Niedergang und Aussterben

 

Der Kirchberger Heimatforscher Dr. Rudolf Delapina (1883 - 1965) hat neben der Erforschung der Gemeinde Kirchberg u.a. auch zwei Bücher mit insgesamt über 500 Seiten über die Herren von Winkl verfasst. Der Übersichtlichkeit halber sind die Texte auf verschiedene Artikel aufgeteilt.
 

Der Besitz der Herren von Winkel und Winkelberg wechselte im Lauf der Zeit infolge von Schenkungen, Stiftungen, Tausch, Verkauf und Heirat und war bis in die ersten Jahrzehnte des 14. Jahrhundertsd im Zunehmen. Hatte Weichart von Winkel schon einen stattlichen Besitz übernommen, vermehrte er diesen noch durch seine Heirat mit Katharina von Wallsee um 1314. Bereits unter Ortlieb von Winkel (Gatte der Gisela von Feldsberg) und seinem Bruder Hadmar war es zu einer Teilung in 2 Linien gekommen, da uns bei den Nachfolgern dieser Brüder wieder ein Ortlieb von „Winkel bei der Donau“ entgegentritt, während bei dessen Vettern es nur „von Winkel“ heißt oder dem Winkel der Zusatz „von Winkelberg“ beigefügt wurde.

Ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts kam dann der Umschwung und schließlich der rasche Niedergang der Winkler. Schuld waren wohl in erster Linie die allgemeine Ungunst der Zeit in jenem Jahrhundert, die damaligen Nöte, die über das Land gekommen waren: Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft, Münzverschlechterungen, Bruderkriege der Habsburger, Elementarkatastrophen, Überschwemmungen, Hungersnot, Pestepidemien, hoher Zinsfuß, ab 1425 die Hussiteneinfälle.

Bereits 1299 hatten Ortlieb und seine Hausfrau Gisela ihren 4. Anteil an dem Haus zu Riegersburg verkauft.

1323 verkauften Weichart von Winkel und Bruder Ortlieb einen Hof zu Hedresdorf an der Pulka und Hadmar ererbtes Gut daselbst.

1331 verkaufte Weichart das Gericht zu Asparn an der Zaya.

1344 verkauften Weichart, Alber und deren Schwester Elisabeth von Winkl, verwitwete Schönberg, die Grafschaft und Anteil an der Veste Ort im Traunsee.

1345 verkaufte Weichart dem Burggrafen zu Gors die halbe Veste zu Steinökh.

1356 verlieren die Brüder Friedrich, Ortlieb und Weichhart die Veste Puchberg am Kamp.

1362 verkaufen die Brüder Friedrich, Ortlieb, Weichhard, Heinrich und Eberhard von Winkel, um ihre Schulden an einen Juden loszuwerden, die Vesten Kollmitz und Ludweis, ferner ihr Burgrecht und Lehenseigen in den genannten Vesten.

1357 verkaufen die Brüder Friedrich, Ortlieb und Weichhart die halbe Veste Stainekh mit dem halben Dorf Wanzenau.

1357 verkauft Ortlieb von Winkel dem Herzog Albrecht Haus und Hof, sowie dazu gehörige Gülten, sowie Gülten zu Baumgarten und Rapotstal, sowie 100 Joch Äcker und Wiesen.

1361 verkauft Ortlieb von Winkel das Dorfgericht zu Ulrichschlag.

1359 verkauft Ortlieb Eigen zu Lanzendorf. 

Infolge Schrumpfung des Besitzes und der Erschütterungen der wirtschaftlichen Lage in der Folgezeit vor und nach der Jahrhundertwende zum 14. Jahrhundert hatte sich die Zahl der Rechtsgeschäfte und damit der Urkunden, die die Quellen der Geschichte des Geschlechts sind, immer mehr vermindert, sodass über die letzten Winkler nur mehr sehr dürftige Daten vorliegen. 

Es ist nicht uninteressant zu hören, wie sich die Verhältnisse gerade in jeder Zeit gestalteten, in der bei den Winklern insbesondere bei Weichard I. von Winkel (1323 – 1356), und seinen Söhnen vom Verkauf von Besitz und Rechten berichtet wurde, in die der Niedergang des Geschlechtes fällt, und die Ursachen des Abstieges aufzuzeigen.

Nachdem der Sohn Rudolfs von Habsburg, Albrecht I. 1308 ermordet, Rudolf II., der Sohn Albrechts 1307 im Alter von 25 Jahren an der Ruhr hinweggerafft war, brach eine böse Zeit für das Haus Habsburg heran – und damit für das Land NÖ. Friedrich der Schöne († 1330) war in langwierige Kämpfe um seine Macht verstrickt, die er verlor.

1322, in der Schlacht bei Mühlfeld, geriet er in 2-jährige Gefangenschaft. Die Städte Weitra, Laa und Eggenburg mussten verpfändet werden. Seit damals kamen die Verpfändungen in Schwange. Der Brauch der Verpfändungen fand lebhafte Nachahmung seitens des Adels, der im Laufe der Jahrzehnte infolge des Überganges der Natural- zur Geldwirtschaft, der eintretenden Münzverschlechterung und infolge der alljährlichen Münzerneuerungen in immer ärgere Verarmung und Verschuldung geraten war. Die Gutsherren gerieten in Hände von Juden und wurden dadurch zu Grunde gerichtet. Um dem durch arge Verschuldung heraufbeschworenen Judenhass zu begegnen, wurde unter Albrecht II. († 1358) durch ein Privileg von 1338 der Judenzinsfuß herabgesetzt, so dass dieser immer noch 65 % statt der früheren 123 %, betrug. Der Christen war das  Darlehengeben auf Zinsen verboten. Das Raubritterwesen nahm immer mehr zu, verarmte Adelige wurden zu Strauchrittern. Die Spaltungen im Habsburger-Fürstenhaus und ihre erschütternden Auswirkungen traten bis 1406 auf. In dieser Zeit litt der ganze Norden NÖ furchtbar unter dem Druck und den Brandschatzungen der „Raubritter“.

Die unseligen Bruderkriege der Habsburger führten zu wiederholen Einfällen der Böhmen von Norden, der Ungarn von Osten her. Die Böhmen hausten 1323 verheerend im Lande. Unter 400 Bauern bei Pulkau wurde ein entsetzliches Blutbad angerichtet. 1332 wurden die Böhmen bei Mailberg zwar zurückgeworfen, 1336 erschienen sie wieder und nahmen 20 Burgen ein. All dies im Gebiet nördlich der Donau, in dem die Herren von Winkel ihren Besitz hatten. Um die Mittel zur Kriegsführung aufzubringen, wurden nun neben den Verpfändungen Kriegssteuern eingeführt. 

Zu all diesen das Land bedrückenden Ereignissen kam, dass sich gerade um jene Zeiten auch schwere Elementarkatastrophen einstellten:

Schon in den 1310er Jahren herrschte wiederholt Misswuchs und als Folge Hungersnot.

1338 trat eine furchtbare Heuschreckenplage auf, die fast drei Jahre lang nicht unterdrückt werden konnte und die Feldfrüchte vernichtete.

1340 und 1342 brachten ungewöhnlich langandauernde Winter, denen im Frühjahr große Überschwemmungen folgten.

Alle diese Katastrophen haben zweifellos auch die Besitzungen der Herren von Winkl im Donaugebiet und ihre Wasserburg in der Au empfindlich getroffen. 

Am furchtbarsten wüteten die Pestepidemien, die gegen Ende der 40iger Jahre ausbrachen und in Österreich besonders im Sommer 1349 wüteten. In Wien rechnete man im Tagesdurchschnitt 500 – 700 Leichen. Die Wiener Stephanskirche verlor 54 Geistliche. Das Stift Heiligenkreuz 53 Konventualen. Das Schwinden der Bevölkerung wirkte sich für die Grundherren nachteilig aus, ihre Schulden wuchsen.

Zu jener Zeit sahen auch viele Menschen die Pest als Folge der allgemeinen und eigenen Sündhaftigkeit an. Es entstand die Bewegung der Geißler, die alt und jung, Mann und Weib, erfasste. In hellen Scharen zogen die aufgestörten, von Verzweiflung und Angst getriebenen Menschen von Ort zu Ort, Bußlieder singend, den Oberkörper entblößt, sich selbst geißelnd bis sie erschöpft zusammenbrachen. Sie wurden schließlich als Häretiker verfolgt und hingerichtet. In Krems wurden 1312 16 Personen als Häretiker verbrannt.

Die Kriegsführungen, die den Adeligen kostspielige Aufgebote und langwierige Kriegsdienste auflasteten, konnten diese nicht mehr leisten, die geschilderten Katastrophen führten zur völligen Verarmung. Auch die Winkler als Dienstmannen der Landesfürsten wurden dadurch hart getroffen.

1425 brachen die Hussiten in NÖ ein. Ihre gewaltigen Verheerungszüge nahmen Österreich im Norden der Donau auf das furchtbarste mit. 1426 kamen sie über Eggenburg, Stockerau in das Kremser Becken, zogen vor Krems und zerstörten das Kloster Imbach. 1428 überfluteten sie das Viertel unter dem Manhartsberg und gelangten bis vor die Tore Wiens. Die Ortschaften am Wagram blieben in jeder Zeit gewiss nicht verschont. Plünderungen, Mord und Brand bezeichneten den Weg der Hussiten. Fast alljährlich erstrecken sich ihre Raubzüge weit ins Land. 1431 erschienen sie neuerlich unter Prokop, verheerten das Land derart, dass sie selbst Mangel leidend, zur Rückkehr gezwungen waren. Das Land war dem vollkommenen Ruin preisgegeben und vollkommen verarmt. Die Frucht der Ackerbauern war vernichtet. Viele Orte verödeten. 1432 neuerlich einbrechend, wurden die Hussiten schließlich geschlagen. Führer der von Herzogt Albrecht aufgebotenen Streitkräfte war Georg von Puchheim.

In die Zeit der kriegerischen Verhältnisse des 13., 14. und 15. Jahrhunderts fällt das Verschwinden von vielen Ortschaften. Im Bezirk Kirchberg am Wagram werden 5 solche „Wüstungen“ gezählt.

All diese angeführten Bedrängnisse haben auch die Winkler nicht verschont. Auch bei ihnen war Verschuldung eingetreten, hatte zum Abverkauf von Besitz geführt. Sie hatten Lehen und Rechte eingebüßt, Herrschaften abgegeben, waren verarmt.

Dass die Winkler infolge ihrer Verarmung selbst zu Raubrittern oder Straßenräubern herabsanken, wie manche ihrer Standesgenossen, ist nicht anzunehmen. Wir finden hierüber in der Landesgeschichte und den Ortsgeschichten keinerlei Urkunden oder Schriften. Keine Sage erzählt, ob sie auch, wie von manch anderen Geschlechtern, so von den Kuenringern, in Chroniken gefabelt wird, als „Raubritter“ auftraten. In diesen Raubrittergeschichten haben übrigens Phantasie und Fabulierlust die Untaten oft erfunden oder arg übertrieben. Meist war es ja gar nicht Raublust, sondern Kampf um Recht und soziale Stellung und damit verbundene Schädigung des Gegners an seinen Ressourcen und Stützpunkten. Auch stammen diese Raubrittergeschichten aus jenen Zeiten vorwiegend von den Gegnern des um die Verbesserung seiner rechtlichen Stellung kämpfenden, minderen Adels. Das unterlegene Schwächere wird ja immer ins Unrecht gerückt. 

Die Letzten Daten über „Winkler“ stammen aus der Zeit gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts von Schweickhardt sowie im Band II. S. 614 der österreichischen Weistümer von Gustav Winter wird das Aussterben der Herren von Winkel für Ende des 14. oder Anfang des 15. Jahrhunderts angenommen. Diese Annahme ist nicht ganz zutreffend:

Das Geschlecht der Herren von Winkel hatte sich ungefähr am Beginn des 14. Jahrhunderts in zwei Linien geteilt. Ortlieb stiftete die Linie auf der Veste Winkelberg, sein Bruder Hadmar die Linie auf der Veste Winkel an der Donau.

Von der Linie der Herren von Winkel an der Donau hören wir zum letzten Male im Jahr 1380, in welchem Jahr ein Ortlieb als Zeuge für Hans von Schonnberg genannt wird. (Laut Testament des Scheck vom Walde aus dem Jahr 1466 waren wahrscheinlich sein Vater und Großvater auch schon im Besitz von Winkel, so dass das Aussterben der Linie der Winkler, die in Winkel an der Donau saßen, tatsächlich in die Zeit vor 1400 fallen kann.) Die Linie nach Ortlieb auf Winkelberg scheint noch in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts auf: Ulrich von Winkel ist 1406 Mitfertiger des Bündnisbriefes zu Gunsten Albrecht V., 1415 und 1417 wurde er noch als Vogt der Kirche St. Stephan am Wagram, 1418 alt Mitstifter einer Bruderschaft in Grafenwörth genannt. 1427 hören wir noch von einem Sigmund von Winkel, Sohn des Rudlieb von Winkel als Lehnsträger von Gütern in Parz, Pierbaum, Engelmannsbrunn und Kirchberg am Wagram.

Von der bayerischen Linie stammt die letzte Nachricht aus dem Jahr 1338; von der Linie „de Riedmark“ aus dem Jahr 1380. Über deren Schicksal fehlen weitere Daten.

Nach Siebmachers Wappenbuch und nach Angabe in einer kurzen Abhandlung über die Herren von Winkel eines unbekannten Verfassers starb das Geschlecht der Herren von Winkel und Winkelberg um das Jahr 1450 aus. Als letzte werden Rudlieb und Siegmund genannt.

Über die Veste Winkel lesen wir im Testament des Schekh vom Walde vom 19.7.1466. Darin verfügt dieser über sein Schloss Wald und seine Veste Winkhl „mit Zugehörungen als dann die mein En und Vater (also Großvater und Vater) salig innegehabt, genützt und genommen hat.“ Dies zwingt zur Annahme, dass der Zweig des Geschlechtes der Winkler, der seit Hadmar von Winkel (Gatte der Anna von Starhemberg)  auf der Stammburg Winkel saß und daher wiederholt mit dem Zusatz: „bei der Donau“ genannt wurde, zweifellos bereits Ende des 14. oder anfangs des 15. Jahrhunderts  nicht mehr im Besitze dieser Burg war, wahrscheinlich schon ausgestorben war. Damit stimmt überein, dass die letzte urkundliche Erwähnung dieses Zweiges aus dem Jahre 1380 stammt: Nachdem Schekh vom Walde den Zorn Albrechts VI. auf sich geladen hatte, ließ dieser 1463 Aggstein durch seinen Söldnerführer Georg von Stain brechen, nahm nach Vertreibung des Schekh diesem all seine Schlösser und Burgen (auch Winkel) weg, zog alles zur landesfürstlichen Kammer ein und übergab die Vesten Aggstein und Winkel dem Georg von Stain, an den er verschuldet war, in Pfand.

Dass Schekh vom Walde darüber noch 1466 testamentarisch verfügte, zeigt nur, dass er die Wegnahme nicht anerkannte. Schekh starb in Dürftigkeit. Dass er enthauptet wurde, ist Sage. Der plötzliche Tod Albrechts VI. im Jahr 1463 machte Kaiser Friedrich zum Herrn der österreichischen Lande. Er erkaufte 1467 von Georg von Stain die Abtretung von Steyer und als dieser die Stadt trotzdem nicht herausgab, nahm sie 1468 Friedrichs Söldnerführer Ulrich der Grafenegker mit Gewalt. Grafenegker erhielt nun auch die anderen Besitzungen Stains, so dass von ihm eroberte Aggstein, sowie Winkl vom Kaiser zum Lehen. Als dann Ulrich von Grafenegg 1472 vom Kaiser abfiel und auf Seite des Matthias Corvinus trat, gab er zufolge des im Jahre 1474 geschlossenen Waffenstillstandes seine Güter, darunter Neuwolfenreut, dem er seinen Namen Grafenegg gegeben hatte, mit allem was zum Schloss Winkel – "welches des Georg Schekh gewesen“ – gehörte, um 50000 fl ab und verließ Österreich. Friedrich ließ die Güter durch einen Pfleger verwalten. Sein Sohn, Kaiser Maximilian I., gab 1495 die Herrschaft Grafenegg und die abgebrochene Veste Winkel gegen eine hohe Kaufsumme an Heinrich Prüschenk, Freiherrn von Stettenberg, Graf von Hardegg. Wann die Veste Winkel abgebrochen wurde, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich ereilte sie das Schicksal, als sie Ulrich Grafenegker 1468 dem Stain abnahm. Die Topografie von NÖ von Weiskern aus dem Jahr 1770 nennt Winkel „ein Dorf mit einem alter Burgstalle“. Heute ist von einer Burg nichts mehr zu sehen.

 

Mai 2013
Maria Knapp