Reblaus

 

Um 1860 wurde die Blattlaus-Verwandte mit Weinstöcken aus Nordamerika zunächst nach England und dann nach Frankreich eingeschleppt. Von dort breitete sich das Insekt in alle Weinbaugebiete Europas aus. In einem komplizierten Entwicklungszyklus befallen die Tiere sowohl die Blätter als auch die Wurzel. Der Wurzelbefall kann zum Absterben der Rebe führen.
In Österreich wurde die Reblaus erstmals 1867 in Klosterneuburg und im Weinbaugebiet Wagram festgestellt. Da chemische Bekämpfungsmethoden nicht den gewünschten Erfolg brachten, wurden in Europa Hunderttausende Hektar Weinbauflächen vernichtet. Erst durch den Einsatz von reblausresistenten amerikanischen Rebsorten, die als Unterlage für europäische Edelreben verwendet wurden, konnte die Krise überwunden werden.
(NÖ Landesmuseum, Ausstellung "Katastrophen", 2017)
 

Kremser Zeitung vom 25.12.1897

Ein Nothruf.
Die Verelendung der niederösterreichischen Weinbauern nimmt immer größere Dimensionen an. Einmal aus diesem, dann wieder aus jenem Orte oder Bezirke vernimmt man Klagerufe über fortschreitende Devastirung der Weingärten durch die Reblaus. Bisher waren vom niederösterreichischen Weingebiete nur noch zwei Gerichtsbezirke, Krems und Herzogenburg, reblausfrei. Nunmehr wurde auch dort von einer Commission das Vorhandensein des entsetzlichen Schädlings constatirt, so daß auch das ganze dortige Weingebirge der Verseuchung ausgesetzt ist. Auch aus Ruppersthal wurde ein neuer Seuchenherd gemeldet. Mit Riesenschritten eilen die dortigen Weinculturen, einst der Stolz und die Freude der Gegend, dem Untergange zu. Alte Weinhauer gedenken mit Wehmuth des fröhlichen Lebens und  Treibens in den Sechziger- und Siebziger-Jahren. Man arbeitete mit Lust und Liebe, da man seine Mühe und Auslagen reichlich gelohnt sah. Heute meiden die alten Kunden die Gegend nach und nach ganz. Ein großer Theil der Wirthe bezieht seinen Bedarf aus Ungern, Südtirol und Italien….
 
 
Kremser Zeitung vom 29.7.1900

Einiges über die Reblaus.
In einer Stadt Ungarn wurde, nachdem die Reblaus constatirt war, ein Regulativ verfaßt, in welchem auch verboten wurde, die in seuchenverdächtigen Gründen gebrauchten Werkzeuge in anderen Rieden zu benützen, da ja dadurch eine Verschleppung sehr erleichtert wird. Eine ähnliche Bestimmung wäre auch für Oesterreich erwünscht.
Schon vor mehreren Jahren wurde in Krems in einer größere Versammlung der Beschluß gefaßt, das ganze große Weinbaugebiet von Kirchberg am Wagram bis in die Wachau genau durchforschen zu lassen, und zwar durch geprüfte Sachverständige. Meines Wissens ist nichts geschehen. Jetzt wäre es höchste Zeit, wo die Phyllexa sich schon ausbreitet und manchen Schaden macht. Die geringe Thätigkeit, welche die Lokalkommissionen in der Regel entfalten, ist allbekannt.
 
 
Znaimer Tagblatt vom 25.7.1901

Die Reblaus wurde jetzt auch in der Stadtgemeinde Krems und in der Gemeinde Großriedenthal im Gerichtsbezirk Kirchberg am Wagram constatirt.
 
 
Kremser Zeitung vom 19.4.1902

Vom Tullnerboden.
Die Reblausverseuchung greift immer weiter!
Niederösterreich war das erste Kronland der Monarchie, das von der Reblaus heimgesucht worden ist. Die Weinbauschule in Klosterneuburg ließ Ende der Sechziger Jahre amerikanische Reben importieren und durch diese gelangte ein schlimmer Feind unserer Rebe, die Reblaus, nach Oesterreich. Heute ist kein Land des Kaiserstaates von ihm mehr verschont; in Ungarn, in Steiermark, in Istrien, Dalmatien klagt gerade so wie bei uns, daß die Reblaus so große Fortschritte macht. Wie der technische Leiter für Reblausbekämpfung, Herr Kober aus Klosterneuburg aber mitteilt, sind gerade wir Niederösterreicher mit den Neuanlagen, d.i. mit den veredelten amerikanischen Reben, am meisten zurück und es werden die Vorteile, wie Steuerfreiheit der Neuanlagen, unverzinsliche Darlehen usw. viel zu wenig ausgenützt. Im Tullnerfelde wurde erst kürzlich wieder in Judenau die Reblaus konstatiert; von Königstetten hinab bis Klosterneuburg-Heiligenstadt ist längst alles von der Laus ergriffen. Die wackeren Nußdorfer haben mit den Neuanlagen schon viel erreicht; auch in Klosterneuburg, Kritzendorf, Höflein und anderen Orten geht es mit den Amerikanern vorwärts. In der letzteren Zeit hat man mit dem Vortreiben der veredelten Reben große Erfolge erzielt; man gibt nämlich die veredelten Reben in den warmen Stall oder in ein eigenes Warmhaus, wo die Veredlungen dann viel besser antreiben und bedeutend weniger Veredlungen zu Grunde gehen. Weinhauer aller Gegenden, laßt Eure Söhne in die Weinbauschule gehen. Dort werden sie vorgebildet und erlernen die Kultur der neuen Weingärten, die eine ganz andere ist, als die der alten Weingärten. Mit einer Fretterei heißt es nichts; keiner werfe Geld hinaus für Reblausvertilgungsmittel, denn es gibt kein solches, außer Schwefelkohlenstoff und auch der hilft nur für einige Zeit. Jeder Weinhauer muß einen kleinen Schnittweingarten anlegen und sich seine Veredlungen mit der Zeit selbst erziehen. Er braucht dazu Belehrung, um die richtige Sorte zu wählen und auch gute Werkzeuge, ohne die ein Erfolg nicht möglich ist. Niemand lasse sich demnach billige Veredlungsmesser anhängen, die als billige Hausierwaare nichts wert sind. Ein gutes Werkzeug ist halbe Arbeit sagt ein Sprichwort….
 
 
Wiener Landwirtschaftliche Zeitung vom 16.9.1905

Ausbreitung der Reblaus.
In den Gemeinden Kirchberg am Wagram und Unterstockstall, Bezirk Tulln, Althöflein, Bischofswarth, Loosdorf (Ried in Eichen)…..Szent Benedik Komitat Vas, in Ungarn wurde das Auftreten der Reblaus amtlich konstatiert.
 
 
(Neuigkeits)Welt Blatt vom 31.5.1910

Weinhauer, Achtung auf den Schwefelkohlenstoff!
Aus Kirchberg am Wagram wird uns berichtet: Hier hat sich kürzlich ein schwerer Unfall durch eine Explosion von Schwefelkohlenstoff ereignet, der bekanntlich zur Imprägnierung des Bodens gegen die Weiterverbreitung der Reblausherde als derzeit bestes Mittel zur Verwendung gelangt. Freilich ist dabei äußerste Vorsicht geboten, denn dieser chemische Stoff ist besonders feuer- und explosionsgefährlich, wie gerade nachstehender Unglücksfall alle jene Hauer, die mit diesem Abwehrmittel gegen den gefährlichen Feind unsers Weinstockes arbeiten müssen, zu erhöhter Aufmerksamkeit auffordert.
Der Wirtschaftsbesitzer Josef Zimmermann aus Neustift hatte in seinem, im hiesigen Weingebiet gelegenen Keller, Schwefelkohlenstoff in einem tönernen Gefäß aufbewahrt. Durch die lange Regenzeit war nun im anstoßenden Preßhaus ein Stück Mauer eingestürzt und ein davon hinabrollender Stein traf zufällig das Gefäß und schlug in dasselbe ein Loch, was zur Folge hatte, daß der Schwefelkohlenstoff ausströmte und sich wie Leuchtgas mit der Luft vermischte.
Als nun Zimmermann vergangenen Donnerstag mit offenem Licht in den Keller hinabging, um Wein heraufzuholen, indes sich im anstoßenden Preßhaus der Taglöhner Johann Schörgmayer aus Neustift befand, erfolgte plötzlich eine gewaltige Explosion, die große Verheerungen anrichtete. So wurde das Dach des Preßhauses in die Luft geschleudert, aus den Dunstlöchern wurden die Ziegel hinausgerissen und an den leeren Weinfässern wurden durch den großen Luftdruck die Böden eingedrückt.
Der Besitzer Zimmermann erlitt schwere Brandwunden an Kopf und Händen, besonders aber wurde Johann Schörgmayer hart mitgenommen, der durch die Gewalt der Explosion an die Preßhausmauer geschleudert wurde, wo er mit vielen schweren Verletzungen, insbesondere Brandwunden am ganzen Körper liegen blieb. Die beiden Verletzten wurden in das Spital nach Oberhollabrunn überführt.
 
 
Heimat-Kalender des Tullner Bezirkes, 196
Josef Bruckner, Sieghartskirchen:

Großen Schaden richteten der „Echte Mehltau“ oder „Oidium“, die „Peronospora“ und vor allem die „Reblaus“ an unseren Weinkulturen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, so daß in manchen Orten der Weinbau fast aufgegeben wurde…. In Neustift im Felde vernichtete die Reblaus um die Jahrhundertwende sämtliche Weingärten im Wagramgebiet und auch in der Ebene um den Ort.
 
 
Reblausspritze
Foto: Josef Leuthner, Kollersdorf
 
 
Mai 2021
Maria Knapp