Der Wagram verschwindet

Bergbauernverhältnisse im Donautal

 

Der folgende Artikel über die  Planierung des Wagram (die dann doch nicht durchgeführt wurde)  erschien am 3. Oktober 1963 im Volksblatt:

 

Einen landschaftschirurgischen Eingriff besonderer Art bereitet zur Zeit die niederösterreichische Agrarbezirksbehörde am Wagram vor. Auf Initiative des Landesrates ÖR. Waltner soll durch gigantische Erdbewegungen der terrassenförmige Steilabbruch des Wagram in sanft abfallendes Gelände umgewandelt werden. 

Man sieht in dieser Maßnahme die einzige Möglichkeit, den in seiner Existenz bedrohten Weinbau dieses Gebietes zu sanieren und „europareif“ zu machen. Die auf den für den Wagram typischen schmalen Terrassen verstreuten Weingartenparzellen schließen infolge ihrer Winzigkeit jede maschinelle Bearbeitung aus. Die Terrassen sind nur auf engen, oft wie Gebirgspfade anmutenden Fußsteigen zu erreichen. Aus diesen Gründen war es bisher unmöglich, am Wagram moderne, zeitsparende Weinbaumethoden einzuführen.

Stockkultur,
 Familie Grausenburger, Winkl 

Aber auch noch ein anderes bedeutendes Handikap erschwerte den Weinbauern dieses Gebietes bisher die Pflege ihrer Kulturen: jedes stärkere Gewitter schwemmte die lockere Lösserde tonnenweise ab, am Fuß des Wagram kam es immer wieder zu Vermurungen. Besonders zur Zeit der Schneeschmelze sind Erdrutsche in dieser Gegend an der Tagesordnung. In Butten müssen dann die Weinhauer den ins Tal getragenen Humus wieder bergauf transportieren.

Mit diesen Nachteilen soll die Planierung des Wagram aufräumen. Das Gelände wird nach Beendigung dieser Landschaftsumgestaltung nur eine Steigung von rund 7 Prozent aufweisen. Moderne, asphaltierte Güterwege werden die Hänge erschließen. An Stelle der heute vorherrschenden Stockkulturen sollen moderne Hochkulturen angelegt werden, zum Schutz gegen Hasenverbiss will man das gesamte eingeebnete Gebiet mit Drahtzäunen einfrieden.

Familie Weiß, Neustift, bei Arbeiten neben dem Keller.
Im Hintergrund sieht man die Terrassen des Wagram
 

In Königsbrunn und Hippersdorf –also ungefähr in der Mitte des rund 80 Kilometer langen Wagram – wird der Anfang gemacht. Mit beispielgebender Einmütigkeit und Aufgeschlossenheit gingen die Weinhauer dieser beiden Orte an das von Landesrat Ökonomierat Waltner vorgeschlagene Sanierungsprojekt heran. Ihre Entschlossenheit hat in anderen Gemeinden des Wagram bereits Stimmung für die neue Maßnahme gemacht. Auch in Unterstockstall bereitet man sich auf die Planierung vor.

Familie Engelmann, Winkl ,
auf den "Stellen" des Wagram,
um 1980
 

In Königsbrunn und Hippersdorf sind in den Lössfluren keine baulichen Objekte eingestreut, auf die man bei dem geplanten Eingriff Rücksicht nehmen müsste. Das erleichtert die Operation bedeutend. Die am Fuß des Wagram vorbeiführende Bundesstraße muss allerdings verlegt werden. 

Die Qualität des Wagram-Weines, der für den Weinbau ideale Lössboden und das vortreffliche Klima dieses Gebietes rechtfertigen nach Ansicht der Fachleute den kühnen und schwerwiegenden Eingriff in die Landschaft. Die Weinbaufläche wird dadurch bedeutend größer, da bisher unproduktive Böschungen und Raine wegfallen. Die Operation geht selbstverständlich Hand in Hand mit Kommassierungsverfahren. 

Die Agrarbezirksbehörde steckt bereits mitten in den Vorbereitungsarbeiten für dieses gigantische Projekt. Wenn nicht unvorhergesehene Schwierigkeiten auftauchen, werden schon bald die ersten Planierraupen am Wagram ihre Arbeit aufnehmen.

 

 

November 2014
Maria Knapp