Auf die Sittlichkeit

 

Man darf sich wahrlich nicht wundern, daß die Sittlichkeit unter der Bevölkerung so tief gesunken ist, wenn schon bei der noch schulpflichtigen Jugend die niedrigsten Instinkte durch öffentliche Schaustellung der obszönsten Bilder gereizt und aufgestachelt wird. In unserem Markte ließ eine herumziehende Truppe nun seit Sonntag den 27. April in dem gewissen schon neugierig machenden „Extra-Kabinet“ ihres Panoramas Bilder sehen, die in frechster Weise gewisse Vorgänge des Geschlechtslebens unverhüllt darstellten. Zum Glück wurde das bald solchen bekannt, denen die Sorge für die öffentliche Sittlichkeit obliegt und es wurde auf Entfernung dieser Bilder gedrungen. Hoffentlich wird sich das der Leiter dieser Truppe zur Warnung dienen lassen und wir wünschen nur, daß es ihm auch anderwärts so geht, daß man sich solche Bilder nicht bieten läßt. Wir sind Deutsche und lieben unser deutsches Volk; - wenn aber nicht das so kostbare Gut der frommen Zucht und Sitte gewahrt wird, was dem Deutschen eigen sein soll, so wird die Zeit nicht ferne sein, wo auch das deutsche Volk an der eigenen Unsittlichkeit zugrunde geht. Darum fort mit den obszönen Bildern!

Quelle: Kremser Zeitung vom 3.5.1902
 

September 2020
Maria Knapp