Wallfahrt nach Mariazell Anno 1835

 

Bei den Unterlagen des Kirchberger Kaufmannes Franz Delapina (1790-1865) befand sich ein Heftchen mit 12 Seiten, in dem über eine Wallfahrt, wahrscheinlich mit Kutsche, berichtet wird. Aus dem Text geht nicht hervor, wer der Schreiber oder die Schreiberin war.
 
 
Montag, den 24 August in Jahre 1835.
Um 1 Uhr Morgens tratten wir unsere Reise nach Maria Zell an. Zuerst über Grafenegg nach Krems u. Stein (Josef wurde recht oft ermahnt nicht nachzudenken, oder was bei ihm eynerlei ist, nicht zu schlafen). In Stein wohnten wir um 6 Uhr der heiligen Messe bei, dann frühstückten wir im Gasthofe zur Weintraube. Alsdann ging es wieder weiter über Mautern, Furt, Göttweiher Berg, dann ins Weidlinger Thal, nach Stazendorf, Zaking und endlich um 11 Uhr nach St. Pölten, wo wir das Mittagsmahl einnahmen. Rechts an der Strasse auf dem Gipfel des Berges liegt das schöne Stift Göttweih, von wo aus man die herrlichste Aussicht über die Ebene genießt. In St. Pölten war aber Markt, diesen besahen wir und setzten dann unsere Reise um ½ 1 Uhr fort. Dann kamen wir nach Wilhelmsburg, welcher Markt meine Erwartung übertroffen, weil ich ihn mir als klein und unbedeutend dachte. Jetzt kamen wir an die erste Sägemühle, welche von der Traisen über welche wir nun das erste Mal fuhren, getrieben wird; dann an der Gewehrfabrik der Frau Elyse Dojack vorbey. Bis hierher war der Weg so ziemlich einförmig, obwohl recht hübsch, besonders gut nahm sich ein Schloß aus welches links an der Strasse am Berge liegt. Nun kamen wir nach Lielienfeld, doch hier ist es wirklich wunderschön, wir kehrten im Gasthofe zu den 3 Linden ein und während für uns Kasse gemacht wurde gingen wir in die Kirche die meines Erachtens zu den schönsten gerechnet werden kann; sehr reich an Gold und schöner Malerey, so wie auch ein sehr schön gemahltes Glasfenster zu sehen ist, doch nicht allein die Kirche sondern auch die ganze Umgebung ist so schön. Unweit von Lielienfeld ist der Kalvarienberg, diesen bestiegen wir und setzten unsere Reise noch diesen Tag  zwischen den Gebirgen bis Türnitz fort. Es ist kaum denkbar daß auf diesen Felsmassen etwas wachsen soll, und dennoch ist alles so schön grün, wir sahen öfter mehrere Männer auf den hohen Gebirge mähen und gleich auf der entgegengesetzten Seite von den Bergen Hafer nach Hause führen. Einzelne Häuser liegen sowohl im Thale als am Gebirge verstreut umher; die Traisen fließt bald links bald rechts und in allen zusammen fuhren wir 14 mahl über dieses Wasser.
 
In Türnitz kamen wir erst gegen 9 Uhr an, wir fuhren also lange Zeit im Halbdunkel, doch war es wunderschön in diesem herrlichen Thale und nur unser armer Pollak dauerte mich. In Türnitz kehrten wir im Gasthofe zu den 2 Löwen ein, wir bekamen dort ein sehr großes Zimmer und gingen, da es schon spät war, gleich nach dem Essen schlafen. Dienstags brachen wir um 5 Uhr wieder auf um unsere Reise weiter fortzusetzen, wir kamen noch einige mahl über die Traisen, dann in die Glashütte, welche wir genau besahen, dann weiter zu die 7 Brunnen, von diesen gegenüber steht eine Kapelle, in welche wir auch hineingingen. Dann kamen wir zum Anna-Berg, über welchen wir Virspann nahmen, wir besuchten daselbst die Kirche, diese ist sehr hübsch; dann ging es wieder weiter auf den Joachimsberg, und von da zum Wiener Bruckl; hier blieben wir über Mittag. Von da ritten wir zum Laßingfall hinüber; dieß ist ein herrlicher Anblick, mit welchen brausenden Getöse dieser Bach 70 Klafter hoch schäumend über diese Felsenriße herab stürzt; wir standen gegenüber; von dem Abgrund herauf ungefähr 20 Klafter hoch, und noch spritzte uns das Wasser ins Gesicht, mit solcher Gewalt stürzt es herab. Als wir es uns lange genug besehen hatten, ritten wir wieder zurück in Gasthof, und dann weiter fort auf den Josefsberg. Die Gegend ist ganz herum gebirgig, schön, man sieht den Ötscher so klar, als ob man schon am Fuße des Berges stünde, es ist zum Hingehen nicht weit, eben zum hinauf und herab steigen braucht man beynahe sieben Stunden.
 
Von Josefsberg fuhren wir wieder mit unserem Pferd weiter auf den Bernhardsberg und über Mittelbach, und kamen endlich um 4 Uhr glücklich in Maria Zell an; wir gingen noch in die Kirche und wohnten dem Segen bey. Eingekehrt sind wir beym Bäckermeister, vom Posthause gegenüber, wo der Vater vor 2 Jahren schon war. Am Anna Berg fließt der Bach fast unter der Straße, und ergießt sich unweit Türnitz in die Traisen. Eine Stunde von Maria Zell ist die Gränze zwischen Österreich und Steyermark, das letzte Dorf an der Gränze heißt Mittelbach und ist halb von Lutherannern u halb von Evangelischen bewohnt. Gleich dort fließt auch die Erlauf.
 
Mittwoch früh gingen wir sogleich in die Kirche, und verrichteten daselbst unsere Andacht, kauften verschiedene Sachen und ließen sie weihen. Die Kirche in Maria Zell ist sehr schön, man wird dort wirklich unwillkürlich zur Andacht gestimmt, die vielen Opfertafeln welche man hier sieht, geben Zeugniß, wie so viele da schon Trost und Hilfe fanden. Doch aus allen Bildern zog mich am meisten das an, was von Wien vor einigen Jahren um Abwendung der Cholera hier geopfert wurde. Dieses Gemählde stellt den Bittgang vor, wie die Wiener in Prozession in mehrere Kirchen wallfahrten; es ist alles so deutlich ausgedrückt, ich konnte eines nicht genug ansehen.
 
Auch die Schatzkammern besahen wir, es gibt daselbst viele schöne werthvolle Sachen, und einige Alterthümer, worunter besonders merkwürdig ein Meßkleid ist, das ganz mit echten Perlen ausgenäht ist. Nach Mittag gingen wir das … Eisen-Gußwerk  zu besehen, das eine Stunde von Maria Zell entfernt ist, der Weg dahin ist sehr ungenehm, zwischen dem Gebirge ist die Straße, und daneben fließt die Salza. Nach dem man in die Stuckgießerey kommt, sind einige Sägemühler, dann verschiedene Eisenhämmer; in jeder dieser Hämmer wird etwas anderes verfertiget, Kanonen und verschiedene Sachen. Im Gußwerk gingen wir dann in die Zimmer, wo die fertigen Sachen sind, und von wo aus sie dann in die Niederlage in Maria Zell, welche in der Wienergasse zum Engel ist gebracht werden.
 
Hier ist es schon recht steyerisch, man hat auch vielleicht eine Stunde nur auf die ersten Alpen. Zurück schlugen wir einen anderen Weg ein, wir gingen über das Gebirge, es war schön, obschon es früher etwas geregnet hatte; das Gras war etwas glatt, und wir mußten bald ab bald aufwärts steigen um zu dem berühmten Holzaufzug zu gelangen. Dieß ist wirklich merkwürdig, wie der leere Wagen hinab mittelst der Maschine, und der geladene über 565 Stufen herauf gezogen wird. Ich wäre gern hinab gestiegen, es war aber schon spät, und ich wirklich schon sehr müde. Von da gingen wir zurück nach Maria Zell, dann wieder in die Kirche und wohnten noch dem Segen bey.
 
Am Donnerstag gingen wir um 5 Uhr schon in die Kirche, weil gewöhnlich so frühe eine Meße gelesen wird, die Wahlfarter von Brunn gingen fort, es war eine große Prozession, ein Geistlicher war auch mit ihnen, sie kamen zu gleichen Zeit am Dienstag mit uns an, und gingen auch wie wir am Donnerstag früh wieder weg. Es waren eben viele Wahlfahrer in Maria Zell, meistens Böhmen, aber auch Wiener waren viele da. Als wir nach der Meße wieder in den Gasthof zurück kamen, mußten wir noch einige Minuten auf unser Frühstück warten, diese Zeit benützte ich, und ging in die EisenGußwerk-Niederlage, welche nur einige Häuser weit entfernt ist, um auch diese zu sehen, kaufte noch verschiedene Kleinigkeiten, dann nahmen wir Abschied von Maria Zell, und tratten unsere Rückreise an. Wir nahmen denselben Weg wie auf unserer Hinreise, auf dem Josefsberg kamen wir eben noch zum letzten Segen der Meße recht, auf dem Anna Berg ließen wir uns die Kirche aufmachen, um unser Gebeth zu verrichten. In Türnitz wo wir über Mittag blieben, gingen wir auch in die Kirche, und fuhren dann diesen Tag noch bis St. Pölten. Hier blieben wir über Nacht, den anderen Tag früh nahmen wir unseren Weg über Herzogenburg, wir kamen um 8 Uhr dort an, gingen um 9 Uhr dort in die Kirche, und wohnten einem … Hochamt bey, welches der H. Prälat von Lilienfeld absang, weil eben das Fest des H. Augustinus gefeiert wurde; die Kirche ist schön, das Stift gleichfalls, wir gingen dann spazieren, und kamen endlich auf die Friedhof, wo es Denkmahle  gibt. Nachmittag fuhren wir nach Traismauer, dann auf einer Plätte über die Donau, stiegen in Grafenwörth aus, und kamen abends glücklich nach Hause, wo wir auch alle Angehörigen Gott Lob gesund antrafen.
 
 
 
Die ersten Seiten des Heftchens 
 
 
August 2022
Maria Knapp