Kurat Leopold Gössinger

 

Lorenz Dienbauer, der von 1937 bis 1940 in Kirchberg Kaplan war, schrieb für die Wiener Katholische Akademie seine Erinnerungen nieder, wobei er ein Kapitel dem Ottenthaler Kuraten Leopold Gössinger gewidmet hat (Kurat - Hilfspriester mit eigenem Seelsorgebereich).

 

Einen besonders guten, priesterlichen Freund hatte ich in Kurat und Kirchendirektor Leopold Gössinger in Ottenthal, einer Filiale von Kirchberg am Wagram. Er war ein Unikum im Priesterrock. Seine Kleidung bestand Winter und Sommer aus einem grünen oder grauen Schürlgarn-Anzug und einer großen blauen Brustschürze, sowie Stiefeln. Sein besonders Kennzeichen war der Vollbart. Als ich ihn einmal fragte, warum er sich denn immer so warm kleide, antwortete er: „Im Winter muss man sich schützen vor der Kälte, im Sommer gegen die Hitze.“ Er war ein Eiferer für den Glauben und sein Leben war äußerst einfach und bescheiden, richtig asketisch. Die Ottenthaler liebten ihn, denn sie waren alle gut gesinnt und religiös. Man suchte ihn in allen, auch rein weltlichen Anliegen auf, ob es sich um die Abfassung eines Testamentes handelte oder um schriftliche Eingaben an Behörden etc. Gerne erbat man seinen Rat in bestimmten Anliegen. Gössinger liebte es, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens anzuschreiben, so z.B. Kardinal Innitzer, Bundespräsident Miklas, Major Fey, Starhemberg u.a., bekam aber meistens keine Antwort, da man ihn offenbar für einen Eigenbrötler hielt. Ich besuchte Gössinger nach Möglichkeit immer montags nachmittags. Er freute sich und bewirtete mich stets mit einer Brettljause und einem Gläschen naturbelassenen Eigenwein. Er selbst trank keinen Tropfen, obwohl er in seinem Keller genug Wein hatte, der ihm alljährlich von den Weinbergbesitzern als Deputat gebracht wurde.Er selbst trank nie Wein. Auf die Frage, warum keinen trinke antwortete er: „I hob mei Quantum scho trunga!“

Um Strom zu sparen, transformierte er den Lichtstrom mittels eines kleinen Transformators, den er über der Zimmertür angebracht hatte und der dauernd einen Summton von sich gab, auf eine Stärke einer 3-Volt Taschenlampe, die über seiner Schreibtischdecke unter einem selbstgebastelten Pappendeckelschirmchen von der Decke herabhing. Das war auch wegen der Verdunkelung während des Krieges gut. In der anderen Zimmerecke stand ein gusseisernes, kleines Öfchen, welches den Raum genügend erwärmte. Darüber hing auf einer Schnur meistens ein großes blaufarbenes Taschentuch zum Trocknen. Er war nämlich ein Liebhaber des Schnupftabaks. In dieses Tuch streute er auf die eine Seite den Schnupftabak kunstvoll ein und rollte es zusammen; die andere Seite blieb leer und war so eingerollt, dass nach dem jeweiligen Nießen stets die richtige Stelle an die Reihe kam. Ganz hinter diese Technik bin ich nie gekommen, denn das war sein Geheimnis.

Seine sonntäglichen Predigten waren wohl vorbereitet, und zwar immer schriftlich, damit er sich jederzeit vor eventuellen Spionen rechtfertigen konnte. Er hielt sie immer sitzend von der Kanzel aus. Manche dieser Predigten hat er mir vorgelesen. Sie waren sehr deutlich apostrophiert und sittenstreng, doch seine Zuhörer freuten sich, weil er ihnen aus der Seele sprach. Ich erinnere mich auch an eine Predigt, die er am Sonntag vor der beabsichtigten Schuschnigg-Volksabstimmung, die aber dann nicht mehr zustande gekommen war, gehalten hat, denn er las sie mir vor. Kernsatz war: „Der Hitler macht es wie der Räuberhauptmann Grasl: er nimmt‘s den Reichen weg und gibt‘s den Armen.“ Die Predigten, Briefe und Verhaltensweisen Gössingers entsprangen niemals einer Freude am Nörgeln, Kritisieren oder gar einer Lieblosigkeit, sondern waren stets Ausdruck berechtigter Entrüstung und einer Haltung, die in dem Psalmwort ausgedrückt wird: „Celus domus tuae comedit me. (Der Eifer um dein Haus hat mich gefressen.)“

Dass die Kirchberger Nazis mit seiner Predigttätigkeit keine helle Freude hatten, kann man sich denken. Sie waren jedoch gegenüber der ganzen Bevölkerung und ihrem Kurat von Ottenthal machtlos. Es war ausgemacht, dass mit den Glocken geläutet werden sollte, falls die Nazis es unternehmen sollten, Gössinger zu belästigen, damit die ganze Dorfgemeinschaft sich mit Mistgabeln bewaffnet sammle; der Versuch ist aber nie unternommen worden.

In der persönlichen Unterhaltung war Gössinger sehr heiter, verschmitzt, wusste viele Anekdoten, Gerüchte und gar manche persönliche Erlebnisse zu berichten. Er nahm auch Weissagungen über die Zukunft sehr ernst. Ein lustiges Erlebnis: Als Kurat von Wiener Neustadt fuhr er einst von Wien nach Wiener Neustadt. Im Zugsabteil saß er einem Juden gegenüber, der ihn offenbar auch für einen Stammesgenossen hielt. Dieser fragte ihn, ob er (Gössinger) auch für eine Firma reise. Gössinger bejahte, indem er sagte: „Ja, aber die Firma werden Sie nicht kennen, sie ist nämlich schon uralt.“ Der Jude: „Wie heißt sie denn?“ Gössinger: Deus und Kompanie.“

Leopold Gössinger hat seinen Posten häufig gewechselt. Unter anderem war er auch für kurze Zeit ins Chorherrenstift Neustift bei Brixen eingetreten. Vor dem Krieg äußerte er mir gegenüber einmal die Absicht, nach Vera Cruz in Südamerika auszuwandern. Aber dieses Vorhaben scheiterte hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen.

Ein starkes Venenleiden, weswegen es wahrscheinlich immer Stiefel trug, all seine Erlebnisse, besonders die Lage der Kirche im Nazi-Regime und der Krieg belasteten ihn sehr schwer. Er bewohnte nur sein Arbeitszimmer, obwohl er auch ein Schlafzimmer gehabt hätte; er schlief, wohl aus Buße, nicht mehr ausgezogen in seinem Bett, sondern quer über dem Bett, die Füße auf einem davor stehenden Sessel, mit einem Kotzen zugedeckt. Den Kopf legte er auf einen Lederposter an der Mauerwand.

Nach meiner Heimkehr aus dem Krieg besuchte ich ihn gelegentlich einmal und musste zu meiner ganz großen Überraschung feststellen, dass er auch aus seinem Arbeitszimmer ausgezogen war und in einem Raum hauste, durch den man vom Hof aus in die Sakristei gehen konnte und der vorher immer als Hühnerstall gedient hatte. Als Bett diente ihm eine selbstgezimmerte Pritsche, mit seitwärts oben und unten angenagelten, etwas breiteren Brettern, damit Oberkörper und Füße mit den Stiefeln beim Liegen einen gewissen Halt hatten. Wie ein Einsiedler in einer primitiven Klause! Das Türfenster hatte er innen mit einem roten Fensterhangerl verhängt. Mein erster Gedanke war, der Gössinger sei schon verwirrt. Aber dem war nicht so. Auf meine Frage, warum er dann daher gezogen sei, sagte er allen Ernstes, er hätte es in seinem Zimmer nicht mehr ausgehalten, da eine Untersuchung mit einer Wünschelrute ergeben habe, unter seinem Zimmer ströme ein Wasserlauf, der eben seinen Zustand so beeinflusst habe, dass er es einfach dort nicht mehr aushielt.

Sein Fahrzeug war immer ein Motorrad, wobei er das ganze Jahr hindurch während der Fahrt eine Pelzmütze mit Ohrenklappen trug, zum Schutz gegen den ungesunden Luftzug. Später versuchte er es mit einem kleinen Gogomobil, mit dem er aber keine Freude hatte, sodass er es um geringen Preis wieder verkaufte.

In den Pfarrhof von Kirchberg kam er selten, zumal er nach seinen Religionsstunden gleich heim nach Ottenthal fuhr. Er war auch kein Freund von Hausbesuchen oder Geselligkeiten. In seinem Keller war ich in den drei Jahren meines Wirkens in Kirchberg ein einziges Mal, mit ihm und dem Herrn Bürgermeister von Ottenthal. Dies war am Tage meiner Assentierung, bei der ich kriegsverwendungsfähig erklärt wurde, geschmückt mit Sträußchen auf dem Hut, die mir von wohlmeinenden Bekannten aufoktroyiert worden waren.

Gelegentlich einer Dekanats-Visitation in Kirchberg begleitete ich den H. Herrn Dechant Hochmeister, Pfarrer in Fels am Wagram, nach Ottenthal. Unterwegs war natürlich auch von den politischen Zuständen die Rede gewesen. Plötzlich blieb er stehen und zitierte aus dem Brevier, indem er mit dem Finger zum Himmel zeigte: „Der im Himmel oben lacht und spottet ihrer.“ Und als wir dann bei Gössinger waren, reagierten sie sich gegenseitig ab und konnten sich alles Leid von der Seele reden. Ich hörte aufmerksam zu und ergötzte mich bei einem Glas Wein.

Nach dem Krieg habe ich Gössinger leider nur selten gesehen, da die Entfernung Wien – Ottenthal an einem freien Tag doch zu umständlich und zeitraubend war. Gössinger ist an den Folgen eines langen Leidensweges am 28. Februar 1965, am Begräbnistag von Bundespräsident Dr. Adolf Schärf, in die ewige Heimat abberufen worden und wurde auf dem Friedhof in Ottenthal in einer von der Gemeinde eigens für ihn errichteten Gruft unter großer Beteiligung der Bevölkerung und sehr vieler Priester bestattet. Katechet Masopust, der jedes Jahr einige Male zur Beichtaushilfe in Ottenthal war (er war ehemals Kooperator in Kirchberg) hat einen würdigen Nachruf am Grabe gehalten. Herr Dechant Hutter hat die Trauerfeier geleitete, an der auch ich selbst teilnehmen konnte.

In Ottenthal war man über seinen Tod sehr betrübt, da der Ort nun ohne eigenen Seelsorger blieb. Noch beim Totenmahl wurde ich gefragt, ob ich denn nicht nach Ottenthal kommen möchte.

  

 Kurat Gössinger beim Besuch von Kardinal Innitzer im Jahr 1951, mit im Bild Kaplan Ludwig Loidolt. 

 

August 2014
Maria Knapp