Der Inselbewohner bei Grafenwörth 
im Viertel Ober dem Manhartsberg 
und seine wunderbare Rettung
 
 
Aus dem Buch:
"Wien`s Tage der Gefahr und die Retter aus der Noth.
Eine Beschreibung der unerhörten Überschwemmung im Erzherzogthume Österreich unter der Enns im Jahre 1830"
 
Von Dr. Franz Sartori, k.k. Regierungs-Secretär, Vorsteher des Central=Bücher=Revisions=Amtes,
und mehrerer gelehrten Gesellschaften Mitgliede. Wien, 1830
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Nicht bloß inner den Mauern Wiens und in dem unglücklichen Marchfelde verbreiteten die Verheerungen des furchtbaren Eisstoßes Unglück und Drangsale, sondern auch in anderen Donaugegenden kamen die Schrecknisse mit furchtbarer Macht, besonders in Jene, wo der eigentliche Held dieser Begebenheit mit seiner Familie hauste.
 
Auch hier waren die Verheerungen ungeheuer, und von Tulln aufwärts sah man nicht geringe Unglücksfälle. Viele Häuser wurden niedergerissen, und Menschen mußten um ihr Leben zu , fliehen, ohne auf die Rettung ihrer Habseligkeiten zu denken. Ihre Felder waren mit Eisbergen bedeckt, und die Hoffnung einer künftigen Ernte war darunter begraben. Dank der ewigen Vorsehung, dass außer sieben Personen, welche zu Krems V.O.M.B, durch den Einsturz eines Hauses in den Schutt begraben wurden, niemand das Leben verlor. Dass aber unser Inselbewohner und die Seinigen bei dem Leben erhalten wurden, grenzt an das Wunderbare.
 
Dieser Mann ist in der Gegend von Asperhofen geboren und betrieb (sein Vater war ein Schmied) das Bauernhandwerk, verließ aber den Pflug, und weil er die Wasserfahrt von Jugend auf bei seiner Schwester in Schönbühel erlernt hatte, betrieb er selbe auch seit einigen Jahren in hiesiger Gegend, miethete das Ufer bei Grafenwörth und diente Fußgehern sowohl als schweren Wägen zu jeder Stunde.
 
Um seinem Geschäfte näher zu sein, und damit Niemand in Hinsicht der Überfahrt gehindert werde, baute er sich an dem rechten Donauufer bei dem Dorfe Stollhofen, V.O.M.B., gleich bei dem Einflusse der Traisen in die Donau, aus bloßem Holz eine Hütte, worin er Tag und Nacht wohnte.
 
Hier blieb er aber nur kurze Zeit, weil ihm das jenseitige Ufer tauglicher für sein Gewerbe schien. Er wählte sich eine Insel zu seinem künftigen Wohnorte, die nicht weit von Grafenwörth entlegen ist; seine vorige Wohnung überließ er einem seiner Uferknechte zum Aufenthaltsorte, weil er demselben wegen seiner Geschicklichkeit im Wasserfahren und seiner seltenen Herzhaftigkeit sein besonderes Vertrauen schenkte.
 
Gott segnete das Unternehmen dieses thätigen Ufermeisters, so zwar, das er nicht nur sein nöthiges Auskommen fand, sondern daß er auch während der Zeit bis auf den Eisstoß des Jahres 1830 nie mit einem Unglücke heimgesucht wurde, welches Wasserleuten eine seltene Erscheinung ist.
 
So thätig dieser Mann auch war, und so sehr er seine ganze Aufmerksamkeit auf sein Gewerbe zu richten schien, so entging ihm auch keine Gefahr, in der sich andere befanden; er rettete Manche durch seinen guten Rath, wie auch durch thätigen Beistand von drohenden Unglücksfällen.
 
Besonders wurde er bei den häufigen jährlichen Überschwemmungen des Traisenflusses den Bewohnern vom Markte Traismauer nützlich, indem er durch seine Geschicklichkeit und Herzhaftigkeit manchen den Fluten entriß.
 
Es schien bisher, als verstände er die Kunst, dem Wasser und den reißenden Wellen Trotz bieten zu können; allein was sind menschliche Kräfte gegen jene eines reißenden Stromes? Was sind die tiefsten Kenntnisse gegen die Geheimnisse der Natur? Was Erfahrungen gegen die veränderlichen Elemente ?
 
Ruhig ging er am 28. Hornung 1830 seinen Angehörigen zu Bette, weil er aus Erfahrung zu wissen glaubte, daß die Eisdecke der Donau noch lange nicht in Bewegung gesetzt werden könne. Ohne auf die Möglichkeit zu denken, daß der Eisstoß an diesem tage abgehen könne, träumte er, eine ruhige nacht genießen zu können; nur aus dem Überfluß gebrauchte er einige Vorsicht, und befestigte einen Nachen an seinem Haus und um einige Bäume, dieser wurde mit etwas Lebnesmitteln befrachtet und mit den nöthigen Werkzeugen versehen. Auch seine Kühe und Schweine schaffte er in einen Kehlheimer, band ihn an, versah denselben mit hinlänglichem Futter und so ging er dann zur nächtlichen Ruhe.
 
Zu seinem und seiner Angehörigen Glück floh und seinem Weibe der Schlaf, ihre Augen konnten sich nicht schließen, gleich als wollten sie die nahe Gefahr, die ihnen drohte, eher bemerken, bevor sie vom Elende und Untergange überrascht wurden.
 
In ihrem Nachtgebete empfahlen sie noch insbesondere ihre Seele in die Hände des himmlischen Vaters, wenn vielleicht doch unvermuthet eine Gefahr eintreten sollte.
 
Es läßt sich nicht beschreiben, wie ihnen bei dem Gedanken, daß vielleicht eine Gefahr kommen sollte, zu Muthe gewesen sein mußte. Sie allein neben dem reißenden Donaustrom auf einer einsamen Insel, sich selbst überlassen, ohne bei einem Unfall Hülfe hoffen zu können. Freilich hatten sie es herzlich bereut, noch eine Nacht in ihrer unsicheren Wohnung geblieben zu sein; freilich faßten Sie den festen Entschluß, mit dem anbrechenden tage ihre Hütte mit allen Geräthschaften zu verlassen, um nicht ferner noch mit einer solchen folternden Unruhe und schrecklichen Angst kämpfen zu müssen; allein die Vorsicht hatte es anders beschlossen, ihre Reue kam zu spät, und ihr gemachter Vorsatz konnte am folgenden Tage, auf den sie ihre Rettung setzten, nicht mehr ausgeführt werden.
 
Es mochte ungefähr Mitternacht gewesen sein, als das sorgenvolle Weib ein Geräusch gleich einem Donner zu hören glaubte; noch wagte sie es nicht, ihre Besorgniß dem Manne mitzutheilen, weil sie ich nicht, ohne Gewißheit zu haben, in Furcht setzen wollte; aber leider zeigte es sich bald, dass sie recht gehört hatte, und daß sie Unrecht gethan habe, ihre Besorgniß dem Manne nicht sogleich mitgetheilt zu haben. Bald zeigten sich die ersten Vorboten, daß die Eisdecke der Donau zu bersten angefangen habe.
 
Wider Vermuthen hörten sie vor ihrer Hütte das Getöse des andringenden Wassers, Todtenblässe stieg in ihre Gesichter, und ihr Herz bebte vor banger Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Nicht lange dauerte es, als sich schon Spuren in ihrem Schlafzimmer zeigten; nun war kein Augenblick mehr zu verlieren, um sich zu retten. Mit Lebensgefahr ging der Mann durch das mit Gewalt eindringende Wasser, um zu sehen ob es nicht mehr möglich wäre, sich in den vor der Hütte befestigten nachen zu flüchten; hier schien nicht alle Hoffnung verloren zu sein, aber wie sollten sie durch die andringenden Eisklumpen gelangen, wenn sie auch die Wassergefahr besiegt hätten ?
 
In dieser Noth kehrte der betrübte Inselbewohner wieder zurück in seine Wohnung, wo sich die Mutter bereits mit ihrem Säuglinge auf den Tisch geflüchtet hatte; aber auch da war keine Sicherheit mehr für die Beängstigten, indem die Wasserfluten immer höher stiegen.
 
Was sonst eine Unmöglichkeit zu sein schien, wurde in der Angst vollbracht; mit leichter Mühe durchstieß der arme und geängstigte Vater den oberen Theil der hütte und brachte sich und die Seinigen auf den Heuboden in Sicherheit, wo sie aber leider noch immer mit der größten Bangigkeit ihr wahrscheinliches Lebensende zu erwarten glaubten. Zu ihrem Glück nahmen sie in der Eile etwas Nahrung in ihren Zufluchtsort mit, um doch wenigstens dem Hungertode Trotz bieten zu können.
 
In dieser peinlichen Lage schmachteten sie den ganzen Tag und die folgende Nacht, und hatten einen wahren Todeskampf zu bestehen; nur noch einen Schuh höher und ihre letzte Lebensstunde hätte geschlagen.
 
Diese arme Familie hoffte dennoch immer nach ihrer Gewohnheit auf Gottes Beistand, und fand in seiner Allmacht noch immer Hülfe und Rettung, da aller menschliche Beistand fruchtlos war.
Mit wahrer kindlicher Ergebung und mit Zutrauen auf Gottes Macht und Barmherzigkeit fielen diese armen und beängstigten Inselbewohner auf ihre Knie, und flehten mit lauter Stimme zu Gott um Erbarmung. Herr! Sprachen sie, die siehst hier Unglückliche im Staube liegen, die weist es, Allgütiger! am Besten, daß wir ohne deinen verloren sind; um menschliche Hülfe flehen wir nicht mehr, denn diese ist vergebens, so gern Menschen auch helfen möchten; aber du, gütiger Vater, kannst deine verlassenen Kinder retten, wen wir anders keine Hülfe verdienen.
 
Noch lagen sie auf den Knien, als das fürchterliche Getöse des brechenden Eises sie in ihrem Gebete störte; mit verdoppelter Stimme riefen sie aus: Herr! Stärke uns in unserem Todeskampfe, und nehme auf unsere Seelen in deinen Schutz, laß uns glücklich sterben – Sie schwiegen, und ihre Hütte zitterte und schwankte von der Gewalt der Eisklumpen.
 
Allein auch diese Nacht blieb die einsame Hütte verschont vom Untergange, so die Bewohner derselben vom nahen Verderben, und neue Hoffnung belebte sie bei dem anbrechenden Tage, alles zu versuchen, um sich zu retten.
 
Da kam nun dieser mit Sehnsucht gewünschte Tag, und mit diesem der erwähnte Hoffnungsstrahl ihrer Befreiung; aber leider verschwand diese süße Hoffnung mit der ersten Morgenröthe, denn so weit der Bedrängten Auge reichte, sahen diese armen Menschen nichts als eine tobende Wasserfläche, umgeben mit undurchdringlichen Massen von fließendem und herumliegenden Eise, die ganze Gegend schien ein Eisberg zu sein; selbst ihre Hütte war dergestalt von Eisklumpen eingeschlossen daß an nichts anderes als an den grausamen Wasser- oder Hungertod zu denken war.
 
Bei den Fenstern der Hütte drangen die einzelnen Stücke des Eises ein, bis zum Dache ihrer neu bezogenen Zufluchtstätte stiegen die Fluten, mit Thränen im Auge sahen sie am entgegengesetzten Ufer der Donau Menschen auf Bergen, die zu ihrer Rettung gekommen waren, und auf ihre Eisinsel nicht gelangen konnten.
 
In dieser betrübten Lage, in der sich unsere Inselbewohner nun befanden, mußte ihnen stets der nahe Untergang vor den Augen schweben, auch der entfernteste Rettungsstrahl schwand dieses Mal vor ihren Augen, weil an eine menschliche Hülfe keineswegs zu denken war, oder selbe nur durch ein Wunder kommen konnte.
 
Was noch diese wunderbare Hoffnung zu Boden drückte, war der bereits verschwundene Vorrath von Nahrungsmitteln. Bis auf Weniges war alles aufgezehrt, und höchstens noch zwei Tage konnten sie ihr Leben vor dem Hungertode retten.
 
Freilich hoffte der schon gedachte getreue Knecht (wie er selbst dann erzählte), seinen Herrn mit Lebensmitteln zu versehen, oder ihn gar zu retten; er wagte auch in der That einen Versuch, obgleich er von allen davon abgehalten wurde; allein er konnte durch die dichten Eismassen keineswegs durchdringen, und so mußte er sich bloß mit dem begnügen, daß er seinen unglücklichen Herrn in der Ferne rufen hörte, folglich überzeugt war, daß er noch lebte, und sah, daß seine Hütte noch immer stehe, allein von ungeheuren Eismassen eingeschlossen wäre.
Bereits war die vierte schreckliche Nacht verschwunden, und mit ihr auch alle Lebensmittel rein aufgezehrt, die drohende Gefahr, des grausamen Hungertodes zu sterben, war in vollem Anzuge.
 
An diesem Tage verkündigte die herrlich aufgehende Sonne einen heiteren Morgen, nur für unsere armen Inselbewohner und seine Angehörigen sollte die Sonne noch nicht scheinen, er war noch immer in Nebel des Todes gehüllt. Da faßte er nun den festen Entschluß, alles zu wagen, einen Ausweg von dieser Insel zu finden, um wenigstens das Leben seines Weibes und des Kindes zu retten. Unbemerkt von den Seinigen wagte er sich herab von dem Boden, ihrem bisherigen Zufluchtsort, um den Zustand seines an dem Hause befestigten Nachens zu untersuchen, und zu sehen, ob durch den kleinen Donauarm, der nach Grafenwörth führt, nicht vielleicht dahin zu kommen sei. 
 
Aber leider fand er, daß auch dieser Wasserweg mit Eisklumpen von Häusergröße angefüllt sei. Von nun an war an keine natürliche Rettung mehr zu denken. Betrübt kehrte er wieder zurück, und das bekümmerte Weib wartete mit Furcht und Zittern die Ankunft ihres Mannes ab, weil sie nicht wußte, wohin er auf einmal gekommen sei. Froh schlug freilich ihr Herz, als sie ihn wieder erblickte; aber eben so niederschlagend für sie war die betrübende Nachricht ihres Mannes, daß nunmehr alle mögliche Hoffnung zur Rettung verloren wäre.
 
Mit den Gedanken, sich nun in vollem Ernste auf ihre nahe Todesstunde vorzubereiten, harrten sie auf ihrem Dachboden der letzten Stunde ihres Lebens; mit Schauer betrachteten sie nun die Stelle die bald ihr Grab werden sollte.
 
Doch faßten sie in ihrem Todeskampfe noch einmal den Entschluß, Gottes Güte und Allmacht entweder um Rettung kindlich anzuflehen, oder um Stärke und Ausdauer bis an ihr Lebensende zu bitten.
 
Durch dieses Gebet gestärkt und gehörig vorbereitet, wenn ihre Todesstunde herannahen sollte, stand sie auf; da nahm die tief gebeugte Mutter ihren Säugling, hob ihn empor zum Himmel, um denselben, gleich einem Abraham, Gott zum Opfer zu bringen, sie benetzte ihr Kind mit heißen Mutterthränen, und beschloß, ruhig Gottes unergründlichen Rathschluß abzuwarten. So glaubten sie den folgenden Tag nicht mehr zu sehen.
 
Allein am folgenden Morgen erschien der Tag ihrer wunderbaren Rettung. Die schöne Morgenröthe verkündigte einen fröhlichen Tag, und heute sollte auch ihre Sonne aufgehen.
 
Viel heiterer als am vorigen Tage blickte unser Inselbewohner bei seinem Dachfenster hinaus, da schien es ihm, als ob der Donauarm nach Grafenwörth vom Eise frei wäre. Um sich zu überzeugen, ob er träume, oder ob es Wirklichkeit sei, verließ er seinen Zufluchtsort, ließ sich mittelst eines Seiles vom Boden in seinen Nachen, und siehe da, auch vor seiner Hütte rausche das Wasser nach seinem Befreiungswege hin, ohne vom Eise gehindert zu sein. So kam er zum Donauarm und fand zu seinem größten Erstaunen und inniger Freude den Fluß rein. jedoch das Eis auf beiden Ufern aufgethürmt. Ehrfurchtsvoll fiel er auf seine Knie, und Thränen dienten ihm statt eines rührenden Dankgebetes, denn sein von Wonne beklemmtes Herz versagte dem Munde die Sprache.
 
Ohne sich lange zu besinnen lenkt er um, und pfeilschnell kehrt er zurück zur bekümmerten Gattin, um ihr die Nachricht ihrer wunderbaren Rettung zu bringen. Schon in der Ferne sieht er das trostlose Weib bei dem Dachfenster umher spähen, er konnte nicht abwarten, bis er bei ihr angelangt sein wird, nein, aus der Ferne ruft er: Weib! freue dich, wir sind durch Gottes wunderbare Fügung vom Tode gerettet.
 
So kömmt er zu seiner Hütte, schwingt sich hinauf zum Weibe, streckt die Arme aus nach seinem geliebten Kinde, welches sanft wie ein unschuldiger Engel kummerlos in den Armen der Mutter ruhte. Weib, sprach er dann, und er lag in ihren Armen, Weib! mache dich auf, nimm dein Kind und das Beste unserer armen Hütte, und komm, dem Tode zu entfliehen.
 
Der Entschluß, der Gefahr zu entrinnen, war das Werk eines Augenblicks, das Kostbarste wurde zusammen gerafft und in den Nachen gebracht, und in wenig Minuten waren sie in den Stand gesetzt, abzusegeln.
 
Mit pochenden Herzen stiegen sie in den Nachen, welcher sie an das Ziel ihrer Rettung bringen sollte. Nicht mit der geringsten Gefahr hatten sie zu kämpfen, und wohlbehalten erreichten sie Grafenwörth, den Hafen ihrer Erlösung.
 
Obgleich hier Hunderte von Menschen standen, um sie in freudigen Empfang zu nehmen, so war dennoch ihr erstes Geschäft, Gott in seinem geheiligten Tempel für die glückliche Rettung aus ihrer Gefahr zu danken, und da feierlich zu geloben, nie mehr durch Kleinmüthigkeit an Gottes Macht und Güte sich zu versündigen, sie gelobten, in jeder Gelegenheit ihr Schicksal ruhig abzuwarten, und sich vertrauungsvoll in Gottes weise Rathschlüsse ruhig und ergeben zu fügen.
 
Nach Vollendung dieses ihres ersten Geschäftes verließen sie gestärkt den heiligen Ort, um sich die so nothwendig gewordene Erholung und Ruhe zu verschaffen. Doch war ihnen diese noch nicht für diesen Augenblick gegönnt, denn bei dem ersten Schritte den sie aus der Kirche setzten, sahen sie sich von allen Jenen, die sie so sehnlichst erwarteten, umgeben. Diese gutherzigen und freudetrunkenen Menschen wollten wissen, mit welchen Gefahren und Beschwerden sie auf ihrer einsamen Insel während den großen Tagen der Gefahr zu kämpfen hatten, sie wollten wissen, wie es möglich war, über die aufgethürmten und undurchdringliche Eisberge hierher zu gelangen, und bei der Erzählung wurde Jeder, Groß und Klein, von heiligem Staunen ergriffen, und als ein seltenes Wunder betrachtet, durch welches sie nur allein dem unvermeidlichen Verderben entrissen werden konnten.
 
Die herzlichste Theilnahme an dem Schicksale der Inselbewohner zeigte sich bei der überraschten Volksmenge, die während des Eisstoßes immer auf ihre Ankunft wartete, durch den herzlichen Antrag, bei ihnen Wohnung und Verpflegung zu nehmen; Jeder wollte ihnen Gutes erweisen, und diese edlen Menschenfreunde haben sich dadurch die Liebe und Wertschätzung aller guten Menschen erworben, und gewiß auch derjenigen, welche ihre rührenden Schicksale hören werden.
 
Willig nahm die entkräftete Mutter mit ihrem Kinde den angebotenen Unterstand an; aber unserem Inselbewohner lag nun, da er sein Liebstes in Sicherheit wußte, auch noch die Rettung seiner Hütte, seiner noch übrigen Habseligkeiten und seiner armen Hausthiere am Herzen. Er eröffnete diesen Entschluß seinem Weibe, nämlich nach der verlassenen Insel zurückzukehren, und in kurzer Zeit mit allen Habseligkeiten in ihre Arme zurück zu kommen.
 
Es läßt sich bloß denken, aber nicht beschreiben, welchen Eindruck dieser Entschluß auf das ohnehin schwache Weib machten mußte; man kann sich leicht vorstellen, daß sie ihm diesen Plan auszureden suchte allein keine Vorstellungen, nicht einmal die Thränen in ihren Augen, nicht der traurige Anblick des Kindes waren im Stande, ihn zurück zu halten. Er sah nun keine Gefahr mehr, daher blieb er fest in seinem Vorhaben, er suchte sein Weib nach Möglichkeit zu trösten und versprach, nach wenigen Stunden wieder zu kommen und dann in ihrer Mitte zu bleiben.
 
Unter diesen Betheuerungen, und der Bitte, seiner im Gebete zu gedenken, verließ er sein bekümmertes Weib und sein schlummerndes Kind unter dem rührendsten Abschiede, und stammelte ein gepreßtes Lebewohl den Seinigen entgegen, bestieg, nachdem er sich dem Schutze Gottes empfahl, schnell seinen Nachen, und bald schwand er aus den Augen derjenigen, die er so zärtlich liebte, und kam ohne Hinderniß an den Ort seiner Bestimmung.
 
Zu seiner größten Freude fand er seine Hütte noch in demselben Zustande, wie er selbe verlassen hatte, obgleich er mit Staunen sah, wie auf dem Donaustrome, nahe bei seiner Hütte, halbe Brücken und Häuser, Scheuern, Geräthschaften u.s.w. daher schwammen. Seine Hütte, von bloßem Holze gebaut, sollte nach allen Gesetzen der Natur eigentlich bei dem ersten und geringsten Anfalle der ungeheuren Eismassen eingestürzt sein. Wunderbar war es, daß gerade die Eisklumpen, die so viele Verheerungen anrichteten, seiner Hütte zur Schutzwehre dienten.
 
Von diesem Staunen erholt säumte er keinen Augenblick, nach seinem in dem Kehlhammer befindlichen Kühen und anderen Hausthieren zu sehen, und nicht ohne Rührung sah er, daß auch sie die Gefahr verschonte, und daß sie sich in dem bestmöglichsten Zustande befanden, ja daß sie sogar noch Nahrung hatten, welche der Zeit gemäß schon längst verzehrt sein sollte.
 
Auch dieser armen Thiere Rettungsstunde sollte geschlagen haben, er wollte den kommenden Tag sie in Sicherheit bringen; es erschien dieser sehnlichst gewünschte Tag, aber leider verschwand mit ihm wieder die süß geträumte Hoffnung, zu den Seinigen seinem Versprechen gemäß, zurück zu kehren. Derselbe Weg der kleine Donauarm, der den vorigen Tag leer vom Eise war, war wieder mit den dichtesten Eisklumpen angefüllt, und beide Ufer waren davon leer, obgleich es vor einigen Stunden aussah, als ob sie noch viele Wochen liegen bleiben sollten. Wohl ihm, daß er sich den Tag zuvor mit neuen Lebensmitteln versehen hatte, sonst wäre er ohne Zweifel ein Opfer des Hungertodes geworden.
 
Von nun an lag ihm besonders das Versprechen am Herzen, das er nun nicht erfüllen konnte, nämlich in kurzer Zeit zu seinem Weibe zurück zu kommen. Der Kummer derselben machte seine Lage bedenklich, denn er kannte ihr Herz und ihre Zuneigung zu ihm, an seinem Herzen brannten die Thränen, die sie wegen seines Ausbleibens vergießen werde, allein er mußte sich fügen in das Schicksal, welches nicht zu ändern war.
 
Nach einigen Tagen schien nun das erzürnte Element austoben zu wollen, die Wasserfluten begannen allmählich zu fallen, aber die undurchdringlichen Eisberge blieben auf dem kleinen Arme der Donau, auf welchem der Unglückliche zurückkehren sollte, desto unbeweglicher. Nun, da noch lange an keine Wasserfahrt zu denken war, beschloß er, so weit wie möglich in die Gegend, wo das bekümmerte Weib ihres Mannes mit Sehnsucht wartete, zu Fuß vorzudringen; er übersetzte die Eisberge mit Unerschrockenheit, sprang von einem Eisklumpen auf den andern, wagte Sprünge, die bei ruhigem Geblüte Niemand gewagt haben würde.
 
Nur zu gut kannte er sein Weib, als daß er nur im geringsten gezweifelt hätte, daß sie nicht zu jeder Stunde des Tages nach Gegend hinsehen sollte, aber ihn da nicht erwartet hätte, wo er herkommen sollte. Ja er überzeugte sich bald klar von seiner Meinung, als er jenseits des kleinen Armes der Donau die Stimme seines Weibes zu hören glaubte. Er horchte aufmerksamer nach der Gegend hin, wo die Stimmer herzukommen geschienen hatte; was konnte er in dieser Lage wohl anders thun, als aus vollem Halse zu antworten.
 
Welchen Trost dieses sein Rufen dem bekümmerten Weibe einflößte, ist nicht zu beschreiben; sie konnte auch ihr freudenvolles Gefühl nicht deutlicher ausdrücken als mit den Worten, die sie herüber rief: Ich will nun Alles willig ertragen, weil ich dich nur noch am Leben weiß; trachte nur, lieber Mann, bald zu deinem bekümmerten Weibe zu kommen, und sorge, damit dein Leben erhalten werde.
 
Nebst dem, daß er ihr noch den Mangel an Nahrungsmitteln klagte, versprach er, sie bald wieder zu sehen, oder gar zu ihr zu kommen. So schied er wieder und nahm den Trost mit sich, daß seine Angehörigen nun beruhiget sind; allein der Kummer, keine Nahrungsmittel zu haben, beunruhigte seine Seele.
 
Aber so wie einst Ragen den Elias Speise brachten, so erschien auch in dem dringendsten Augenblicke der Noth der getreue Schiffsknecht mit Lebensmitteln auf der Insel. Man kann sich vorstellen, wie hastig der Ärmste über die Speisen herfiel, um seinen Hunger zu stillen; man kann sich denken, wie inbrünstig er Gott gedankt haben wird, und wie dankbar er gegen seinen Retter gewesen war. Dieser treue Knecht war nicht zufrieden, seinen Herrn vor dem Hungertode gerettet zu haben, nein, er drang in ihn, mit auf das andere Ufer der Donau zu fahren und seine einsame Insel zu verlassen.
 
Allein ein solcher Antrag war seinem zärtlich liebenden Vaterherzen nicht angemessen, er wollte in der Nähe seiner Angehörigen bleiben, um ihnen täglich die versprochene Nachricht von seinem Befinden zu geben, er konnte sich als ein emsiger Hausvater unmöglich von seinem Hause trennen, und daher nicht in das Begehren seines Knechtes willigen.
 
Freilich war diese abschlägige Antwort ein Dolchstich für das Herz des gutgesinnten Knechtes; allein da er sah, daß nichts auszurichten war, schied er zwar mit weinenden Augen, jedoch mit dem heiligen Versprechen, bald wieder mit neuen Lebensmitteln zu erscheinen und bei jeder eintretenden Gefahr ihm Hülfe zu leisten, welches Versprechen er um so leichter thun konnte, weil der große Donauarm bereits größtentheils vom Eise befreit war.
 
Mit dem herzlichsten Abschied und Auftrag, allen seinen Freunden den gerührtesten Dank mitzubringen, verließ der gute Knecht die einsame Insel, um vergnügt wieder zurück zu kehren, denn er wußte seinen Herrn und dessen Angehörige in voller Sicherheit.
 
Mit der frohesten Stimmung erreichte er glücklich das jenseitige Ufer der Donau, und tausend Fragen der harrenden Volksmenge bestürmten ihn mit Fragen über das Schicksal des verloren geglaubten Inselbewohners.
 
Nur ein einziges Mal fand es derselbe Knecht noch nothwendig, seinem Herrn Nahrung zu bringen, denn er wußte, daß auch jenseits der Donau die Gefahr zu schwinden beginne. Er begab sich einigen Tagen wieder auf die Reise, und traf den Inselbewohner viel heiterer, als wie er ihn zuletzt gesehen und gesprochen hatte. Noch war er mit Lebensmitteln versehen, aber er dankte dennoch rührend seinem Knechte für seine Liebe und Sorgfalt, zugleich eröffnete er ihm den Wunsch, ihn nach Grafenwörth zu begleiten, um sein Weib und Kind auf seine Insel bringen zu helfen.
 
Hoch war dieser treue Knecht erfreut über diesen Antrag; die Reise wurde alsogleich angetreten, und sie kamen glücklich an den Ort, wo des Inselbewohners Theuerstes aufbewahrt war. Rührend war die Überraschung des bekümmerten Weibes, herzlich der Empfang des Mannes, und die Freude war ohne Grenzen. Eine geraume Zeit herrschte eine Stille, und Thränen, die der Gattin aus den Augen flossen, verriethen die Freude, die sich ihrer Seele in dem Augenblicke des Wiedersehens bemächtiget hatte.
 
Gott sei ewig gelobt und gepriesen, war Alles, was sie nach der ersten Erholung hervorbringen konnten. Eine wechselseitige Erzählung ihrer Schicksale mengte sich in ihre Umarmung, und die frohe Nachricht, ohne weitere Gefahr wieder heimkehren zu können, und die Versicherung, daß Alles in ihrer Hütte, bis auf Weniges, in gutem Stande sei, setzte ihrem Vergnügen die Krone auf.
 
Bisher blieb der treue Knecht noch immer ein stummer Zuschauer, aber bald fiel er seinem Herrn in die Arme, bald benetzte er die Hände seiner Frau mit Thränen, bald drückte er das zarte Kind an sein vor Freude pochendes Herz.
 
Nachdem sie sich nun Alle bei ihren Wohltätern rührend beurlaubt und den innigsten Dank gebracht hatten, ging die Reise nach der glücklichen Insel zu. War gleich ihr Wohnort eine wahre Einöde, so blieb sie ihnen dennoch theuer.
 
Bei der Ankunft auf ihrer Insel knieten nun diese Glücklichen nieder auf heimischen Boden, um dem Retter in der Noth ihr Dankopfer darzubringen. Auch des zarten Kindes Hände faltete der Vater mit den Worten: Du unschuldiges Kind hattest Gott erweichet, uns Hilfe zu senden, von dir wird ihm auch der Dank am angenehmsten sein.
 
Nun legten sie Hand an, das Wohnzimmer in brauchbaren Stand wieder herzustellen, und ihre Thiere in ihren Stall einzuführen; sie gaben sich auch alle Mühe, von ihrem Knechte unterstützt, die traurigen Spuren ihres Unglücks zu vertilgen.
 
Unsere Inselbewohner lebten noch einige Tage in Unordnung, bis es ihre Lage erlaubte, über den großen Donaustrom zu schiffen und das Nothwendige, was ihrem Hauswesen abging, wieder ersetzen.
 
 
September 2016
Abgeschrieben von Karin Reichlmayer
zur Verfügung gestellt vom Heimatforschungsverein Grafenwörth