Vera Vojtyschyn, Ostarbeiterin

 
 
 
Vor einiger Zeit meldete sich bei mir Maria Nymar aus der Ukraine: Ihr Großvater Oleksandr Rymar sei der Verantwortliche der Veteranen Organisation im Dorf Sloboda-Meschyriwska und er suche die Familie in Bierbaum, bei der Vera Vojtyschyn von 1942 bis 1945 als Zwangsarbeiterin beschäftigt war.
Nach kleinen Schwierigkeiten mit den Namen – Vera kannte nur die Vornamen der Familienmitglieder – stand fest: Es handelt sich um die Vorfahren von Leo Bauer. Maria schrieb an die Familie, wo man sich über die Kontaktaufnahme sehr freute.
Die Großeltern, denen der Hof damals gehörte, sind schon lange verstorben, auch die nachfolgenden Besitzer. Eine Tochter,  die in Wien  wohnende Barbara,  kann sich aber noch gut an Vera erinnern.
 
Oleksandr Rymar hat mir freundlicherweise die Geschichte von Vera mit Fotos zum Veröffentlichen überlassen.
 
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Melnyk Vera Iwanivna (Geburtsname Vojtyschyn) wird bald 90 Jahre alt. Trotz ihres hohen Alters hat sie ein exzellentes Gedächtnis, ist sehr lebensfroh. Das zarte Lächeln auf ihrem Gesicht verschwindet nie… Als ich sie darum gebeten habe, über die 70 Jahre alten Geschehnisse zu erzählen, nahmen ihre Gesichtszüge direkt einen traurigen Charakter an. Sie atmete schwer und tief durch und begann ihre Geschichte zu erzählen…. 
 
Anfang der Jahres 1942 erreichte die Dorfgemeinschaft Sloboda-Meschyriwska folgender Erlass: ALLE JUNGEN MÄNNER UND FRAUEN SOLLEN IM DORFRAT ERSCHEINEN! Dort wurde verkündet, dass alle jungen Leute zum Arbeiten nach Deutschland fahren müssen. Vera, ein 16-jähriges Mädchen, wollte nicht in das fremde Land und kam daher nicht zur genannten Versammlung. Einen Monat später wurde sie erneut aufgefordert, zur Versammlung zu kommen. Auch dieses Mal ignorierte sie die Einladung. Nach der dritten Einladung überlegte sie sich, zu Verwandten in das benachbarte Dorf Petrani (4 km entfernt) zu flüchten. Nach der 4. Aufforderung flüchtete sie dann in das Dorf Serbyniwzi, zu anderen Verwandten. Der verärgerte Dorfbürgermeister kam daraufhin mit Soldaten zu ihrem Haus, nahm die Mutter auf einem LKW mit und brachte sie zur deutschen Administration im Bezirk. Unterwegs schüchterte er die Mutter von Vera ein und verpflichtete sie, die Tochter unbedingt zur nächsten, schon 5. Versammlung der Dorfgemeinschaft zu bringen. Im Juli 1942 kam die junge Vera mit weiteren 12 Jungen und Mädchen zur Versammlung. Auch viele weitere junge Männer aus Serbyniwzi wurden hingebracht.
Alle jungen Menschen wurden auf einen LKW gesetzt und nach Brajilov, die nächste größere Stadt, gebracht. „Noch heute höre ich das Schluchzen meiner Eltern und Verwandten, die uns verabschiedet haben.“ Unter den Klagenden war auch das Weinen ihrer lieben Mutter, sagt Vera Ivanivna. „Vor Brajilov wurden wir mit der Bahn zur Hautgebietsstadt Vinnytsia und von dort aus ins Dritte Reich gebracht.“
„In den Waggons fuhren Mädchen und Jungs gemeinsam. Manch einer von ihnen hatte Verpflegung dabei, manch einer nur Wasser. Um zu überleben, musste jeder mit jedem auch die kleinsten Essensstückchen teilen. Das allerschlimmste jedoch waren die Bequemlichkeiten in den Waggons, denn es gab nichts für die menschlichen Bedürfnisse. Es entstand nach und nach ein furchtbarer Gestank, aber jeder schwieg und hielt es irgendwie aus. In einem Waggon waren mehr als 100 Personen eingesperrt. Geschlafen wurde auf dem Boden oder angelehnt an die Wand.“
 

Vera mit ihrer Familie
 
 
Erst nach 4 oder 5 Tagen hielt der Zug das erste Mal an und alle wurden aufgefordert auszusteigen. Man war in Österreich. Am Versammlungspunkt in der Stadt Tulln wurden alle bereits von ihren Herren erwartet. Leopold Bauer holte Vera ab, ein alter Bauer, ein Soldat aus dem 1. Weltkrieg. Mit der Bahn sind die beiden zur Haltestelle Absdorf (12 km von der Stadt Tulln entfernt) weitergefahren, von da aus in das Dorf Bierbaum. Der Hausherr hatte 4 Kinder, mehr als 5 Hektar Land, einen mittelgroßen Bauernhof.
 
Und so verlief der Arbeitsalltag, erinnert sich die frühere Ostarbeiterin: „Um 5 Uhr morgens wurde aufgestanden, um 22 Uhr ging man ins Bett. Es gab keine Wochenenden. Man hatte auf dem Hof zu ernten, zu säen, zu sensen… und zusätzlich noch das Vieh zu füttern, Schweine und Geflügel, auch das Haus musste sauber gemacht werden. Manchmal fiel ich direkt ohne zu Abend zu essen aufs Bett und schlief direkt ein. Ich träumte von den Heimatlandschaften, meinem Elternhaus, von meiner Heimat – der Ukraine. Und wie viele Tränen vergoss ich in Sehnsucht nach der Heimat….Einmal kam mir der Gedanke zurückzukehren. Ich hatte gehört, dass man, wenn man eine sehr schwere Verletzung hat, nach Hause geschickt würde. Ich entschloss mich zu handeln. Ich verbrühte mit kochend heißem Wasser meine linke Hand. Aber der Trick ist mir nicht gelungen: die Hausherren waren sehr nett, holten sofort einen Arzt, der mich sehr schnell versorgte und wieder auf die Beine brachte.
 
Es war unglaublich schwer am Anfang, in einem fremden Land zu sein, vor allem wegen mangelnder Sprachkenntnis. Einmal schickte mich die Familie aufs Feld, um dort den Mais zu ernten und was habe ich getan? Ich habe diesen mit dem Spaten und mitsamt den Wurzeln aus der Erde gegraben – den Hausherrn, bzw. die Aufgabe, die er mir gegeben hat, habe ich aufgrund des Sprachmangels nicht verstanden. Jedoch mit der Zeit habe ich die deutsche Sprache sehr gut gelernt und auch die Traditionen des Dorfes.
Eines Tages hat mir die Familie die Möglichkeit gegeben, Fahrrad zu fahren. Unterwegs traf ich ebenfalls ein junges Mädchen wie ich es selbst war – eine Ostarbeiterin. Es stellte sich heraus, dass sie auch aus meinem Dorf war (Bryk Paraska (Lezhnowa im Dorf genannt). Sie hat mich erkannt, ich sie leider nicht. Als ich später im Jahr 1945 zurückgekehrt bin, erzählte Paraska im Dorf, dass ich sie „ignoriert“ habe und sie gar nicht sprechen wollte, dass ich eingebildet wäre. Hätte ich sie erkannt, so hätte ich direkt mit dem Fahrrad neben ihr angehalten und hätte sie vor Freude geküsst…. Später erfuhr ich, dass in der Nähe meines Hausherrn noch weitere Mädchen aus dem Zaporiszkyi Gebiet wohnte, mit welchen ich früher ab und zu ukrainische Lieder gesungen habe.“
 
In schwerer Arbeit verlief das 3. Jahr des Aufenthalts von Vera in Österreich. Der Frühling 1945 blieb ihr durch die vielen Angriffe der ukrainischen und sowjetischen Alliierten am besten im Gedächtnis. Nur durch Zufall ist sie am Leben geblieben.
Am 9. Mai 1945, genau am Tag des Sieges, wurde sie von der sowjetischen Armee befreit. Das Treffen war voller großer Freude. In Kürze kam die Benachrichtigung, dass sie in die Heimat zurückkehren konnte. Die Gastgeber waren sehr traurig, da alle eine sehr gute Beziehung zueinander aufgebaut hatten und sich sehr gut verstanden. Aber Vera musste, wollte gehen. Die Arbeitgeber bereiteten ihr mit viel Liebe genügend Verpflegung, etwas Bekleidung und das alles packten sie ihr in zwei Taschen ein. Sie verabschiedete sich von der Familie und ging mit weiteren jungen Ostarbeitern zum Versammlungsort, nicht weit von Tulln. Dort blieben alle noch drei Monate lange. Dann wurden alle Ostarbeiter nach Rumänien gebracht, wo sie wieder einen Monat lang blieben.
„Die Verpflegung ist uns angegangen, daher waren wir gezwungen uns auf den Feldern zu bedienen, um zu überleben. Von Rumänien aus wurden wir in die Ukraine geschickt. Es war im Oktober 1945. Auf einer der Bahnhaltestellen öffnete ein junger Mann die Türen des Zuges und schrie glücklich auf: ‚Zhmerynka!‘ Früher gab es keine S-Bahnen in kleinere Orte. Es gab nur die Lösung, sich auf einen Güterzug zu schmuggeln und dann während der Fahrt bei der Bahnhaltestelle Serbyniwzi abzuspringen.
Es war ein frischer Morgen. Ich sprang vom Zug, stieß mich stark an den Steinen, der Inhalt der Taschen ist auseinandergefallen. Es war gerade eine Kalk-Lagerstätte, auf welcher Michael Borets Wächter war. Er hat mich gesehen und half mir, zu Verstand zu kommen und die Sachen zu sammeln. Dann war das große Familientreffen nach drei langen Jahren Ungewissheit, mit Freude und mit vielen Tränen in den Augen.
Dann fing wieder der Arbeitsalltag an: alles musste wieder aufgebaut werden – Land, Dorf, Kolchose. Im Jahr 1947 herrschte eine schwere Hungersnot in der Heimat. Aber wir haben überlebt.“
 
1949 heiratete Vera Vassilij Melnyk, der als Ostarbeiter gezwungen wurde, in einem Bergwerk in Frankreich zu arbeiten. Vera hat zwei Jungen geboren und erzogen – Mykola und Volodymyr. Sie hat auch Enkel und Urenkel.
 
„Aus unserem Dorf wurden 50 junge Menschen zur Arbeit in das Dritte Reich gebracht“ fügt Vera Ivanivna am Ende hinzu. „Zwei von ihnen sind nicht zurückgekehrt – sie starben an Folgen des Krieges. Eine junge Frau heiratete einen Franzosen und lebt jetzt in Frankreich.“
 

 
  
Vera Melnyk, 2017
 
 
 
August 2017
Maria Knapp