Drahtseilbahn

 

Drahtseilbahn zwischen Tulln und Kirchberg

Aus Tulln erfahren wir, daß die Stadtgemeinde Tulln im Einvernehmen mit der Bezirkshauptmannschaft und dem zuständigen Bundesministerium Verhandlungen gepflogen hat, um das bestehende Verkehrsproblem zwischen Tulln und dem durch die Donau abgetrennten Teil des Tullner Bezirkes endgültig zu beheben. Eine Wiener Baufirma hat am 1. April mit dem Bau einer Drahtseilbahn als Verbindung zwischen Tulln und Kirchberg am Wagram begonnen. Die Inbetriebnahme soll bereits am 1. Mai erfolgen. Für die Bahn sind, wie der mit dem Bau derselben beauftragte Bauingenieur Dr. Eck mitteilt, Waggons mit einem Fassungsraum von 250 Personen und ein Waggon, der Lastautos bis zu 5000 Kilogramm befördern kann, bereitgestellt. Die Bahn wir vorläufig über Neu-Aigen – Absdorf bis nach Kirchberg am Wagram führen und soll später bis Fels am Wagram ausgedehnt werden. Hiemit ist das Brückenproblem derzeit gelöst.
2.4.1946
 

April, April!
Das „Neue Österreich“ sorgte gestern, ohne es zu wollen, dafür, daß seine Leser in dieser lustarmen Zeit (trotz der gekürzten Lebensmittelaufrufe) etwas zu lachen hatten.

Es erzählte mit dem feierlichen Ernst unbeirrbarer Sachlichkeit von der „Drahtseilbahn zwischen Tulln und Kirchberg am Wagram“, die nach dem Projekt des Ingenieurs Dr. Eck (o Schreck!) „Waggons mit einem Fassungsvermögen von 250 Personen“ vorläufig zwischen Neu-Aigen und Absdorf hin und her pendeln lassen würde. Von der „langen Leitung“ ganz abgesehen, durch die nunmehr „das Brückenproblem von Tulln endgültig gelöst“ werden würde.

Die Geschichte mit der Drahtseilbahn war ein Grubenhund. Unser Redaktionskollege, dem er zulief, hat sein warnendes Winseln, im Drang der abendlichen Geschäfte überhört. Er war, wie sich herausstellte, nicht der erste und nicht der einzige, den der April-Grubenhund mit seiner lächerlichen Drahtseilbahn in das Bein biß. Die Drahtseilbahn mit der „langen Leitung“ hatte vorher schon den offiziellen Pressedienst einer politischen Partei überfahren und ihn veranlaßt, das „Neue Österreich“ ebenso unfreiwillig in den April zu schicken, wie es sich selbst hatte schicken lassen.

Wir aber haben außerdem noch eine Sünde gegen die Demokratie begangen. Wir haben einem einzelnen Partei-Grubenhund einen Vorsprung gewährt, was dem Blatt der demokratischen Einigung billigerweise nicht zusteht. Der politische Proporz verlangt von uns, daß wir nun so bald als möglich je einen Grubenhund der beiden anderen demokratischen Parteien aufsitzen müssen.

So ein Grubenhund ist da, ehe man sich’s versieht. Wir wollen es lieber nicht verschreien und uns heute nur freuen, wenn die Leser des „Neuen Österreich“ wenigstens etwas zu lachen haben.
3.4.1946

Quelle: Neues Österreich, veröffentlicht in ANNO
 

November 2020
Maria Knapp