Verkauf von Kirchenstatuen

 

Letzte Änderung: 19.9.2015

 

Im Jahr 1956 beschloss die Gemeinde Winkl, an Kirchendach und Turm umfangreiche Sanierungsarbeiten durchführen zu lassen. Bereits drei Jahre zuvor hatte Pfarrer Karl Berthold den Gemeindevertretern die Genehmigung zum Verkauf von alten Statuen aus der Kirche für diesen Zweck erteilt, da die Figuren in einem außerordentlich schlechten Zustand waren und eine Renovierung wegen der damit verbundenen hohen Kosten nicht in Frage gekommen wäre.
 
In der Schulchronik gibt Schulleiter Leopold Engelberger den ganzen Vorfall wieder: „Am 6. 1. 1956 kaufte Herr Hans Plöckinger aus Krems, der Sohn des Prof. Dr. H. Plöckinger, der das Weinmuseum in Krems einrichtete, alte Figuren aus der Kapelle in Winkl. Er bezahlte dafür 26.000,- S. Es handelte sich dabei um alte, vom Zahn der Zeit und vom Holzwurm stark mitgenommene Stücke, die 1927 vom Dachboden der Kirche, bzw. unter der Chorstiege hervorgeholt, oberflächlich gereinigt und in der Kapelle aufgestellt wurden.   
  • Maria mit Kind, frontbearbeitet, 50 cm hoch, sitzend;
  • Nikolaus, figural bearbeitet, 30 cm hoch;
  • Nikolaus, frontbearbeitet, 40 cm hoch, alle drei gotisch;
  • Urban, figural bearbeitet, 90 cm hoch, barock;
  • Florian, figural bearbeitet, 90 cm hoch, ca. 120 – 150 Jahre;
  • Nepomuk (ohne Hände und Füße), 40 cm hoch, 120 Jahre alt.
Der Bürgermeister und der Gemeindevorstand tätigten den Verkauf. In einer Gemeinderatssitzung beschloß der Gemeinderat einstimmig den Verkauf. – Drei Wochen später zeigte Pfarrer Jaschke den Bürgermeister bei der Staatsanwaltschaft in Krems an, daß dieser eine Woche (!) vorher, die Figuren aus der Kirche entwendet und verkauft habe. Mittäter wie oben einschl. Schulleiter.“
 

Verkauf der Statuen

 
Dem neuen Pfarrer Karl Jaschke, der in dieser Frage nicht kontaktiert     worden war, da man ja die Einwilligung vom 1955 verunglückten Pfarrer Berthold hatte, war beim Lesen der wöchentlichen Messe aufgefallen, dass nun anstatt der altehrwürdigen Statuen solche aus Steinguss auf den Podesten standen und hatte den Winkler Gemeinderat kurzerhand angezeigt.
 
„19.2.: Heute war die Kriminalpolizei da, um in obiger Angelegenheit die Einvernahme durchzuführen. Nachdem sie festgestellt hatte, daß die Kirche der Gemeinde gehöre, das Geld in der Gemeindekassa, der Verkauf im      Interesse der Gemeinde, fuhr sie wieder ab. Sie hätte, falls das nicht der Fall gewesen wäre, den gesamten Gemeindevorstand verhaften müssen. Die Haftbefehle hatte sie mit.
Eine Vorsprache des Gemeindevorstandes beim Dekanat war wenig erfolgreich. Herr Dechant M. Hutter hielt den Herren eine Ansprache, daß kein Hund mehr ein Stück Brot von ihnen genommen hätte. Er sagte unter anderem, daß die, die den Herrn Kardinal Innitzer 1939 in Königsbrunn mit    faulen Eiern bewarfen, kein Verbrechen begangen hätten im Vergleich zu dem, was da in Winkl passiert wäre. Die Winkler Männer gingen ohne ein Wort zu erwidern. Hinterher rief er dann an und erklärte, sie seien so ordentliche und aufrechte Männer und er habe alles nicht so gemeint. Herr       Bezirkshauptmann Kermer unterstützte den Bürgermeister ebenfalls nicht. Das Ordinariat in Wien verlangte den Rückkauf. Maria mit dem Kind wurde zurückgekauft, nachdem sie wirklich schön restauriert worden war. Die  anderen Figuren waren schon weiterverkauft. Der Pfarrer Jaschke von    Altenwörth entfachte gegen die Gemeindemänner und den Schulleiter eine wüste Hetze.“
 
Marienstatue, Anfang 15. Jahrhundert,
neuerlich renoviert 1982
Von den anderen Statuen existieren keine Bilder. 
 
Bereits am 24. Februar. kaufte die Gemeinde die Marienstatue zurück, der Schriftwechsel zwischen Winkler Gemeinde, Pfarrer Jaschke und Erzdiözese Wien ging aber weiter, wobei der Pfarrer aus dem Vorfall einen Präzedenzfall konstruieren wollte: „…Wer könnte begreifen, daß ein Herr Dechant sich eine nie wiederkommende Chance entgehen läßt, die Rechte eines ihm unterstellten Pfarrers zu wahren und die von vorne herein schwierige Position des Seelsorgers zu stärken? Nein. Einen Mann mit Grundsätzen wird auch eine noch so glaubhaft scheinende Unschuldsbeteuerung nicht dahin bringen können, die Rechte der Kirche und ihrer Diener zu schmälern. Und hier steht mehr auf dem Spiele, als nur ein paar Statuen einer obskuren Filialkirche. Es handelt sich bei der Winkler Sache um einen Prestigefall der Kirche. Das Endergebnis dieser Angelegenheit wird entscheidend sein für viele andere Fälle. Daher erscheint der Vorschlag vom Zurückziehen kirchlicher Maßnahmen, von dem der Gefertigte nicht annehmen kann, daß er vom Herrn Dechant von Hadersdorf ausgeht, gegenstandlos. Es muß der Winkler Fall vielmehr so gelöst werden, daß das Volk – und zwar das gläubige Volk – in seinem Glauben an Recht und Gerechtigkeit nicht erschüttert werde.“
 

Rückkauf der Marien-Statue

 
Am 28. August geht Lehrer Engelberger nochmals auf die Angelegenheit ein: „Heute waren der Herr Bürgermeister und ich in Wien bei der Rechtsabteilung des Ordinariates. Die Angelegenheit ist erledigt, wenn der erlöste Geldbetrag zur Instandhaltung der Kapelle verwendet wird. Das war ja ursprünglich geplant. Inzwischen hatte nämlich Herr Pfarrer Jaschke mit allen Leuten, die man allg. als ordentliche und anständige Menschen bezeichnet, Zank begonnen, den Herrn Landesrat Waltner aus Altenwörth von der Kanzel herab insultiert, mit den Schulleitern von Kollersdorf und Altenwörth Streit begonnen, anonyme Brief mit erlogenen Anschuldigungen an die Behörde geschrieben, den Kirchenchor aus der Kirche verwiesen u. v. m. und war seinen Beschützern selbst eine Last geworden.“
 
 
Quellen:
Rechnungen der Gemeinde Winkl
Schulchronik Winkl
Briefe der Erzdiözese Wien
 
September 2015
Maria Knapp