Lebensmittelkarten – Bezugsscheine

 

Letzte Änderung: 23.11.2014

 

Ebenso wie im 1. wurden auch im 2. Weltkrieg Lebensmittelkarten eingeführt, um die verfügbaren, lebensnotwendigen Waren halbwegs gerecht verteilen zu können. 

Der 2. Weltkrieg wurde von der NS-Herrschaft gründlich vorbereitet, schon in den letzten Augusttagen 1939 wurden Lebensmittelkarten ausgegeben.

 

Aus der Pfarrchronik Kirchberg am Wagram, 1940:
Freilich hatte unser Bauern- und Gewerbestand schwere Opfer zu bringen, da die Arbeit der Eingerückten von Frauen und Kindern geleistet werden mußten. Auch die Rationierung der Lebensmittel und Waren brachte dem Volk manche Entbehrung.

 

Aus dem Kriegskochbuch „Nahrhaft und schmackhaft kochen – auch im Krieg!“
J. Ebner’sche Verlagsbuchhandlung Ulm, 1939/40:
Sind auch im großen ganzen die Einschränkungen, die uns der Krieg auferlegt, keine allzugroßen, so sind wir uns doch alle, die mit der Ernährung zu tun haben, darin vollständig einig, daß wir uns gerne der Allgemeinheit zuliebe und vor allem für die, welche draußen zum Schutz unserer Heimat auf Wache stehen, einschränken und uns an das halten, was uns durch die Lebensmittelkarten zukommt.

 

Aus der Schulchronik Engelmannsbrunn, Lehrerin Berta Wetscherek:
1.9.1940: Um die gleichmäßige Lebensmittel- Versorgung sicher zu stellen und unliebsame Hamster- und Angstkäufen der geldlich besser gestellten Bevölkerungskreise vorzubeugen, wurden Lebensmittelkarten ausgegeben. Ebenso unterliegt von nun an der Einkauf von Spinnstoffen und Schuhen der Bezugsscheinpflicht. 

1.11.1940: An diesem Tage wurde im ganzen Reichsgebiete die Kleiderkarte eingeführt. Sie regelt die Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Textilien. 

31.10.1940: An diesem Tage gelangte die neue 2. Reichskleiderkarte zur Ausgabe. Die Gültigkeitsdauer der 1. Kleiderkarte wurde bis Ende März 1941 verlängert. Die neue Karte weist diesmal 150 Punkte auf. 

30.10.1941: In den letzten Tagen des Oktober gelangte die 3. Reichskleiderkarte zur Ausgabe. Die Gültigkeitsdauer der 2. Kleiderkarte wurde bis Ende März 1942 verlängert. Die neue Kleiderkarte weist 120 Punkte auf und dauert bis Dezember 1942. 

23.1.1942: Obwohl gerade in den letzten Jahren in Deutschland mehr Rauchwaren erzeugt wurden als je zuvor, hat der noch schneller ansteigende Verbrauch zu den bekannten Verknappungserscheinungen geführt. Um nun jedem Raucher die gleichmäßige Zuteilung von Tabak oder Tabakwaren zu sichern, wird eine "Kontrollkarte für den Einkauf von Tabakwaren eingeführt werden.

 

Aus der Schulchronik Altenwörth, Lehrer Friedrich Süß, 1939
Um jedem Volksgenossen den Bezug der Lebensmittel zu ermöglichen und zu sichern, wurden ab 28. August die notwendigen Lebensmittel rationiert. Durch diese Maßnahme wurde jedem Volksgenossen, ob arm oder reich, der Bezug der Lebensmittel gesichert. Rationiert wurden: Brot, Fleisch, Fett, Wurstwaren, Zucker, Seife, Kaffee, Milch, Hülsenfrüchte, Butter, Öl, Eier. Alle diese Lebensmittel wurden in solchen Mengen abgegeben, daß ein Ausreichen damit möglich war. Für Schwerarbeiter gab es außerdem noch Zusatzmengen.

1942 gab es zu Weihnachten eine Extra-Ration für die Bevölkerung:
Der Führer ordnete an, daß im heurigen Jahre jedem Volksgenossen eine Sonderzuteilung für Weihnachten gegeben werde u. zw. ½ kg Mehl, ¼ kg Zucker, 20 dkg Fleisch, ¼ kg Hülsenfrüchte, 1/8 kg Butter, 1/8 kg Zuckerl (die Kinder ¼ kg Zuckerln) 0,35 l Rum, 6 dkg Käse, 5 dkg Bohnenkaffee.

 

Aus der Schulchronik Winkl, Lehrer Leopold Engelberger, 1948
Zu Beginn des Krieges wurde die Lebensmittelkarte eingeführt, zum Bezug von Waren der Bezugschein. Wenn die unbedingte Notwendigkeit einer Anschaffung nachgewiesen werden konnte, bekam man einen Bezugschein. Auf Grund des Bezugscheines mußte einem der Kaufmann die Ware ausfolgen. 3 Jahre nach Beendigung des Krieges existiert der Bezugschein für die meisten Waren noch immer. Eine Unmenge von Menschen, die anderswo dringender gebraucht werden könnten, treibt sich auf den Wirtschaftsämtern herum. Die Versuche der Österreichischen Volkspartei, durch den Abbau des Bezugscheinwesens nach und nach zu normalen wirtschaftlichen Verhältnissen zurückzukehren, werden durch den Widerstand des Gewerkschaftsbundes, der Arbeiterkammer und der Sozialistischen (Volks)Partei sehr erschwert, obwohl der Bezugschein in seiner jetzigen Form eine Farce ist. Der Ankauf einer Ware geht nämlich jetzt folgendermaßen vor sich. Man geht in ein Geschäft und kauft die gewünschte Ware, bezahlt sie, der Kaufmann packt sie ein, schreibt die Adresse drauf, legt sie auf eine Ablage und gibt einem eine sogenannte Lieferzusage. Mit dieser Lieferzusage geht man zum Bezugscheinamt. Dort zahlt man 1 Schilling und bekommt einen Antrag zum Ankauf der Ware. Diesen Antrag füllt man aus. Nach 14 Tagen, 3 oder 4 Wochen  bekommt man dann den Bezugschein vom Wirtschaftsamt zugestellt. Diesen Bezugschein gibt man beim Kaufmann ab und erhält die Ware, die man schon vor 4 Wochen bezahlt hat. –

Zum Erwerb eines Herdes brauchte man eine Eisenmarke. Die Eisenmarke bekam man vom Wirtschaftsamt Tulln. Die Eisenmarke beantragte ich am 10. Nov. 1947. Ich bekam sie am 8. Jänner 1948. Gab sie am 9. Jänner dem Kaufmann Kainz in Kirchberg. Der besorgte mit dieser Marke den Herd und erhielt ihn am 15.2.1948. Er kostete 1150 S! Mein Gehalt betrug 681 S im Monat!  

Durch das Wirken des Österreichischen Wirtschaftsbundes sind aber im Laufe des Frühlings und Sommers 1948 eine große Menge von Waren (alle Elektrowaren, fast alle Eisenwaren, viele Arten von Oberbekleidung, Stoffe, u.s.w.) bezugscheinfrei geworden. Die Produktion hat einen Umfang erreicht, daß man schon alle Waren freigeben könnte.

Neben dem offiziellen Markt besteht der schwarze Markt, der alle Dinge umfaßt, die bezugscheingebunden sind. Die Preise des schwarzen Marktes liegen weit über den offiziellen, bei manchen Sachen aus Konkurrenzgründen auch darunter. So sind die amerikan. Zigaretten auf dem schwarzen Markt immer um 10 g billiger als die jeweils teuerste Regiezigarette. Man bekommt derzeit auf Marken 10 St. Austria 3 , das Stk zu 15 Pfg., 20 St. Austria 2, das Stk zu 40 g, 10 Stk. Austria C das Stück zu 30 g und 10 Stk. Austria D, das Stk zu 30 g. Austria 1 und Austria spezial (zu Stk zu 60 g) sind unbeschränkt in jeder Menge käuflich.

Ein Paar Schuhe kostet 80 – 90 S. Aber ein Bezugschein ist kaum zu erhalten. Auf dem schwarzen Markt kostete ein P. Schuhe im Herbst 1947 550 – 600 S, im Juli 1948 150 – 180 S. Es ist eine interessante Feststellung, daß bei Freigabe einer Ware von der Bezugsscheinpflicht, diese nicht im Preise steigt, sondern fällt. Die Kaufkraft der Bevölkerung ist nicht groß, der Absatz der Ware notwendig, daher die Tendenz, den Preis der Kaufkraft zu nähern. Der Weinpreis fiel nach der Freigabe vom Dez. 1947 bis Juli 1948 von 25 S per Liter auf 6 S pro Liter. Aber nur beim Weinhauer. Im Wirtshaus fiel der Preis von 8 S für das Viertel auf 3 S für das Viertel. Aber das Viertel für 3 S ist schlechter als der Haustrunk. Ein Viertl guter Wein kostet noch immer 6 S.

Die Löhne und Gehälter haben sich im Vergleich zu 1937/38 verdoppelt, die Preise aber mindestens verfünffacht, meistens verzehnfacht und betragen oft das Zwanzigfache des Friedenspreises. Diese Übergangszeit ist besonders für den Angestellten sehr hart. Daß es bis jetzt zu keinen Streiks und anderen Unruhen kam, liegt lediglich daran,  daß die breite Masse der Bevölkerung klar sieht und weiß, daß eine Lohnerhöhung neuerlich eine Preiserhöhung nach sich ziehen würde und so jene Schraube in Bewegung setzen würde, die neuerlich zur Inflation führt. Wir haben nach dem ersten Weltkrieg eine Inflation erlebt und kein Bedürfnis, diesen Wahnsinn neuerdings über uns hinwegrasen zu lassen. Die Regierung unter Führung unseres Kanzlers Dr. Ing. Leopold Figl tut ihr Möglichstes, um die aus allen Fugen geratene Wirtschaft wieder  in einigermaßen normale Bahnen zu lenken, um die Rückkehr unserer Kriegsgefangenen zu erreichen, die jetzt – fast 3 ½ Jahre nach Kriegsende – noch immer nicht alle zurück sind, um unser Land von der drückenden Bürde der Besetzung durch 4 Mächte zu erlösen. Mit Mut, Takt, zäher Beharrlichkeit ringt sie Tag für Tag um unserem armen, geplagten Volk das Allernotwendigste an Lebensmöglichkeiten zu sichern und zu erhalten. Und dies unter den schwierigsten Umständen, die überhaupt gedacht werden können 

Und einige Monate später derselbe: Die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich im Laufe des letzten Jahres vollkommen entspannt: Es werden nur noch die Grundnahrungsmittel bewirtschaftet. Aber auch diese ist eine Fiktion, da die Schwarzmarktpreise nicht höher sind als die amtlichen. So kostet ein kg Schweinefleisch auf Marken 22 – 28 S, schwarz 25.  1 kg Brot kostet 1,90 S, 1 Semmel 17 g, 1 kg Schmalz 14 S, 1 kg Kalbfleisch 22 – 27 S, 1 kg Salz 3,20, 1 kg Zucker 4,10 S, 1 Paar Kinderschuhe 64 – 74 S, 1 Herrenhemd 54 – 74 S, 1 einfacher Anzug 500 – 700 S.

 Verschiedene Lebensmittelkarten, eingeklebt in die Winkler Schulchronik von Lehrer Ludwig Riediger: 

 

  

 

 

  Aus dem Jahr 1951 ist noch eine Quittung für Lebensmittelkarten aus Winkl erhalten: 

 

 Eine Quittung für die Entlohnung des Kartenstellenleiters Winkl:

 

Ein interessanterer  Link zu diesem Thema:
http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.l/l326666.htm

 

Maria Knapp
22.12.2012