Ein Mord bei Winkl im Jahr 1714

 

Herr Dipl.-Ing. Klaus Tremetsberger aus Perg in Oberösterreich hat im Zuge seiner Recherchen über die Mühlsteinbrecher im Oberösterreichischen Landesarchiv eine „Totschlagserörterung“ entdeckt, die sich auf einen Mordfall bezieht, der zwischen Winkl und Neustift stattgefunden hat. Sogar der Ort des Geschehens ist genau beschrieben, die Tat dürfte sich in der Nähe des Niederwagram abgespielt haben, der Mörder wollte sein Opfer unterhalb dieser Erhebung im Morast, der sich damals dort befand versenken.


Die Erhebung des Niederwagram - wo sich heute kleinere Ackerstücke befinden, waren früher Wiesen und noch früher sumpfiges Gelände. 

  

Originaltext

Totschlags-Erörterung 8. August 1714
Deß Johannes Greysinger gewester Bürger und Mühlsteinbrechers Alhier im Markht Perg see: welcher den 13. April 1714 von hier hinweckgeräyst, volgents den 17. Nachts zu thulln beym grafen Würth der Weissen Gans eingefunden, Aldorthen hat sich einer zu ihme geselt, ins gemain der Schneider Michael genannt, so ein Inwohner von Abbsdorf unter der hochgräfl. Hardegg. Herrschaft  Städldorf vor 5 Jahren gehaust, der ein Rays-Häckl bey sich führent gehabt, und mit Augen gesehen, daß der Greysinger in einer Summa 104 Gulden in ein Säckhl zusammen gericht, und heryber zur Nacht beede auf den Stroh Peth in der Stuben geschlaffen, vorhero aber mit einander auf Bruderschaft getrunckhen, des andern Tags den 18.  dito sind beede gleich zu Thulln mit dem Ersten Urfahr um 7 Uhr Übergefahren, und gleich bey den ersten Orth Trebensee genannt /:da ihme der Schneider Michael aufzuhalten gesuchet :/ eingekerth, und 3 halb Wein getrunckhen, von dannen sie bis nacher Neustüfft gangen, und dorthen bey den Preyer eingekehrt, und beede gerad gegen Pierpaum und Winckhl zue Marchiert, auch alß sie nachent gegen Winckhl khomben, hette gemelter Greysinger gefragt, wo der Nechste Weeg nacher Neustüfft gehe, deme Züegeandtworttet, daß durchs dorf der nechste Weeg seye. Hierauf der Schneider Michael gesagt, wür hetten hindten umb auch gehen khönnen, über dies seynd beede durchs dorf passiert, und ist dies zwischen 4 und 5 Uhr Nachmittags, alß selbige einen starkhen Pichsenschuß vor das Dorff gegen Neustüfft just halben Weeg gegen beede Orthe khomben, hat also der vermessene Schneider Michael den unglükhseeligen Geysinger daselbsten mit der Rayshackhen vor den Khopf geschlagen, gänzlich ermordet, und alßdann an einen angebautten Haber Ackher bey 100 Schrit weith zu einer Schitt gstätten gestraifft, daselbsten in einen Morast zuertrenckhen, so aber zu seicht gewesen, und widerumb herauß zur Schittgestätten gezogen, und auf selbigen etwas Schitt gekrazt, jedoch nicht gar verschittet, daß geldt zu sich genomben, und von dar hinweckh nacher Hauß gangen, deß Andern Tags den 19. am Donnerstag frühe jedoch Einen zu bemelten Winkchel zu Ackher gerittenen Paurn, an den Orth ermordeten Greysinger gefunden, und den Richter daselbsten die Anzaigung thun lassen, ist volgents jedoch die graf Enkevurtischen Herrschaft Grafenegg und Landtgericht, der Greysinger ordentlich Besichtiget: Visidiert: und Befundten, daß er am Haubt 5 tödliche mit der Hackhen geschlagene Wundten gehabt, zugleichen hat sich auch auf jeden Schinbain eine 2 Finger brayde Wundten gezaigt, welche er Schneider Michael ihme gemacht, das Leben zusuechen; Hernachgehents in des Richters Hauß geführt: Ausgezogen: und Abgewaschen worden, und alß ihn des Richters Weib gesehen, sagte sie gleich, dieser ist gestern mit Schneider Michael von Abbstorf gangen, der hat ihn gewiß erschlagen. Ist sodann volgleich der Todte andern Tags am Freytag durch Herrn Vicarium von Kirchberg am Wagramb, allwohin dieser Orth mit der Pfarr gehörig Ehrlich und Christlich begraben worden; nach disem khambe den 22. April 1714 ein Aigener Poth anhero nacher Perg mit einem verschlossenen Brief von Michael Kaltenmarcher Vaaßzieher Maister in Krembs an H Hannß Geörg Friesen allhier Lauttent, datiert 21. Eiusdem worinen enthalten, daß Johannes Gresyinger von Schlimben Leithen angriffen und Layder um das Leben gebracht worden wäre, mit Begehren, daß die Fr „Wittib selbsten solle hinundter Raysen die Uncosten zubezahlen, und sich besser in ain alß Anderen Zuerkhundtigen; Solchemnach ist Franz Pruner Khupfferschmidt und Hanß Pöschl Mühlstainbrecher beede Bürger Alhier, auf seiths des markts und der Freundtschafft dahin abgeferttiget worden, Allso sie dies Alles selbsten in Augenschein genomben, Alle richtigkeit gepflogen, die Nothdurften gehandlet, Aller orthen selbst gewesen, mit Allen diesen Persohnen geredet, und Also die Sach in Satsamber erkhundtigung Und glaubwürdige erfahrung gebracht.

Also ist auf beschehenen Todtfahl gedachtes Johannes Greysingers see: unter heuntig obstehenter dato 8. Aug. 1714 von H: Markhtrichter Michael Werffer, H Johann Ehrenreich Holzmann, Und H. Thoma Schickhengrueber auf die vorgenombene Spörr Khein Schazung Beschehen, sondern über daß ganze Vermögen nur ein Pausch Überschlagung gemacht worden. 

 

Abschrift von Herrn Dip.-Ing. Tremetsberger

Eine frühe Abschrift in Kurrent fertigte in Perg Florian Eibensteiner an, eine Überarbeitung in Maschinschrift Dr. Werner Marschner in Perg. Sie ist die Basis dieser Projektion in geläufiges Deutsch durch Dipl.-Ing. Klaus Tremetsberger in Linz. An­merkungen stehen in Klammer. 

Totschlags-Erörterung 8. August 1714
Johann (Johannes) Greisinger, Bürger und Mühlsteinbrecher im Markt Perg, der am Freitag 13. April 1714 von Perg nach Niederösterreich abreiste, fand sich folgend am Dienstag 17. April 1714 nachts zu Tulln im Grafen Würth seinem Gasthaus zur Weissen Gans ein. Dort gesellte sich der Schneider Michael zu ihm, ein Inwohner (Einmieter) von Absdorf in der Herrschaft Hardegg-Stetteldorf am Wagram, der dort vor 5 Jahren hauste, und der ein Reiser-Hackl (kleines Beil oder Hackl, zum Hacken von kleinen Ästen) bei sich führte. Und der mit eigenen Augen sah, dass Greisinger die Geldsumme von 104 Gulden zusammen­richtete (104 Gulden entsprachen ~20 mittelgroßen Mühlsteinen). Nachts schliefen beide auf dem Stroh-Bett in der Stube. Vorher hatten sie miteinander auf Bruderschaft getrunken.  
     Den anderen Tag, am Mittwoch 18. April 1714, fuhren beide gleich zu Tulln mit der ersten Überfuhr um 7 Uhr über die Donau. Und gleich bei der ersten Ortschaft Trübensee (nach ~3 km durch den Auwald), suchte der Schneider Michael den Greisinger aufzuhalten, sie kehrten ein und tranken 3 Halbe Wein. Von dort gingen sie nach Neustift im Felde (~14 km durch Acker- und Grünland), kehrten dort beim Preyer ein. Darauf marschierten beide gegen Bierbaum am Kleebühel und nach Winkl (~ 6 km durch Acker- und Grünland). Als sie nahe gegen Winkel kamen fragte Greisinger, wo der nächste Weg nach Neu­stift gehe. Der Zeuge antwortete, dass durchs Dorf der nächste Weg sei. Hierauf sagte Schneider Michael, wir hätten hinten herum (über Flur Hintern-Häusern) auch gehen können. Daraufhin passierten beide das Dorf. Es war dies zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags.
     Als die beiden einen guten Büchsenschuss weit vor das Dorf gegen Neustift, just den halben Weg zwischen den beiden Orten kamen, hatte also Schneider Michael den Greisinger mit dem Hackl auf den Kopf geschlagen und gänzlich ermordet, und ihn dann vorbei an einem mit Hafer bepflanzten Acker ungefähr 100 Schritt weit zu einer schietigen Gstätten (schmutzig-ungepflegte Geländestufe, genannt der Nieder­wagram, umgangs­sprachlich die Gstetten) geschleift, um ihn in einen Morast (Sumpf) zu ver­senken. So aber der Morast zu seicht war zog er ihn wieder heraus zur schietigen Gstätten und scharrte auf den Ermordeten etwas Schiet (Schmutz und dergleichen). Ver­schüttete ihn jedoch nicht gänzlich, nahm das Geld zu sich und ging von da hinweg nach Hause.
     Des anderen Tags, am Donnerstag 19. April 1714, früh, fand ein in Winkl auf den Acker reitender Bauer den ermordeten Greisinger. Und er ließ den Richter (Dorfrichter) in Winkl die Anzeige machen. Die folgende ordentliche Besichtigung durch die gräfliche Enkevoirtsche Herrschaft Grafenegg und dem Landgericht befand, dass Greisinger am Haupt 5 tödliche mit dem Hackl geschlagene Wunden hatte. Zusätzlich zeigten sich auf jedem Schienbein jeweils 2 Finger breite Wunden, die Schneider Michael ihm machte, um ihn ums Leben zu bringen. Hernach brachte man den ermordeten Greisinger in des Richters Haus, zog ihn aus und wusch ihn. (Briefe, die er bei sich hatte, verrieten seine Identität. Ziemlich sicher war er ledig, denn eine Witwe wird später nirgends erwähnt).
     Und als des Richters Weib den Ermordeten sah, sagte sie gleich, dass der Ermordete gestern mit dem Schneider Michael aus Absdorf gegangen sei, und dass er ihn gewiss erschlagen habe. Der Tote ist sodann am nächsten Tag, am Freitag 20. April 1714, durch Herrn Vikar von der Pfarre Kirchberg am Wagram, zu der Winkl gehörte, ehrlich und christlich begraben worden (auf dem die Kirche zu Winkl umgebenden Friedhof).
     Nach diesem Geschehen kam am Sonntag 22. April 1714 ein eigener Bote hierher nach Perg mit einem verschlossenen Brief von Michael Kaltenmarcher, Faßziehermeister in Krems (Meister für die Be- und Entladung von Schiffen und allgemein für Transporte), an hochlöblichen Hans Georg Fries hier in Perg, datiert Samstag 21. April 1714, folgendes ent­haltend: Dass Johann Greisinger von schlimmen Leuten angegriffen und leider ums Leben gebracht worden war. Und mit dem Begehren, dass die Frau Witwe selbst hinunter reisen soll, um die Unkosten zu bezahlen und sich besser über ein und das andere zu erkundigen. Darauffolgend sind Franz Pruner, Kupferschmied, und Hans Peischl, Mühlsteinbrecher, beide Bürger in Perg, als Vertreter des Marktes und aus Freundschaft hinunter aufgebrochen. Dort haben sie alles selbst in Augenschein genommen, alles Richtige und Notwendige getan, sie waren selbst an allen Orten, haben mit allen Personen geredet, und brachten die Sache ausführlich erkundet und glaubwürdig in Erfahrung.
     So ist dem geschehenen Tod von Johann Greisinger gedacht worden unter obenstehen­dem Datum Mittwoch 8. August 1714, vom hochlöblichen Marktrichter Michael Werffer (1707-1723 Perger Marktrichter), hochlöblichen Johann Ehrenreich Holzmann, und hochlöblichen Thomas Schickhen­grueber. Nach der vorgenommenen Vermögenssperre über die Erbmasse (Spör oder Sperr) geschah keine Schätzabhandlung, sondern man machte über das ganze Vermögen nur einen pauschalen Überschlag.

 

Eintrag in den Sterbematriken von Kirchberg am Wagram

20. Aprilis anno 1714
Joh. Greysinger /: wie aus bei sich habendt Briefen abzu­neh­men :/ Stainprecher zu Perg in Ober Österreich : ist den 18. Aprill zwischen Winkhl & Neystift von einem Strassenräuber beraubt & ermordet worden, und nach gehaltener Landgerichts Be­schauung den 20. Aprill zu Winkhl christl: katholisch Brauch nach begraben worden.

Quelle: http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/kirchberg-am-wagram/01%252C2%252C3-04/?pg=925 

 

Die Zunft der Mühlsteinbrecher in Perg

Perg war für viele Jahrhunderte ein Zentrum der Mühlsteinherstellung. Die erstmalige urkundliche Erwähnung der Perger Steinbrecher erfolgte 1391. Der Markt Perg verdankt seine Entstehung und Blüte im Mittelalter u. a. der Gewinnung von Mühlsteinen aus dem Sandstein. Perger Mühlsteine (u. a. aus dem Mühlsteinbruch Scherer) fanden weit über die Grenzen von Perg hinaus Verbreitung. Die Zunft der Mühlsteinbrechermeister umfasste 30 bis 40 Perger Bürger samt ihren Gehilfen und bestand bis 1859. Die Zunftfahne der Perger Mühlsteinbrecher ist im Heimathaus-Stadtmuseum Perg ausgestellt.

Weitere Informationen siehe hier:

Heimathaus und Stadtmuseum Perg, https://www.pergmuseum.at/, u.a. mit Beitrag »Die Zunft der Mühlsteinhauer«

Mühlsteinmuseum Steinbrecherhaus in Perg, https://www.steinbrecherhaus.at/, u.a. mit Beitrag von Harald Marschner »Die Perger Mühlsteinindustrie (pdf)«

 

Mühlsteine im Museumsdorf Niedersulz

 

Quellen

Heimatbuch von Perg, Oberösterreich. Von Florian und Konrad Eibensteiner, Perg 1933, Selbstverlag. Druck J. Wimmer, Linz. Seite 116, Mord an Johann Greisinger.

Heimat- und Museumsverein in Perg. Bestand »Die Geschichte der Perger Mühlstein­brecher«, Manuskript in Kurrentschrift von Florian Eibensteiner (1853-1932); sowie die Überarbeitung in Maschinschrift von Dr. Werner Marschner (1911-1989), Seite 35, Totschlags Erörterung.

Oberösterreichischen Landesarchiv, Linz, Bestand »Marktarchiv Perg, Handschrift 42, Gerichtsprotokoll 1712-1715«, Seite 286-287, Totschlags-Erörterung.

https://de.wikipedia.org/wiki/Steinbrecherhaus#Zunft_der_M%C3%BChlsteinbrecher

 

Wir danken Herrn Tremetsberger für die Übermittlung dieses hochinteressanten Schriftstückes.

 

November 2019
Maria Knapp