Tierschutz anno 1900

 

Wenn man heute von Tierschutz spricht, denkt man an Tiertransporte über weite Strecken, an Käfighaltung oder an Tierversuche für Pharmaindustrie. Doch auch schon früher lag einiges beim Tierschutz im Argen, wie ein Anton Holletschek, Lehrer der Kirchberger Volksschule, in einem Artikel in  einer Tierschutzzeitung darlegt:

 

Thierquälereien aus Gedankenlosigkeit und Denkfaulheit.

Austreiben des Viehes.

Wie oft schadet der Mensch seinen nutzbarsten und treuesten Hausthieren gerade dann, wenn er ihnen nützen will. Und was ist die Ursache? Nichts anderes als die grenzenlose Gedankenlosigkeit und Denkfaulheit, welche die erdrückende Mehrheit der Menschen an den Tag legt, wenn es sich um Thiere handelt. Ich will einige dieser unbedachten Thierquälereien näher beleuchten und bitte die geehrten Leser dieser Zeilen, die Aufmerksamkeit den erwähnten Quälereien gütigst zuwenden und gegebenenfalls auf Abstellung der Übelstände hinzuarbeiten.

Ich wende mich zuerst der Art und Weise zu, auf welche das „Austreiben“ des Rindviehes in vielen Gegenden geschieht, und gründe meine Worte auf Erfahrungen, die ich durch vielfache Beobachtungen in Mähren und Niederösterreich gemacht habe.

Nur sehr seltene Fälle ausgenommen, habe ich überall Viehplätze gefunden, die dem Viehe statt Erholung nur Qualenzu bereiten geeignet waren. Ein Platz, oft viel zu klein, ohne Gras, ohne Wasser und ohne Schatten muss meist als 7- bis 8stündiger Aufenthaltsort für das Vieh dienen. Und damit glaubt man, dem armen Vieh einen, weiß Gott, wie großen Dienst, eine Wohlthat zu erweisen, die übrigens durch die gewinnsüchtige Absicht des Eigenthümers viel niedriger anzuschlagen ist.

Kann das aber eine Wohlthat, eine Erholung für das Vieh sein, wenn es in einen engen Raum eingepfercht, den Glutstrahlen der Mittags- und Nachmittagssonne ohne jeden Schutz ausgesetzt, auch noch die Qualen brennenden Durstes erleiden muss? Soll der Viehplatz seinem Zwecke entsprechen, muss er genügend groß sein, damit das Vieh genügende Bewegung machen kann. Ferner muss dafür gesorgt sein, dass genügend Schatten vorhanden ist. Steht eine schattige Lage nicht zur Verfügung, so pflanze man an der Umfassung schnelltreibende starke Kronen bildende Bäume; denn die Thiere schutzlos 7 bis 8 Stunden hindurch den heißen Sonnenstrahlen auszusetzen, ist unmenschlich und grausam. Und endlich gehört auf den Viehplatz Wasser; denn auch das Thier empfindet Durst. Kann der Viehplatz an einem Bache, Flusse, Teich u.s.w. errichtet werden, umso besser. Ist dies nicht möglich, dann führe man das Wasser zu, eine Arbeit, die weder große Mühe noch Zeitaufwand erheischt, da ja die Viehplätze allemal nahe am Orte sind. Auf dem Platze selbst richte man im Schatten einen Tränktrog auf, den man von Zeit zu Zeit aus dem Wasserfasse immer wieder frisch fülle, damit das Wasser nicht warm und schmutzig werde.

Allerdings sind unsere Bauern gleich mit der Antwort da: „ Ah, unser Vieh ist nicht so empfindlich, unser Vater und Großvater haben’s auch so gemacht und es war gut!“ Da muss der Bauer eben an seiner empfindlichsten Stelle gepackt werden, es muss seine Eigennützigkeit gekitzelt werden. Auf Menschlichkeit, Barmherzigkeit gibt leider der größte Theil unseres gewiss ehrenhaften Bauernstandes noch sehr wenig, wenn dabei etwas Unbequemlichkeit und einige, wenn auch kleine Kosten herausschauen. Aber machen wir aufmerksam darauf, dass im Sinne dieses Artikels eingerichtete Viehplätze von großem und gutem Einflusse auf die Gesundheit, Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und auf die Milchnutzung sind, so werden hie und da unsere Bestrebungen von Erfolg gekrönt sein, und dann wird sich die gute Sache selbst ihre Bahn weiter brechen!
 

Anton Holletschek war um 1900 Lehrer an der Schule in Kirchberg. Um 1915 war er Leiter der Volksschule von Klein-Haugsdorf.

 

Quelle: „Der illustrierte Thierfreund“ 6. Jahrgang, Köflach, 1. August 1900, Nummer 8

 

Jänner 2021
Maria Knapp