Sagen aus Grafenegg

 

Der „schwarze Gattern“

Der Feind haust im Lande! Überall mordet und plündert er, nichts ist ihm heilig. Da tritt ihm der Graf entgegen als Schützer des Rechtes und Schirmer aller Bedrängten. Die edle Tat soll er bitter büßen. Einen hohen Preis setzt der feindliche Führer auf den Kopf des Grafen. Schon umzingeln die Feinde das Schloss. Der Graf muss fliehen. Ein biederer Bauer versteckt ihn unter einem Fuder Heu und bangen Herzens sieht die Gräfin die Fuhre aus dem Schlosse schwanken. Langsam bewegt sich der Wagen gegen Grafenwörth. Die Gräfin steht noch immer beim Eingangstore. Da überfallen die Feinde das Fuhrwerk, der Graf wird gefunden, in Fesseln gelegt und fortgeschafft. Droben aber steht noch immer die Gräfin vorm Schlosstor. Sie kann nicht begreifen, dass ihr der Gatte für immer genommen sein soll. Hier will sie auf seine Rückkehr warten.

So sieht man sie noch heute dort im Kreise ihrer Kinder den Verschollenen erwartend. Die Untertanen wussten aber den Schmerz der Herrin zu würdigen. Sie nannten das Tor die Pforte der Trauer, den „Schwarzen Gattern“. 

Das Tor befindet sich in der Mauer des Schlosses Grafenegg in Richtung Kamp/Kamp. Bei der Grafenfamilie handelte es sich um Kamilla und Adrian Enkevoirt, letzterer kam aus dem Schwedenkrieg nicht mehr zurück.
(Gemeindezeitung der Gemeinde Grafenegg, Ausgabe Nr. 68 vom September 2016/Hermine Ploiner)

 

Der Ries‘ und der Stier

Inmitten einer Herrschaftsbreite unterhalb Grafeneggs erhebt sich ein grosses Standbild. „Der Ries' und der Stier“ raunt die der Eingeweiht zu und erzählt dir folgende Schauermär.

Früher hielt sich jeder Gutsherr einen Riesen zur Verteidigung. Der Riese des Grafenegger Grafen war weit und breit gefürchtet. Da fiel ein Feind ins Land, wilde Tiere waren seine Kämpfer, giftige Pfeile seine Waffen. Bald forderten sie auch inseren Grafen zum Kampfe. Festen Schrittes tritt er seinem Gegener, einem wilden Stier, entgegen. Ein heißer Kampf beginnt. In Strömen fließt das Blut über die Felder. Schon schwinden die Kräfte des Stieres, die Eingeweide treten bereits aus seinem plumpen Leib. Da durchschwirrt ein Pfeil die Luft, tot sinkt der Riese zusammen. Einen Augenblick später deckt auch der Graf die blutgetränkte Erde.

Von einem Tore des Schlosses aber verfolgt die Gräfin mit ihren Kindern den ungleichen Kampf. In tiefem Weh zieht sich ihr Herz zusammen, als sie ihre Liebsten also sterben sieht. Sie weicht nimmer von der Stelle, wo sie ihren Gemahl zum letztenmale gesehen hat. Noch heute schauen wir neben dem „Schwarzen Tor“ die Köpfe der weinenden Gräfin und ihrer Kinder.
(Dr. Karl Knapp, Heimatkunde von Grafenwörth, 1924)

 

März 2017
Maria Knapp