Gedichte von Pfarrer Ignaz Scheiger 

 

Ignaz Scheiger war von 1799 - 1835 Pfarrer in Kirchberg am Wagram. Neben vielen Arbeiten, die er in und um die Kirche durchführen ließ, schrieb er Gedichte, die 1831 in einem Band veröffentlicht wurden. Aus diesem, 410 Seiten umfassenden Buch sind im Folgenden einige Werke angeführt.

Das Bild von Pfarrer Scheiger stammt vom berühmten Biedermaiermaler Josef Danhauser und wurde der Broschüre "Die Wallfahrtskirche von Kirchberg am Wagram" entnommen. 

 

 

 

 

 

Quelle, bzw. weitere Gedichte:
http://books.google.at/books?id=Wy9SAAAAcAAJ&pg=PP5&lpg=PP5&dq=Joseph+Ignaz+scheiger,+gedichte&source=bl&ots=jVzSpO-tuD&sig=Hz8Yc6cgbQBxtQ_yKw9hbs6nQ1g&hl=de#v=onepage&q=Joseph%20Ignaz%20scheiger%2C%20gedichte&f=false

 


 

Gedichte
von

Joseph Ignaz Scheiger

Gedruckt bey J.P. Sollinger.
Wien 1831  

 

Lyrische Gedichte
Erster Theil 

Vorrede 

Bei der Herausgabe dieser Gedichte habe ich bloß zu bemerken, daß sie nicht den vierten Theil meiner poetischen Arbeiten ausmachen. Von ihrer Aufnahme beim Publicum wird es abhängen, ob auch letztere ihnen nachfolgen sollen. 

Kirchberg am Wagram.
Der Verfasser. 

 

Erstes Buch
Oden 

An Oesterreich. 

Dir den Erstling des Lieds, heimisches Oesterreich!
Dem ich Hoffnung und Glück willig geopfert schon,
Mit der Sehnsucht des Jünglings,
der zurückeilt zu seiner Braut.
Herrlich bist du und schön, wie dich vom Kahlenberg
Ueberschauet mein Aug! Ceres und Liber krönt
Deine goldenen Thäler
Die Hügel mit Ueberfluß. 

Und ein glückliches Volk bauet für sich das Mark
Seiner Halme, für sich glühenden Rebensaft,
Denn ihm presset den Schweiß kein
Unersättlicher Sultan ab.
Mit fast städtischem Pomp bauet Wohlhabenheit
Deine Flecken; in Sammt prangt und im Seidenstoff
Bei der Hochzeit der Dörfler,
Jeden Festtag die Dörflerinn. 

Deiner Großen sind viel: Fürsten wie Könige
Wimmeln zahlreich am Thron eines Monarchen, der
Seinen mächtigen Zepter
Ueber zahllose Völker streckt.
Deiner Helden sind viel: Rüstet zum großen Kampf
Ganz Europa, du standst oft ihm ein Urfels da!
Bis zum Ebro hin kennet
Jedes Volk dich als Siegerinn. 

Deine Töchter sind schön: Himmlische Freundlichkeit
Schmückt ihr Antlitz, ihr Aug lieblich, ein Abendstern.
Alle Thronen der Fürsten
Schmückten Bräute der Kaiserstadt.
Deiner Künste sind viel, und mit gerechtem Stolz
Lügt der Künstler nicht mehr Namen des Auslands auf
Werke, die nicht das Ausland,
Die hervorbringt sein Schöpfergeist. 

Heil dir glückliches Land! Hier wo so reichlich der
Aprikosenbaum mich labet mit süßer Frucht,
Und die Feige heranreift,
Ströme Dank dir mein Glutgesang!
Bis der Glockenschlag mich ruft nicht zum Hungermahl
An den wirthbaren Tisch, perlend von Hand zu Hand
Reif auf Pisenbergs Höhen,
Lebenströmender Nektar kreist. 

Dann erzählen wir uns Thaten der Vorzeit, wie
Luftphantom durch das Schwert Eugens und Marlboroughs
Ludwigs Universalreich
In den Ebnen von Blenheim schwand.
Dann, wie Heil in der Flucht suchend, vor Coburgs Heer
Die Osmanische Macht wegstob am Rimnick, und
Sich für Loudon Dubizza, Verbir, Novi und Belgrad bog. 

Dann, wie eingedenk nicht früheres Unrechts, Franz
Durch den Beitritt zum Bund gegen Europa’s Feind,
Allen Völkern Europa’s die verlorene Freiheit gab.
Doch wo bin ich? Zu kühn waget mein Genius
Deinen Adlern sich nach! Schande befall mein Lieb!
Zürne du selbst, nur nenne deinen mindesten Bürger mich! 

 

Der Dichter.

Aus Morgenschimmer schafft‘ und aus Frühlingsduft
Des Dichters Seele Gott, wenn entschweben er
Dem Reich der Möglichkeit sie heißt, und
Ueber sie Fülle des Lebens ausgießt. 

Als Säugling lächelt froher der Dichter schon
Natur dir zu, wenn unter den Apfelbaum
Die Mutter hin ihn legt, und Blüthen
Ueber ihn tanzen in Zephyrlüften. 

Ihm glüht die Wange röther, und eiliger
Durchströmet ihm die Adern ein feurig Blut,
Das wie zum Riesenkampf die Helden,
Just so zum Siegslied ihn einst begeistert. 

Als Knabe läßt er Ball und Gespielen schon
Oft auf der Flur und eilt dem Gehölze zu,
Wo Nachtigallen flöten, und in
Schützendes Dunkel ihn Büsche hüllen. 

Beglückt das Mädchen, dem er als Jüngling wird!
Beglückt das Weib, das ihn als Gemahl umarmt!
Sein Herz ist ein Vulkan, der Liebe
Weint er die süßesten seiner Thränen. 

Das Schön- und Große reißet ihn hin, es mag
Die Lorberhaine Tempe’s beschaun 
Modernder Größe die Riesentrümmer. 

Ihm stellet schöner stets die Natur sich dar:
Ein magisch Licht umleuchtet ihm Berg und Thal,
Der Himmel Gold und Purpur, bis noch
Lieblicher Nachts ihn der Mond versilbert. 

Doch oft entführet auch den Erdfluren ihn
Das Flügelroß der schwärmenden Phantasie
In’s Land der Ideale, wo sein
Muster der Schönheit sich Zeuxis holte. 

Dort bildet aus der irdischen Grazien
Vereinten Reizen er sich Armidens Bild;
Dort mahlet mit Wortfarben ihm sein
Pinsel Elysiums Frühlingsscenen. 

Des Höchsten Geist durchflammt ihm die Seele, wenn
Ein Glutstrom sich den Lippen Gesang entringt;
Wenn er im Rhythmus hoch einherschwebt,
Ist es wie Rauschen der Allmacht Gottes. 

O, daß ich Dichter wär‘, und im Sprachgewand
Da stünden gleich die Bilder der Phantasie!
Und daß der Seele so entklänge,
Wie sie der Eindruck geweckt, die Rührung! 

Erwirbt mir die Naturgunst den Lorbeer nicht,
So war der Durst doch da, nach dem hohen Ziel;
Daß oft die Fittige mir schwellen,
Auch ihn zu wagen, den Flug des Dichters.   

 

Der Geschmack.

Oja, der Anmuth Göttin war
Die Grazie, die dich gebar,
Geschmack, so göttlich drum, wie sie!
Die Moden altern, du selbst nie. 

Wie ein Gesicht, dem Schönheit fehlt,
den Vorzug oft durch Reiz erhält.
So bietest du dem schönsten Putz
Oft blos mit einer Rose Trutz. 

Oft sucht man dich, wo du nicht bist!
Was dauert und gigantisch ist,
die Pyramide, den Koloß,
hieß unsre Vorwelt schön und groß. 

Mit Farben bunter, als womit
Er die Spielkästchen überzieht,
Die man von ihm erhält zu Kauf,
sucht der Chinese noch dich auf. 

Wer nicht die edle Einfalt kennt,
Und Ueberladung Schönheit nennt,
bestaunt der Zacken Vielerlei
Am alt und gothischen Gebäu. 

Selbst was mißfärbig und verdreht
Der Augenlust stets widersteht,
Nur ihm erträglich zieht der Thor
Dem Wohl der klügern Mitwelt vor. 

Geschmack, wer trennt als Kenner mir
Das Echte von dem Falschen hier?
O sieh! Auch dieß bestimmet nur
Des Schönen Mutter, die Natur! 

Wer glücklich Reiz mit Reiz vereint,
Bis endlich ein Apoll erscheint,
Stellt einen Canon; und so stand
Lang unerreicht da Griechenland. 

Selbst was der Fleiß dem Schutt entgräbt,
Hat, auch als Trümmer, dich belebt,
Und breitet in Pallast und Haus
Sich über jedes Möbel aus. 

Bleib fürderst unsern Musen treu!
Was nicht gediegen, schön und neu,
Dem Leser seine Müh‘ belohnt,
Bleib auch vom Vulkan nicht verschont! 

Kraft ist des Deutschen Eigenthum:
Es schreck‘ ihn nicht des Auslands Ruhm
Er steht, wenn jenes streng geschah,
Dann auch als Dichter einzig da. 

 

Das Leben. 

Das Leben ist ein Possenspiel;
Es öffnet mit Marionetten:
Die argen Puppen schrein so viel,
und doch entzücken sie Lisetten.
Viel Dank für diesen Zeitvertreib,
zu dem wir keine Neigung fühlen,
denn nur ein Kind, und nur ein Weib
kann gerne sich mit Kindern spielen. 

Ein Lustspiel ist das Leben, wo
Den Knoten meistens Thorheit schürzet;
Wo man viel lacht, und eben so
Belacht, die Stunden Andern kürzet.
Das Treibrad, ohne das die Welt
Ein beseelter Klotz verbliebe,
Was ist’s; Ein leerer Titel, Geld,
Und wie im Lustspiel, Heirath, Liebe. 

Die ihr im Unglück leicht verzagt,
O laßt den Muth so schnell nicht sinken,
Wie es auf finst’re Nächte tagt,
So seh‘ ich euch auch Hoffnung winken!
Dann wird das itzt gepreßte Herz
Den Werth der Leiden erst erkennen.
Im Leben folgt oft Lust dem Schmerz,
Drum möchte‘ ich es ein Drama nennen. 

Ein Schauspiel ist das Leben auch:
Durch Eidbruch will von Tod und Ketten
Sich, Römer bis zum letzten Hauch,
Der strenge Regulus nicht retten.
Kamill befreit sein Vaterland,
Das ihn verwiesen.   Es beschützet
Ein Mohr den Christen, dessen Hand
Des theuern Sohnes Blut verspritzet. 

O träumt von keiner Seligkeit!
Verfolgung, Boßheit, Noth und Plage,
Und die an Unglück schwangre Zeit
Verbittert uns die Lebenstage.
Es gibt der Leiden nur zu viel,
Selbst wo uns Glanz und Hoheit blendet:
Das Leben ist ein Trauerspiel,
Das oft sogar mit Selbstmord endet. 

 

Deutsche Benennung der Monathe. 

Hat der Gallier sich für die Monate Namen erfunden,
warum kleben denn wir noch an den Römern so fest?
Seht, ich betrete die Bahn, die Carl der Große betreten,
der ein Biedermann, auch stets drum den Deutschen geschätzt!
Deutsche Namen gab er den Winden und Monaten. Lieblich
Klang wie Bardengesang ihm ein einheimischer Laut.
Aber die Zeiten verändern sich, und sein heiliger Schatten
Zürnt mir, wenn ich sie nun abermal ändere, nicht.
Name geb‘ ich den Monden, doch misch‘ ich die Namen der Jahreszeit
Winter, Sommer und Herbst in die Benennung nicht ein.
Auch den Oster- und Christmond verweis‘ ich zum Kirchenkalender,
Da nicht jeder wie wir, diesen Geheimnissen fröhnt.
Nennet den ersten der Monate nur noch fürder den Eismond,
Denn es starren daselbst Felder und Flüsse von Eis!
Aber ehrt mir den alten Hornung! Regen und Thaumond
Ist er abwechselnd, doch wer kennet als Hornung ihn nicht?
War er ehmals dem Mars geheiligt der März, weil die Krieger
Nach dem Winterquartier wieder ins’s Schlachtfeld gerückt,
O so lasset uns nicht mehr die Geißeln der Menschheit vergöttern,
Und die Menschlichkeit sei unsrer Verfeinerung Frucht!
Pfropfmond heiße der März, denn es hat mit edleren Reisern
Seine Setzlinge da sorgsam der Gärtner geimpft.
Knospen werden die im Keimmonat, welcher der Erde,
Die er vom Frost entband, wieder die Fruchtbarkeit gibt,
Doch noch eh sich die Blätter entwickeln, sei uns willkommen,
Der du o Blüthenmond uns labest mit süßem Gedüft;
Tanzend begrüßt dich das Mädchen, das Haar mit Blumen durchflochten;
Und kein Dichter ist, der dich nicht begeistert besingt.
Nennt von den üppigen Gräsern, die da die Ebnen bedecken,
Und mit Kleearten vermischt füllen den Rindern den Barn,
Nennet ihn Wiesenmonat, den Junius; aber der Heumond
Sei von dem edlern Geschenk künftig als Kornmond begrüßt!
Aber jetzt reib‘ ich die Stirn bei dir du armer Augustus,
Nicht Vergötterer, der dich zur Posaune gebraucht!
Wenig leistet du uns, drum laß‘ ich mir’s willig gefallen,
Daß ein Krieger sein Pferd liebend, dich Habermond hieß.
Obst verschaffest du uns, du Nichtseptember, denn jetzo
Zählen wir anders, drum sei künftig der Obstmond genannt;
Und der Weinmonat folge dir nach, mit Trauben gekrönet;
Unter Pöllergeknall füll‘ er die Kelter uns voll!
Doch jetzt stürmt sein jüngerer Bruder mit tobenden Winden,
Und durch ertödtenden Reif sieht sich der Fruchtbaum entlaubt.
Frostiger läßt sich das Jahr an, drum hat in sein winterlich Fell sich
Der in der binsichten Saß lauschende Hase gehüllt.
Aber nun eilt auch der Weidmann auf den auflauernden Anstand,
Oder die Kreisjagd durchstreift lärmend die Stoppeln des Feldes.
Gebt ihm darum den Namen Jagdmond, dem rauhen November.
Und ihm huldigend, grüß ihn das schalende Horn!
Jetzo übrigst nur du, der letzter der Monate, wo man
Um den Ofen herum sich in die Kammern verschließt!
Endlos wären sie deine langweiligen Nächte, verkürzten
Sich die Hausmütter die Zeit nicht bey dem schnurrenden Rad!
Und ich kann es nicht läugnen, daß ich als Knabe da oftmals
Mit begierigem Ohr ihren Geschichten gelauscht.
Spinnmond sollt du drum heißen, und liebt mich die Muse, so sing ich
All der Märhchen gereimt, kommenden Enkeln einst vor. 

 

Ermunterung zum Vergnügen. 

Mit welchem Wahn ihr Erdensöhne,
Hat falsche Zukunft euch bethört?
Ihr hofft das Gute und das Schöne
Von ihr, die euch nicht zugehört. 

Der schöne Tag bleibt ungenossen,
Ihr sperrt euch zum Studieren ein:
Geschäfte machen euch verdrossen,
Und morgen wird es stürmisch seyn. 

Die Rose, wenn ihr sie nicht pflücket,
Zerstört oft schnell ein gäher Sturm,
Wie die Reseda unerblicket,
Ein äußerlich ihr gleicher Wurm. 

Ich soll den Pfirsich nicht genießen?
Besitzt er morgen größern Werth;
Wenn Wespen sich ihn schmecken ließen,
An ihm der Zahn der Fäulniß zehrt? 

O geizet nicht mit dem Ergetzen,
Wie karge Filze mit dem Gold;
Und denket nicht euch erst zu letzen,
Wenn euch bereits der Knöchler hohlt! 

Viel klüger will ich hier verfahren:
Die Gegenwart sey mein Genuß!
Auf morgen will ich nichts versparen,
Als Plage, Sorgen und Verdruß. 

 

Die Zeitereignisse. 

Bis tausend Jahre fort sind, da
Ist kaum der Urwelt Spur zu finden:
Land ist, wo man die See vor sah,
Und Völker, und ihr Ruhm,
Und Sprachen selbst verschwinden. 

Was kehrt nicht ein Jahrhundert um,
Wo Sonnenfels und Schlötzer leben?
Belehrung, Licht sein Eigenthum;
Sieht selbes jeden Stand rasch nach
Veredlung streben. 

Was ändert ein Jahrzehnt oft nicht?
Bald dankt es Ruhe den Gebiethern;
Bald wankt durch Krieg das Gleichgewicht,
Und nicht ein Stein verbleibt dir von
All deinen Gütern. 

Was ändern nicht fünf Jahre schon?
Das Mädchen, das die Hand dir küßte
Spricht mit gebietherischem Ton,
Als wenn es seine Macht,
und deine Schwäche wüßte. 

Was kann nicht schon ein Jährchen thun?
Zur Reife bringen Frucht und Saaten,
Und was, wenn Mütter sorglos ruh’n,
Die Töchter sündigten,
ihr wißt schon was? Verrathen. 

Der allerkleinste Monath ist
Ein Füllhorn von Begebenheiten:
Fragt, was der Prediger vorliest!
Fragt bei Gerichten, wo sich die
Parteien streiten! 

In einer Woche reift Salat,
Der Schwamm wohl gar in einem Tage;
Und was gleich schnell an’s Licht so trat,
Ein Blatt, bald witzig, bald nicht würdig
Der Nachfrage. 

Sprecht mir nicht mit so kaltem Blut,
Wie Spieler von dem Werth der Stunde!
Sie lohnt den Fleiß mit Geld und Gut,
Und richtet just so leicht die Beverlei zu Grunde. 

O immer wechselndes Geschick!
O Zeit, gleich reich an Lust und Wehen!
Minuten oft, ein Augenblick,
So ist’s um unser Glück,
und um uns selbst geschehen. 

 

Werth der Bildung. 

Wer aufwuchs ohne Zucht und Zaum,
Den Steppenpferden zu vergleichen,
Dem werd‘ ich auch sogar im Traum
Die Rechte nie zum Handschlag reichen. 

Sein Geist und sein Gemüth ist roh:
Man lebet wieder unter Gothen;
Ihn macht ein Trinkgelag nur froh,
Und was er da verkauft, sind Zoten. 

In seinem Haus wird der Geschmack,
Der Kunstfleiß keinen Zutritt finden:
Schmutz und Gestank von Rauchtabak
Wir den Bewohner laut verkünden. 

Ihn wird nie Clio’s Zeitbuch Held,
Ihn der Parnaß nie Dichter nennen;
Und hat er seinen Abgott, Geld,
So wird er sich vor Stolz nicht kennen. 

Die Musen bilden den Verstand:
Wer sich den Studien geweihet,
Erwächst zum Gott, in dessen Hand
Das Werk zum Meisterstück gedeihet. 

Zum Muster dienet sein Versuch;
Man kann auf jeden Platz ihn brauchen;
Er spricht wie ein lebendig Buch,
Und wird in Geist die Feder tauchen. 

Die Musen bilden auch das Herz,
Das ohne Lehrer leicht verwildert:
Wer fühlet mehr der Witwe Schmerz,
Als wer ihn selbst im Schauspiel schildert? 

Wer macht, wenn Roth im Staub sich krümmt
Zum Mitleid schneller uns erwarmen?
Wer stimmt, wenn Murads Zorn ergrimmt,
Ihn wie Schach Kuli zum Erbarmen? 

Der seine Frau durch Herrschaft drückt,
Der Wilde kennt bloß thier’sche Triebe;
Nur den Gebildeten entzückt,
Kein Opfer ihm zu groß, die Liebe. 

Nur wenig gab euch die Natur,
Die euch den rohen Stoff gegeben;
Zum Zeus, zur Passas kann euch nur
Ein zweiter Phidias erheben. 

Die Bildung kennt sie ganz die Kunst,
Sich Lieb‘ und Achtung zu verschaffen,
Und sie erlangt so mehr durch Gunst,
Als Andre durch Gewalt und Waffen. 

Was ist der sinnliche Genuß,
Wenn ihn der geistige nicht würzet?
Der Dümmling gähnt beim Ueberfluß,
Wo ihr die Zeit die Muse kürzet. 

Oft macht ein Sturm uns arm, wo wir
Uns reich durch Peru’s Schätze glauben,
Die Bildung aber kann man dir
Nur bloß mit deinem Leben rauben. 

 

Veränderlichkeit. 

Wie kann der Thor so sehr darüber klagen,
Daß nichts auf Erden ewig währt?
Weil Geiz für Wirtschaft es erklärt?
Da kann das Weib bei den jetzt dünnen Stoffen,
Bei ihrer Zartheit, ihrem Farbenspiel,
Und bei des Wechsels Reiz, doch mehr Vergnügen hoffen,
Als wo, wie eh, das Aug stets auf das Alte fiel. 

Die Freude soll schnell wie der Jammer fliehen!
Nur was uns überrascht, entzückt:
Das Veilchen duftet süß, doch sollt‘ es immer blühen,
So blieb‘ es sicher ungepflückt.
Ich klage nicht um deine bunten Farben,
Die man o Lenz, umsonst im Kornmond sucht,
Ich preise mir gleich hoch das falbe Gold der Garben,
Und mit dem Herbst die Baum- und süße Rebenfrucht. 

Wir loben uns den Zauber der Concerte;
Doch es berauscht zu vieler Wein;
Und wenn bis Mitternacht selbst ein Othello währte,
So schliefen die Zuschauer ein.
Von Flittern kann die Puppe nie so schimmern,
daß sich das Kind zu lang damit vergnügt:
sie wird deswegen schon zerstückt, weil im Zertrümmern
Veränd’rung, und in der der Reiz der Neuheit liegt. 

Ein stät Wohlleben wird und muß ermüden:
Wir sehnen uns in’s Thal vom Thurm:
Nur in der Kriegszeit schätzt man ihn recht hoch den Frieden,
Den heitern Tag erst nach dem Sturm.
Nein, nein, verweilt zu lang nicht göldne Stunden,
Wo ich nur Lust und Seligkeit genoß!
Nur halb genießet, wer nie Schmerzliches empfunden;
Der Kampf, nicht der Triumph macht die Lukulle groß. 

Den Wechsel soll darum mein Lied erheben,
Durch ihn wird selbst das Alte neu:
Erfahrung, Umtrieb macht reichhältig unser Leben,
Und füllt die Trägheit nur mit Scheu.
Doch daß auch so uns nicht zum Ekel, werde,
Was doch der Greis nicht, wie der Jüngling, schätzt;
So thut einst Gott sehr wohl, daß er uns von der Erde
In eine and’re uns ganz neue Welt versetzt. 

 

Eigne Bahn. 

Nicht Helden sing‘ ich, deren Schwert,
Abgöttisch oft dafür verehrt,
Sich in der mörderischen Schlacht
Luft mitten durch den Feind gemacht. 

Den großen Mann besingt mein Lied,
Der, wo er nichts als Thorheit sieht,
Sich gleichfalls Bahn, dem ersten Licht
Vergleichbar, durch das Chaos bricht. 

Ein Mordkampf! Die Nachäfferei
Erhebt ein fürchterlich Geschrei,
Und wer einträglich fand den Wahn,
Kämpft furchtbar für den Schlendrian. 

Doch sein selbstprüfender Verstand
Entwuchs schon früh dem Gängelband,
Daß er drum nur die Anstalt liebt,
Der Kopf und Herz auch Beifall gibt. 

Ihm ist die Regel Sclaverei:
Selbstständig gähnt er oft dabei;
Und wo ihm nicht genug geschah,
Da steht er selbst als Muster da. 

Ein Titan, ein Angelo
Erfindet und umstaltet so:
Es fand so den Planetenlauf
Copernikus dein Tiefblick auf. 

Nachtdunkel deckte ohne Spur
Von einem Vormann die Natur,
Uns fremd ihr Gang: ein Newton spricht
Es tage! Und schnell ward es licht. 

Es folgte bloß dem innern Ruf,
Der eine neue Tonkunst schuf:
Nie geht in ihrem Heiligthum
Dafür auch unter Mozarts Ruhm. 

Und wenn auch ein Jahrhundert alt,
Ein Vorurtheil für tödlich galt,
So findet solch ein Geist zu klug,
Nichts dran, als höchstens Selbstbetrug. 

Er gab so nie das mindste Lob
Der Feuer- und der Wasserprob,
Und hat es immer Mord genannt,
Wenn Hexen Barbarei verbrannt. 

O nennet nicht gleich Neurungssucht
Des Geistes und der Prüfung Frucht,
Und zieht nicht wie der alte Thor,
Die Kinds- noch den Kühpocken vor! 

Es reifen nicht bloß durch die Zeit
Die Künste zur Vollkommenheit:
Wer nicht auch den Versuch sich preist,
Bleibt ewig ein beschränkter Geist. 

 

Zweites Buch
Empfindungen 

An mein Herz.

Unruh in der Uhr des Lebens,
Größtes Triebrad meines Strebens,
Herz, das immer hier sich regt,
Tobt und hüpfet, wallt und schlägt! 

Ach daß Alter kehret nimmer,
Wo ich mit dem Hoheitsschimmer
Und den Abstand unbekannt,
Jeden Erdsohn Du genannt! 

Wie war, nicht mit Gaben geizend
Ringsum da die Welt so reizend!
Wie mir alles Wunderding,
Steinchen, Blume, Schmetterling! 

Aber bald ward wider Willen,
Angelegt der Zaum dem Füllen:
Arbeit kam, und Geistesqual,
Mit der bittern Standeswahl. 

Lange wollt’s mir nicht gelingen,
Brot und Herd mit zu erringen:
Mittellose stößt das Glück
All‘ und überall zurück. 

Doch dafür, daß ich beim Streben,
Mich vom Staub empor zu heben,
Bloß dem Strauß der Wüste glich,
Trösteten die Musen mich. 

Freundschaft kam auf meinen Wegen
Auch handschüttelnd mit entgegen,
Die dann unter Gläserklang,
Mit mir scherzte, lachte, sang. 

Oft durchschnitten dich auch Wehen,
Wenn sich Hilfe zu erflehen,
Bittend da der Arme stand,
Und mein Seckel leer sich fand. 

Wunden schlägt der Tod dem Herzen,
Ach noch kann ich’s nicht verschmerzen,
Daß, der nur um mich nicht kam
Mir die einz’ge Schwester nahm! 

Manchmal schnob ich auch nach Rache,
Wenn zertreten ward der Schwache,
Und mir zuschrien, die’s gethan,
Still, das gehet dich nichts an! 

Nie hab‘ ich von Furcht erschüttert,
Vor des Richters Spruch gezittert!
Leiden, nicht verdient durch Schuld;
Trotze stoische Geduld. 

Doch gedenk der alten Tage,
Hab ich, wenn die Ausschlagwage
Nicht viel Glück mir zugesagt,
Herz, ich läugn‘ es nicht, gezagt. 

Nichts mehr störe deinen Frieden,
Dir durch Gleichmuth nun beschieden;
Ungekränkt dein Ehrgefühl
Durch des Glückes Gauckelspiel. 

Was verlohnt sich’s auch zu klagen?
Wenn die Herzen ausgeschlagen,
Streift uns jeden Schimmer ab,
Das für jeden offne Grab. 

 

Drittes Buch
Gemälde. 

Der schlafende Dichter. 

Dem Lärm und Stadtgewühl entrissen,
Träumt hingestreckt auf Rasenkissen,
Von Landlust, Schäfern, Busch und Baum,
Der Dichter sich den schönsten Traum. 

Er sieht von Bergen und von Hügeln
Im Teich Gehölz und Wald sich spiegeln,
Die, nur in wankender Gestalt,
Auch dort das Morgenlicht bestrahlt. 

Er sieht umgrünt von frischen Myrten,
Die er im Streit mit andern Hirten,
Ein zweiter Theokrit erhielt,
Die Leyer, mit der Amor spielt. 

Er sieht den Himmel selbst sich neigen,
Und die Gottheiten ihm entsteigen;
Von den drei Huldgöttinnen wird
Ein Tanz voll Anmuth aufgeführt. 

Und ach, wie glüht auf seinen Wangen
Der Liebe seligstes Verlangen,
Wenn, die dann einen Strauß ihm reicht,
So gänzlich seiner Doris gleicht! 

So träumet nicht auf seinen Schätzen
Der Wucherer, dem bang Entsetzen
Durch jedes Glied ein Mäuschen jagt,
Das hungernd an dem Bettfuß nagt. 

So träumt der Neider nicht, gekränket,
Wenn dir mehr Korn den Acker schenket,
Und strotzender mit Milch gefüllt,
Das Euter deiner Ziege schwillt. 

So froh stählt gegen die Gefahren
Kein Länderräuber seine Scharen:
Acht! Feuer! Heißt’s beim Feind; es kracht;
Er stürzt getroffen, und erwacht. 

O fragt nicht, welches Loos ich wähle?
O reiner Himmel einer Seele,
Den nichts von inn- und außem trübt!
Der nur das Gut‘ und Schöne liebt! 

Seht euch dem Staube zu entschwingen!
Sucht Rang und Würden zu erringen!
Nur ehrt, wem euer Mund sie preist,
Mir auch den Titel: Schöner Geist! 

 

Der Hafen. 

Es ist ein Anblick groß und hehr,
Zu übersehn das weite Meer,
Zu sehn am Strand, wie aus der Flut
Die Sonne steiget, roth wie Blut. 

Doch wie ihr sie anstaunet, gäh
Entsteigt ein spitzer Pfahl der See,
Und was vor müßig sang und pfiff,
Ruft wie aus einem Mund, ein Schiff. 

Es naht der ferne Gegenstand,
Der immer größer wird, dem Land;
Und was du erst bemerket hast,
Wird Wimpel, Segel, Raa und Mast. 

Und itzt geschieht der erste Schuß:
Den Hafen grüßt der Donnergruß;
Der Hafen wünscht den Gästen Glück,
Und donnert ihren Gruß zurück. 

Und wie der letzte Schuß geschah,
So steht das Schiff gelandet da;
So wirft man aus dem braunen Haus
Auch die Fallbrücke willig aus. 

O was da für Gewirr entsteht!
Die laden aus, der kommt, der geht;
Die steigen in das Schiff hinauf;
Man handelt, feilscht und schließt den Kauf. 

Die Gattinn späht nicht mehr vom Thurm,
Und fürchtet Brandung, Fels und Sturm;
Sie stürzt halb außer sich vor Lust,
Dem theuern Gatten an die Brust. 

Auf’s Meer will auch der Bruder gehen,
Das reiche Indien zu sehn:
Der Sohn bestaunt des Vaters Tracht,
Und alles, was er mitgebracht. 

Ersetzt hat so die Schifffahrtskunst,
Was uns nicht trug des Bodens Gunst,
Und uns so Waaren zugesandt,
Die manch Jahrtausend nicht gekannt. 

O glaubt dem Mund, der Wahrheit spricht,
Mich schreckte Sturm und Klippe nicht,
Besäß‘ ich nur, was sonst mir fehlt,
Und gern umführ‘ auch ich die Welt!
 

 

Viertes Buch
Geistliche und moralisches Gedichte 

An Gott. 

Wie blind das Haidenthum nicht war!
Es brachte Menschenopfer dar,
Und betete in seinem Wahn,
Gestirn und Thier und Menschen an. 

Es dämmerte die Weisheit nur,
Dem Zeno und dem Epikur.
Und müßig sahn in träger Ruh,
Bei Letztrem uns die Götter zu. 

Es bietet noch so der Verstand
Dem Irrthum und Betrug die Hand,
Selbst bis zur Dummheit, strahlt ihm nicht
Der Offenbarung heilig Licht. 

Heil mir! Mit ihr bekannt gemacht,
Erkenn‘ ich, nicht aus Furcht erdacht
Bei Blitz und Sturm, noch Werk der List,
Dich, der du Allen Alles bist! 

Du bist es, der die schöne Welt
Dem Nichts entriß, und sie erhält!
Du sprachst, und ewig wallet dort
Nun Sonn‘ und Mond am Himmel fort. 

Du hast das Erdenrund geballt,
Von seinem Dunstkreis warm umwallt!
Du führst es um die Sonn‘ herum,
Und gabst es uns zum Eigenthum! 

Du gibst der Erde Fruchtbarkeit,
Wo Ernte sich an Ernte reiht!
Du gibst uns durch die Nahrung Kraft,
Und zur Erheitrung, Rebensaft! 

Du rückest zu des Schiffers Wohl,
Vom Scheitelpunkt hinweg den Pol!
Es führt so durch das weite Meer
Kompaß ihn, und Gestirn umher. 

Du schufst das Thierreich, den Koloß
Von Elephanten, Stier und Roß!
Den Aar, der das Gewölk durchzieht,
Den Lichtwurm, der im Grase glüht. 

Doch hinter’m Engel nur zurück
Verblieb der Mensch, dein Meisterstück,
Der Roß, Kamehl und Löwen zähmt,
Und selbst im Flug den Adler lähmt. 

Drum schalle dir auch lebenslang
Mein Dank in meinem Glutgesang!
Und es erheb‘, ein Hymnus nur,
Dich jedes Wesen der Natur! 

Wer göttlich, was nicht Gott ist, ehrt,
Erkennet doch der Gottheit Werth;
Doch es verdient nicht einmal Spott
Der Thor, der sagt, es ist kein Gott.

 

Abendlied. 

Das Abendroth so schön zur Schau,
Verblich bereits zu falbem Grau,
Und lieblicher durchwürzt die Luft
Der Nachtviole süßer Duft. 

Um die Levkoje flattert, nicht
Geblendet von zu grellem Licht,
Der vor an einem Baumstrunk hing,
Der graue Abendschmetterling. 

Es war der lange Tag so schwül;
Wie schmeichelt nun das sanfte Kühl
Den Gliedern, und selbst müde wird
Man zum Spaziergang leicht verführt! 

Und o, wie hangt das Aug so gern
An dem so hellen Abendstern,
Und noch mehr an dem lieben Mond,
Der dort auf Silberwolken thront! 

Viel tausend Meilen von ihm weg,
Verbindet uns mit ihm kein Steg;
Es hilft zu deutlicherm Begriff
Von ihm uns kein hinsegelnd Schiff. 

Wie sieht’s in seinem Schooß wohl aus?
Und wird, wenn wir im Vaterhaus
Einst einen andern Platz beziehn,
Mir auch auf ihm ein Blümchen blühn? 

Was aber grübelt mein Verstand?
Die Erd‘ ist einmal itzt das Land,
Das, bis mich da verschlingt das Grab,
Der Schöpfer mir zum Wohnort gab. 

Mit nichts zufrieden murret laut,
Wer allzu viel nach jenseits schaut;
Der hier uns nicht bloß hoffen hieß,
Sprach zu dem Sterblichen, genieß! 

Hehr rauscht vom Fels der Wasserfall,
Süß schlägt im Busch die Nachtigall,
Und selber die Cicade zirpt
Ihr Lob dem Herrn, bis daß sie stirbt. 

Von Gottes schöner Welt umringt,
Fragt drum nicht, was die Zukunft bringt?
Sie trägt für den nur süße Frucht,
Der stets des Gebers Beifall sucht.  

 

Fünftes Buch
Lyrische Gedichte, Zweiter Theil 

Die Sparkunst. 

Die Jugend weiht sich dem Genusse,
Wenn alles auch zu Trümmern geht;
Es kargt nur, wer mit einem Fuße
Schon allbereits im Grabe steht.
Kein Wunder, wenn so übel fahren,
Die nicht der Glanz des Golds entzückt:
O lernt hier, wie der Kunst zu sparen
So leicht auch das Reichwerden glückt! 

Habt schon als Kinder eine Büchse
Von gutem, starkem Blech, und groß;
In der die Summe nicht so wüchse,
Verwahrte sie kein Vorlegschloß!
Leicht steckt in selbe Geld dann jeder;
Der leichte Eingang täuscht die Maus;
Nur läßt das angebrachte Leder
Nie die Gefangnen mehr heraus. 

Ein Sparherd ist sehr zu beloben,
Weil er nur wenig Feuer braucht;
Doch als noch besser wird erproben
Sich, der das ganze Jahr nie raucht.
Man kann sehr knapp und sparsam leben,
Wo Schlemmern bald der Mangel droht:
Die schnell sich zu bereichern streben,
Die nähren sich von Käs‘ und Brot. 

Nur Weichlinge sind gleich verlegen,
Wenn’s nicht beim Frost im Ofen kracht:
Man hat der Holzersparniß wegen,
Drum auch Sparöfen ausgedacht;
Die werden, jenen abzuwehren,
Auch oft nur bloß mit Torf erhitzt;
Doch aller Heitzung kann entbehren,
Wer einen guten Pelz besitzt. 

Der Hochmuth wechselt saubre Kleider
Sogar noch, geht es zum Besuch:
Der Sparer suchet keine Neider,
Und kleidet sich in grobes Tuch.
Geht barfuß, wo euch barfuß gehen
Sogar der heiße Sommer heißt.
Denn unsre Haut ist, wie wir sehen,
Das Leder auch, das nie zerreißt! 

Wer wohl das Federbett erfunden?
Ein Sybarit war’s ganz gewiß,
Der da selbst in den Morgenstunden
Die Ruhe sich wohl schmecken ließ.
Es pflegt dem Müßiggang zu fröhnen,
wer gern auf weichen Kissen ruht;
Man braucht sich nur nicht zu verwöhnen,
So schläft sich’s auch auf Bänken gut. 

Der so von allen Seiten karget,
Und was das Wucherhandwerk trägt,
Im von der Armuth nur verarget,
Stets fleißig in den Kasten legt,
Der wird zwar wenig Aufsehn machen,
An Äußern stets den Bettlern gleich;
Macht aber einst die Erben lachen,
Denn er ist unermeßlich reich. 

 

Der Genügsame. 

Wohl jedem Adamssohn, der sich
Mit allem leicht begnüget,
Und weicht das Glück von ihm, wie ich,
Sich klein macht und sich schmieget. 

Leicht wird uns ein Pallast zu groß:
Vor Regen, Schnee und Stürmen
Wird ein wohl eingerichtet Schloß
Mich und die Meinens schirmen. 

Es prunke bei dem Staatsbesuch
Der Stolz im Galakleide!
Mich hüllt bloß in Vigognetuch,
Und heitzt es ein, in Seide! 

Statt meiner Tafel mag Catull
Dem Freund sein Nachtmal preisen;
Ich wünsche mir nur wie Lukull,
Und wie Vitell zu speisen. 

Nie nahm mein Herz der Mammon ein;
Ich bin auch gar kein Prahler:
Verschafft mir sorgenlos zu seyn,
Nur stündlich hundert Thaler! 

Es lebt sich nicht mehr angenehm
Bei weiß und dünnem Haare;
Drum wünsch ich mir Methusalem
Bloß deine Lebensjahre.

 

Sechstes Buch
Erotische Gedichte 

Amor als Muse. 

Um seine Daphne zu besingen,
Fleht Damon die neun Musen an:
Es wird ihm sonst kein Lied gelingen,
Denn steil ist zum Parnaß die Bahn. 

O ja, schon fühlt er sich begeistert;
Es hat sich seiner Phantasie
Ein höh’rer Einfluß ganz bemeistert,
Und Spielwerk däucht ihn nun die Müh. 

Ich hasse die zu frühen Prahler,
Durch die fürwahr nie viel geschah,
Wär‘ aber Damon itzt ein Mahler,
So stünd‘ ihr Bild leibhaftig da. 

Es schmückten sie Apollo’s Locken,
Die Augen zwei Vergißmeinnicht;
Man säh im Mund die Werte stocken,
Der halb verschlossen, dennoch spricht. 

Es mahlte mit des Busens Fülle,
Den schlanken Leib, die weiße Hand,
Nur schön durch ihn des Kleides Hülle,
Nur schön dadurch das breite Band. 

Es mahlte reizend, wie das Ganze,
Und keine Muskel unbelebt,
Das zarte Füßchen, das zum Tanze
Sich mit dem Schwung des Sylven hebt. 

So sang er, was gemahlt sonst hätte
Des Künstlers stummberedte Hand,
Bis Worte an der Farben Stätte,
Ein redendes Gemähld‘ entstand. 

Nur dankt‘ er alsdann nicht den Musen
Sein Kunststück, denn bald sah er klar,
Daß, was durchglüht ihm Haupt und Busen,
Daß diese Gottheit Amor war. 

 

Amor als Sprödenbezwinger. 

Den Hagestolzen und den Spröden
Ist Amor, und mit Recht, nicht hold:
Er läßt den Erdkreis nicht veröden,
Und hält, was gleißt, nicht gleich für Gold. 

Es feiert mit dem keuschen Täubchen
Der Tauber doch sein Hochzeitsfest;
Und das erst spröde Sperlingsweibchen
Baut doch sehr fleißig an dem Nest. 

Sein Liebstes bringet seiner Schönen
Der Jüngling; doch ihr wilder Blick
Weist, seine Neigung zu verhöhnen,
Es als Beleidigung zurück. 

Sie kann es frostig ihm verargen,
Daß er sich in Gefahr gestürzt;
Und stolz mit einem Beifall kargen,
der ihm den längsten Weg verkürzt. 

So kann mit Mühe nur durchdringen,
Ein dicht Gewölk der Sonne Glanz;
So läßt sich nur mit Müh erringen
Der Lorbeer- und der Hochzeitskranz. 

Doch trotze spröd‘ und eitles Mädchen
Nicht allzu lange der Natur!
Du sprichst bei Strickzeug, Rahm und Rädchen,
Zuletzt doch vom dem Ehband nur! 

Und Amor, dem dieß nicht entgangen,
Söhnt sich mit dem Halbbruder aus;
Und Feuer hat das Stroh gefangen,
Und die Aussteuer füllt das Haus. 

Kurzum, hier hilft kein Widerstreben;
Er ist sich seiner Macht bewußt:
Du willst dich keinem Mann ergeben?
Du Thörin, ruft er aus, du mußt!

 

Siebentes Buch
Gastronomische Gedichte 

Das Frühstück. 

Das Gabelfrühstück loben sich
Die Abends mit den Britten speisen.
Ich, Deutscher, nehm‘ es nicht auf mich,
Euch fremde Sitten anzupreisen. 

Da werd‘ ich, wie die Götterfrucht,
Die den Bestandtheil hergegeben,
Für den, der ein warm Frühstück sucht,
Weit mehr die Schocolat erheben. 

Nur schonet mich mit jedem Thee!
Den besten weiß ich nicht zu schätzen;
Und stecht nicht, sag ich, in die See,
Mir laues Wasser fürzusetzen! 

Was nicht auch sättiget, ist nicht
Das Frühstück, das ich mir begehrte;
Denn die Natur verabscheut, spricht
Ein alt und kluges Buch, das Leere. 

Seht, schon erscheint die Frau vom Haus!
Das soll ein Handkuß ihr bezahlen!
Sie breitet ein bunt Tischtuch aus,
Und reich’t zum Kaffeh her die Schalen.
 

Ein silbernes Gefäß erscheint,
Schon seh‘ ich ihn dem Hahn entfließen;
Und mit der Sahne eng vereint,
Ihn ein gut Zuckerstück versüßen. 

In dieses süße Naß getaucht,
Wie wird das Kaffehbrot mir munden,
Und hat der Körper was er braucht,
So gehen dann im Galopp die Stunden. 

Wie töricht hat da eine Schrift
Das göttliche Geschenk behandelt!
Sie hieß den edlen Kaffeh Gift,
In das ihn Mißbrauch nur verwandelt. 

Wenn wahr auch ist solch toll Geschei,
So muß dies Gift sehr langsam morden,
Denn Heinrich’s Sänger ist dabei
Grau, kahl, und so uralt geworden. 

Mit brachte, Kaffeh, dein Genuß,
Mir oft Arznei, noch keinen Schaden;
Und der mich gerne sieht, der muß
Mich auf kein ander Frühstück laden. 

 

Achtes Buch
Bachische Gedichte  

Wasser, Bier, Wein.

Wie lieblich, wenn die Natter zischet,
Und laut vor Durst der Löwe brüllt;
Und weit davon ein Quell erfrischet,
Der aus dem kühlen Felsen quillt!
Gehabt euch wohl ihr heißen Wüsten!
Ich bin dem bösen Durst nicht hold;
Es soll darum mich nicht gelüsten
Nach euern Schätzen, euerm Gold. 

Ob die kastal’sche Quell begeistert,
Darüber hat des Dichters sich
Die Zweifelsucht schon oft bemeistert,
Wenn er betrübt vom Brunnen schlich?
Nicht glücket, wenn der Wirth nicht borget;
Ein Oehlenschläger wagt darum
Nur erst mit gutem Bier versorget,
Sich in der Musen Heiligthum. 

Was Werth hat wird ihn auch erproben,
Nur wähl‘ ich stets das Bessre mir;
In Norden will ich gerne loben
Den frischen Quell, das starke Bier;
Doch soll, wenn heiß Glutwinde wehen,
Ein Trunk mir sehr willkommen seyn,
So laß‘ ich Bier und Wasser stehen,
Und lange nach dem göldnen Wein.

 

Maria Knapp
Oktober 2012