt gar nichts. Ein Salzburger ist noch bei uns, aber Montag ist die Kompanieeinteilung, da müssen wir halt sehen, ob wir zusammenbleiben oder nicht.

Das Wetter ist hier immer sehr frisch, weil von der See der Wind immer so hierzieht.

Jetzt ist es 4 Uhr, was soll man machen, als wie ins Bett legen, den Mittwoch geht die Ausbildung los. Wir haben bei der Ausbildung schon zugesehen, da geht es auf marsch marsch hinlegen. Hier ist’s scheußlich, weil der Boden hier Sand ist, da versinkt man knöcheltief im Sand.

Mit herzlichem Gruß. Josef.

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  30.X.44

Liebe Eltern. 

Verzeiht, dass ich länger nicht schrieb, aber jetzt habe ich mich schon so halbwegs eingelebt. Ernstl ist bei 4. und ich bei der 2. Kompanie, aber in einem Lager, so dass wir abends immer zusammen gehen können. Sonntags waren wir photographieren für das Soldbuch. Post hab ich von Euch noch keine bekommen. Wenn ihr etwas schickt, so sendet ihr keinen Kuchen, sondern Sachen: und ein Flascherl von dem du mir mitgeben wolltest.

Der Dienst ist nicht schwer, aber das Klima ist ziemlich frisch, dauert halt, bis man es wieder gewöhnt ist. Jetzt bin ich mit einem St. Pöltner und einem Egerländer zusammen, da fällt es einem nicht so schwer. Und wenn ihr was schickt, vor allem kleinere Pakete. Wie geht es Euch, ich wäre froh, wenn ich schon Post hätte, man kann es kaum mehr erwarten.

Waren heute wieder im Kino und hab noch ein paar Zeilen geschrieben und nun gute Nacht. Josef.

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 Pillau 5.XI.

Liebe Eltern.  

Nun ist der Sonntag wieder um. Heute haben wir Vormittag den Lebenslauf in das Führungsbruch eingetragen. Nachmittag scharfschießen, am Abend war ich beim Ernstl und der hat gesagt, dass ihr noch keine Post habt von mir.

Im Anfang bei der Einstellung hatten wir noch keine feste Kompanienummer und da ist es möglich, dass die Post vernichtet wurde. Ich habe immer geschrieben in Abständen von 3 - 4 Tagen.

Heute hatten wir Schweinsbraten, Sauerkraut u. Kartoffel. Wie ich schon geschrieben habe, ist im Koffer einer Flasche, die dem Fügl gehört, wo der Ernstl den Wein mitgenommen hat. Und seid so gut und gebt die Flasche dem Fügl, wenn der Koffer ankommt. Das ist es halt, die Post geht 5 – 6 Tage hierher. Und nun Gute Nacht und herzliche Grüße Euer Sohn.

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 Poststempel 6.11.44
Absender: Matrose Josef Sieberer, Pillau 5b

 Liebe Eltern und Geschwister. 

Habe am Dienstag den ersten Brief von euch erhalten. Mit dem Wetter ist es auch hier schlecht bestellt. Die ganze Nacht regnet es, in der Früh hört es auf und so halbe Nachmittag geht es von vorn wieder los. Da könnt ihr Euch denken, daß die Ausbildung ein reines Vergnügen ist. Keinen Fliegeralarm kennen wir hier gar nicht. Und wegen dem Schicken könnt ihr etwas, denn es ist eine offene Anschrift und keine Feldpost. Wie ist es, sind der Detter Sepp und der Weber Will noch daheim. Wäre nicht schlecht ein Glas, denn wir sitzen hier wieder ganz auf dem Trockenen. Die Wurst und das Brot habe ich am Sonntag verspeist. Und die genaue Anschrift:

2 Kompanie 25 Schiffsstammabteilung Pillau 5 b.
An Matrose Sieberer Josef
2/25 S. St.A. Pillau 5 b 

Also die genaue Anschrift, sonst bekomme ich die Post nicht. Also die herzlichsten Grüße an Euch alle sendet Euch Josef.

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 Pillau, 13.XI.

Liebe Eltern. 

Habe von Euch erst einen Brief bekommen. Er war am 28. abgestempelt und hab ihn am 5. November erhalten. Ich gebe Euch keine Schuld, aber ihr habt keine Kompanienummer geschrieben, darum ist der Brief bei anderen Kompanien umhergewandert. Ihr könnt Euch denken, wie sehnsüchtig ich alle Tage auf die Postverteilung warte und enttäuscht bin, wenn ich wieder nichts bekomme. Samstag haben wir die Vereidigung gehabt, vorher war eine Predigt vom Divisionspfarrer, da wanderten meine Gedanken zu Euch. Aber das war nur einen Augenblick, denn das bin ich schon gewöhnt, denn wir haben das Heimweh schon verlernt. Samstag Nachmittag sind wir mit unserem Ausbildner ausgegangen und am Hafen gewesen. Da kommt man vor Staunen nicht heraus. Das Wetter ist scheußlich, immer Regen, da kann man nichts machen, das geht so weiter bis es zum Winter übergeht.

Also genaue Adresse
An Matrose
Sieberer Josef
2/25 S.St.A. Pillau 5b

Habe den Sonntag gut verbracht, hoffentlich ihr auch. Und wenn ihr etwas schicken wollt, es ist erlaubt, denn wir haben eine offene Anschrift.

Viele herzliche Grüße an Euch Josef.

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 Poststempel 13.11.44

Liebe Eltern. 

Heute Montag war die Einteilung. Wir wurden alle zerrissen, die vorher auf der Stube waren. Ernstl ist zur vierten Kompanie und ich bin bei der zweiten. Wir kommen noch immer zusammen, weil wir im gleichen Lager sind. Wie geht es Euch, wie weit seid ihr mit der Arbeit. Nun, morgen geht die Ausbildung los, nun, so schlimm kann es nicht werden.

Gute Nacht und viele herzliche Grüße Josef.

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 17.XI.

Liebe Schwester. 

Habe heute Deinen Brief erhalten, Ihr könnt Euch gar nicht denken, wie sehnsüchtig ich alle Tage auf Post wartete. Das Paket ist noch nicht hier, das ist es halt, dass es so weit weg ist von daheim. Was ich Euch fragen wollte, ist der Koffer noch nicht angekommen? Wie Du im Brief geschrieben hast, ob Salzgeber auch eine graue Uniform hat, jetzt haben wir bei der Infanterieausbildung beide graue Uniformen. Ernst ist Funker, bei dem, der wird wohl mal auf ein Schiff kommen. Ich bin Marineartillerie, wir kommen auf kein Schiff. Heute war der schönste Tag seit wir hier sind. So schöner Sonnenschein und so schön warm. Wir leben hier wie auf dem Mond, Fliegeralarm kennen wir hier nicht. Also schaut und schickt Briefpapier mit und ein paar Päckchen noch, denn vor Weihnachten wird es sowieso nichts mehr sein damit. Nun Gute Nacht und alles Gute wünscht Euch Euer Sohn und Bruder. Josef.

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 Poststempel 25.11.44
Absender: Matrose Josef Sieberer
2/25 S.St.A. Pillau 5 b

 Liebe Eltern und Geschwister. 

Haben heute Freitag, den 24. November. Den letzten Brief habe ich am 5. erhalten, ihr könnt Euch vorstellen, wie ich Tag um Tag wartete. Endlich, heute am 24. ist das Paket und ein Brief angekommen. Die Sachen sind noch gut, die Äpfel und Birnen schon etwas angefault. Die Butter ist noch nicht ranzig, und die Flasche war auch noch heil. Wie lange dauert es, ein Brief von Pillau nach Absdorf, wie oft habe ihr schon Post von mir bekommen.

Nun viele Grüße an Euch. Josef.

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  Liebe Eltern u. Geschwister. 

Der Sonntag heute war wieder recht langweilig. Von unserer Stube hat einer Diphterie bekommen, nun sind wir isoliert. Das wäre ganz schön, wir können schlafen gehen, wann wir wollen, sonst ist um 8 Uhr Stubenabnahme. Aufstehen tun wir um ¼ 8 Uhr und Dienst brauchen wir auch keinen machen. Das ist es aber, das Stubenhocken, das wird einem zur Qual. Habe bis jetzt erst zwei Briefe von Euch erhalten, das Paket ist auch noch nicht angekommen. In meiner ist ein kleines braunes Büchel in der Tischlade, seid so gut und sendet es in einem Paket mit.

Wir haben schon wieder Neue hier, und es ist möglich, dass wir Pillau zu Weihnachten den Rücken gekehrt haben. Und ich habe gehört, dass bis 30. nur Pakete angenommen werden. Darum ist es besser, wenn ihr ein paar Pakete aufgebt, falls wir zu Weihnachten nicht mehr hier sein sollten.

Wie ist es bei Euch daheim, seid ihr mit der Arbeit schon fertig? Bei uns, einen Tag regnet es, den andern schneit es, ein scheußliches Dreckwetter. Ist es schon kalt bei Euch oder gar schon Schnee? Nun Gute Nacht und viele herzliche Grüße. Josef.

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 Absender: Matrose Sieberer Josef
2/25 S.St.A. Pillau 5b
Pillau 30.XI.

Liebe Eltern. 

Habe heute wieder Post von Euch bekommen, das Paket mit dem Waschpulver ist noch nicht angekommen. Am Sonntag war unsere Isolierung zu Ende, montags wurde die Stuben ausgeräuchert. Hier ist das Wetter noch immer dasselbe, noch kein Schnee und recht kalt ist es auch noch nicht. Heute haben wir wieder den Wehrsold und die Rauchermarken erhalten. Bei uns ist sonst nicht viel los. Wie der Kiener Toni geschrieben hat, muss daheim hübsch was los sein. Sind die Flieger noch immer so häufig da, viel kann man nicht schreiben, das wisst ihr ja selbst, aber dass ihr wenigstens wisst, was los ist mit mir.

Die herzlichsten Grüße Euer Josef.

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  Pillau, 6.XII.1944

Lieber Vater. 

Haben heute Nikolaus und sende dir als kleines Weihnachtsgeschenk ein paar Zigaretten und Tabak, und lege eine Pfeife bei, die ich in der Kantine gekauft habe. Hoffentlich geht das Paket nicht verloren und kommt gut an. Nun lieber Vater, mehr als diese kleine Gabe kann ich dir nicht senden. Die herzlichsten Grüße von deinem Sohn Josef.

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  Poststempel Pillau 8.12.44
Pillau 7.XII.

Liebe Eltern. 

Ich habe gestern den Brief vom 2. erhalten. Und auf Eure Frage, die Fleischmarken hab ich schon lange bekommen.

Wegen dem Abkommandieren, das wissen wir auch noch nicht, wann und zu was wir kommen. Gestern habe ich für Vater ein Paket weggesandt mit Rauchwaren. Heute Abend waren wir im Kino, es wurde der Film „Tolle Nacht“ gegeben. Nun mache ich Schluß, denn es ist bereits 11h. Nun eine gute Nacht und alles Gute wünscht Euch Euer Sohn und Bruder Josef.

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  Pillau, 10. XII.1944

Liebe Eltern. 

Habe Freitag das Paket mit den Fleischkonserven erhalten. Und wegen den Fleischmarken braucht ihr keine Angst zu haben, die hab ich auch glücklich eingelöst. Die Fleischkonserven werde ich mir für Weihnachten aufheben, dass man von den Feiertagen auch etwas merkt. Heuer wird es leider nicht viel werden, denn wir werden wahrscheinlich noch diese Woche abkommandiert. Heute hatten wir keinen Dienst, als Vormittag einen Ausmarsch an den Ostseestrand. Samstag abends hatten wir einen kleinen Abschiedsabend veranstaltetet. Da steuerten wir unsere 300g Weißbrotmarken bei und unsere Wurst von der Abendverpflegung und Bier von der Kantine. Wie ihr schreibt, seid Ihr mit dem Anziehen fertig geworden. Aber Ihr könnt ruhig weiterschreiben, wenn wir wirklich wegkommen, wird uns die Post nachgesandt, aber wenn der Brief ankommt, kein Paket nicht mehr absenden. Bin heute nicht ausgewesen, musste Drillichwaschen, handschuhstopfen, sockenstopfen und allerhand so Arbeiten. Am Abend sind Ernst und ich bis 9 Uhr beisammen gewesen. Ernst, die bleiben bestimmt bis Mitte Jänner in Pillau. Na denn keine Unruhe, wir werden ja sehen, wo wir hinkommen. Mit herzlichstem Gruß Euer Sohn und Bruder Josef.

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 14.XII.

Liebe Eltern und Geschwister 

Habe Euren lieben Brief vom 8. erhalten. Wie ihr fragt, das Fleisch hab ich schon erhalten, die 2 Dosen. Nun, unsere Grundausbildung ist zu Ende und werden am 15. XII. nach Schlochau bei Schneidemühl in Pommern abkommandiert. Zuerst schrieb ich, dass Ernst bis 15. Jänner bleiben wird, ist es wieder nichts, sie wurden wieder untersucht, ob sie für Norwegen tauglich, er ist tauglich, mussten ihr Blauzeug abgeben, nun weiß er auch nicht, was werden wird. Ihr könnt glauben, der Abschied voneinander wurde uns schwer. Nun müsst ihr abwarten auf eine neue Anschrift. Die herzlichsten Grüße von Eurem Sohn und Bruder Josef

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Absender: Matrose Josef Sieberer
                  2/3 MEA Schlochau 4
Schlochau 7.1.1945

Liebe Eltern und Geschwister. 

Habe einen Brief vom 12.XII. am 4. erhalten. Der Brief mit den Marken ist auch gekommen und es ist mir gelungen, die Marken einzulösen. Das Paket mit den Krapferl und Grammeln ist am Freitag gekommen. Wie hat es dem Otto im Urlaub gefallen, hoffentlich hat er sich wieder erholt, von und bis wann war er hier? Beim Höfinger und beim Hochreiter die werden auch einen Jammer haben um ihre Kinder.

Was habt ihr denn jetzt wieder für ein Pferd, taugt er wenigstens etwas? Liebe Eltern, und das dürft Ihr nicht mehr machen, Fleisch hergeben und dafür Marken eintauschen, denn ihr braucht doch auch etwas. Den leeren Karton kann ich leider nicht senden. Wir machen nicht viel hier, einmal in der Woche schanzen und Holzarbeiten. Sonntags gehen wir ins Kino oder ins Kaffeehaus, alle Monate bekommen wir 300 g Kuchenmarken für zweimal ins Kaffee gehen reicht es. Geld braucht ihr keins zu schicken, ich komme mit dem Sold aus, denn bekommen tut man ja so nichts. Wie geht es Euch, seid Ihr gesund, was auch bei mir der Fall ist. Nun schließe ich. Die herzlichsten Grüße von Eurem Sohn Josef.

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   Schlochau, 16.II.

Liebe Eltern u. Geschwister. 

Indem ich wieder ein wenig Zeit habe, denkt jeder an seine Lieben. Von Euch eine Post bekommen, ist ja kaum möglich. Wie ihr seht, bin ich jetzt bei der 4. Kompanie, vorher bei der 2. Von Salzgeber Ernst habe ich auch noch keine Post bekommen, obwohl ich ihm schon 2-mal geschrieben habe.

Nun mache ich Schluss, viel kann man ja nicht schreiben, aber seht wenigstens dass ich gesund bin, was ich auch von Euch hoffe. Die herzlichsten Grüße Josef.

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Poststempel: Danzig, 5.3.45
Absender: M.A. Josef Sieberer Vrtz. Laz.
Narvik 3 Danzig – Schälmühle Bau 12
5.III.1945

Liebe Eltern und Geschwister. 

Endlich ist es mir möglich, Euch eine Nachricht zukommen zu lassen. Sind hier in einem Lazarett, wurde nordwestlich von Schlochau am 26.II. verwundet. Angst braucht Ihr keine zu haben, durch Panzerbeschuss bekam ich einen Granatsplitterdurchschuss im linken Oberschenkel. Schmerzen hab ich nicht viel, aber eines ist, verloren hab ich sämtliche Sachen. Wenn es möglich ist, besorgt die Sachen, wenn ich mal näher heimkomme, dass ihr mir dann die Sachen senden könnt. Aber schicken nichts, bevor ich nichts schreibe.

Nun meine Lieben, wie geht es Euch immer, seid Ihr alle gesund. Geht die Arbeit schon wieder bald los? Nun, hoffentlich kommen wir bald südlicher. Die herzlichsten Grüße

Euer Sohn und Bruder Josef.

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 Danzig, 12.III.1945 

Liebe Eltern. 

Die herzlichsten Glückwünsche und alles Gute zu Eurem Namenstage wünscht Euch Eurer Sohn Josef.

Wie schön war es, liebe Eltern, als wir noch zusammen den Namenstag feiern konnten. Nun, es wir ja auch die Zeit wieder kommen, wo wir drei ihn wieder alle beisammen recht glücklich verbringen können. Mir geht es gut, die Verwundung macht wohl ein wenig Schmerzen, aber manche Kameraden machen mehr durch. Wie ihr ja gelesen haben werdet in der Zeitung, ist das hier Brückenkopf. Die Landverbindung ist abgeschnitten, die Seeverbindung ist aufrecht.

Wie geht es Euch, wie weit ist denn die Arbeit oder ist noch Schnee daheim, wir hatten auch noch Schneefall. Wo ist denn der Otto jetzt, ich lass ihn herzlich grüßen und wünsche ihm recht viel Glück. Nun mache ich Schluss und wenn der Brief später ankommt, müsst Ihr schon verzeihen. Die herzlichsten Grüße Josef

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Altenburg, 28.III.1945

Liebe Eltern und Geschwister. 

Am 27.III. sind wir nun endlich in einem Lazarett gelandet. Altenburg ist eine Stadt von 50.000 Einwohnern in Thüringen. Die Fahrt von Dänemark runter dauerte 3 Tage, dabei hatte ich mich so verkühlt, Magen und Leibschmerzen und den Durchfall, dass ich nicht weiß, wo aus und wo ein. Bekomme sonst nichts als Tee bis der Magen wieder in Ordnung ist. Der Fuß macht sich gut, der ist bald wieder heil. Mit dem Senden von Päckchen ist es nichts, im Brief könnt Ihr mir mal ein paar Kuverts mitschicken, denn ich kann nicht einmal dem Toni schreiben, weil ich kein Briefpapier habe.

Wie geht es Euch immer, habt ihr wieder ein Pferd bekommen? Seid ihr schon fest in der Bauzeit, hier sind die Leute schon fertig. Liebe Eltern, erkundigt Euch auf dem Postamt, ob ihr nicht etwas schicken könnt, brauchen könnte ich Zahnputzzeug, Kamm, Spiegel, Rasierseife und wenn es möglich ist, eingeschrieben, da geht es am schnellsten. Die herzlichsten Grüße Josef

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Einmal in dieser Zeit an der Ostsee durfte Josef für einige Tage auf Heimaturlaub gehen. Als eines Nachmittags das Telegramm für den Dienstantritt kam, packte er sofort seine Sachen zusammen. Mit einem Hamsterer aus Wien, der gerade bei der Familie war, fuhr er mit und dieser half ihm, den Weg vom Franz Josefs-Bahnhof zum Ostbahnhof zu finden. 

Am 15.4.1945 kam Josef in amerikanische Gefangenschaft. Die vielen tausenden Gefangenen lagerten auf freiem Feld und konnten nicht ausreichend mit Nahrung versorgt werden. Also wurden viele auf freien Fuß gesetzt, so auch Josef am 6. Juli 1945. Er musste sich aber verpflichten, nicht nach Österreich zu gehen. Er marschierte mit einem Wiener Kameraden in Richtung Bayern, wo er bei einem Bauern für ein Jahr als Knecht unterkam. 

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  Josef Sieberer bei Alfred Graf
Pähl am 6. Oktober 1945
Kreis Weilheim Gau München. 
Pähl, 18.X.1945

Liebe Eltern und Geschwister. 

Nun sind nahezu 9 Monate vergangen, dass wir voneinander nichts mehr hörten. Ich habe alles glücklich überstanden und bin jetzt bei einem Bauern Knecht. Mir geht es gut und bin gesund und habe meine geraden Glieder. „Gott sei Dank“, dass ich wenigstens arbeiten kann. So vermisse ich gar nichts, aber das ich halt wenig zum Anziehen hab.

Hier in Oberbayern ist es sehr schön, wir haben nur Viehwirtschaft, bis auf etwas Kartoffel und Getreide. Hoffentlich habt ihr alle, meine Lieben ,auch das schreckliche mit dem Leben überstanden. Nun meine lieben Eltern und Geschwister, ihr braucht Euch über mich keine Sorgen zu machen, denn ich hab sonst alles, was ich brauche. Nun mit dem nach Hause kommen. Verstehen wir uns ja, bis bei uns nichts geregelt ist, könnt ihr mit meinem Kommen nicht rechnen. Die Leute sind recht gut zu mir, ich kann mich über nichts beklagen, aber die eine Sorge um Euch. N

Und die herzlichsten Grüße und auf Wiedersehen meine Lieben. Grüßt mir die Heimat. Herzliche Grüße an Familie Kiener und alle meine Bekannten.

Und eine Bitte, liebe Eltern, lasst alles wie es ist, macht keine Unbesonnenheit, das kann nur schaden. Gebt Euch zufrieden und vertraut auf Gott, dass wir uns bald wiedersehen.

Euer herzliebster Sohn, Bruder und Neffe Josef.

Josef Sieberer bei Alfred Graf, Pähl, Kreis Weilheim, Gau München.

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  Liebe Eltern und Geschwister. 

Nun sind schon nahezu 10 Monate vergangen, dass uns das Schicksal auseinander riss. Wir haben viel Leid erlebt, aber doch das ganze glücklich überlebt. Am 26. Februar wurde ich verwundet, am linken Oberschenkel einen Granatsplitterdurchschuss, es war nur eine Fleischwunde, die bald verheilte. Im Lazarett war ich in Altenburg in Thüringen, am 15. April kam ich in amerikanische Gefangenschaft, wo ich bis zum 6. Juli im Rheinland gefangen war. So wäre ich nicht entlassen worden nach Österreich, darum ging ich nach Bayern. Bitte verzeiht mir diesen Schritt, aber es war das Beste. Wo ich hier bin in Oberbayern, ist hauptsächlich Viehwirtschaft und weniger Ackerbau, es ist eine sehr gute Stellung und arbeiten muss man überall. So habe ich alles, aber dass ich halt wenig zum Anziehen hab.

Ich weiß die Verhältnisse jetzt nicht bei Euch, die Überbringer des Briefes, Leute von hier, die wahrscheinlich wieder nach hier zurückkehren. Müsst Ihr sie halt fragen, ob sie wieder nach Bayern zurückfahren, bittet sie halt, ob sie mir ein kleines Päckchen mitnehmen mit etwas Wäsche: Socken, Unterwäsche und ein wenig warme Sachen. Liebe Eltern, ich würde heute lieber wie morgen heimgehen, aber um Schwierigkeiten usw. aus dem Wege zu gehen, bleibe ich hier, als, alles andere, als, noch mehr Unglück zu machen, das wird Euch wohl auch lieber sein. Falls die Leute zurückfahren, gebt ihnen ein ausführliches Schreiben mit, wie die Aussichten für mich sind, und Geld, falls ihr noch etwas von deutscher Währung habt.

So ließe sich ja alles ertragen, aber die Sorge um Euch immer. Mitteilen möchte ich Euch noch so vieles, aber man kann das nicht schreiben. Der Bauer wo ich bin, hat gesagt, Vater könnte ohne weiteres kommen, aber ich rate ab wegen der Grenzschwierigkeiten. Wenn  es möglich wäre über das Rote Kreuz Nachricht zu senden.

Viele Grüße an Familie Kiener u. Fischer, Salzgeber und andere Bekannte. Nun schließe ich. Die herzlichsten Grüße von

Eurem Sohn und Bruder Josef

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 Pähl, 16.1.46

Werthe Familie Sieberer! 

Als unbekannt erlaube ich mir an Sie einige Zeilen zu richten. Es ist nun für Ihren lb. Josef die Zeit gekommen, die Heimreise antreten zu können. Als Josef aus seiner Gefangenschaft entlassen wurde, war er freilich ganz zermürbt. Als er zu uns kam, machte er bei uns einen sehr guten Eindruck, wir hatten uns nicht getäuscht an Ihm. Er war ein halbes Jahr bei uns als ein Muster an Ehrlichkeit, Fleiß und Treue, was in jetziger Zeit nicht zu finden ist. Wir sagten oft, so einer als Josef ist ein Stolz für eine Familie. Josef fuhr einige ….(unleserlich) betreff Heimreise, war im November schon im Transportzug, aber es war damals nicht möglich. So groß unsere Not an Arbeitskräften ist, wir haben ihn nicht zurück gehalten, daß kann und darf man nicht, wenn man weiß, was für Josef seine Angehörigen und seine Heimat ist.

Wir hoffen, daß bei Ihnen alles in Ordnung ist und denken Sie von uns nichts Böses, da Josef solange nicht heim kam.

Sind Sie nun alle recht herzlich gegrüßt und für die Zukunft die besten Wünsche.

Alfred Graf mit Familie.

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Josef Sieberer arbeitete in der Landwirtschaft der Eltern mit und hätte diese übernehmen sollen. Er hatte aber im Krieg eine schwere Unterleibsverletzung erlitten. Er konnte dies nicht verkraften und schied 1953, erst 25jährig, aus dem Leben. Seine beiden Schwestern heirateten nicht und führten gemeinsam die Landwirtschaft bis zu ihrer Pension. 

 

März 2014
Maria Knapp