Jagdpech

 

Eine Jagdgesellschaft unseres Marktes hat die Gemeindejagd eines Dorfes in den sogenannten Donaufürstentümern gepachtet. Neulich erblickten zwei dieser gewaltigen Jäger bei einem Besuches ihres Revieres einen stattlichen Rehbock. Diese kommen nämlich jetzt, wo die Getreidefelder am saftigsten sind, zahlreich aus den Auen heraus. Piff, paff, puff! Der Bock ist glücklich getroffen. Aber oh weh! Die Moritat geschah nicht im eigenen, sondern hübsch weit drinnen im angrenzenden Jagdgebiete. Und was der Zufall wollte: Die beiden Jäger wurden bei ihrer Heldentat gesehen- dadurch bekamen die rechtmäßigen Eigentümer des Bockes Wind und sie forderten den stattlichen Rehbock zurück. Da war aber gut Rat teuer – er war schon zerteilt und zum Braten hergerichtet, die Eßgesellschaft schon eingeladen, als die Aufforderung zur Zurückgabe eintraf. Zum Glück gibt es ja Wildprethändler in Wien – also schnell einen anderen Rehbock kaufen und ihn nach N. schicken, aber es mußten noch130 Kronen Neugeld überdies erlegt werden, wenn von der gerichtlichen Anzeige Abstand genommen werden sollte. Auch die wurde gezahlt. Dafür taten am Feste Christi Himmelfahrt die Jagdherren von N. sich am Wiener Rehbocke gütlich und die Kirchberger hatten das Nachsehen, Schaden und Spott. – Ja, ja, man muß nicht von allem haben. Prosit!

Quelle: Kremser Zeitung vom 17.5.1902
 

September 2020
Maria Knapp